Warpflug in die Ewigkeit

Als Captain der Sternenflotte und Partnerin eines Vulkaniers führt Corazon Inserra ein glückliches, erfülltes Leben. Dann kommt es bei einer Routinemission unerwartet zur Katastrophe …

Star Trek Story von Anneliese Wipperling

Nach der Bordzeit des Schiffes war es Nacht, während der Zentralcomputer behauptete, dass über den Zelten des Hauses Boras gerade die große, rote Sonne aufgehen würde. Captain Corazón Inserra von der U.S.S. CASABLANCA hatte die Wache übernommen, um ein wenig mit sich allein zu sein. Sie freute sich auf Vulkan. „Das Schiff findet wahrscheinlich inzwischen allein den Weg”, überlegte sie amü-siert. „Es hat genau wie ich vergessen, dass es auf der Erde gebaut wurde. Jedenfalls scheint es sich in den hiesigen Raumdecks wohler zu fühlen als anderswo … die vulkanischen Techniker sind so sorgfältig, fast liebevoll.” Plötzlich musste sie lachen. Ein Glück, dass sie allein auf der Brücke war … und ihr Ehemann hoffentlich so fest schlief, dass er ihre Gedanken nicht wahrnahm. „Linar bemüht sich auch auf diese ernsthafte Weise um Perfektion … ich komme mir manchmal wie ein besonders kostbares Werkstück vor … aber das ist wohl der Preis dafür, dass ich ein Alien geheiratet habe. Es ist ja lieb von ihm, dass er jedes Mal in meinem Geist liest, ob mir auch ganz bestimmt alles gefällt, was er tut. Leider packt mich immer wieder diese irrationale Lust, mit ihm etwas Überraschendes anzustellen … ihn intim anzufassen, wenn er es nicht vermutet … ihn in irgendwelche finsteren Winkel des Schiffes zu verschleppen und dort über ihn herzufallen … oder beim Sex ein wenig den Vamp zu spielen. Ich habe schon richtig Übung darin, meine Attacken auf ihn blitzschnell durchzuziehen, ohne vorher darüber nachzudenken. Er ist immer noch genauso süß wie beim ersten Mal, wenn er irritiert guckt. Am liebsten würde ich mich manchmal aus Spaß mit ihm streiten … aber das würde er bestimmt nicht verkraften. Er ist ein Alien … eine Inkarnation des heiligen Ernstes von Vulkan … ein sanfter Friedensengel, dem man so etwas nicht antun darf. Dabei gibt es unter den Turuska auch ziemlich wilde Kerle. Madras ist bestimmt kein Softy und ich ahne, dass Ruda und Aron das auch nicht sind … aber sie sind eben Krieger … so wie ich. Linar ist Forscher und Zivilist. Ich fürchte, er hält mich manchmal für eine richtige Eisenfresserin.”
Plötzlich blinkte die Com-Anlage. Captain Inserra aktivierte sie und auf dem großen Bildschirm tauchte das Bild einer blonden, menschlichen Frau mittleren Alters auf.
„Hallo Molly!“ sagte der Captain erfreut. „Mein Computer sagt mir, dass du ziemlich früh aufgestanden sein musst. Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes passiert.“
„Aber nein, ich wollte nur sicher sein, dass dein Mann schläft … und da ich weiß, wie sehr du dich auf Vulkan freust …”
„Du denkst wohl, dass ich wie ein eingesperrter Tiger auf der Brücke herumschleiche und sehnsüchtig darauf warte, bis an die Knöchel im heißen Sand zu versinken und von dieser schauderhaften Schwerkraft platt gemacht zu werden …”
Molly ging nicht auf ihre Bemerkung ein. „Wir haben ein nettes kleines Komplott geschmiedet“, erklärte sie mit fröhlich funkelnden Augen.
„Wer ist wir?“
„Michelle, Morrigan und ich. Fadik veranstaltet gerade eine Art Workshop an der Uni … es geht um exosoziologische Feldforschung. Ich habe ihn überredet, deinen Linar als Diskussionsleiter einzubeziehen. Wir hätten fast eine Woche ganz für uns … inzwischen würde Fadik zwar ganz gern absagen … er ahnt, dass wir wieder einmal über die Stränge schlagen wollen … aber das geht Gott sei Dank nicht mehr ohne triftige Entschuldigung.”
Corazón Inserra grinste vergnügt. „Du hast also wieder eine dieser sündigen Feten im Sinn … wo habt ihr eigentlich Ibor hingeschickt?”
„Ibor war lange genug auf der Erde, um unsere Bedürfnisse zu verstehen … er hat nichts dagegen, wenn seine Frau allein feiert. Ich musste ihm nur feierlich versprechen, aufzupassen, dass Michelle keine Alkoholvergiftung kriegt … er ist wirklich ein lieber und toleranter Kerl.”
„Na gut”, erklärte der Captain zufrieden. „Lassen wir einmal alle Konventionen sausen … die der Sternenflotte und die Vulkans. Was gibt es denn Feines zu essen und zu trinken?”
„Echte ungarische Salami, französischen Käse, polnischen Schinken, holländisches Knabberzeug, schottischen Whisky …” verkündete Molly stolz.
„Ich habe noch ein paar Flaschen leichten, spanischen Rotwein“, konterte der Captain. „Schließlich können wir die arme Michelle nicht mit deinem extra scharfen Zeug abfüllen, sonst reißt uns Ibor doch noch den Kopf ab.“
„Morrigans mystischer Gärtner wäre wahrscheinlich auch sauer … obwohl sie bedeutend mehr verträgt, als Michelle”, ergänzte Molly verschmitzt. „Dein Wein ist genau das, was noch gefehlt hat.”
„Wo lässt du eigentlich deine Kinder?“ fragte Corazón neugierig.
„Ach, das ist kein Problem. T’Kalla ist bei ihrem KohlinarMeister … und die Zwillinge sind bei Madras. Weißt du, sie lieben Fadik wirklich … aber ihren leiblicher Vater beten sie regelrecht an. Es sieht ganz so aus, als hätte ich zwei zukünftige Krieger zur Welt gebracht.”
„T’ Manna auch?” fragte der Captain erstaunt.
„Glaub mir, sie ist sogar ein noch schlimmerer Knochen als ihr Bruder Kanga.“ Mollys Stimme vibrierte verdächtig, als sie das sagte und ihre blaue Augen glänzten vor Stolz.
„Dann steht unserem kleinen Fest nichts mehr im Wege … bis bald auf Vulkan!” freute sich Corazón Inserra und deaktivierte den Bildschirm.

* * *

Molly, die ehemalige Sekretärin des Botschafters der Erde auf Vulkan, summte vergnügt ein uraltes Lied über die Hippies von San Francisco, während sie die Vorbereitungen zu ihrem kleinen Fest prüfte. Sie war eine schlanke, hübsche Frau, deren Alter man schwer schätzen konnte. Sie trug die traditionelle Kleidung der Turuska: beige Tunika, weite, leichte, weiße Hosen und Knöchelsandalen mit dicken Sohlen. Das lange, naturblonde Haar war im Nacken mit einer Spange zusammengefasst, ihr Make-up beschränkte sich nach vulkanischer Art auf ein wenig blaugrauen Kajal und einen dezenten Lippenstift. Mollys Haut hatte unter der heißen Sonne einen unglaublich attraktiven, goldbraunen Farbton angenommen. Ihr vulkanischer Ehemann Fadik behauptete allen Ernstes, dass sie wie Ende dreißig aussähe … aber das hielt sie für pure Schmeichelei. Immerhin hatte sie die fünfzig bereits überschritten … um wie viel, verriet sie nicht einmal sich selbst, geschweige denn irgendwelchen Fremden. Molly liebte ihren Ehemann, trotzdem freute sie sich darauf, gemeinsam mit ihren Freundinnen ein paar Tabus zu brechen.
Einen Moment überlegte sie, ob sie ihren ehemaligen Chef ebenfalls einladen sollte, aber dann verwarf sie diesen Gedanken wieder. „Es würde Ernesto zwar gefallen … aber das hier ist eine reine Frauensache. Auch ein schwuler Mann würde uns dabei stören. Schließlich ist der gemütliche Klatsch über unsere Ehemänner … vulkanische Männer im Allgemeinen … und Mannsbilder überhaupt … der Hauptspaß.” Dann schmunzelte sie amüsiert. „Es ist schon verrückt, dass ich überhaupt darüber nachdenke. Wer hätte damals, als ich drauf und dran war, den armen Kerl wegen seines unsittlichen Lebenswandels anzuschwärzen, damit gerechnet, dass wir jemals Freunde werden würden! Madras hat mich damals völlig umgekrempelt … dann haben mir die Krieger eine wichtige Aufgabe übertragen: Ich bin eine Art Sozialarbeiterin, die über ihre Kinder wacht, ihren Vätern vor dem Gesetz genau auf die Finger schaut … und die Kleinen notfalls bei sich aufnimmt. Aus der spießigen, aufgetakelten Sekretärin ist eine ehrwürdige Mutter der Turuska geworden. Der Anführer der berühmtesten Bruderschaft der Ah’Maral hat mir zwei wundervolle Kinder geschenkt … und sein Halbbruder hat mich sogar geheiratet. Schade, dass Ah’Tha, der alles sieht und niemals eingreift, so ein unzugänglicher Gott ist. Ich würde mich liebend gern bei ihm bedanken. Mein Leben ist soviel reicher und sinnvoller geworden. Ich habe sogar noch einige Semester Pädagogik studiert und ich habe riesigen Spaß am Sex mit meinem Fadik. Es geht wirklich nichts über vulkanische Männer! Die alte bigotte Molly wäre heute wohl nicht einmal meine Freundin …”
Der große runde Tisch in Fadiks und Mollys Zelt war nach terranischer Tradition gedeckt: Das Porzellan und die Kristallgläser von der Erde funkelten im sanften Kerzenlicht. Brot und Wurst, Früchte und Käse waren verlockend arrangiert.
„Fadik ist wahrscheinlich schockiert. Selbst wenn das Fleisch dieser Salami aus Muskelzellen gezüchtet wurde … der Gedanke, etwas zu essen, was auf irgendeine Weise von einem atmenden, fühlenden Lebewesen stammt, erfüllt ihn jedes Mal aufs neue mit Entsetzen. Er hält mich vermutlich für eine echte Kannibalin …” Molly legte noch die silbernen Bestecke ihrer Mutter neben die Teller. „Für einen Exosoziologen und Macho ist Fadik ganz schön zimperlich”, dachte sie respektlos. „aber er steht ja nicht daneben, während wir die Wurst futtern und bis er zurückkommt, hat er sich wie immer mit meinen Ausschweifungen abgefunden oder sie erfolgreich verdrängt …”

* * *

Michelle verabschiedete sich zärtlich von Ibor. In der Hand trug sie einen schlichten Korb mit drei Flaschen teurem, weißem Bordeaux und einem riesigen, frisch aufgebackenen Baguette.
„Du erinnerst mich an jenes kleine Mädchen, das in den finsteren Wald geht, um seiner Großmutter etwas zu essen zu bringen und dann von einer Art großem Hund gefressen wird”, murmelte Ibor besorgt. „Das letzte Mal haben sie dich halb tot zu mir zurückgebracht. Bitte versprich mir, mit diesem konzentrierten Alkohol vorsichtig zu sein! Du verträgst nicht so viel, wie Captain Inserra oder Morrigan…”
„Ja, Liebster”, versprach Michelle geduldig und küsste ihren Mann auf die Nasenspitze. „Ich kann ganz gut auf mich aufpassen …”
„Vor der vorigen Fete hast du das auch versprochen“, entgegnete Ibor leise. „Ich hole dich ab, wenn ich merke, dass dein Geist so sehr vernebelt ist, dass es unsere Bindung beeinträchtigt.“
„Untersteh dich, bei unseren Frauengesprächen zu lauschen!“
„Frieden, meine Gemahlin! Ich werde nur auf dein Wohlbefinden achten … zumindest solange es dir gut geht, sind eure Geheimnisse sicher, aber wenn ich merke, dass sie dich wieder vergiften … es ist nicht meine Schuld, wenn ich dann aus Versehen etwas aufschnappe …”
„Okay”, seufzte Michelle ergeben. „Also kein Schnaps … oder zumindest nur sehr wenig.” Dann machte sie sich schnell auf den Weg, bevor ihr besorgter Ehemann es sich anders überlegen konnte.

