Dein Feind ist dein Bruder

Wo müssen wir ansetzen, um schlimme Ereignisse zu verarbeiten und zumindest teilweise zu sühnen? Rachsucht ist ein natürliches und im ganzen Universum verbreitetes Gefühl. Den Gegner zur Bestie hochzustilisieren, ist jedoch die Wurzel schlimmsten Übels …

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Andal aus dem Hause Boras: Rede anlässlich der Öffnung des Datenstroms nach Talur
(Übersetzung von Anneliese Wipperling)

“Rachsucht ist vermutlich ein im ganzen Universum verbreitetes Phänomen. Wir Heylaner haben mit dem Bakh’Hatsu traurige Berühmtheit erlangt, einer Form der Vergeltung, die weit über das normale „Auge um Auge, Zahn um Zahn” hinausgeht. Wer Bakh’Hatsu schwört, wird den Verlust eines Auges sühnen, indem er dem anderen bei lebendigem Leib die Därme herausreißt und aus ihnen Saiten für seine Harfe anfertigt. Selbst Ennu hat es nicht geschafft, den Heylanern jenen scharfen Durst nach dem Leiden des Gegners gänzlich auszutreiben. Mein Volk, die Turuska, hat nie versucht, diesen Drang mit der Wurzel aus dem Umah zu reißen … aber es hat eine eiserne Regel aufgestellt, die nur von geistig defekten Personen gebrochen wird: Es ist uns verboten, Bakh’Hatsu an einem Außenstehenden zu vollziehen … an einem unschuldigen Stellvertreter des Täters.
Es ist mittlerweile bekannt, dass unser Volk in der Zeit vor Ennu grausamen Verfolgungen durch Sklavenhändler und Genetikfirmen ausgesetzt war. Ja, unsere Krieger haben bestimmte Verbrecher ganz gezielt gefangen, ihnen den Prozess gemacht und sie dann zu den Futterplätzen der Raspayatis gebracht. Es war sicher nicht angenehm für die Verurteilten, viele Timas oder ganze Tage angekettet darauf zu warten, dass die hungrigen Bestien kamen und sie zerfleischten. Diese Bestrafungen dienten nicht nur der Heilung eigener Wunden, sondern waren auch Teil eines Abschreckungssystems, das sich zumindest teilweise als recht wirksam erwies.
Jetzt wird manch einer sagen: „Sieh an, die Heylaner sanktionieren die Blutrache und noch Schlimmeres, ihr archaisches Bakh’Hatsu … einen Amoklauf gegen jede Art Gerechtigkeit. Nun, das Bakh’Hatsu hat seine zweifelhaften Aspekte und ich lehne es für meine eigene Person strikt ab. Dennoch habe ich nicht das Recht, für alle zu sprechen, denn der Schmerz ist eine sehr individuelle Angelegenheit … und die Wege aus dieser Qual sind es auch. Nicht jeder ist in der Lage mithilfe des Umahaij eine emotionslose Entscheidung zu treffen … und selbst wenn: Es gibt auch eine perfide Logik der Vergeltung. Vielleicht ist das der Grund, weshalb es Ennu nicht gelungen ist, Heyla gänzlich von der Rachsucht zu befreien.
Aber bevor sich jetzt jemand entspannt zurücklehnt, weil er glaubt, sich nicht mehr anstrengen zu müssen, um seine Lust auf Vergeltung zu verstoßen, möchte ich auf einen gravierenden Unterschied zwischen Bakh’Hatsu und dem, was in den letzten Decenna geschehen ist, hinweisen. Bakh’Hatsu richtet sich immer gegen konkrete Feinde: Personen, Clans, Firmen, Armeen … nie gegen ganze Spezies oder Bevölkerungsschichten … und vor allem nicht gegen Unbeteiligte. Als unsere Krieger gegen das brutale Haus Sadam zu Felde zogen, haben sie ganz bewusst die Kinder verschont und jene Erwachsenen, die beweisen konnten, dass sie an den Gräueltaten nicht beteiligt waren, wieder nach Hause geschickt.
Und nun bedenken Sie, was Bürger unserer angeblich so zivilisierten Liga friedlicher Welten in letzter Zeit angerichtet haben! Die Nakkaraner haben den Verlust ihrer Götter zum Anlass genommen, ihren Rachegelüsten freien Lauf zu lassen und unbescholtene, wehrlose Taluri zu quälen und zu töten. Nicht wenige haben an der Befriedigung dieser Lust viel Geld verdient. Ich verstehe ja, dass das Schweigen der Schutzgeister die Nakkaraner zutiefst verunsichert hat, aber musste ihre neue Sekte unbedingt die niedrigsten Instinkte bedienen? Wäre es nicht sinnvoller gewesen, sich durch Meditation, Nachdenken und Gebete um eine neue Form der Spiritualität zu bemühen? Nein, die stummen Götter wurden gnadenlos missbraucht und ich denke, dass die falschen Bjena das ganz bewusst taten, sonst hätten sie nicht versucht, die alte Priesterkaste auszurotten. Die Taluri waren einst extrem bösartige Sieger gewesen und nun ging die Saat ihrer Arroganz und Maßlosigkeit auf. Auch wenn die blauen Bjena es nicht so genannt haben: Das war Bakh’Hatsu an Unbeteiligten … eine extrem scheußliche ethische Verirrung.
