Die Parias aus der karminroten Stadt

Eine uralte Aufzeichnung zeigt Tuvok und Janeway Entsetzliches: Genetisch aufgewertete Raubtiere, die Sklaven eines untergegangenen Imperiums, sammeln sich zwischen Ruinen und verwesenden Leichen … Handelt es sich um die Vorfahren eines besonders gefährlichen Feindes?

Star Trek Story von Anneliese Wipperling

Der Bordzeit nach war es Nacht auf der Voyager, der größte Teil der Crew schlief. Nur diejenigen, die Dienst auf der Brücke und im Maschinenraum hatten, wachten noch über die Sicherheit des Schiffes … und dann gab es andere Crewmitglieder, die aus irgendwelchen Gründen nicht schlafen konnten. Junge Leute, die sich nach der Heimat und ihren Liebsten sehnten … sich mit irgendeiner banalen Kränkung herumschlugen, ihrem Ehrgeiz … oder ihren Ängsten.
Tuvok schlief nicht, weil auf seinem Tisch ein faszinierendes Geheimnis lag: ein etwa handtellergroßer Kristall, der wie ein Datenträger aussah und in keine der vorhandenen Abspieleinrichtungen passte. Der Vulkanier hatte ihn ganz spontan auf einem interplanetaren Basar gekauft, weil er so alt aussah und er das unbekannte Ding plötzlich heftig begehrt hatte … ein Gefühl, das ihn ohne Vorwarnung überwältigt hatte und dessen er sich im Nachhinein sehr schämte. Wenn er schon auf so zwanghafte Weise unlogisch gehandelt hatte, musste es wenigstens jetzt einen Sinn ergeben, sonst wäre die Schande viel zu groß und …
Captain Janeway schaute auf dem Weg in ihr Quartier kurz bei Tuvok herein. „Na, was macht Ihre Neuerwerbung? Ist es wirklich mehr, als ein überdimensionales Schmuckstück?”
„Ich habe immer noch nicht genug Informationen”, antwortete Tuvok und hinter seiner Kühle verbarg sich eine Spur jener Angst vor Enttäuschung, die uns zuweilen daran hindert, Vorhaben mit geringen Aussichten auf Erfolg überhaupt anzugehen. „Die Informationen – falls es wirklich welche gibt – können sich nur noch tief im subatomaren Bereich verbergen. Einiges deutet auf künstliche Varianzen in der Stringstruktur hin – aber so etwas ist eigentlich völlig unwahrscheinlich. Wer auf dieser Ebene manipulieren kann, ist sehr viel mächtiger als alle mir bekannten Spezies … abgesehen von den Q.”
„Woran denken Sie, an einen Gott?” fragte Janeway amüsiert. „Wahrscheinlich war das doch nur die Klunker an der Spitze des Zepters von irgendeinem längst vermoderten König.”
„Ich habe die Muster, die ich vor zwei Stunden und neunundfünfzig Komma acht Minuten Bordzeit entdeckt habe, in den Computer übertragen”, bemerkte der Vulkanier gleichmütig. „Vielleicht ist es doch ein Datenträger.”
„Wann wird er mit seiner Berechnung fertig sein? Lohnt es sich, zu warten?” Plötzlich war Captain Janeway regelrecht elektrisiert vor Neugier. „Manipulierte Strings … das ist doch mal ganz was Neues!”
Tuvok sah seinen Captain verständnislos an. Die plötzlichen Meinungs- und Gefühlsschwankungen gewisser humanoider Spezies verwirrten ihn immer wieder aufs Neue. „Es wird sicher noch einige Stunden dauern. Bis jetzt liefert der Rechner nicht einmal einen voraussichtlichen Termin für die Lösung”, antwortete er steif.
Das Gesicht Kathryn Janeways verriet jetzt Enttäuschung und Ungeduld. „Na, dann gehe ich wohl besser schlafen … gute Nacht Commander Tuvok!”
Der Vulkanier antwortete nicht sofort. Er war so sehr in einige Datenpads mit persönlichen Aufzeichnungen vertieft, dass er schon wieder völlig vergessen hatte, dass er nicht allein war. Janeway sah ihn ein paar Sekunden lang erwartungsvoll an, dann wandte sie sich frustriert dem Ausgang zu. Sie verstand selbst nicht, warum sie Tuvoks Unaufmerksamkeit so sehr ärgerte, aber immerhin … nein, er hatte recht, wenn er sein Rätsel wichtiger nahm als irgendwelchen nichts sagenden Smalltalk.
„Frieden und langes Leben”, murmelte der Vulkanier zerstreut, als sie wahrscheinlich längst in ihrem Quartier angekommen war – möglicherweise sogar bereits im Bett lag.
Sieben Stunden später lieferte der Computer die ersten Bilder und Töne: ein melodisches Rauschen und ein dynamisches Muster aus roten und schwarzen Schlieren.
„Computer, das Bild entzerren und den Frequenzbereich mit der größten Varianz herausfiltern!” Nun formte sich ein Bild, bildeten sich unbekannte Tonfolgen und Tuvok erkannte endlich …

