J.J. Abrams’ „Star Trek“: Mit Schirm, Charme und NOKIA

Von einigen Trekkies wird er liebevoll „No Trek“  genannt – von anderen „Star Trek auf LSD“ . Die Rede ist vom 11. Star Trek Kinofilm und er trägt den innovativen Titel – Trommelwirbel, gespanntes Schweigen – „Star Trek“ !
Da ich im Vorfeld schon einiges an Kritik und Spoilern gelesen hatte, die für „Alt“ -Trekkies nicht gerade magenfreundlich waren, ging ich mit der Prämisse ins Kino: Ich vergesse einfach, dass das Star Trek sein soll, und habe meinen Spaß.
Das hat erstaunlich gut funktioniert.
Bei der Eröffnungssequenz kam wieder Erwarten echtes Trek-Feeling auf. Abgesehen davon, dass wir eine perfekt gedrehte Actionszene mit Gänsehaut-Garantie zu sehen bekamen, braucht man am Ende sogar Taschentücher.

Leider folgte direkt hinter dem aufwühlenden Beginn das filmische Äquivalent zu einer Eisdusche mit dreckigem Wasser: Rotzlöffel Jimmy Kirk, der in einem rostigen, untrekkigen Oldtimer durch Iowa rast und mangels Kindersitz kaum übers Lenkrad hinaus gucken kann.
Der Anblick der Corvette kann selbstverständlich niemanden mehr erschüttern, der den Trailer kennt. Eben so wenig dieser ulkige Robocop, der hinter Kirk her war und offensichtlich vergessen hat, sein 80er-Jahre-B-Movie-Halloween-Kostüm auszuziehen. Alles noch verzeihlich – aber NOKIA?????? Hier kommt schnell der Verdacht auf, J.J. Abrams dringend einen Sponsor gebraucht hat, um Leonard Nimoy bezahlen zu können.

Wir erleben, wie Jimmyboy zehn Jahre später in einer Bar versucht, Uhura anzubaggern, dafür gewaltig die Visage poliert kriegt – und erfahren so nebenbei, wie schnell man im Abramsverse Captain werden kann. Kirk schafft es jedoch, die acht Jahre, die Pike ihm bis zum eigenen Kommando gibt, haushoch zu unterbieten. Er wird – nachdem er sich durch den Kubayashi-Maru-Test geschummelt hat, ein paar mal gewürgt wurde und mehrmals im wahrsten Sinne des Wortes über dem Abgrund hing – direkt von der Akademie in den Kommandosessel des nagelneuen Flaggschiffes befördert.
Nicht erst an dieser Stelle merkt der geneigte Zuschauer, dass der Film offensichtlich auf ein Publikum zielt, welches einen Captain über dreißig sofort ins Pflegeheim abschieben würde.

Abgesehen davon gelingt J.J. Abrams und dem Hauptdarsteller Chris Pine eine runde Charakterzeichnung des jungen, draufgängerischen James T. Kirks.
Auch die anderen Darsteller und ihre Charaktere wissen zu überzeugen und zu begeistern.
Zachary Quinto braucht den Vergleich mit Leonard Nimoy nicht zu scheuen, während dieser in seinem Gastauftritt eine atemberaubende Präsenz an den Tag legt.
Karl Urban als Pille ist eine Klasse für sich und mein unbestrittener Liebling aus der Crew.
Die neue Uhura wirkt taffer und dynamischer als die alte, aber es fehlt ihr ein bisschen die Würde von Nichelle Nichols.
Scotty und Chekov sorgen vor allem für den Humor, der oft an die gute alte TOS erinnert, aber an manchen Stellen reichlich albern wirkt (z.B. Scotty in der Wasserleitung).