* * *

Morrigan kämmte sorgfältig ihre lockige, rote Mähne, während ihr liebster Bindungspartner Gattor ihr mit dunklen, unergründlichen Augen zusah. „Ihr werdet über eure Entrückungen reden“, bemerkte er mit neutraler Stimme. „Ich hoffe, du denkst diesmal daran, dass Interna der Bruderschaft Außenstehende nichts angehen.“
Morrigan errötete heftig. Sie erinnerte sich daran, wie Madras ihr die Leviten gelesen hatte, als sie bei ihrem ersten Frauenabend ganz unbefangen über ihre Aufnahmezeremonie geplaudert hatte. „Aber Cori ist so neugierig …” murmelte sie frustriert. „Es wird schwierig sein, sie abzuwimmeln.”
„Captain Inserra ist Helferin der Ah’ Maral und kennt die Regeln. Wenn sie zu viel weiß, muss sie selbst den weißen Mantel des Kriegers nehmen”, warnte Gattor ernst. „Linar dürfte davon überhaupt nicht begeistert sein und am schlimmsten würde es deine unschuldige Freundin Michelle treffen.” „Notfalls kann Aron dafür sorgen, dass die beiden vergessen, was sie nicht wissen dürfen …”
„Ausgerechnet du sagst so etwas? Du kennst die Methoden des Gedankentechnikers. Du warst dabei, als er mich nackt auf dem Tisch festschnallte und mir das Crispantin gab …”
„Du hast recht … und ich habe auch nicht vor, meine Freundinnen in so eine schlimme Lage zu bringen. Nur im äußersten Notfall … dann ist es vielleicht doch leichter, Arons Behandlung zu ertragen, als auf Kinder und Ehepartner zu verzichten.”
„Ich mache mir jedes Mal Sorgen, wenn du zu diesen merkwürdigen Zusammenkünften gehst. Du verlierst dann das Gefühl dafür, was du mit deinen Freundinnen teilen darfst und was nicht. Ich weiß, dass Madras dich seit Jahren genau beobachtet. Ich möchte dich auf keinen Fall verlieren.” Gattor schwieg bekümmert, dann sagte er behutsam: „Diesmal werde ich nicht tatenlos zusehen, wie die reine Entropie unser gemeinsames Leben bedroht. Gleich nachdem du mir von eurem netten kleinen Vorhaben erzählt hast, bin ich zu Aron gegangen, er gab mir ein Medikament, das die Wirkung des Alkohols abschwächen und deinen Geist festigen wird. Außerdem hilft es dir, dich gegen deine Brüder besser als sonst abzuschirmen. Du wirst heute Abend so frei wie eine mental begabte Vulkanierin sein. Geh bitte weise damit um und blamiere mich nicht vor meinem Anführer!”
„Du meinst, selbst Madras wird nicht wissen, worüber wir reden?“
„Direkt nicht, aber er wird dich mit Sicherheit morgen zu sich rufen … und in deinem Geist forschen, ob du diesmal die Gesetze der Krieger eingehalten hast. Die Einzelheiten eures kleinen Palavers werden ihn vermutlich weniger interessieren …”
„Wie großmütig von euch“, spottete Morrigan. „Ihr gebt mir ein Mittelchen, mit dem ich mich besser abschirmen kann und buddelt am nächsten Tag in meinem Geist, ob ich auch artig war!“
„Es war allein Arons Entscheidung. Er findet es ungerecht, dass du nicht so viel Privatsphäre hast wie deine telepathisch begabteren Brüder und Schwestern. Außerdem mag er dich sehr … und deshalb schenkt er dir ein paar unbeobachtete Stunden …”
„Der Eisenfresser kann manchmal richtig lieb sein …” murmelte Morrigan versonnen. „Wenn ich daran denke, wie eiskalt er dafür gesorgt hat, dass Hladik …”
„Sprich nicht über dieses Tier”, protestierte Gattor heftig. „Er hat mich entehrt! Er hat mich und Sial benutzt und entwürdigt. Aron hat immerhin versucht, einen anständigen Vulkanier aus ihm zu machen … aber es hat nicht funktioniert, weil er einfach zu bösartig ist.”
„Es ist gut, dass er nicht mehr weiß, was ihm wirklich alles angetan wurde“, dachte Morrigan flüchtig.
„Was meinst du damit?“ fragte Gattor irritiert.
„Ach nichts … ich werde mir Mühe geben, dass niemand zu Schaden kommt”, antwortete Morrigan schnell. „Was wirst du machen, während ich weg bin? Wie ich dich kenne, wirst du dich dem Vertrauten zuwenden und mit ihm eine besonders angenehme Nacht verbringen.”
„Ich bin bereits mit Numor verabredet“, antwortete der Vulkanier bereitwillig.
„Dann sind Elbo und Sitor vermutlich auch dabei …”
„Ja“, antwortete Gattor zurückhaltend.
Morrigan lachte amüsiert. „Du hast dir also ein exquisites Abenteuer vorgenommen, während ich mit meinen Freundinnen feiere …”
„Hmm.“
„Dann wünsche ich dir viel Spaß, mein Liebster.“
„Ich dir auch und …” antwortete Gattor sanft. „… und … du darfst über mich ruhig alle Einzelheiten erzählen, das wäre nicht weiter schlimm. Die Hauptsache ist nur, dass die Würde und die Privatsphäre unseres Anführers nicht verletzt werden …”
„Ich habe nicht vergessen, was Madras mir beim letzten Mal gesagt hat. Und da ich nun leider nicht mehr richtig besoffen werden kann …”
„Du wünschst dir wirklich so einen unlogischen Zustand?“
„Ach vergiss es … du verstehst das nicht”, murmelte Morrigan frustriert. „Ich gehe jetzt zu meiner Fete. Hör bitte auf, dir Sorgen zu machen.”

* * *

Es war schon ziemlich spät am Abend. Die vier Frauen hatten die Leckereien von der Erde längst verspeist und auch der rote und der weiße Wein waren bereits ausgetrunken. Captain Inserra, die von ihrem Ehemann Linar und ihren Freundinnen liebevoll Cori genannt wurde, drehte ihr Whiskyglas nachdenklich in der Hand, hielt es so, dass das Kerzenlicht seine dunkel goldene Farbe erglühen ließ. „Auf die Erde und die Menschen …” sagte sie andächtig. „Es tut gut, wieder einmal richtig zu feiern … und ein wenig verrückt zu sein.”
„Aber du sagst doch immer, dass Vulkan deine wahre Heimat wäre“, fragte Molly erstaunt. „Bist du denn mit Linar nicht glücklich?“
„Er ist der einzige Mann in meinem Leben, der wirklich zählt”, antwortete Cori schwermütig. „Ich liebe ihn sehr … aber das bedeutet leider nicht, dass er mir alles geben kann, was ich brauche.”
Die anderen drei Frauen sahen sie erwartungsvoll an. „Ich verstehe nicht …” murmelte Michelle.
„Bevor ihr mich weiter löchert … Linar ist wirklich gut im Bett. Er erfüllt meine geheimsten Wünsche … ist zärtlich, ausdauernd, fürsorglich.”
„Aber er ist dir zu vernünftig”, mutmaßte Morrigan. „Und es ist verdammt eintönig, immer mit demselben Mann zusammen …”
„Ach Morrigan“, lachte Michelle amüsiert. „Nicht jeder ist so polygam veranlagt wie du.“
„Aber es ist wirklich sehr angenehm, ab und zu einen anderen Partner zu umarmen, schon wegen der interessanten Visionen beim Orgasmus. Ich meine, Gattor ist weit und tief wie ein Ozean. Er kann mir gar nicht langweilig werden, weil es völlig unmöglich ist, ihn ganz und gar zu ergründen …”
„Dein mystischer Gärtner …” Michelles Augen funkelten amüsiert.
„Ja, er ist mein wunderbarer Zauberer von Avalon… und ich liebe ihn sehr. Aber trotzdem möchte ich manchmal von einer Klippe springen … oder in einem Lavastrom schwimmen. Und ein andermal brauche ich es einfach, dass jemand meine eigenen Gefühle aufnimmt, potenziert und … ach …” plötzlich schwieg Morrigan erschrocken. Die Geheimnisse des Kohlinar-Meisters waren tabu und sie war dank Arons Pillen viel zu nüchtern, um sich aus Versehen zu verplappern. „Manchmal brauche ich auch eine schöne Frau, in deren Katra ein A’ Kweth flüstert”, lenkte sie die anderen schnell von Madras ab. „Ich liebe T’ Wakan und Harim und … natürlich das Dreierpack … und …”
„Madras …” ergänzte Molly andächtig. „Ich war auch schon einmal ganz schön verknallt in ihn … und danach habe ich mich aus Versehen in seinen verstorbenen genetischen Vater Taru verliebt. Es war völlig verrückt … dann kam Fadik und okkupierte mich einfach …”
„Fadik ist ein Macho”, meinte Michelle kämpferisch. „Er ist dermaßen dominant und selbstherrlich …”
„Das scheint nur so”, widersprach Molly amüsiert. „Er würde niemals etwas tun, was mir nicht gefällt. Er liebt es nur, die Initiative an sich zu reißen … wie das bei richtigen Alphatieren halt Ehrensache ist. Aber überlegt doch einmal: Ich denke ganz unauffällig an etwas … Fadik liest genauso unauffällig in meinem Geist … und dann sorgt er ganz dominant und energisch dafür, dass ich bekomme, was ich möchte … vorausgesetzt, mein Wunsch ist nicht ganz und gar unlogisch. Das würde natürlich jeden Vulkanier überfordern. Ihr müsst zugeben, dass das ganz witzig klingt und sich nicht gerade nach einer armen unterdrückten Ehefrau anhört.”
„Du bist ganz schön raffiniert”, meinte Cori amüsiert. „Und wie ist er sonst …”
„Er ist stark und heiß”, antwortete Molly verträumt. „Sein Geist ist fast so mächtig wie der von Madras. Er kann mich in unbekannte Dimensionen entführen … und meine Weiblichkeit dermaßen in Aufruhr versetzen, dass ich …” Offenbar fehlten ihr die Worte, um es genauer zu definieren.
Cori sah sie nachdenklich an. „Ich kann nur ahnen, was du meinst. Linar ist mental bei weitem nicht so begabt wie Madras oder Fadik … er gleicht in manchen Dingen eher einem Mann von der Erde … er ist fast wie ein sehr sanfter und einfühlsamer Mensch. Natürlich hilft ihm die Bindung, zu wissen, was in mir vorgeht. Man muss ihm nicht alles so mühsam auseinander klamüsern, wie einem gewöhnlichen Kerl … aber ich fürchte, er versteht häufig nicht, was er mitbekommt.”
„Aber er ist doch Exosoziologe, wie Fadik!“ wunderte sich Molly. „Da muss er sich doch mit Außenweltlern auskennen. Wir Menschen müssten für ihn eine gut erforschte Spezies sein.“
„Theoretisch ja … aber das bedeutet noch lange nicht, dass er mit den konkreten Empfindungen einer konkreten menschlichen Frau immer etwas anfangen kann. Er quält sich, weil es ihm so oft nicht gelingt, mir wirklich nahe zu sein … und dann fühle ich mich schuldig, weil Linar unglücklich ist.”
„Ich habe mit Ibor keine derartigen Probleme”, murmelte Michelle verdutzt. „Man kann sogar mit ihm blödeln … wenn auch auf eine sehr bizarre, vulkanische Art. Sein Geist ist klar, scharf, selbstbewusst und frei … sehr merkwürdig.” Plötzlich musste sie kichern. „Ibor ist dermaßen liebebedürftig … um nicht zu sagen, extrem geil … dass ich gar nicht die Kraft hätte, an einen anderen Kerl zu denken, geschweige denn fremdzugehen.”
„Und schafft er immer noch es, dich zu überraschen?“ fragte Captain Inserra neugierig. „… ich meine, trotz der mentalen Bindung?“
„Ibor liebt schnelle Entschlüsse … spontane Einfälle setzt er meist abrupt und gnadenlos um. Wir hatten schon an den unmöglichsten Orten auf die unmöglichste Weise Sex.”
„Das klingt nicht gerade nach einem typischen Vulkanier…“
„Du hast recht, Cori, Ibor ist nicht typisch. Sein Geist folgt nicht der geradlinigen Logik. Er denkt in mehr Dimensionen, als in der Raumzeit Platz haben … vieles erfasst er rein intuitiv.”
„Das hört sich faszinierend an …” murmelte Cori verträumt. Dann warf sie einen schnellen Blick auf Michelle. „Ich denke, du nimmst jetzt besser Fruchtsaft, statt Whisky, sonst bekommen wir es mit deinem spontanen Genie zu tun.” Gehorsam stellte Michelle die Flasche wieder an ihren Platz.
„Ich mache mir lieber einen Kaffee“, erklärte sie schuldbewusst. „Ich möchte nicht, dass Ibor wieder behauptet, ihr hättet mich vergiftet.“
„So etwas sagt er im Ernst?” erkundigte sich Molly verständnislos. „Da ist er ja noch viel schlimmer als Fadik. Der brummelt nur etwas von unlogischen Gelagen und unethischem Verzehr verwandter Spezies, aber da er weiß, dass er mich nicht davon abhalten kann, ab und zu ein Gläschen zu trinken …”
„Aber du hast doch früher jedes Mal gewettert, wenn bei einem Empfang des Botschafters Alkohol serviert wurde …” fragte Cori verständnislos. „Und nun …”
„Es ist ja nicht so, dass ich saufe”, erklärte Molly hoheitsvoll. „Aber, seit ich weiß, wie egal das Ah’ Tha ist …”
„Deshalb bist du so gut in Übung“, schmunzelte Morrigan.
Wenig später stand Ibor vor Mollys Zelt. „Ich habe gespürt, wie sich Michelles Geist von meinem entfernt hat“, meinte er besorgt. „Ich möchte nicht, dass sie morgen wieder so sehr leidet.“
„Komm rein, Ibor“, sagte Molly vergnügt. „Hier gibt es weder nackte Tatsachen noch furchtbare Geheimnisse. Michelle kocht sich gerade einen Kaffee, vielleicht möchtest du auch einen?“
„Danke”, antwortete er erleichtert und schob sich mühsam durch das Kraftfeld am Eingang. „Ihr habt euch ganz schön verbarrikadiert …”
„Es muss ja nicht jeder mitbekommen, dass die ehrwürdige Mutter der Krieger pichelt“, kicherte Morrigan.
Eine halbe Stunde später verabschiedete sich Michelle von ihren Freundinnen. Ibor stützte sie fürsorglich, während sie zum Transporter gingen.