Die karminrote Stadt war sicherlich einmal sehr schön gewesen, aber nun war sie vollständig zerstört. An einigen Stellen loderten noch Feuer und schwarzer Rauch kroch durch die Schluchten zwischen den Schuttbergen. Die Leichen in den bunten elastischen Gewändern sahen aufgequollen aus, als befänden sich keine humanoiden Körper sondern pralle Luftballons unter dem seidigen Stoff. Es war nicht schwer, sich vorzustellen, wie sich der schwere süßliche Geruch der Fäulnis mit den ätzenden Brandgasen mischte.
Das Gerät, mit dem die Aufnahme erstellt worden war, diente offenbar der Personenüberwachung … zumindest war es darauf programmiert, auf Bewegungen zu reagieren. Nachdem es eine ganze Weile auf einer Stelle verharrt war und nur Tod, Rauch und Zerstörung gezeigt hatte, erfolgte plötzlich ein heftiger Schwenk. Etwas huschte und schlich durch die Ruinen … verstohlen und gierig wie Lematyas auf der Suche nach Beute.
Die Wesen gingen aufrecht, wirkten echsenhaft, waren fast unbekleidet … ungefähr so groß wie erwachsene männliche Vulkanier. Ihre Stiefel, Lendenschurze und Waffengürtel sahen ganz verschieden aus, es konnte sich also nicht um Soldaten handeln … und die tiefen Brandzeichen auf den rechten Schultern der Fremden deuteten darauf hin, dass es sich um Sklaven oder Haustiere handelte.
Sie setzten sich eilig auf Steine oder hockten sich einfach auf den Boden, kratzten sich ausgiebig und kauten gierig an irgendwelchen undefinierbaren Fleischbrocken. Es wurden immer mehr … schließlich waren etwa fünfhundert von ihnen versammelt. Plötzlich gellten pfeifende, zischende und kreischende Töne unangenehm in Tuvoks empfindlichen Ohren. Der Universalübersetzer des Computers streikte, der schrille, diffuse Lärm ergab für ihn offenbar keinerlei Sinn.
„Computer, Tonfolgen analysieren! Ich will wissen, ob das nur Tierlaute sind, oder ob es sich um eine richtige Sprache handelt!”
„Ich beginne mit der Analyse jetzt, geschätzter Zeitaufwand drei Stunden!”
„Einverstanden!” sagte Tuvok laut und beschloss, in der Zwischenzeit zu meditieren.
Als er zurückkam, zeigte eine blinkende Taste an, dass der Datenträger nun abgespielt werden konnte. Er streckte seine langen, dunklen Finger aus und …