Und was soll man zum wieder aufleben der Sklaverei auf gewissen Kolonieplaneten der Liga sagen? War das Durst nach Rache für die gelegentlichen Übergriffe der Taluri, schnödes Gewinnstreben, Befriedigung eines latent vorhandenen Sadismus … oder einfach das Bedürfnis, alle schweren und unangenehmen Arbeiten auf andere abzuwälzen? Wahrscheinlich war ein Konglomerat aus ganz verschiedenen Motiven der Grund. Das Ergebnis ist jedenfalls, dass wir alle uns für die Taten gewisser Mitbürger schämen müssen. Wir sind nicht zivilisierter als die Imperier, die Wikissa oder die Taluri. Unsere Gesetze und die offizielle Ethik sind humaner als die der genannten Völker, aber das bedeutet noch lange nicht, dass alle Individuen den Normen ihrer Gesellschaft entsprechen. Es mag auf Talur Personen mit ungewöhnlich intakter Ethik und starkem Mitgefühl geben, andererseits tragen nicht wenige Bürger der Liga reißende Bestien und kaltherzige Geschäftemacher in sich.
Es ist an der Zeit, die Erfahrungen der letzten Jahre zu verallgemeinern und den unappetitlichen, beschämenden Ereignissen auf den Grund zu gehen. Was ist der Grundfehler? Wo müssen wir ansetzen, um die schlimmen Ereignisse zu verarbeiten und zumindest teilweise zu sühnen? Lassen Sie uns gemeinsam darüber nachdenken, was die Wurzel allen Übels ist!
Aus meiner Sicht ist es die innere Einstellung zum Gegner. Wenn ich ihn zur Bestie hochstilisiere, den Hass kultiviere und ganz gezielt zur Rache aufrufe, wird das den Kampfgeist der eigenen Leute enorm stärken. Für den Moment ist das ein Vorteil, aber was passiert, wenn schutzlose Individuen ins Spiel kommen? Oder wenn der Feind niedergeworfen wurde? Dann stehen die von der Propaganda entfesselten Triebe einer vernünftigen Lösung im Weg. Dann müssen Flüchtlinge und harmlose Siedler für die Verbrechen ihrer Regierung büßen. Dann wird man an Frauen, Kindern und Greisen abreagieren, was man den fremden Soldaten nicht antun konnte.
Wenn Sie die Geschichte der Planeten des roten Sektors studieren, werden Sie feststellen, dass das maßlose Verhalten der Sieger kolonialer Raubzügen und Kriege immer wieder die Quelle für blutigen Terrorismus und neue Kriege war. Nehmen wir ein Beispiel von der Erde. Dort gab es zu Beginn des Industriezeitalters den so genannten ersten Weltkrieg. Einige Mächte waren bei den damals üblichen Raubzügen auf unterentwickelten Kontinenten weniger erfolgreich als andere und nun sollte die Beute neu verteilt werden. Die alten Kolonialmächte siegten am Ende und verurteilten die Besiegten zu Reparationszahlungen, die weite Teile der Bevölkerung in bitteres Elend stürzten. Hinzu kamen Gebietsverluste und demütigende Einschränkungen im politischen und wirtschaftlichen Leben. Wie wir alle wissen, ist aus diesem Machtrausch der Sieger kein sicherer Frieden entstanden. Im Gegenteil: Die besiegten Völker entwickelten einen extremen, aggressiven Nationalismus. Der Weg für eine gewissen Adolf Hitler und seinen perversen Rassen- und Zerstörungswahn wurde frei.
Nein, die Entwürdigung, Bevormundung und Ausbeutung der Besiegten rächt sich irgendwann bitter. Wenn diese Ungerechtigkeiten lange genug andauern, verliert das betroffene Volk jede Ethik, jedes Maß und jedes Mitgefühl mit den Siegern. Dann wird man für ein getötetes Kind zehn unschuldige Kinder des Feindes umbringen und sich dabei noch im Recht fühlen. Dann wird man ganze Gebäude in die Luft sprengen, wohl wissend, dass sich darin harmlose Zivilisten befinden. Dann wird die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht, einem Volk oder einer Spezies ausreichen, um eine Person zum Tode zu verurteilen. Vergangenheit und Gegenwart sprechen eine deutliche Sprache: Terroranschläge in Moskau, New York und Madrid auf der Erde, geopferte Taluri auf Nakkar, lebendig verbrannte Djindjii auf Norna.