* * *

Molly füllte andächtig die Gläser. „Es ist schon interessant, wie weit weg man seinen Bindungspartner mit ein wenig Schnaps schieben kann. Nicht dass ich Fadik nicht gern bei mir habe, aber ich kann ihn nicht abblocken, er ist einfach viel zu stark … und manchmal stört es mich, dass er immer ganz genau weiß, was ich denke.”
„Ich weiß, was du meinst”, bestätigte Cori frustriert. „Diese Verbindung ohne Wenn und Aber kann ganz schön ätzend sein. Aber ich bin Captain der Sternenflotte … echter Alkohol wird an Bord nicht gern gesehen und ich muss Vorbild sein. Mir bleiben nur die Nachtschichten auf der Brücke, wenn ich ganz allein sein will … und mich ungestört meinen Fantasien hingeben.”
„Aber Linar könnte wach bleiben, um herauszufinden, was du denkst.“
„So etwas tut er nicht, dazu ist er viel zu nett … obwohl es ihm natürlich schwer fällt, zu verstehen, weshalb ich das überhaupt brauche …”
Morrigan, die schweigend an ihrem Drink genippt hatte, fragte erstaunt: „Ihr habt keine festen Regeln für die Kommunikation des Geistes? Bei den Kriegern ist es nicht üblich, ständig in seinen Partnern präsent zu sein. Es gehört zur Ausbildung, dass man lernt, sich abzuschirmen. Mit zwanzig oder mehr Bindungspartnern geht das gar nicht anders. Vielleicht ist Madras ja bereit, euch Unterricht zu geben.“
„Unsere Ehemänner würden denken, dass wir etwas zu verbergen hätten”, sagte Molly leise. „Bei uns ist alles ein wenig anders, als bei den Ah’ Maral.” „Es bringt nichts, darüber nachzudenken, ob ich eine bessere Kriegerin als Ehefrau geworden wäre”, murmelte Cori unzufrieden. „Früher, als ich noch auf jeder Sternenbasis einen jungen Kerl hatte, war ich eigentlich auch ganz glücklich … allerdings habe ich keinen von ihnen wirklich geliebt, während Linar…”
„Was magst du an ihm?“ fragte Morrigan neugierig.
„Diese goldenen Augen, seinen heiligen Ernst … die entzückend naive Begeisterung, mit der er jedes Mal dem unendlich Fremden begegnet … seine hingebungsvolle Liebe zu mir. Linar ist ein kluger und anständiger Mann. Es wäre wirklich sehr undankbar, wenn ich mich über mein Schicksal beschweren würde.” Corazón Inserras grüne Augen funkelten plötzlich aggressiv. „Was kann ich denn dafür, dass mir Linars Ernst manchmal zu heilig ist … dass es mich ab und zu sogar ärgert, wie angestrengt er sich bemüht, mich glücklich zu machen. Und wisst ihr, was das schlimmste ist? Anfangs fand ich die Idee, einen Vulkanier zu heiraten, ungeheuer romantisch. Wie eine Heldin der alten Sagenwelt musste ich tausend Schwierigkeiten überwinden, um ihn zu bekommen … aber nun, nach beinahe zwanzig Jahren Ehe, ist alles so entsetzlich vorhersehbar geworden …”
„Du hättest doch Ah’ Maral werden sollen”, behauptete Morrigan im Brustton der Überzeugung. „Ich glaube zwar nicht, dass ich jemals meinen liebsten Bindungspartner verlassen werde … aber allein die Möglichkeit, dass ich jederzeit in ein anderes Zelt umziehen kann, oder mir sogar ein eigenes kaufen und es bei irgendeinem Clan aufstellen … ist sehr beruhigend.”
„Ja, ich kann mir gut vorstellen, wie schön es wäre … vielleicht sogar mit Linar als liebstem Bindungspartner … aber das ist nur eine nette Spinnerei. Linar ist heterosexuell, monogam und sehr friedlich. Selbst in den bösen Zeiten vor Surak hätten die Krieger ihn nicht gebrauchen können … und ich würde ihn niemals verlassen.”
„Und wenn du nicht verheiratet wärst?” hakte Morrigan nach. „Ich meine, ganz hypothetisch …”
„Ich bin Captain der Sternenflotte“, erklärte Cori würdevoll mit ein wenig schwerer Zunge. „Ich könnte meine CASABLANCA niemals aufgeben!“

* * *

Eine Stunde später war nur noch Morrigan richtig nüchtern. Peinlich berührt schaute sie zu, wie Captain Inserra die Tränen über das Gesicht liefen und Molly sie ungeschickt zu trösten versuchte. „Ich bin so ein Miststück”, schluchzte Cori verzweifelt. „Ich habe einen guten Mann, der mich über alles liebt. Ich habe zwei nette Kinder … und trotzdem bin ich nicht zufrieden. Immer wieder denke ich, wie es mit diesem oder jenem anderen Kerl wäre … mit Madras zum Beispiel … Morrigan, du hast doch bestimmt mehr als einmal mit ihm geschlafen … wie ist er so … bitte!”
„Interna der Bruderschaft sind für Außenstehende tabu”, zitierte Morrigan reserviert ihren Bindungspartner Gattor. „Madras ist ein angenehmer Liebhaber … ich fühle mich bei ihm geborgen. Mehr darf ich dir leider nicht sagen.”
„Ich möchte doch nur wissen, ob er wild und leidenschaftlich ist, wie es sich anfühlt, wenn er in …” begann Cori und verstummte dann beschämt.
„Er ist groß und stark”, erklärte Morrigan mitleidig. „… in jeder Beziehung überaus bedeutend. Er ist so, wie ein Anführer der Ah’ Maral sein muss: das verführerische und machtvolle Zentrum seiner Bruderschaft. Wir alle lieben und respektieren ihn sehr.” „Und warum lebst du dann in Gattors Zelt und nicht in seinem?“
„Ein Anführer gehört nur seiner Bruderschaft”, mischte sich Molly eifrig ins Gespräch. „Es wird nicht gern gesehen, wenn er vorzeitig einen liebsten Bindungspartner in sein Zelt holt … erst, wenn er alt ist, nimmt er seinen Nachfolger zu sich und lehrt ihn alles, was er braucht, um die Gemeinschaft weiter gedeihen zu lassen. Er muss immer das Wohl der Vielen berücksichtigen …”
„Du weißt aber viel über die Bräuche der Krieger“, sagte Morrigan anerkennend.
„Ich rede mit den Vätern der Kinder, die ich betreue.“
„Ich halte das alles für viel zu hart, geradezu selbstzerstörerisch. Madras tut mir Leid … und du auch.”
„Dein Mitleid ist irrelevant, ich wollte nie zu Madras ziehen. Jedenfalls hat es mich nach der Aufnahmezeremonie nicht mehr gereizt”, sagte Morrigan ernst. „Es ist Gattor, der mich zufrieden und glücklich macht, der mich in kalten Nächten wärmt, mich durch seinen Zauberwald wandern lässt und dennoch darauf verzichtet, mich zu beherrschen. Er kennt keine Eifersucht, er hat noch nie versucht, mich aufzuhalten, wenn ich zu einem anderen Waffenbruder gehen wollte … oder zu einer der Frauen. Ich kann gar nicht anders, als jedes Mal freiwillig und erwartungsvoll zu ihm zurückzukehren. Er ist mein ganzes Leben, meine große Liebe …”
„Auf den ersten Blick wirkt er nicht besonders beeindruckend …” murmelte Cori nachdenklich.
„Du kennst ihn nicht, wie ich ihn kenne. Sein Katra ist unendlich tief und geheimnisvoll. Er kann verdorrte Pflanzen zum Wachsen bringen … und er sorgt auf merkwürdige Weise dafür, dass mein Körper und mein Katra jung und stark bleiben. Ich fühle mich nicht wie eine Frau, die bald vierzig wird.”
„Du siehst auch nicht so aus”, bestätigte Cori zerstreut. „Vermutlich ist sogar deine Haarfarbe noch echt, während ich … am besten, ich denke nicht darüber nach, sonst überwältigen mich noch irgendwelche höchst unlogischen und unappetitlichen Emotionen.”
„Morrigan ist als einzige völlig nüchtern!“ verkündete Molly plötzlich anklagend. „Obwohl sie genauso viel von meinem Whisky verputzt hat wie ich, ist sie kein bisschen betrunken. Wenn ich nicht inzwischen so eine aufgeklärte Frau wäre, würde ich das glatt für Hexerei halten.“
„Was hast du genommen?“ fragte Cori interessiert.
„Gattor ließ sich von Aron ein Medikament für mich geben.“
„Hast du noch was davon?“
„Ja, wenn ihr euren Rausch loswerden wollt … es reicht noch für mindestens drei Personen.”
„Der verflixte Eisenfresser Aron hat an uns alle gedacht”, murmelte Cori dankbar. „Aber heute will ich noch unvernünftig sein, bis die letzte Flasche leer ist und danach in aller Ruhe meinen Rausch ausschlafen. Morgen früh musst du mich wecken und mir irgendwie das verdammte Zeug eintrichtern. Die Schreibtischhengste vom Hauptquartier lassen uns wieder mal keine Ruhe. Wir brechen gegen Mittag zu einer Sondermission in die Randzone auf. T’ Kuros Bruderschaft wird uns begleiten.” „Und Linar?“
„Er weiß schon Bescheid und wird rechtzeitig auf der CASABLANCA sein.“
„Dann sollten wir noch einmal auf die gute alte Erde anstoßen!“ schlug Molly vor.
„Und auf Vulkan, unsere heiße, wundervolle, staubige Nemesis“, ergänzte Cori melancholisch.
„Und auf meine einzig wahre Familie, die Ah’ Maral”, sagte Morrigan ernst.
Keine der Frauen rechnete damit, dass sie nie wieder so zusammenfeiern würden.