* * *

„Weshalb hast du uns gerufen, Urz?” fragte eine dürre, faltige Gestalt missmutig. „Eigentlich ist doch alles klar, unsere Besitzer sind tot … so tot, wie sie es verdienen. Sie waren eine leckere Beute … leider sind die fetten Tage vorbei, weil alles verfault ist. Wir sind schließlich Jäger und keine Aasfresser.”
„Deshalb habe ich euch zusammengerufen”, antwortete der große, kräftige Urz selbstbewusst. „Die Tessi haben die Reichtümer der Caldaner geplündert und sind enttäuscht wieder abgezogen.”
„Nicht ohne eine Menge von uns halb oder ganz tot zu prügeln”, zischte eine junge, geschmeidige Echse empört. „Alle Humanoiden sind undankbares Gesindel … nur zum Fressen zu gebrauchen. Schließlich haben wir den Tessi gezeigt, wie sie die planetare Verteidigung überwinden können und wo es etwas zu holen gibt.”
„Einige von uns haben mit den verlockenden Angeboten schamlos übertrieben, Tarn – kein Wunder, dass die Raumpiraten nicht gerade erfreut waren.”
„Wir wollten doch nur frei sein!”
Plötzlich schrien alle fünfhundert Wesen aufgeregt durcheinander: „Wir wollten raus aus den Zwingern!”, „… frei durch die Wälder streifen und endlich auf eigene Faust jagen!”, „… uns im Licht der drei Monde paaren, statt künstlich befruchtet zu werden und unsere Eier …”, „… ja, wir wollten unsere Jungen selbst großziehen und sie nicht in irgendwelchen Labors vegetieren lassen!”, „… keine Brandeisen mehr … und keine Kastration überzähliger Männchen!”, „… und niemanden, der uns auspeitscht, wenn es uns ausnahmsweise mal nicht gelingt, das Zielobjekt zu schnappen!”
„Ruhe!” donnerte Urz. „Die meisten unserer schönen Träume können wir jetzt aufgeben. Die Tessi haben aus purer Bosheit eine Seuche freigesetzt, an der nicht nur sämtliche Caldaner, sondern auch fast alle Beutetiere gestorben sind. Es gibt keine Säugetiere mehr … nur noch Insekten, Vögel und einige Verwandte von uns.”
„Ich habe ein unzerstörtes Lagerhaus mit Trockenfutter entdeckt … wenn wir sparsam sind, reicht es für ungefähr siebzehn Wochen. Und dann gibt es noch jede Menge caldanische Konserven – in jedem halbwegs intakten Hauskeller liegen welche herum. Sie schmecken zwar scheußlich, aber sie werden uns noch eine ganze Weile am Leben halten.”
„Hätten wir nur diesen Verrat nicht begangen …” seufzte eine weichere Stimme und einige andere brummten leise und beifällig. „Es ist doch kein Wunder, dass die Tessi uns nicht mitnehmen wollten. Niemand kann uns jetzt noch vertrauen.”
„Sehnst du dich etwa nach deiner Herrin, Kell?” fragte Urz lauernd. „Ich hoffe, du hast dich noch rechtzeitig an ihrer Leiche satt gefressen. Oder hast du es nicht fertig gebracht, weil sie dich in ihrem Bett schlafen ließ?”
„Nein, ich habe sie nicht gefressen … das waren die von der örtlichen Kopfgeldagentur.”
„Ich bereue gar nichts”, erklärte Tarn plötzlich sehr wütend. „Die meisten von uns wurden nicht verhätschelt. Wir mussten uns unser bisschen Trockenfutter und Wasser mühselig erarbeiten … schnüffeln, spüren, jagen, bis die Beute sicher in den Käfigen der Justiz saß. Nicht ein einziges Mal durfte ich von diesen so genannten Dissidenten kosten … sie wenigstens ein bisschen anknabbern. Sie haben sie auf dem Marktplatz aufgehängt und dann so tief verbuddelt, dass unsereiner nicht mehr herankam. Was für eine sinnlose Verschwendung!”
„Wir wissen, wie übel es war, den Caldanern zu dienen”, fasste Urz die Diskussion zusammen. „Aber wir müssen nun nach vorn sehen und uns ein neues Leben in Freiheit aufbauen.”
„Ja, frei!” sagte Tam inbrünstig und zog seine Stiefel aus … legte den Schurz ab, die Verschnürung, den Gürtel. „Wenn ich doch auch dieses Brandmal loswerden könnte. Ich war erst fünf Jahre alt, als sie mir das antaten und ich erinnere mich nur zu gut an den Schmerz. Sie haben immer wieder Salz in die Wunde gestreut, damit es nicht zu schnell heilt und eine schöne, deutliche Narbe ergibt.”
Nun zischten fast alle Echsen beifällig und entledigten sich ebenfalls ihrer spärlichen Kleidung. Jetzt konnte man sehen, dass die Männchen ein dickes, steifes, schuppiges Begattungsorgan zwischen den Beinen hatten, wo bei den Weibchen nur eine unauffällige Öffnung vorhanden war.
„Müssen wir nicht auch dankbar sein, weil unsere Herren uns über das Tierreich erhoben haben?” fragte Kell eindringlich. „Sie haben uns unsere Intelligenz gegeben, kräftige Muskeln, scharfe Sinne …”
„Das mit der Intelligenz stimmt leider”, antwortete Urz gelassen. „Aber wir sind inzwischen genauso klug wie sie es waren … alles Übrige jedoch verdanken wir unseren eigenen Vorfahren. Dieses Gesindel hat uns genetisch aufgebessert, damit wir ihre Verbrecher und politischen Feinde besser fangen konnten … und dann haben sie uns weiter wie Tiere gehalten. Ich habe sie von klein auf wie die Prissaseuche gehasst.”
„Du meinst also, wir waren im Recht, als wir zu den Tessi Kontakt aufnahmen und ihnen fette Beute versprochen haben?” fragte Kell traurig. „Nicht alle Caldaner waren schlecht zu uns.”
„Ach Kell!” Die Augen von Urz verrieten keinerlei Gefühl, bestanden nur aus einer gleichmäßig schwarzen, glänzenden Iris. „Du hast zu den wenigen gehört, die von reichen Caldanern als Schoßtiere gehalten wurden … oder als Spielzeug für gewisse andere Zwecke. Du hattest immer genug zu fressen … sogar frisches Fleisch.”
„Und sie hat mich gestreichelt … es war sehr angenehm”, murmelte Kell verträumt.
„Wir sind Räuber”, konterte Tam würdevoll. „Wilde, gefräßige Räuber … und keine albernen Kuscheltiere für irgendwelche dekadenten Humanoiden.”
„Und wir haben das Recht, zu überleben und unsere eigene Kultur zu entwickeln.”
„Mit fünfhundert Leuten, von denen drei Viertel durch diese Schmarotzer unfruchtbar gemacht wurden?” fragte der dürre, faltige Alte skeptisch. „Das wird doch nie was!”
„Es gibt noch unsere Verwandten in den Wäldern.”
„Du willst dich mit einem Tier paaren, das noch nicht einmal sprechen kann?”, fragte Karn irritiert. „Das ist nicht dein Ernst!”
„Wir könnten sie selbst verbessern”, meldete sich ein junges Weibchen eifrig zu Wort. „Ich habe früher ein Genetiklabor bewacht und jedes Mal ganz genau zugesehen. Ich weiß, wie das geht!”
„Aber das dauert womöglich mehrere Generationen. So lange reicht das Fressen bestimmt nicht.”
„Wir prüfen alle Optionen jetzt sofort nach!” befahl Urz. „Spürt und schnüffelt herum, durchsucht Institute, Keller, Datenbanken … nur gut, dass wir über fast alle Zugangscodes verfügen. Die Dissidentenjagd erweist sich nachträglich als großer Vorteil für uns. In zehn Stunden treffen wir uns an dieser Stelle wieder … und dann will ich brauchbare Ergebnisse sehen!”
Die echsenartigen Wesen stoben nach allen Seiten davon. Jetzt waren nur noch Schutt und halb verweste Leichen zu sehen. Hoch oben am rauchigen Himmel zog ein Aasfresser seine Kreise.