Generell haben Action und Humor zu viel Übergewicht und kommen die ruhigeren Szenen zu kurz. Besonders als Vulkan zerstört wurde, hätte man sich paar Minuten zum Innehalten gewünscht. Es gelingt dem Regisseur an dieser Stelle nicht, die angemessene bedrückende Atmosphäre zu schaffen, bzw. den Schock für Charktere und Zuschauer fühlbar werden zu lassen. Wenn jemand wie ich (Trekkie, Vulkanier-Fan und manchmal ganz schön nah am Wasser gebaut) nur leise „Autsch“  sagt, als Vulkan in einem Schwarzen Loch verschwindet, ist dramaturgisch wohl etwas schiefgelaufen.
Während man sich am Anfang noch viel Mühe mit der Charakterisierung gegeben hat, hetzt uns J.J. Abrams nach dem ersten Drittel des Films mit Warpgeschwindigkeit durch die Handlung.

Oder sollte man besser sagen: Nicht-Handlung?
Wenn man von atemberaubenden Special Effects, einer ebenso atemberauben Optik, guten bis sehr guten Darstellern, netten Anspielungen auf Star Trek und Star Wars und einem Wahnsinns-Spaßfaktor einmal absieht – was bleibt übrig? Eine Geschichte über das Erwachsenwerden mit all seinen Höhen, Tiefen und Problemen. Soweit in Ordnung und auch prima umgesetzt. Aber weil man dafür eigentlich kein Star Trek braucht, sondern genauso gut Dawsons Creek schauen könnte, muss ein durchgeknallter Romulaner her, der ein Schiff bei den Schatten aus Babylon 5 klaut, mal schnell ein Loch in einen Planeten bohrt und eine Quantensingularität rein schmeißt.
Der Romulaner – ein tätowierter, glatzköpfiger Kerl namens Nero – kommt auf den Geschmack und würde das Spiel am liebsten mit jedem anderen Planeten der Föderation wiederholen. Angefangen natürlich mit der Erde.
Aber da hat er seine Rechnung ohne James T. Kirks gemacht, der zu seinem großen Verdruss einfach nicht kaputt zu kriegen ist – egal, wie oft man ihn würgt oder versucht, in einen Abgrund zu schmeißen. Angesichts von so beeindruckender Unzerstörbarkeit versteht man beinahe, warum die Sternenflotte den Grünschnabel kurzentschlossen vom Kadetten zum Captain befördert.

Wen man indes nicht versteht, ist Nero. Seine Figur bleibt so blass, dass es selbst einem herausragenden Schauspieler wie Eric Bana nicht gelingt, ihm Profil zu verleihen. Wer den Countdown-Comic nicht gelesen hat, wartet vergeblich auf eine tiefschürfende Erklärung für seine destruktive Zwangsneurose: Kindheitstrauma? Jetlag? Oder etwa das schlechte Tattoostudio? Irgendwann wird kurz erwähnt, dass Romulus in der Zukunft durch eine Supernova von der Sternenkarte radiert wird und Spock nichts getan hat, um Neros Volk zu helfen. So weit, so dürftig.

Doch vergessen wir mal die Logik, der es in Abrams’Star Trek genauso ergangen ist wie ihrem Hütern, den Vulkaniern: Der größte Teil verschwindet im Schwarzen Loch, ein paar entscheidende Elemente bleiben übrig. Genug, um den Film zu genießen, ohne vollständig das Gehirn abschalten zu müssen.
Das wichtigste ist: Der Film wird ein Erfolg und Star Trek lebt weiter! Falls dieser Erfolg fortgesetzt werden kann und J.J. Abrams die alte Zeitlinie wieder herstellt, darf Kirk meinetwegen in Star Trek 12 Chief Admiral werden – Spock mit Uhuha Babys zeugen – Scotty die Enterprise mit Dampf betreiben (passend zum Design des Maschinenraums) – oder Nero mit einem Lichtschwert vor Spock herumfuchteln und mit grollender Stimme verkünden: „ICH bin dein VATER!“

© 2009 by Adriana Wipperling

 

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