* * *

Captain Corazón Inserra befand sich auf der Brücke ihrer geliebten CASABLANCA. Commander Kerala Moss steuerte das Schiff routiniert aus dem Orbit. Sie durchquerten ein Asteroidenfeld, flogen an mehreren imposanten Gasriesen vorüber … dann waren sie im offenen Weltraum.
T’ Kuro, die zum ersten Mal in ihrem Leben Vulkan verließ, nahm jede Einzelheit gierig in sich auf. „Ich danke dir, dass ich auf deinem Schiff sein und diese faszinierende Erfahrung machen darf”, sagte sie leise zu Cori. „Meine Bruderschaft kann unter deiner Obhut vieles lernen, was uns den Kampf gegen die Krieger ohne Clan erleichtern wird.” „Ja, das hoffe ich”, antwortete der Captain ebenso leise. „Allein der Gedanke an einen Krieg, der so tief ins Territorium der Föderation vorstößt, ist entsetzlich. All die friedliebenden Bewohner Vulkans …”
„Und der Erde …” ergänzte T’Kuro ernst. „Eine Wahrträumerin hat gesehen, wie ich zusammen mit meinen Waffenbrüdern die Stadt Córdoba befreie.”
„T’ Liza”, murmelte Cori.
Sie verstanden sich fast ohne Worte.
„Trotzdem freue ich mich darauf, diese staubige Kugel irgendwann wieder unter mir zu sehen … T’ Maruk zu treffen, Ernesto, Ruda, Aron, Madras …”
„Und deine verrückten Freundinnen”, ergänzte T’ Kuro amüsiert. „Dann hat Madras wieder einen Grund, sich Sorgen zu machen.” „Eigentlich muss er das nicht, ich kann gar keine Geheimnisse der Ah’ Maral verraten. Glaub mir, ich habe nach Besäufnissen am nächsten Morgen den totalen Blackout. Ich bin so ein Typ, der zwar noch lange aufrecht stehen kann, wenn andere bereits auf allen Vieren laufen, bei dem aber das Gedächtnis als Erstes im Eimer ist … und außerdem habe ich jedes Mal am nächsten Morgen einen gewaltigen Kater! Zum Glück hatte Morrigan diese netten Pillen von Aron dabei … sonst würde ich mit einem dicken Kopf in meinem Sessel hocken und meine armen Offiziere anknurren.”
„Das klingt ziemlich unlogisch … warum trinkt ihr Menschen das Zeug in solchen Mengen, wenn ihr davon krank werdet?” fragte T’Kuro neugierig.
„Wir trinken zumeist, um zu vergessen …” bemerkte Cori vage. Und fügte, als sie den völlig verständnislosen Blick der Vulkanierin bemerkte, erklärend hinzu: „Ich meine die gegenwärtigen Probleme, jene, die mich morgen heimsuchen werden … und dann die anderen, die ich noch ein wenig vor mir herzuschieben versuche: Alter und Tod zum Beispiel …”
„Hast du etwa vor dieser Reise einen Wahrträumer konsultiert?” fragte T’ Kuro mitfühlend.
„Nein, das mache ich nie. Ich finde schon den Gedanken daran, die Stunde meines Todes zu wissen, extrem beunruhigend. Am liebsten wäre es mir, wenn er aus heiterem Himmel käme, sodass ich gar keine Zeit habe, mich vor ihm zu fürchten … und ich möchte, dass es ganz schnell geht.”
„Die Anführer der Ah’ Maral lassen bereits seit Jahren die Lebenslinien ihrer menschlichen Brüder und Schwestern durch die Träumer der Clans überwachen. Wir wissen, dass ihr zerbrechlicher seid, als wir … und wir möchten helfen, solange die Zukunft noch im Fluss ist.”
„Ich will gar nicht wissen, was sie über mich gesagt haben!“
Die beiden Frauen schwiegen und beobachteten die Brückenoffiziere bei der Arbeit.
„Wir können in zwanzig Minuten auf Warp gehen“, sagte Kerala Moss geschäftsmäßig.
„Gut, bereiten Sie alles vor“, befahl der Captain.
„Wovor hast du am meisten Angst?” fragte T’ Kuro sanft.
„Vor Alter, Siechtum, Hilflosigkeit … und dass ich irgendwann eine Bürde für Linar sein werde.”
„Dann solltest du dir vielleicht doch anhören, was unsere Träumer gesehen haben.“
„Wenn du meinst …”
„Die Zukunft von Michelle und Molly liegt noch im Nebel verborgen. Ernesto trägt eine unheilbare Krankheit in sich. Seine Asche wird schon bald den Boden Vulkans düngen, während sein Katra voraussichtlich eine neue Heimstatt finden wird. Du bist in Piris Träumen mehrmals ganz plötzlich in einem lautlosen, weißen Blitz verschwunden … und danach sah es so aus, als würde ein winziges, einsames Licht zwischen den Sternen wandeln.”
„Das klingt nach einem Unfall …”
„Oder einem Kampf … auf jeden Fall kannst du gewisse Ängste getrost verstoßen.”
„Ich weiß nicht, ob mir das wirklich gefällt“, murmelte Cori verstört.
„Aber du wirst genau den Tod bekommen, den du dir immer gewünscht hast.“
„Ich möchte jetzt noch nicht sterben … das Leben ist viel zu schön. Bitte, T’Kuro, sag mir, dass es noch lange nicht so weit ist. Die Träumer haben doch keinen konkreten Zeitpunkt genannt, oder …?”
„Direkt nicht …” antwortete T’Kuro ausdruckslos.
Cori sah sie scharf von der Seite an. „Und was wird aus Morrigan?” fragte sie schließlich in neutralem Ton. „Eure seltsamen Propheten …”
„Unsere Wahrträumer haben Morrigan in vielen Schlachten gegen ganz unterschiedliche Gegner kämpfen sehen. Sie hat mit eigener Hand hunderte von Kriegern ohne Clan getötet. Ihr weißer Mantel war rot vom Blut der Eindringlinge, als es endlich vorbei war. Ihr Haar leuchtete im Rauch der brennenden Städte. Sie wird auch in fernster Zukunft Vulkans Beschützerin sein.“
„Ich dachte immer, dass wir noch ungefähr sechzig Jahre Frieden vor uns haben. Die arme Morrigan wird uralt sein, wenn der große Krieg kommt … ihr könnt doch nicht irgendwelche wackeligen Großmütter in den Kampf schicken!”
„Morrigan ist die liebste Bindungspartnerin eines Narguhl, eines Herrn der Wasser und des Lebens. Seine Liebe und die Macht seines Nehau können die Zellen eines jeden Organismus erneuern. Er lässt Bäume wachsen und blühen, kräftigt ihre Wurzeln … die leidenschaftliche Entrückung mit einem Narguhl ist das, was die Menschen einen Jungbrunnen nennen.”
„Dann wird Morrigan erst altern, wenn Gattor nicht mehr lebt … irgendwie finde ich es bitter, dass sie ihn erst überleben und dann einsam sterben wird.”
„In einer Bruderschaft der Ah’ Maral ist man niemals einsam.” T’Kuro sah den Captain streng an, schwieg einen Moment, dann fügte sie in sehr sanftem Ton hinzu: „Gattors seltene Gabe war sehr lange unter Lieblosigkeit, Entwürdigung und Leid begraben. Sie wurde erst erkannt, nachdem Aron ihn geheilt hatte. Inzwischen wurde er zu vielen Frauen geschickt, um ihnen Kinder schenken. Vielleicht wird Morrigan immer wieder einen liebsten Bindungspartner finden, der sie jung erhält.” „Und wenn die Anführer diese kostbaren Narguhl für sich reklamieren?“
„Nur ein freies Katra hat ein klares, heilendes Nehau. Es ist völlig unmöglich, Gattors Gabe auszubeuten, sie ist das Produkt seiner reinen und starken Liebe … man kann sie nur demütig empfangen.”
„Also kann auch Madras nicht ohne weiteres …”
„Er würde es niemals wagen, Privilegien für sich zu fordern … aber Gattor liebt ihn ebenso sehr, wie er Morrigan liebt. Sie sind die beiden Zentren seines bisexuellen Katras. Die Träumer haben Madras bereits als er noch ein Kind war, ein ungewöhnlich langes Leben prophezeit. Nun wissen wir, wieso …”
Captain Inserra seufzte leise. „Morrigan und Madras werden zu mystischen Kriegern … und mein armer alter Freund Ernesto und ich müssen demnächst sterben …”
„Der Tag und die Stunde sind ungewiss.“
„Du hast recht … und es war richtig, dass du mich daran erinnert hast, dass alles irgendwann zu Ende geht. Ich werde mich bemühen, meine Anwandlungen von unlogischer Unzufriedenheit beiseite zu schieben und jede Stunde mit diesem stolzen Schiff und meinem geliebten Linar genießen …”
„Ja”, bestätigte T’Kuro leise. „Das solltest du wirklich …”

* * *

Corazón Inserra bat einen jungen, ehrgeizigen Fähnrich, die Nachtschicht für sie zu übernehmen. Dann plünderte sie den hydroponischen Garten und schmückte ihr Quartier mit Kerzen und duftenden Blumen. Sehr sorgfältig programmierte sie eine sanfte Musik, deren schwebende, perlende Klänge wie geschaffen für eine Entrückung mit einem Vulkanier waren.
„Ich weiß nicht, welcher widerliche Geist der Entropie mich dazu verführt hat, an Linar herumzumäkeln”, überlegte sie reumütig. „Er war mir all die Jahre treu, hat mich liebevoll verwöhnt … er war ein guter Vater für meine Söhne Juan und Argip, er hat nie einen Unterschied zwischen den beiden gemacht, obwohl Juans genetischer Vater Madras ist. Weiß der Kuckuck, was ich mir vorgestellt habe … dieser ganze romantische Mist, den uns die Lehrer eingetrichtert haben. Wie soll ein armer Vulkanier diesen ganzen unlogischen Blödsinn irdischer Kultur begreifen … und damit zurechtkommen …”
Cori dämpfte die Beleuchtung soweit, dass sie an den warmen Schimmer der traditionellen turuskischen Lampen erinnerte. „Wer hätte gedacht, dass Morrigan zur lebenden Legende der Ah’ Maral werden würde. Als ich sie zum ersten Mal sah, fand ich sie ziemlich oberflächlich … und als sie sich in Gattors Zelt einquartierte, hielt ich das für eine Notlösung. Ich kam nicht einmal auf den Gedanken, dass jemand tatsächlich einen unscheinbaren Gärtner dem strahlenden Anführer der Bruderschaft vorziehen könnte. Es waren ihr tiefes Mitgefühl und der Gerechtigkeitssinn einer Nachfahrin von Freiheitskämpfern, die sie dazu brachten, Gattors wahres Wesen zu erkennen und zu würdigen. Sie mag wild sein, aber ihre weiblichen Instinkte sind klüger als meine Schulweisheit. Sie hat einen Narguhl als liebsten Bindungspartner erwählt … einen lebenden, atmenden Spender von Wachstum und Erneuerung!”
Captain Inserra deckte das Bett auf. Sie wusste, dass Linar zur gewohnten Zeit seine Arbeit am Zentralcomputer beenden und in ihr gemeinsames Quartier kommen würde, um eine einsame, freudlose Nacht zu verbringen. „Muss ich jetzt neidisch auf Morrigan sein, weil ihr mystischer Gärtner mehr wert ist als Linar?” überlegte sie frustriert. „Aber das wäre mistig und ungerecht … es wäre einfach nicht richtig … das wäre eins jener Gefühle, die jeder ehrbare Turuska ohne zu zögern verstoßen würde. Und außerdem wird Morrigan nicht überleben, um sich mit ihren Waffenbrüdern fröhlich im Bett zu wälzen. Sie wird in den furchtbaren Krieg ziehen müssen, der mir erspart bleibt. Sie wird ihre Brüder sterben sehen, verwundet werden, Asche wird vom Himmel fallen … und sie muss irgendwelche undefinierbaren Bestien metzeln. Nein, wenn es etwas an ihrem Leben gibt, was begehrenswert ist, dann ist es …”
Cori hielt inne und starrte nachdenklich auf die Wand ihres Quartiers. „… es ist ihr Dienst an den Vielen, ihr kompromissloser Kampf für die Freiheit Vulkans … ich wäre dazu ebenso bereit und wer kann wissen, ob dieses weiße Licht, das mich demnächst verzehren wird, nicht auch eine Gelegenheit bietet, nützlich zu sein. Ich muss nur aufrecht meinen eigenen Weg gehen … als Captain der Sternenflotte und als Helferin der Ah’Maral … und ich muss Linar glücklich machen. Er verdient alle Liebe dieses Universums.”

