Über das Böse

Die Begegnung mit dem unendlich Bösen, das heißt dem vollständigen Fehlen von Liebe, war für die Ah’Maral eine grausame Prüfung. Aber auch die Chance für die Erneuerung der Organisation als Ganzes …

Madras aus dem Hause Kinsai: Rede zur Erneuerung der Ah’Maral

(Übersetzung von Anneliese Wipperling)

“Meine Waffenbrüder und hoffentlich auch meine Freunde. Dies ist ein bedeutender Tag in der Geschichte der Ah’Maral … nicht, weil wir das Böse für immer besiegt haben, denn das schafft niemand … sondern weil wir endlich wieder verstehen, wie wichtig die Lehren unserer Vorfahren sind. Schaman aus dem Hause Kuma hat mit der Kraft der reinen Liebe die letzte und größte Macht aller Lebenden gegen die Feinde unseres Volkes mobilisiert und es gelang den Bruderschaften durchzuhalten, bis der große Surak dem Morden auf Vulkan ein Ende bereitete. Schaman, der seine ganze Familie … eine freundliche Bindungspartnerin, drei kleine Kinder, Brüder, Schwestern, Eltern … verloren hatte, dachte bestimmt nicht an schwulen Sex, als er die Prinzipien der Ah’Maral formulierte. Für ihn war die körperliche Vereinigung nur ein Mittel, um die Bindung zwischen den Kämpferinnen und Kämpfern herzustellen, um jene makellose Einheit des Wissens und des Willens zu erzielen, die uns bis heute beschützt hat.
Und, meine Brüder, Schaman meinte tatsächlich Liebe: Das heißt Fürsorglichkeit, Wissen und Verantwortung für den Nächsten. Die Entrückung im Augenblick der Vereinigung der Körper und Katras ist nur ein winziger Teil dessen, worum es geht, ein Stern in einem ganzen Universum, eine einzelne Facette eines makellos geschliffenen Steins.
Temo war ein Mann, der niemals echte Liebe empfangen hatte, der schon als Kleinkind von seinen Eltern als irrelevant empfunden und bereits kurze Zeit nach seinem Kahs-wan in ein Heim für unvollkommene Kinder abgeschoben wurde, wo er allmählich zu jenem Lematya mutierte, der uns allen so viel Schmerz bereitet hat. Wir sollten ihm nicht nur mit Zorn begegnen, sondern auch mit Mitleid. Es war nicht allein seine Schuld, dass alle sanften und freundlichen Triebe in ihm verdorrt sind.
Die Begegnung mit dem unendlich Bösen, das heißt dem vollständigen Fehlen von Liebe, war für die Ah’Maral eine grausame Prüfung. Ich meine nicht nur die Mitglieder von Temos Bruderschaft, sondern unsere Organisation als Ganzes. Einige von uns haben diese Prüfung nicht bestanden: Vier Krieger sind feige geflohen, vier haben mit dem Feind gemeinsame Sache gemacht … und unsere Anführer haben versucht, die Wahrheit zu unterdrücken, um weiter in Amt und Würden zu bleiben.
Mehrere Leben wurden beeinträchtigt, verdunkelt … und drei für immer zerstört. Wir wissen inzwischen, dass Lator keines natürlichen Todes gestorben ist, dass Temo ihn beseitigt hat, um ihn zu beerben. Wir trauern um unseren Bruder Lator, der in einem langen Leben viel für die Ah’Maral getan hat. Ebenso wie seine beiden alten Waffenbrüder, die ihr ehrloses Leben weggeworfen haben. Jetzt ist der richtige Augenblick, um wir an Luktur und Rimi zu denken, deren Körper immer noch in einer Kühlanlage auf die Bestattung warten. Die bisherigen Anführer hätten sie wahrscheinlich am liebsten irgendwo formlos verscharrt, aber ich bin der Meinung, dass ihnen sämtliche Krieger das Geleit zu unserem Versammlungsplatz geben müssen, wo ihre Asche bei den Toten des Hauses Kuma ruhen soll.
Meine Brüder! Es hat sich gezeigt, dass wir heutigen Ah’Maral viel verwundbarer sind als unsere Vorfahren, weil ein tausendjähriger Frieden unsre Wachsamkeit eingeschläfert und unsere Instinkte verkrüppelt hat. Nun, wo der Krieg mit den Sklavenjägern uns nicht immer wieder zwingt, unsere Feinde an Mut, Selbstlosigkeit und Intelligenz zu übertreffen, müssen wir neue Wege finden, um die alten Kräfte und Ideale zu bewahren.
Die neuen Regeln müssen gründlich überdacht und von allen Ah’Maral akzeptiert werden. Dies ist keine Angelegenheit, die von den Anführern allein geregelt werden kann. Nur eine breite Diskussion zwischen den Bruderschaften und Generationen wird uns bei der Erneuerung helfen. Aber wir sollten jetzt und heute erste Ideen sammeln und Denkanstöße liefern. Ich bitte euch ums Wort, meine Waffenbrüder.”

(Auszug aus: Anneliese Wipperling: “Logik aus der Kälte“ , 2002)

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