Game of Thrones – Das Lied von Eis & Feuer, Sex & Crime, Intrigen & Dämonen

Ich habe gerade die erste Staffel dieser neuen, vielfach hochgejubelten Fantasyserie gesehen und muss mich der allgemeinen Begeisterung nur anschließen, was das opulente Setting, die Darsteller, den tollen Soundtrack, die vielschichtigen Charaktere und die komplexe, epische Handlung angeht.

Letztere macht den Einstieg leider ziemlich schwer (jedenfalls, wenn man die Bücher nicht gelesen hat). Ich musste die Pilotfolge zweimal gucken, um überhaupt zu kapieren, wer mit wem verwandt, verheiratet, verfeindet oder was-auch-immer ist. Der Zuschauer wird erschlagen mit einer Fülle von Charakteren und Sub-Plots, was sich durch die Vorlage sicher nicht vermeiden lässt. Andererseits verhindert es das Eintauchen und Mitfiebern zumindest am Anfang der Serie, weil der Kopf ständig beschäftigt ist, irgendwelche plötzlich auftauchenden Personen in die entsprechenden Häuser, Beziehungen etc. einzuordnen.

Trotz aller Komplexität muss ich leider auch sagen: an manchen Stellen hat die Serie weniger Tiefgang als ein Gartenteich. Die Menschen sind geldgeil, machtgeil, grausam, haben nichts als Saufen, Sex und ihre Familie im Kopp … Wieso? Weil die Zeiten halt so sind und der Winter vor der Tür steht.
Aha ;).
Natürlich handeln Menschen manchmal grausam, um sich zu rächen oder weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Aber wenn Gewalt und Grausamkeit zur Norm wird – wie in Game of Thrones – steckt entweder Politik oder Religion dahinter. Beides kommt mir in der Serie zu kurz: Über die alte oder die neue Glaubensrichtung erfährt man fast nix, Politik beschränkt sich weitgehend auf Intrigen und Zwangsheiraten.

Da entsteht leider schnell der Eindruck, dass das Blut sprudeln muss, damit die Quote stimmt :(. Ich bin ja nicht zimperlich, was Gewalt in Geschichten angeht – aber sie sie darf nicht verherrlicht werden, sie sollte Sinn machen und für den Fortgang der Handlung notwendig sein. Und sei es der Zweck, eine ungeschminkte historische Realität zu zeigen, wie in „Rome“ oder „Säulen der Erde“. Bei einigen Szenen von Game of Thrones habe ich mich schon gefragt: War das jetzt wirklich nötig? Zum Beispiel das geköpfte Pferd und die Verbrennung der Hexe am Ende der Staffel …

Vielleicht wäre meine Meinung anders, wenn dieses System mit seiner Brutalität eindeutig in Frage gestellt werden würde. Aber das passiert m.E. nicht, selbst wenn einer der Lords mal etwas „netter“ ist.

Was hier fehlt, ist ein echter Kontrapunkt – z.B. auch mal das einfache Volk zu zeigen, was z.B. bei „Rome“ (einer anderen HBO-Serie, die ähnlich aufgebaut, ähnlich blutig und dreckig war – mir aber einen Tick besser gefallen hat) durchaus getan wurde. Ein paar aufständische Bauern oder meinetwegen ein Priester, der den Weltfrieden predigt, eine Hildegard von Bingen, ein Philosoph … einfach jemand mit einem anderen Blickwinkel als der ganze intrigante Hofstaat. Jon Snow und Sam sind schon ein guter Anfang, aber nicht wirklich ein Gegengewicht zu den „Oberen Zehntausend“, die für Macht und Geld über Leichen gehen und damit das Menschenbild bei Game of Thrones in eine ziemlich düstere Ecke ziehen.

Nichtsdetotrotz ist Staffel 2 ist schon bestellt und warte Fingernägel knabbernd, wie es weitergeht!

Die Personen, auf deren Entwicklung ich besonders gespannt bin, sind:
1) Daenerys Targaryen: Für mich neben Tyrion Lannister der interessanteste Charakter der Serie und die Figur mit dem größten Sympathiepotenzial. Vom schüchternen Mädchen, das von ihrem intriganten Bruder rumgeschubst wurde, zur selbstbewussten Nomadenkönigin und nun auch noch Mutter von Drachen! Da kann man ja noch einiges erwarten :).
2) Tyrion Lannister: Der Zwerg ist einfach cool! Zwar ein durchtriebener Lannister, aber seine Außenseiter-Position macht ihn wieder sympathisch und verschafft ihm einen gewissen Weitblick.
3) Arya Stark: Die freche Göre ist mir gleich ans Herz gewachsen, v.a. weil sie kein typisches Mädchen sein will. Mal sehen, ob sie es schafft, sich unter den „Wilden“ zu behaupten. Ich habe da eigentlich keine Zweifel.
4) Sansa Stark: Obwohl sie am Anfang ein Nervensäge war, tut sie mir jetzt Leid. Schafft sie es, aus dem Dilemma rauszukommen, ohne das Geoffrey sie völlig kleinkriegt?
5) Cersei Lannister: Ein Miststück, aber mit Stil. Mal sehen, was aus der Inzest-Beziehung mit ihrem Bruder wird und ob das verzogene Balg auf dem Thron ihr noch völlig über den Kopf wächst …
6) Jon Snow und sein Freund Sam: Die zwei waren mir von Anfang an sympathisch. Jon, weil er sich sofort für den schikanierten Sam eingesetzt hat, und Sam, weil er mit Jon durch Dick und Dünn geht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Jon ein Leben lang bei der Nachtwache bleibt ;).

Charaktere, bei denen ich es schade finde, dass sie abgekratzt sind:
1) Khal Drogo :(. Ein Barbar, aber nicht ohne Herz. Seine Frau scheint er wirklich zu lieben und ihrem Bruder beschert er ein fieses, aber verdientes Ende.
2) Ned Stark. Einer der wenigen „grundanständigen“ Lords. Obwohl sein Anstand gegen Ende in bodenlose Dämlichkeit ausartet, womit er sich selbst und das ganze Reich ins Verderben führt.
3) König Robert. Sein Ableben war sicher notwendig für die Handlung. Trotzdem wird mir der alte Fettsack mit seiner zynischen Art irgendwie fehlen.
4) Sansas Schattenwolf :(.

Charaktere, von denen ich hoffe, dass sie bald abkratzen:
1) Goffrey Lannister: Das machtgeile Muttersöhnchen steht ganz weit oben auf meiner Liste.
2) Dann kommt eine ganze Weile nichts … Jaime Lannister vielleicht.

Fazit: Handwerklich perfekte Unterhaltung mit Suchtgefahr – aber die Serie muss sich anstrengen, wenn sie mehr sein will.

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