* * *

Linars goldbraune Augen wanderten verwundert durch den prächtig geschmückten Raum. „Womit habe ich das verdient?” fragte er misstrauisch. „Ich dachte, du wolltest diese Nacht auf der Brücke verbringen und …”
„… und mich irgendwelchen unlogischen Fantasien hingeben, die alle mit den hübschen Worten ‚was wäre, wenn’ anfangen”, vollendete Cori seinen Satz. „Nein, ich habe es mir anders überlegt. Ich möchte, dass wir unsere Körper und Katras so innig vereinigen, wie in jenen denkwürdigen Tagen, die wir in der Oase von Samas verbracht haben. Ich möchte unsere Liebe erneuern und wenn ich heil nach Vulkan heimkehre, möchte ich einen zweiten Baum zu Ehren unserer makellosen Verbindung pflanzen.”
Linar sah sie nur unglücklich an. „Du hast erfahren, dass eine Katastrophe bevorsteht … du weißt, dass du gar nicht dazu kommen wirst, diesen Baum zu pflanzen …”
Cori schwieg … irgendwie wäre es nicht richtig gewesen, jetzt zu lügen.
„Du wirst sterben … irgendwann auf dieser Reise wird es ein furchtbares Unglück geben und ich werde dich verlieren … vielleicht werden wir sogar alle …”
„Nein, nur ich werde in einem weißen Licht vergehen.“
„Wer hat das gesagt?“
„Piri, Miro, Lazar, T’ Lannar … die Anführer der Ah’ Maral haben die Träumer befragt …”
„Dann ist es wahr“, flüsterte der Vulkanier und seine dunkle Haut sah plötzlich grau aus. „Gibt es denn gar nichts, was wir dagegen tun können?“
„T’ Kuro sagte, dass in meinem Fall die Zukunft nicht mehr im Fluss ist, dass alles, was wir versuchen, die Zeitlinie verändern wird. Ich darf vor meinem Schicksal nicht davonlaufen.” „Manchmal wünsche ich mir, dass es gar keine Wahrträumer gäbe …” murmelte Linar verstört. „Sie nehmen uns das letzte bisschen Freiheit, hindern uns daran, das Liebste zu retten … ich würde so gern etwas für dich tun!”
„Das kannst du”, sagte Cori sanft. „Liebe mich diese Nacht … und alle Nächte, die noch kommen werden. Du bist der einzige Mann im gesamten Universum, der mir etwas bedeutet.”
„Warum muss es der Tod sein, der uns wieder richtig zusammenführt!“
Zum ersten Mal sah Corazón Inserra, wie Tränen über das sanfte Gesicht Linars liefen. „Komm,” sagte sie zärtlich. „Es ist mir ganz ernst … ich möchte jetzt eine Entrückung …”
Wenige Minuten später waren sie nackt … aber es war nicht so einfach, wie sie es sich vorgestellt hatten. Linar klammerte sich verzweifelt an Cori. „Ich will nicht schon wieder meine Gemahlin durch einen Unfall verlieren”, flüsterte er unglücklich. „Vor allem nicht jetzt, wo deine Liebe …”
Cori streichelte hilflos seine samtige dunkle Haut. „Ich hatte ganz vergessen, wie schön du bist … ich war dumm … dabei ist alles so einfach.” Seine Nähe erregte sie immer mehr, fordernd berührte sie ihn und wurde immer ungeduldiger, weil er vor Trauer wie gelähmt war. „Komm, Linar, noch leben wir beide und nur das zählt. Ich will jetzt nicht an die Zukunft denken.” Energisch bugsierte sie den Widerstrebenden ins Bett … und musste unzufrieden mit ansehen, dass sich ihr Ehemann wie ein Fötus zusammenrollte.
„Verdammt, Linar!” erklärte sie schließlich ärgerlich. „Ich bin Raumschiffcaptain, mir kann jederzeit irgendwas passieren … und das wusstest du von Anfang an. Ich verstehe nicht, warum du ausgerechnet jetzt deine Depressionen pflegen musst. Wenn du dich weiter so gehen lässt, wird die Zeit bis zum großen Knall ziemlich unerfreulich.”
Linar rührte sich nicht. Nach einer Weile streckte sich Cori neben ihm aus und starrte frustriert an die Decke. Die klaren, melodischen Töne perlten schwerelos durch den Raum. Cori empfand ihre Makellosigkeit als puren Hohn.

* * *

Captain Inserra hatte jedes Zeitgefühl verloren. Vielleicht waren nur ein paar Minuten vergangen, vielleicht aber auch Stunden, als Linar sich plötzlich aufsetzte. Behutsam streichelte er ihren nackten, kühlen Körper. „Bleibe ganz still liegen und vertrau mir, meine Liebste.” Seine Stimme erinnerte sie an das leise Schnurren der Katze, die Botschafter Corvalán früher hatte. „Ich verstehe dich ja, meine Kleine. Du hast Angst vor dem Tod und das macht dich lebenshungrig und wütend. Du willst meine Trauer nicht verstehen, weil du eine Kriegerin bist … weil du bisher alle deine Probleme mit Härte gelöst hast. Verzeih mir bitte, dass ich nicht das bin, was du immer so hübsch als Eisenfresser bezeichnest. Mein Katra wird wahrscheinlich weinen, bis alles vorbei ist … und noch lange danach … aber meine Männlichkeit verlangt nach dir. Ich verspreche dir, dass du nicht frieren musst, solange ich bei dir bin.”
„Fass mich an, Linar“, murmelte Cori mit geschlossenen Augen. „Zeig mir, dass ich noch da bin.“
Sanfte dunkle Hände wanderten über weiße Haut, berührten Brüste und Schenkel, strichen behutsam über einen flachen Bauch, spielten zärtlich mit dem krausen, roten Haar zwischen den Beinen.
„Ich finde es immer wieder besonders schön, dass an dir alles echt ist”, erklärte Linar liebevoll. „Es gibt so viele Frauen, die sich anmalen, ihr Haar färben …”
Cori dachte daran, dass sie bereits seit zehn Jahren heimlich dafür sorgte, dass Linar nirgendwo ein weißes Haar entdecken konnte. Ein Teil von ihr wollte ihm endlich die Wahrheit sagen und ein anderer Teil … „Wozu ihm am Ende seine Illusionen rauben”, dachte sie flüchtig.
„Welche Illusionen meinst du?“ fragte Linar beunruhigt.
„Es ist nichts Wichtiges …” murmelte Cori und berührte ihren Ehemann sanft und intim. Zufrieden spürte sie seine Erregung. „Komm, wenn du mich nicht gleich nimmst, fange ich an, zu schreien!”
Sekunden später war er in ihr … und eine Welle zügelloser Wildheit versetzte ihre Katras in Aufruhr. Beide verloren völlig die Übersicht, wer irgendwann irgendwo etwas anfasste. Linars Stöße waren so heftig, als wollte er irgendwann gänzlich im Fleisch seiner Partnerin aufgehen, während Coris Fingernägel sich Halt suchend in seinen Rücken gruben. Dass es blutete, merkten sie beide nicht …
Irgendwann fanden beide die Nervenpunkte im Gesicht des anderen. „Mein Geist zu deinem Geist …” zwei Stimmen klangen wie eine … zwei Selbstsphären verschmolzen in reiner Ekstase.

* * *

Sie waren beide keine großen Zauberer … aber das war nicht mehr wichtig. Linar und Cori hatten diese Welt gemeinsam geschaffen. Der durchsichtige Boden, durch den man bis zu den Erzadern und Lavaströmen sehen konnte, stammte von Linar, ebenso der orangerote Himmel mit einem Schwarm glitzernder Luftgleiter. Coris Werk waren die riesigen, dunklen Schatten, die in der Tiefe wanderten … eine Erinnerung an ihre qualvolle Hochzeitszeremonie im Angesicht der A’Kweth … und die Bäume. Sie hatte schon als junges Mädchen von einer romantischen Hochzeit unter Pinien geträumt … und nun standen sie da: siebenunddreißig Stück … mit mediterraner Grazie und aromatisch duftend. Ihre Wurzeln steckten fest in dem glasigen Untergrund und ihre stacheligen Zweige rauschten leise im heißen Wind der Wüste. Die zarte Musik aus der Lautsprecheranlage in Captain Inserras Quartier fügte sich harmonisch in die schlichte Vision.
„Wir waren lange nicht hier“, sagte Linar andächtig. „Unser gemeinsamer Wald ist zwar sehr klein, aber ich finde ihn wunderschön.“
„Wir haben uns in den letzten Jahren oft geliebt”, wunderte sich Cori. „Trotzdem haben wir diesen Ort unserer ersten Entrückung erst heute wiedergefunden. Ich verstehe nicht, warum …”
„Unsere Katras sind schwach. Wir können unseren Garten der Liebe nur gemeinsam erschaffen”, antwortete Linar ernst. „Du hast mich dabei zu oft allein gelassen …”
„Ich hätte dich niemals mit Madras oder Fadik vergleichen dürfen!“
„Und auch nicht mit Gattor … ich spüre doch, wie sehr dich selbst in diesem Augenblick die geheimnisvolle Macht des Narguhl fasziniert.” Linar schwieg einen Moment, dann sagte er leise: „Es ist nicht so, dass ich eifersüchtig wäre, ich fühle mich nur unzulänglich … und wenn ich das Cthia ehre, muss ich leider feststellen, dass ich es wirklich bin. Wenn es in meiner Macht läge, würde ich dich unsterblich machen … oder wenigstens dein Katra mit wilden Visionen in Aufruhr versetzen … aber dieser Boden und dieser Himmel sind alles, was ich dir geben kann.”
„Oh nein, du kannst mir sehr viel mehr schenken … deine zärtlichen Hände, dein leuchtendes Nehau, deine makellose Ethik … ich weiß doch, wie kostbar das ist.”
„Und warum warst du dann so ungeduldig und fordernd?“ fragte Linar leise.
„Weil ich oft nicht daran denke, dass du ganz anders bist als ich … weil ich immer wieder vergesse, dass du kein Mensch bist … und ein Mann des Friedens. Wenn ich den ganzen Tag Leute herumkommandiere, merke ich meist gar nicht, dass ich mit dir genauso umgehe, wie mit meiner Crew. Es tut mir Leid, Linar, und ich verspreche dir, dass ich mir Mühe geben werde …”
„Ich hätte dir sagen müssen, was mir nicht gefällt … aber das ist unter Telepathen nicht üblich.”
„Und auf der Erde ist es nicht ungewöhnlich, wenn jeder seinen eigenen Flamenco tanzt.“
„Ich verstehe …” flüsterte Linar traurig.
„Du verstehst es nicht wirklich”, widersprach Cori mit einem Anflug von Ungeduld. „Männer und Frauen sind auf der Erde keine Freunde …”
„Aber du hattest schon einmal verstanden …”
„Ja … und dann kam irgendeine läppische Enttäuschung, ein winziger, völlig unwichtiger Streit … und jedes Mal ist die Entfernung zwischen uns größer geworden. Ich habe dich weiter begehrt, aber ich vergaß, was für ein guter Freund du bist.”
„Und jetzt willst du wieder mit mir gemeinsam tanzen!“ Die sanften Augen des Vulkaniers leuchteten vor Glück und er probierte geschmeidig eine Pirouette. „Würde dir das gefallen?“
„Oh ja!“
Von irgendwoher kam der harte Rhythmus des alten spanischen Tanzes … und zwei Paar nackte Füße stampften nach Trommeln und schrillen Gitarren den gläsernen Boden … Hüften zuckten provozierend, rote Locken wippten, goldbraune Blicke versengten weiße Haut … und dann verschmolzen ein heller und ein dunkler Körper zu einer ekstatisch wirbelnden Säule.
Es dauerte lange, bis die Dunkelheit sie verschlang.