Mir ist klar, dass es vielen schwer fällt, den Dienern und Verbündeten des Triumphats mit Verständnis und Liebe zu begegnen … vor allem denjenigen, die Angehörige und Freunde verloren haben. Allerdings sollten wir nie vergessen, dass in einem Krieg auch der Feind Angehörige und Freunde verliert. Oft ist uns der Gegner näher, als wir denken und wenn man sich bemüht, zu verstehen, verflüchtigen sich Überlegenheitsgefühle und Hass zuweilen sehr schnell.
Versuchen wir, die Lebenssituation der verhassten Taluri zu begreifen! Zwei Drittel der Bevölkerung dieser Welt vegetieren in bitterster Armut. Die Häuser der Reichen gleichen belagerten Burgen, die von Wellblechhüttenarmeen und Abfallozeanen eingeschlossen sind. Das Elend ist unbeschreiblich, die Kindersterblichkeit beträgt fast dreißig Prozent, viele Slumbewohner sterben frühzeitig an leicht heilbaren Infektionskrankheiten und Lebensmittelvergiftungen. Sie haben keine Heiler und keine Gedankentechniker, die ihnen helfen, mit ihren psychischen Problemen fertig zu werden. Hunger und Verwahrlosung während der Kindheit und die ausweglose Lage der erwachsenen Slumbewohner sind ein guter Nährboden für Alkohol- und Drogenabhängigkeit, Depressionen, schwere Neurosen, Destruktivität, Nekrophilie, Mordlust, paranoide Schizophrenie … und das sind nur die häufigsten Erkrankungen der Umahs. Wenn man das bedenkt, werden die Gräueltaten talurischer Soldaten erschreckend plausibel.
Wenn wir nach Art der maßlosen Sieger von Talur Reparationen verlangen, wird man die Mittel dafür mit Sicherheit wieder den Ärmsten der Armen abpressen. Je unterprivilegierter und hilfsbedürftiger ein Taluri ist, um so heftiger wird er uns, die aus seiner Sicht äußerst wohlhabenden und gierigen Bürger der Liga, anklagen. Er war niemals in die Entscheidungen seiner Regierung einbezogen und nun muss er ganz allein dafür bluten. Seine Sozialhilfe, die jetzt schon nicht zum Leben reicht, wird weiter gekürzt, Begabtenprogramme für Slumbewohner werden gestrichen und öffentliche Speisungen abgeschafft. Und falls die Armee entwaffnet wird, was auch ein beliebter Passus in Kapitulationsurkunden ist, werden die jungen Männer, ihrer einzigen Arbeitsmöglichkeit beraubt, nutzlos in ihren Hütten hocken und den Hass auf ihre Peiniger in sich hineinfressen. Leider werden sie dabei nicht an ihre eigene Regierung denken, sondern an uns, die Bewohner der Welten der Liga. Sie werden von den guten, alten Zeiten träumen, als Talur noch groß und mächtig war.
Nein, liebe Mitbürger. Der Gedanke, dass unseretwegen das Elend in den Slums wächst, ist für mich in jeder Hinsicht unerträglich. Das Wohl der Vielen ist wichtiger, als das Wohl des Einzelnen, sagte Ennu. Er hat damit bestimmt nicht nur sein eigenes Volk, die Heyla’Rah gemeint und auch nicht nur die Heylaner oder befreundete Spezies … Nein, Ennu hat an alle denkenden und fühlenden Lebewesen im Universum gedacht.
Als Bomben auf unsere Großstädte fielen und das Triumphat daranging, die Heylaner wie Versuchstiere zusammenzutreiben, wäre es irrational und unverantwortlich gewesen, ihnen nicht mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten. Es war nicht die Zeit für Feindesliebe und fundamentalistischen Pazifismus, sondern die Zeit für den unerbittlichen Kampf um unsere Freiheit und Unversehrtheit. Aber nun, wo der Gegner geschlagen am Boden liegt, sollten wir verinnerlichen, was Ennu gesagt hat und begreifen, dass er unser Bruder ist. Nutzen wir den freien Datenstrom zwischen Heyla und Talur, um einander kennen und lieben zu lernen.”

(Auszug aus: Anneliese Wipperling: “Rückkehr der Poeten“ , 2006)

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