Leseprobe: Der Lurch Sasfran und der Heylaner Koolmak auf dem Waldplaneten Kass

Wir haben keine Lust mehr, zu reden. Es ist so schön hier. Ein riesiges Arboretum mit warmer feuchter Luft, arglos summenden Insektenschwärmen und unzähligen Bächen und Tümpeln. Eigentlich ist Kass ein wundervoller Planet für Lurche.
Warum haben wir Humili den nicht längst besiedelt?
Warum haben wir uns immer so fanatisch auf einen einzigen Weg fokussiert?
Klar, Wir hätten uns genauso wie die Imperier rechtzeitig mit Generationenschiffen auf den Weg machen können, diese schöne herrenlose Welt finden und hier als intakte Lurche glücklich leben können.
Aber das war unseren Denkern zu simpel.
Fatalerweise haben zwei verschiedene Puristenfraktionen gleichzeitig den Aufstieg unserer Spezies zu reinen Geistwesen zelebriert und an unserer alternden Sonne herumgepfuscht, um sie für die Ewigkeit fit zu machen.
Wie arrogant muss man eigentlich sein, um so ein stellares Riesenprojekt anzugehen und das Volk zur gleichen Zeit physisch in einen völlig hilflosen Zustand zu versetzen?
Jedes einigermaßen vernünftige Lebewesen rechnet doch damit, dass bei derartig größenwahnsinnigen Experimenten etwas schief gehen kann!
Wo waren Plan B und C?
Diese Anhänger der reinen Lehre waren richtige Verbrecher!
Dumme und arrogante Verbrecher!
Dass ich das geahnt und als junger Hüpfer meine Meinung gesagt habe, war für die Denker und Macher ein Grund, mich einsperren und kastrieren zu lassen. Mich und unzählige andere, die es gewagt hatten, ihren gesunden Lurchverstand zu gebrauchen.
Wir Humili hatten keinerlei Streitkultur.
Daran wären wir beinahe zugrunde gegangen.
Hoffentlich haben die Kass daraus etwas gelernt …
Koolmak, der gemütlich neben mir im Gras liegt, nimmt meinen Gedankenstrom auf.
„Mach dir keine Sorgen, mein fatalistischer Freund. Dazu ist der Einfluss des Körpers auf den Geist viel zu groß. Mit der scheiß Gleichmacherei ist ab jetzt Schluss. Es gibt nämlich im ganzen Universum keine unabhängigeren und eigensinnigeren Biester als Katzen. Und was den lieben Tierchen völlig fremd ist, ist jener unterschwellige Selbsthass, der bei euch Humili vermutlich die Wurzel allen Übels war. Das wirst du sofort nach der Transformation merken. Du wirst dich im Spiegel betrachten und von dir begeistert sein. Du wirst dich mit anderen Katern um irgendwelche charmante Miezen prügeln und die Risse in deinen Ohren als Beweis für deine Potenz und deinen Kampfgeist mit Stolz tragen. Du wirst in einer Weise in dir selbst ruhen, die du dir jetzt noch gar nicht vorstellen kannst.“
„Und die Ideologen … die ganzen Macher und Despoten …“
„Werden hoffentlich von ihrer neuen pelzigen Existenz und dem machtvollen Gesang ihrer Bommeln überwältigt. Vielleicht sehen sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein, was für Esumis sie waren. Lass den ganzen Scheiß am besten im Sand vergraben. Die nächsten Generationen werden sowieso nur noch eine Kultur kennen … die mauzelige.“
„Hat das dein Freund Rij gesagt? Ist er auch hier auf Kass?“
„Nein. Er ist Captain eines Forschungsschiffs und untersucht zur Zeit primitive Kulturen in der südlichen Randzone des Roten Sektors. Wie es scheint, ist er einer Superzivilisation, die alle Humanoiden erschaffen hat, auf der Spur. Nicht alle Aussaaten haben sich gut entwickelt. Einige leben immer noch in der Steinzeit, andere haben sich kurz nach der Industrialisierung selbst vernichtet. Die Ergebnisse seiner Forschung könnten der Liga helfen, ihre sehr unterschiedlichen Kulturen noch besser in einem dynamischen Gleichgewicht zu halten. Wie du siehst, sind wir momentan sehr weit weg von jeglicher Stagnation.“
„Dynamisches Gleichgewicht?“, quarre ich nachdenklich.
„Synthese und Zerfall gleichzeitig zulassen, Bewegung zulassen …“
„Und wenn etwas überhaupt nicht passt?“