* * *

Captain Inserra stand mit T’Kuro an einem Fenster und sah hinaus ins All. Das Sonnensystem, an dessen Rand sie sich befanden, war noch nicht kartografiert. Auf den ersten Blick hatte es nichts Spektakuläres an sich: Das Zentralgestirn war klein, rot und alt, etwa halb so groß wie die irdische Sonne. Es gab zwei erdähnliche Planeten, fünf Gasriesen und etliche Planetoiden, die auf teilweise reichlich
abenteuerlichen Bahnen durch das System drifteten.
„Es ist wieder mal das übliche“, meinte Cori beinahe angewidert. „Da reist man wochenlang mit Warp acht in irgendeine entlegene Ecke des Weltalls und findet etwas, das man zu Hause viel einfacher haben kann. Und das schlimmste ist: Die Scanner zeigen, dass es in diesem ganzen verdammten System auch nicht die winzigste Spur von Leben gibt!“
„Abgesehen von uns”, korrigierte die Vulkanierin. „Und ich finde, dass es auch Vorteile hat, dass dieses System so öde ist. Meine Waffenbrüder leiden darunter, in einem Behälter aus Blech eingesperrt zu sein … und wenn er noch so komfortabel ist. Ihnen fehlen der Blick bis zum fernen Horizont und der heiße Atem der Wüste. Sie würden es zwar niemals wagen, sich zu beschweren …”
Captain Inserra schmunzelte. „Es ist vermutlich nicht so einfach, siebzehn Kerle im Zaum zu halten, von denen der älteste gerade mal achtunddreißig und der jüngste vierzehn Jahre alt ist. Aus vulkanischer
Sicht ist das der reinste Kindergarten.“
„Es sind trotzdem richtige Männer”, erklärte T’ Kuro verärgert. „Ich hätte natürlich gern ein paar erfahrene Waffenbrüder aus meiner alten Bruderschaft übernommen, aber die waren alle viel zu schwul und zu sehr in ihren schönen Anführer verknallt.” „Und deine Jungs sind nicht homosexuell?“
„Nicht sehr. Sie sind alle meinetwegen Ah’Maral geworden, haben gezwungenermaßen miteinander die Bindung vollzogen … und nun liegen sie rudelweise vor meinem Zelteingang und begehren Einlass. Ich hätte nicht gedacht, dass mich das dermaßen frustrieren würde.”
„Du bist doch erst seit zwei Monaten Anführerin … du wirst dich noch daran gewöhnen.”
„Vielleicht … das sagt Madras auch”, murmelte die Ah’Maral skeptisch. „Ich vermisse ihn sehr … ebenso wie Archen, Numor, Gattor, T’ Gala, Morrigan… und natürlich Ernesto. Merkwürdigerweise sehne ich mich manchmal nach meinen menschlichen Bindungspartnern. Sie sind so empfänglich für meine Künste, irgendwie niedlich, begeisterungsfähig … und dabei intelligent und anständig. Das unendlich Fremde bereichert mein Leben sehr.”
„Bist du noch in Verbindung mit Madras?“ fragte Cori mitleidig.
„Der Rat der Anführer hat beschlossen, bei der Teilung von Bruderschaften die Bindungen zum ehemaligen Anführer und seinem Stellvertreter bestehen zu lassen. Sie erhoffen sich taktische Vorteile durch diese Vernetzung. Bis vor kurzem habe ich Madras noch in meinem Geist gespürt … dann wurde die Entfernung zu groß.”
„Dann darfst du ja deine alte Liebe noch ab und zu in die Arme nehmen …”
„Darüber streiten sich zurzeit die Anführer”, sagte T’Kuro frustriert. „Ihnen ist natürlich klar, dass auch die Bindung zwischen Madras und mir ab und zu gefestigt werden muss … andererseits sind sexuelle Kontakte seit tausendfünfhundert Jahren nur innerhalb der eigenen Bruderschaft erlaubt. Solange, wie das nicht geklärt ist, muss ich mich mit den dürftigen Fantasien der jungen Männer begnügen.”
„Ihr Vulkanier seid seltsam. Auf der Erde erhöht es das Prestige einer Person, wenn es ihr gelingt, einen wesentlich jüngeren und attraktiveren Partner zu beeindrucken und an sich zu binden … und ihr sehnt euch nach weißen Haaren und runzeliger Haut. Das verstehe ich nicht.”
T’Kuro lächelte versonnen. „Das Katra eines Vulkaniers wird im Laufe seines Lebens immer reicher und weiter. Ein alter Krieger ist eine ganze Welt … junge Männer verfügen manchmal nur über einige Felsbrocken und ein seltsam gefärbtes Stück Himmel darüber. Und sie sind so unsicher … suchen ewig nach den richtigen Nervenpunkten, lassen die sexuelle Energie nicht gleichmäßig fließen. Es ist eine nette Aufgabe, einen jungen Krieger anzulernen, aber wirkliche Erfüllung erhält man nur von einem reifen, erfahrenen Partner.”
„Deshalb hat sich Morrigan den alten Gärtner ausgesucht, ich dachte …”
„Du dachtest, dass sie auf seine geheimnisvollen mentalen Eigenschaften aus ist …” T’Kuro lächelte sanft. „Du kennst Morrigan nicht so gut wie ich. Das Wohl der Vielen ist ihr sehr wichtig und sie ist zu kompromissloser Solidarität und tiefem Mitgefühl fähig. Morrigans Zuneigung hat Gattors Katra erst aufblühen lassen. Ohne sie hätte niemand bemerkt, dass er ein Narguhl ist … nicht einmal er selbst. Ich habe zum Abschied noch einige Nächte mit Gattor verbracht. Er ist einzigartig und er fehlt mir. Ich kann nur hoffen, dass meine jungen Krieger mit der Zeit etwas vollkommenere Liebhaber werden …”
„An deiner Stelle würde ich die Hoffnung nicht aufgeben”, meinte Cori zuversichtlich. „Du musst ihnen nur zeigen, dass sie dich irgendwie glücklich machen und in welcher Richtung du gern mehr hättest. Es wird ihren Eifer und ihre Fantasie mächtig anspornen. Seit ich weiß …” Cori überlegte einen Augenblick, wie sie es am passendsten ausdrücken könnte. „… seit ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist, schlafe ich jede Nacht mit Linar. Ich hätte nie gedacht, dass er so ausdauernd, feurig und kreativ sein kann. Seine innere Welt entwickelt sich von Nacht zu Nacht stürmischer. Ich fühle mich …”
„Du fühlst dich wie ein Pfeil, der von einer kraftvollen Hand abgeschossen wurde. Du möchtest immer weiter und weiter fliegen. Deine größte Angst ist, dass du irgendwann zu Boden fällst.“
„Es ist nicht nur eine Angst … denk an die Wahrträumer!”
„Du wirst nicht einfach in die Normalität zurückfallen. Du wirst in einem weißen Licht vergehen.“
„Das Schiff wird wahrscheinlich explodieren … hoffentlich sind wir dann nahe genug an der Heimat, damit jemand die Rettungskapseln einsammeln kann. Wenn ich gewusst hätte, was mir bevorsteht, hätte ich dich und deine Waffenbrüder niemals mitgenommen …”

* * *

T’Kuro schwieg lange … und als sie sich wieder Cori zuwandte, wirkte sie ungewöhnlich sachlich und konzentriert. „Von den beiden inneren Planeten hat der sonnennächste eine gewisse Ähnlichkeit mit Vulkan. Er hat allerdings eine noch dünnere Atmosphäre und eine höhere Schwerkraft. Vulkanier könnten dort gerade noch überleben. Es wäre für meine Krieger eine gute Übung, wenn sie auf einer Außenmission Gesteinsproben für die Wissenschaftler der CASABLANCA sammeln würden.”
„Du willst mit ihnen ohne Raumanzug hinausgehen?“ fragte der Captain ernst. „Das ist eigentlich nur bei schlechten Gegenwartsfilmen über die Sternenflotte üblich.“
„Sie sind Krieger und an die harten Bedingungen Vulkans gewöhnt. Es ist wichtig, ihre Grenzen … und natürlich auch meine … auszuloten.”
„Ich verstehe dein Anliegen … und nun, wo wir konkretere Messergebnisse erhalten, muss ich dir recht geben. Dieser Planet hat wirklich große Ähnlichkeit mit Vulkan. Seine Oberfläche ist eine unendliche Sandwüste, der Himmel ist wahrscheinlich rot … die Sonne ist viel älter und kühler als die der Erde oder gar Vulkans … ein Zwergstern am Ende der Hauptreihe, ziemlich klein … nein, es besteht momentan nicht die Gefahr, dass er sich plötzlich ausdehnt. Wahrscheinlich kann ich eure Übung genehmigen, obwohl der Planet dieser Sonne in Westentaschenformat verdammt nahe ist.”
„Ich danke dir”, antwortete T’ Kuro schlicht. Sie ahnten beide nicht, dass sich Cori mit ihrer Entscheidung eben als wahre Hüterin der Zeitlinie erwiesen hatte.
„Morgen Vormittag sind wir dem Planeten nahe genug”, erklärte der Captain geschäftsmäßig. „Ich lasse Kerala Moss noch einige Scans von der Sonne und ihrem innersten Planeten machen. Deine Jungs sollen sich noch ein wenig ausruhen. Sie bekommen morgen früh ihre Instruktionen.”
„Du willst es nicht selbst überprüfen?“
„Ich vertraue meinem ersten Offizier … und ich habe jetzt keine Zeit.”
„Linar.“
„Ja, Linar … da ich nicht weiß, welche Nacht die Letzte ist …”

* * *

Linar war noch im Reich der Finsternis, als Captain Inserra nach einem reichlichen Frühstück zur Brücke ging. In dem Bestreben, seine Gemahlin restlos glücklich zu machen, pflegte er in letzter Zeit ein wenig unvorsichtig mit seinen Kräften umzugehen. „Es geht ihm gut“, redete sich Cori ein. „Er atmet gleichmäßig und auf dem kleinen Tisch neben unserem Bett steht alles, was er braucht, wenn er wieder richtig bei sich ist. Na gut, ich werde Schwester Esmeralda zu ihm schicken. Sie wird zwar wieder ironisch grinsen aber das ist mir egal. Ich kann nicht richtig arbeiten, wenn ich mir Sorgen um meinen Mann machen muss.“ Jetzt hielt der Turbolift und die Tür zum Herzen der CASABLANCA öffnete sich. „Wie sieht es aus, Commander Moss, kann ich die Außenmission genehmigen?“
„Im Prinzip ja”, antwortete die Trill. „Die Sonne ist ruhig, es gibt keine Hinweise auf Plasmastürme oder Meteoritenschwärme … und der Planet ist völlig frei von Leben jeder Art. Nach meinen Erfahrungen droht dort unten keine Gefahr. Allerdings tun mir die jungen Kerle Leid: sechzig Grad im Schatten, Orkanböen, dreifache Erdbeschleunigung … und nur fünfzehn Prozent Sauerstoff in der Luft. Wir sollten die Lebenszeichen der jungen Männer überwachen und sie ständig mit dem Transporter erfasst halten. Ich kann mir vorstellen, dass es der eine oder andere doch nicht so gut erträgt. Selbst für Vulkanier ist das da unten die Hölle … oder mit ihren Worten: die totale Entropie.”
„In Ordnung”, befahl der Captain routinemäßig. „Die Transportertechniker sollen sich bereithalten und Doktor Mbala soll die Lebenszeichen der Krieger überwachen.”
Eine Stunde später war T’Kuro mit ihrer Bruderschaft im Transporterraum. Die Ah’Maral trugen traditionelle Kleidung. Ihre schweren Taschen waren mit Werkzeugen und Messgeräten gefüllt. T’Kuro hatte aus einer plötzlichen Laune heraus ein etwa acht Quadratmeter großes Stück Spiegelfolie mitgenommen. Auf Vulkan machte man aus solchem Stoff Umhänge, die besonders ängstliche Eltern ihren Kindern mitgaben, wenn sie zum Kahs-wan, der traditionellen Überlebensprüfung, hinaus in die Wüste gingen. Sie wusste selbst nicht, warum sie es gekauft und mit zur CASABLANCA genommen hatte … und sie wusste auch nicht, warum sie es jetzt zum ersten Mal hervorgeholt, den leichten, dünnen Stoff fest zusammengerollt und mühsam in ihre Tasche gestopft hatte … und warum sie ihren Kriegern befohlen hatte, so viel Ersatzkommunikatoren wie möglich mitzunehmen. Als Turuska mit bedeutenden mentalen Gaben wusste sie, wann sie irgendwelche unverständlichen Impulse auf keinen Fall ignorieren durfte.
Die jungen Männer maßen ihre schöne, schwarze Anführerin mit bewundernden Blicken.
„Hier sind noch drei Probenbehälter, möchtest du sie nehmen?“ fragte der Jüngste vorsichtig.
„Ich habe keinen Platz mehr”, erklärte T’ Kuro kühl. Keiner der Männer wagte, das zu bezweifeln.
Einer der jungen Krieger holte sich schweigend einen zusätzlichen Beutel und verstaute die Behälter.
„Vorwärts, meine Waffenbrüder!” sagte T’ Kuro ernst. „Diese unbekannte Welt wartet auf uns!”

* * *

Sie materialisierten in einer endlosen Wüste aus feinem, dunklem Sand. Die Landschaft erinnerte an die Schmiede, einen besonders unwirtlichen Landstrich auf Vulkan, den das Haus Surak traditionell für seine Zeremonien beanspruchte. Der Himmel war tieforangerot und die purpurrote Sonne leuchtete fast so groß wie T’ Khuth am heimatlichen Himmel.
„Wir hätten doch Schutzanzüge nehmen sollen“, murmelte der jüngste Krieger ängstlich.
„Wir beeilen uns …” erklärte T’Kuro sanft. „Dieser Planet kommt mir ebenfalls ein wenig unheimlich vor, aber wir sind Ah’ Maral … wir müssen unsere irrationale Furcht verstoßen.”
Die Arbeit auf der Oberfläche des fremden Planeten war mühselig und anstrengend. Den jungen Männern lief schon bald der Schweiß in Strömen über die Gesichter, während sie das leichte Bohrgerät zusammenbauten, geeignete Stellen suchten und sich daran machten, aus verschiedenen Tiefen Proben zu nehmen.
T’ Kuro beobachtete inzwischen misstrauisch die Umgebung. Falls irgendetwas passierte, musste sie ihre jungen Waffenbrüder beschützen, das war sie ihnen als Anführerin schuldig.
„Wir sind hier fertig“, verkündete einer der Krieger glücklich.
T’ Kuro aktivierte ihren Kommunikator. „T’ Kuro an die CASABLANCA! Planquadrat eins wurde ordnungsgemäß beprobt. Ich erbitte weitere Anweisungen.” „Wir holen die Proben herauf”, meldete sich Kerala Moss. „Haltet euch bereit, wir beamen euch gleich zu Planquadrat zwei.” Zufrieden sahen die Ah’Maral, wie sich die Behälter mit Sand nacheinander in einem Flirren auflösten … schließlich war nur noch einer übrig. Der letzte Behälter ließ sich merkwürdigerweise nicht beamen. Er löste sich mehrere Male beinahe auf und materialisierte jedes Mal wieder.
„Was ist los?” fragte T’Kuro alarmiert. „Hat der Transporter eine Fehlfunktion?” Die Stimme von Kerala Moss klang seltsam verzerrt, als sie antwortete: „Nein, der Transporter ist in Ordnung … es ist die Sonne … das Strahlungsniveau steigt!”
„Mein Gott!” Jetzt erklang die Stimme des Captains aus T’Kuros Kommunikator. „Da bildet sich eine riesige Protuberanz. Wir können Euch nicht heraufholen und dort, wo ihr seid, gibt es keinerlei Schutz. Ich werde mir nie verzeihen, dass ich euch erlaubt habe, ohne Schutzanzug …” In dem statischen Rauschen und Knistern waren Coris Worte kaum zu verstehen.
„Ich habe acht Quadratmeter Spiegelfolie und zusätzliche Kommunikatoren mitgenommen!” schrie die Anführerin der Ah’ Maral. „Wir können ungefähr eine Stunde überleben. Holt uns raus, wenn die Eruption nachlässt!” „Ich verstehe … ihr könnt euch auf uns verlassen …” Danach waren nur noch knisternde Geräusche zu hören.
T’Kuro blickte einen Augenblick hinauf zum Himmel. Auf der purpurnen Sonne bildete sich ein riesiger dunkler Fleck, dessen Umgebung deutlich heller glühte, als der Rest des Gestirns. Über den orangeroten Himmel zogen sich auf einmal bläulich schillernde Streifen. Ein Wind kam auf und trieb den dunklen Sand vor sich her …
„Kommt schnell und helft mir!“ befahl sie mit unnatürlicher Ruhe und zerrte den Spiegelstoff aus ihrem Rucksack.
Mehrere Krieger halfen ihr, die riesige Plane auszubreiten. Dann krochen sie alle darunter, setzten sich auf die Ränder und hielten sie so an achtzehn Stellen fest. Der Wind zerrte vergeblich an dem glänzenden Stoff. Die kleine Gruppe Vulkanier drängte sich schutzsuchend aneinander. T’Kuro aktivierte unauffällig ihr Strahlungsmessgerät. Die Spiegelfolie hielt einen großen Teil der harten Strahlung ab … aber es drang genug hindurch, um sie zu töten, wenn sie nicht bald gerettet wurden.
„Müssen wir jetzt sterben?“ fragte der jüngste Krieger schüchtern.
„Möglicherweise ja”, antwortete seine Anführerin nüchtern. „Die CASABLANCA ist zu weit weg, um uns herauszuholen … und wenn sie näher heranfliegt, versagt womöglich ihr Schutzschild und das Leben der gesamten Crew wird gefährdet. Wir können nicht verlangen, dass sich die Vielen für uns opfern. Unsere einzige Chance ist, dass der Strahlungsausbruch nachlässt, bevor wir so sehr geschädigt werden, dass eine Heilung nicht mehr möglich ist.”
„Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles vorbei ist”, murmelte einer der Krieger frustriert. „Unser Tod bringt keinerlei Nutzen … er ist eines Ah’ Maral nicht würdig.”
„Wenn ich gewusst hätte, dass diese Mission das Ende bedeutet …”
„Eine gute Entrückung … ich hätte die letzte Nacht für eine gute Entrückung genutzt …”
„Ich hätte meinen Eltern noch eine Nachricht geschickt.“
„Und ich meiner Schwester.“
„Ich finde es scheußlich, dass man nicht einmal sehen kann, was da draußen passiert.“
„Wir sind wie Saronkäfer, die sich im Sand verkriechen …”
„Sag nicht, dass du da draußen sein willst … es ist unlogisch …”
„Man wird sich doch noch wünschen dürfen, dass es schnell vorbei ist … ich habe Angst davor, ganz langsam an der Strahlenkrankheit zu krepieren.”
„Wenn sie uns hier herausholen, sind unsere Gene sowieso kaputt. Man wird uns nicht mehr gestatten,
Kinder zu zeugen.“
„Ich habe wenigstens schon zwei …”
„Und ich werde nie welche haben …” murmelte der jüngste Krieger traurig.
„Hört auf zu jammern!” befahl T’ Kuro streng. „Vielleicht findet die Besatzung der CASABLANCA doch noch eine Möglichkeit, uns zu helfen. Ich möchte, dass ihr mir jetzt alle überzähligen Kommunikatoren gebt.” „Was hast du vor?“
„Die Spiegelfolie schirmt uns zu sehr ab. Ich werde einen Kommunikator aktivieren und nach draußen schieben. Wenn die Strahlung ihn zerstört hat, nehme ich den nächsten. So können wir wenigstens hören, ob Hilfe naht.” Mit diesen Worten nahm sie einen Kommunikator und bugsierte ihn vorsichtig hinaus, wobei sie sorgsam darauf achtete, ihre Hand nicht direkt der Strahlung auszusetzen. „Es wird hoffentlich eine Weile dauern, bis er kaputt ist …” murmelte sie besorgt.
Frustriert lauschten die Krieger dem Rauschen und Knistern, das aus dem Gerät kam. Niemand sprach es aus, aber alle glaubten auf irrationale Weise zu spüren, wie Neutronen und Gammastrahlen ihre Haut perforierten. Unter der Plane wurde es immer heißer und stickiger.
„Ich glaube, ich muss mich gleich erbrechen …” sagte einer verlegen.
„Es ist nicht deine Schuld”, erklärte T’Kuro weich. „Das sind die ersten Symptome …”

* * *

Captain Inserra starrte entsetzt auf den großen Monitor der Brücke. „Diese verdammte Sonne wirkte so friedlich … und nun seht euch diese Hölle an! Gibt es denn gar nichts, was man tun kann?”
„Wir dürfen das Schiff nicht gefährden“, warnte Kerala Moss.
„Aber die armen Kerle werden nicht lange durchhalten”, sagte Doktor Mbala leise. „Sie werden auf elende Weise sterben. Wahrscheinlich haben sie bereits die ersten Symptome der Strahlenkrankheit: Übelkeit, Erbrechen, Halsschmerzen … Sehstörungen.”
„Aber du könntest sie noch heilen?“ fragte der Captain.
„Gewiss … zum jetzigen Zeitpunkt …”
„Was wäre, wenn jemand ein Shuttle nehmen würde … und nahe genug heran fliegen, dass er das Außenteam herausholen könnte …” überlegte Cori. „Allerdings hat das Shuttle nur einen kleinen Transporter, mit dem man nur eine Person gleichzeitig … wie eine Relaisstation … einer muss ausharren, damit achtzehn Personen leben können …”
Niemand auf der Brücke wagte zu atmen. Wer immer das Shuttle in die Strahlung steuern würde, um die Vulkanier auf dem Planeten zu retten, war verloren. Zitternd warteten die Männer und Frauen auf der Brücke ab, wen der Captain in den sicheren Tod schicken würde.
„Macht das Shuttle startklar“, sagte Cori ernst und erhob sich von ihrem Sitz.
Jetzt kam Leben in die Brückencrew. „Du musst das nicht selbst machen”, sagte Kerala Moss. „Neun Leben sind genug … und du hast nur eins. Ich mache das.”
„Nein”, antwortete Captain Inserra ruhig. „Ich bin eine Helferin der Ah’ Maral, ich habe den Schwur geleistet. Es sind meine Waffenbrüder, die da unten zugrunde gehen. Ich habe lange für die Sternenflotte gelebt … und jetzt sterbe ich für Vulkan. Wenn ich das nicht tue, wird die Zeitlinie beschädigt. Beamt mich sofort in den Shuttlehangar! Das ist ein Befehl!”
Niemand hatte angesichts der allgemeinen Bestürzung bemerkt, dass Linar die Brücke betreten hatte. „Ich gehe mit dir”, sagte er tonlos. „Ich bin auch Helfer der Ah’ Maral …”
„Das kommt überhaupt nicht infrage!” widersprach Corazón energisch. „Ich werde nicht dulden, dass sich jemand ohne logischen Grund opfert … und deine Empfindungen sind bestimmt keiner. Vor dir liegt noch ein langes Leben. Du wirst eine andere Frau finden, eine, die dich besser versteht, als ich.”
Sie nahm Linar kurz in die Arme, drückte ihn kräftig an sich … dann trat sie einen Schritt zurück und gab Kerala Moss mit den Augen ein Zeichen. Fassungslos sah Linar, wie sich die geliebte Gemahlin vor seinen Augen auflöste.

* * *

T’Kuro hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Sie fühlte sich krank und elend … genauso elend wie ihre siebzehn jungen Krieger. Unter der schützenden Plane war es heiß, stickig und es roch penetrant nach Erbrochenem. Sie fühlte die Angst und Qual ihrer Waffenbrüder.
„Wir hätten wenigstens Schutzanzüge mitnehmen sollen“, dachte sie flüchtig. „Es ist alles meine Schuld!“
Plötzlich ertönte aus dem Kommunikator eine sehr vertraute Stimme: „Begebt euch einzeln im Abstand von drei Minuten nach draußen. Wir holen euch jetzt raus!“
T’Kuro sah ihren jüngsten Waffenbruder an. „Mach schon! Raus mit dir … und dann kommen diejenigen, denen es besonders schlecht geht!”
Zufrieden sah sie zu, wie einer nach dem anderen verschwand.
„Es ist unsere Bestimmung, zu überleben”, dachte sie. „Wir werden in dem großen Krieg gebraucht … aber ich darf nie vergessen, welch eine gute Freundin ihr Leben für uns gibt …”

* * *

In dem kleinen Shuttle schrillten pausenlos die Alarmsignale: „Bei diesem Strahlungsniveau ist ein Überleben noch zwanzig Minuten möglich … noch fünfzehn Minuten … noch zehn Minuten …”
Captain Inserra beobachtete zufrieden, wie nacheinander die jungen, dunkelhäutigen Männer in weißen
Mänteln auf ihrer TransporterPlattform auftauchten. Mit jedem Krieger, den sie in Richtung ihres Schiffes beamte, wurde sie ruhiger.
„Ich wünsche euch ein langes Leben und Erfolg …” dachte sie inbrünstig und ignorierte geflissentlich, wie übel ihr war.
„Bei diesem Strahlungsniveau ist ein Überleben noch fünf Minuten möglich … noch vier Minuten … noch drei Minuten …” Die Stimme des Computers klang monoton und gleichgültig … und wirkte gerade deswegen extrem beängstigend. „Bei diesem Strahlungsniveau ist kein Überleben mehr möglich … es ist kein Überleben möglich … kein Überleben …”
Cori schaltete den Lautsprecher einfach ab. Sechs Männer und T’ Kuro mussten noch aus dem Inferno gebeamt werden.

* * *

Die Anführerin war froh, als der letzte ihrer Waffenbrüder verschwunden war. Sie kroch entschlossen unter der silbrigen Plane hervor. Die Welt da draußen war unerträglich heiß, glühend rot … der dunkle Sand fluoreszierte Unheil verkündend, der Wind heulte wie ein gemartertes Tier und über den Himmel zogen sich noch immer leuchtende, schillernde Streifen.
„Ich bin bereit!” sagte T’Kuro mit letzter Kraft. Dann verschwamm die Hölle vor ihren Augen.
„Cori!” sagte sie dankbar zu der Frau mit dem geröteten, verquollenen Gesicht an der Konsole. „Ich hatte schon keine Hoffnung mehr …”
„Grüß meine Mannschaft … und meinen Linar. Sag ihm bitte, dass er ein fantastischer Liebhaber ist!”
„Kommst du denn nicht mit?“ fragte T‘Kuro leise.
„Ach weißt du”, antwortete Cori mit schiefem Lächeln. „Mein Computer erzählt mir schon seit zwanzig Minuten, dass ich eigentlich tot bin … ich habe ihn abgestellt.”
„Doktor Mbala ist ein guter Arzt, vielleicht …”
„Nein, es ist zwecklos. Ich wünsche dir Erfolg und ein langes Leben, T’Kuro!” „Ich werde T’Liza bitten, ein Lied für dich zu schreiben”, versprach die Kriegerin ernst.