„Kann man das Gleichgewicht verschieben … durch Katalyse oder die behutsame Änderung äußerer Faktoren. Wirklich schlimm wird es erst, wenn sich nichts mehr bewegt. Eure Ideologen haben da regelmäßig Mist gebaut. Sie hatten wohl zu wenig Ahnung von Thermodynamik.“
„Du meinst, unsere Denkenden haben es grundsätzlich falsch angepackt?“
„Schwarz-Weiß-Malerei ist extrem unwissenschaftlich. Gesellschaften, die darauf aufbauen sind durch und durch instabil. Solch ein Quarr entsteht regelmäßig, wenn Sozialwissenschaftler und Naturwissenschaftler nicht miteinander reden. Eine Gesellschaft ist ein natürliches organisches Wesen – und wie alles Organische – immer ein bisschen unordentlich. Der Liga tut es ausgesprochen gut, dass ihre Spezies so verschieden sind, dass man die Lebensweise ganz objektiv nicht vereinheitlichen könnte.“
„Und da habt ihr einfach die Theorie angepasst?“
Koolmak amüsiert sich köstlich über meine Verwunderung.
„Theorie sollte sich immer an der Realität orientieren. Wer braucht schon die absurden Kopfgeburten fußloser Denkender?“
Die jüngeren Völker sind hemmungslos pragmatisch.
Ich sehe zwar ein, dass das fürs Überleben äußerst nützlich ist, aber ich spüre dabei ein heftiges Unbehagen.
„Sasfran, du bist immer noch ein Humili …“, meint Koolmak nachsichtig. „Mein Freund Euken sprach von ganz ähnlichen Empfindungen, während er das durch und durch freiheitliche Grundgesetz der Liga formulierte.“
Ich schnappe hungrig nach ein paar leckeren Fliegen.
„Was wird eigentlich aus eurem schönen dynamischen Gleichgewicht, wenn sich verschiedene Spezies auf einer Welt mit besonders angenehmen Lebensbedingungen zusammenballen? So ein Gebräu aus Beloranern, Humanoiden, Tannari und Warkanern könnte doch jederzeit explodieren.“
„Wir verhindern die dauerhafte Vermengung unterschiedlicher Lebensweisen durch Gesetze. Wer sich dauerhaft auf einer anderen Welt niederlassen will, muss seine bisherige Identität vollständig aufgeben und die Werte, die Bräuche und die planetare Bürgerschaft seiner neuen Heimat annehmen. Wer gegen diese Regel verstößt, wird sofort wieder nach Hause geschickt. Zu einer so radikalen Änderung ihres Lebens entschließen sich nur verhältnismäßig wenige Individuen. Meist ist eine Liebesbeziehung der Grund.“
„Dann muss deine Irina also …“
„Ja. Sie wird Heylanerin werden müssen.“
„Und wenn ihr das nicht gefällt?“
„Wenn sie mich liebt, wird sie auch Heyla lieben. Das ist doch logisch.“
„Du könntest dich aber auch ihr zuliebe auf der Erde niederlassen.“
Ich sehe es an Koolmaks Augen, dass ihm so ein Gedanke bisher nicht einmal ansatzweise gekommen ist. So eine Zumutung verschlägt ihm glatt die Sprache.
„Rede keinen Scheiß“, knurrt er nach einer Weile. „Ich weiß, dass es hier ganz in der Nähe einen hübschen See gibt. Hast du Lust, ein bisschen zu schwimmen?“
Ich bin ein Lurch. Ich würde niemals auf einen Wüstenplaneten ziehen.
Irina tut mir leid. Wie soll sie sich gegen ein Alphatier wie Admiral Koolmak durchsetzen? Ein Wüstenplanet! Ich kenne nur ein Wüsten-KZ auf Humil I. Das war schlimm genug.
Ich glaube außerdem nicht an perfekte Gesetze.
Das ist doch auch nur unwissenschaftlicher Purismus!
Koolmak grinst schief, während ich das denke.
Respekt! Das heylanische Alphatier schafft es tatsächlich, das Problem seiner zukünftigen Frau objektiv zu betrachten.
„Ach Shit und Quarr! Vielleicht muss ich ja auf der Erde bleiben und diesem winzigen bulgarischen Mittelstandsclan beitreten. Verdammt! Das kann das Mädchen doch nicht von mir verlangen. Ich bin immerhin ein Ennu.“
Es ärgert ihn, obwohl er den großen Ennu eigentlich gar nicht leiden kann.
„Gehen wir schwimmen“, gluckse ich amüsiert.

(Aus: Die Sprache des Roten Sektors, Band IV Endkampf im Gestern)

© Anneliese Wipperling, August 2016

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