* * *

Die Konsole des Shuttles war mit Erbrochenem besudelt. Vor Captain Inserras Augen flimmerte es. „Meine Augenflüssigkeit fluoresziert”, dachte sie verwundert. „Es sieht beinahe hübsch aus … wenn mir nur nicht so schlecht wäre. Ich bin wahrscheinlich so sehr radioaktiv verseucht, dass ich jeden, den ich umarme, umbringen würde. Sie werden mich hinter eine Abschirmung stecken … und Doktor Mbala wird einen Schutzanzug anziehen müssen, wenn er mich behandelt.”
Eine Weile betrachtete sie gedankenlos die bunten Lichter vor ihren Augen. „Es wird schlimmer … und sie werden womöglich eine Rettungsaktion starten … das darf nicht passieren … ich will nicht langsam hinter dieser Abschirmung krepieren … und ich will vor allem nicht, dass Linar dabei zusieht …”
Mit einer fahrigen Bewegung aktivierte sie den Bordcomputer. „Computer, setze Kurs auf die Sonne dieses Systems. Wie lange dauert es mit Maximum Impuls, bis die Korona erreicht ist?“
„Siebenunddreißig Minuten, fünfzehn Sekunden.“
„Zu lange“, entschied der Captain ungeduldig. „Und wie lange dauert es mit Warp eins?“
„Null Komma neun Sekunden“, antwortete der Computer bereitwillig.
„Programmieren!“
„Kurs ist programmiert“, sagte der Computer emotionslos. „Aber ich weise darauf hin, dass das Schiff verbrennen wird.“
„Einwand wird ignoriert … Warpflug jetzt!”
Captain Inserra hatte nicht einmal mehr Zeit, sich erschöpft zurückzulehnen. Obwohl die Sonne, in der sie sich wiederfand, rot war, empfand sie den Tod als grelles, weißes Licht. Da war nichts mehr als dieses barbarische Leuchten … und sie verstand nicht, warum sie es immer noch sah …

* * *

Auf der Brücke der CASABLANCA herrschte Ratlosigkeit. Captain Inserra machte keinerlei Anstalten, mit ihrem Shuttle zurückzukehren. Es hing bewegungslos auf halbem Wege zwischen dem Schiff und dem unglückseligen Planeten, auf dem beinahe eine ganze Bruderschaft der Ah’ Maral ihr Leben eingebüßt hätte. Der Transporter-Spezialist versuchte, Captain Inserra zu erfassen.
„Sie hat ihren Kommunikator deaktiviert …” murmelte er verständnislos.
„Warum kommt sie nicht zurück … je länger sie da draußen bleibt, desto schlechter werden ihre Chancen … sie wird sterben, wenn sie nicht bald …” flüsterte Linar und verstummte dann unglücklich.
„Niemand kann ihr jetzt mehr helfen …” sagte Kerala Moss behutsam.
„Aber Doktor Mbala…“
„Wir können froh sein, wenn es ihm gelingt, alle Krieger zu retten“, antwortete Kerala sanft. „Er ist nur ein Arzt und kein Zauberer.“
Plötzlich erbebte das kleine Shuttle und verschwand in einem Lichtblitz.
Die Crewmitglieder sahen sich fassungslos an. „Sie ist mit Warp eins in diese verdammte Sonne gestartet“, flüsterte Kerala Moss. „Sie hat einfach auf den Knopf gedrückt und ihr Leben ausgelöscht!“
„Meine Cori ist tot!” Linar sah hilflos von einem zum anderen. „Sie hat sich einfach umgebracht, statt zu mir zurückzukehren … und … weil …”
Mit tiefem Unbehagen sahen die Sternenflottenoffiziere, wie Linar zusammensackte und sich schluchzend auf dem Boden der Brücke krümmte …

* * *

Kerala Moss brachte Linar auf die Krankenstation. „Doktor Mbala… er braucht unbedingt ein Beruhigungsmittel … bitte, er verkraftet es nicht.”
„Ja, sofort”, murmelte der dunkelhäutige Arzt mit jener Mischung aus Hast und Verzweiflung, wie sie nur ein Mediziner angesichts einer wahren Flut lebensgefährlich Verletzter empfinden kann. „Ich habe noch fünfzehn Patienten mit akuter Strahlenkrankheit …”
„Wir können noch nicht einmal ihre Asche nach Hause bringen …” flüsterte Linar tonlos und stille Tränen
liefen über sein Gesicht. „Wie konnte sie das nur tun … dieser Warpsprung in die Sonne … warum nur … warum wollte sie nicht, dass ich Abschied nehme … sie ein letztes Mal umarme … warum hat sie mich einfach verlassen … Vulkan war unser Zuhause … genau wie die Sterne … warum kann ich noch nicht einmal ihre Asche … keine letzten Worte der ältesten Mütter … ich verstehe das nicht …”
Kerala hielt Linar fest in den Armen. „Captain Inserra wollte bestimmt, dass du sie so schön und tatkräftig in Erinnerung behältst, wie sie ihr ganzes Leben lang war. Sie wollte nicht, dass du ihre verbrannte Haut siehst, ihr langsames Sterben … und wie ihr das Haar ausfällt …”
„Das wunderschöne rote Haar …” schluchzte Linar leise. „Aber vielleicht …”
„Sie war nicht mehr zu retten“, erklärte Doktor Mbala sachlich und wandte sich dem nächsten verwundeten Krieger zu.
„Ich habe als letzte Coris Shuttle passiert”, sagte T’Kuro ernst und richtete sich mühsam von ihrem Krankenlager auf. „Sie sah schlimm aus, aber ihr Nehau leuchtete regelrecht vor Tatkraft und Hingabe. Linar, es war ihr eigener Wille, nach den Wertvorstellungen Vulkans zu leben und zu sterben … für das Wohl der Vielen ihre eigene Existenz zu opfern. Die Ah’ Maral werden sie ebenso verehren wie Schaman aus dem Hause Kuma.”
„Aber ihre Asche …”
T’Kuro heftete ihre großen schwarzen Augen eindringlich auf Corazóns verstörten Ehemann. „Die Asche ist nicht wichtig … und eine Abschiedszeremonie können wir trotzdem abhalten … das Haus Boras, die Krieger, ihre Verwandten und Freunde … Du solltest deiner Gemahlin ihren glorreichen Tod gönnen … er passt zu ihr.”
„Ich versuche ja, zu verstehen …”
„Ich verrate dir etwas …” In T’Kuros kränklich und grau aussehendem Gesicht leuchteten ihre Augen wie dunkle Sterne. „Deine geliebte Cori ist auf die gleiche Weise gestorben wie der Eine, der eigentlich viele ist … wie Ah’ Tha, der alles sieht und niemals eingreift. Ihr Katra war auf dem Höhepunkt der Kraft und Leidenschaft, als sich ihr Körper im Feuer der Sonne auflöste. Man sagt, dass ein solches Katra auch über die Entropie triumphieren kann.”
„Du meinst, ihr Geist lebt noch in dieser entsetzlichen Glut?“ erkundigte sich Linar erschrocken.
„Er lebt … und er wird weiter wandern, bis er den Einen trifft.”
„Was wird dann geschehen?“ fragte Kerala interessiert.
„Der Eine, der alles sieht und normalerweise niemals eingreift, wird das einsame Katra als seine jüngere Schwester erkennen und es liebevoll aufnehmen.“
„Das klingt fast so wie das christliche Versprechen von einem Weiterleben der Seele im Paradies …” meinte Doktor Mbala nachdenklich, während er weiter mit flinken Händen Brandwunden verband und Hyposprays verabreichte. „Ich dachte immer, Vulkanier glauben nicht an den Himmel.”
„Das tun sie auch nicht”, antwortete T’ Kuro ernst. „Ich sage ja nicht, dass Cori in die ewige Seligkeit eingeht, sondern dass sie ein Teil von Ah’ Tha wird, dem Einen, der alles sieht und niemals eingreift. Das ist etwas ganz anderes.” „Es entspricht aber nicht gerade Coris Temperament, einfach nur zuzusehen …”
„Sie kann den Liebenden begegnen, die sich im Angesicht der A‘Kweth vereinigen“, bemerkte ein junger Krieger sanft.
„Und sie kann mithelfen, die Entropie des Universums zu verringern“, ergänzte ein anderer.
Auf der Krankenstation war es mit einem Mal ganz still. Der Arzt hatte alle Patienten versorgt … ihre Wunden behandelt, ihre DNS bewahrt und ihre Schmerzen gelindert.
„Niemand wird sterben … niemand wird einen dauerhaften Schaden davontragen”, sagte Doktor Mbala überglücklich. „Captain Inserras letzter Kampf war ein voller Erfolg.” Abrupt wandte er sich Linar zu. „Jetzt habe ich Zeit für Sie … möchten Sie ein Beruhigungsmittel?”
Corazóns Ehemann beachtete ihn nicht. „Diese Geschichte von Coris Katra habt ihr nur erfunden, um mich zu trösten …”
T’ Kuro sah ihn verwundert an. „Warum sollte ich dir etwas vorlügen? Ich bin Vulkanierin… es wäre nicht logisch.” „Aber dann … wie kommst du darauf?”
„Hrrwass hat es mir erklärt …” sagte T’Kuro still. „Er ist älter und weiser als wir … er hat bereits gelebt, als unser Planet noch ein grünes Paradies war … du kannst ihm vertrauen.”
„Brauchen Sie ein Beruhigungsmittel?“ wiederholte der Arzt beharrlich seine Frage.
Linar wandte sich ihm mit leuchtenden goldbraunen Augen zu. „Nein, Doktor … das Katra meiner Gemahlin lebt. Es ist irgendwo da draußen … und wird eines Tages von Ah’Tha gefunden werden. Ein Teil von mir wird immer bei ihr sein … und bei dem Einen.”
„Linar…” versuchte Kerala ihn zu stoppen. „Das alles ist nur eine Theorie …”
„Ich werde es spüren … irgendwann wird sie zu mir sprechen.” Linar lächelte zum ersten Mal nach dem grässlichen Unfall. „Ich werde immer an Cori denken und nie aufhören, sie zu lieben … aber es wäre unlogisch, um sie zu trauern.”

* * *

Mehrere Tage später befreite sich ein winziger Klumpen geballter mentaler Energie aus der alternden Sonne eines Planetensystems am Rande der bekannten Welt. Obwohl kein Körper mehr vorhanden war, nahm das Energiewesen die Umgebung mit allen Sinnen wahr … Sinnen, die sehr viel weiter reichten, als die eines Menschen.
„Wo ist mein Schiff?” fragte das Wesen, das einmal Captain Inserra gewesen war. „Wo sind meine Freunde, mein geliebter Linar…” Die Erinnerung an unzählige, makellose Entrückungen erfüllte sie. Sie orientierte sich im Raum … fand die Richtung, in der Vulkan lag, ihre staubige Nemesis, der einzige Planet, der ihr noch etwas bedeutete, auf dem der einzige Mann zu Hause war, den sie jemals geliebt hatte … der Einzige, an den ihr körperloses Katra sich noch erinnerte … „Ich komme zurück zu dir …”
Plötzlich fühlte sie einen Sog, der sie sanft und beharrlich in die entgegengesetzte Richtung zog. Viele Stimmen, die wie eine sanfte Melodie klangen, riefen sie … und das Bündel mentale Energie, das früher einmal Captain Corazón Inserra von der U.S.S. CASABLANCA gewesen war, verstand, was die Vielen von ihm wollten. Es ließ alles los, was ihm bisher etwas bedeutet hatte.
„Verzeih mir, Linar”, dachte Cori, während sie willig dem Ruf der Fremden folgte. „Ich liebe dich für alle Ewigkeit … und ich würde jetzt sehr gern in deiner Nähe sein … aber auf mich wartet eine sehr wichtige Arbeit. Die Entropie dieses Universums ist immer noch viel zu groß …”

© 2002 by Anneliese Wipperling

 

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