* * *

„Die Caldaner waren so hoch entwickelt, dass sie die Welt der Strings beherrschten”, überlegte Tuvok. „Dennoch haben sie nicht vorausgesehen, dass ihre schuppigen Kopfgeldjäger sie irgendwann verraten würden. Wenn sie sie ein wenig besser behandelt hätten … ihnen entsprechend ihrer Intelligenz Würde und Mitbestimmung zugebilligt hätten … dennoch … sie waren extrem wild und gierig. Es wäre bestimmt nicht klug gewesen, ihnen zu vertrauen …”
„Intelligenz führt nicht zwangsläufig zu mehr Kultur oder Vernunft …” erklärte Kathryn lebhaft. „Es gibt auf der Erde etliche Philosophen, die rein manipulative Intelligenz noch zum Erbe des Tierreichs zählen.”
„Auf Vulkan auch … aber diese Echsen spürten sogar, dass ihnen etwas Wichtiges fehlte. Urz sprach von der Entwicklung einer eigenen Kultur … allerdings verdankten sie ihre Befreiung einem gemeinen Verrat.”
„An einer Spezies, die keine Loyalität verdiente”, konterte Janeway mit funkelnden Augen. „Sicher, die Kopfgeldjäger waren gefräßig und mitleidlos, aber das Beispiel von Kell zeigt, dass sie dennoch fähig waren, auf Freundlichkeit zu reagieren und zu lieben.”
Tuvok zuckte unmerklich zusammen. Er fand, dass die Menschen gewisse Worte geradezu inflationär benutzten. „Ja, einige wenige sind möglicherweise zahm geworden, aber der Rest …”
„Trotzdem sind meine Sympathien momentan eher aufseiten dieser Raubtiere”, erklärte Janeway leidenschaftlich. „Sie waren unschuldig, wie alle Tiere. Dann hat man sie brutal aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, sie an einen dubiosen Verwendungszweck angepasst … missbraucht und gequält. Sie hatten keinerlei Rechte, waren die Parias dieser wunderschönen karminroten Städte … verdammt, sie waren die eigentlichen Opfer!”
„Aber es muss auch eine Menge anständiger Caldaner gegeben haben”, konterte Tuvok ernst. „Sonst hätten die Machthaber diese Kopfgeldjäger gar nicht gebraucht … jedenfalls nicht so viele von ihnen. Deine unschuldigen Opfer haben die einzigen Lebewesen, von denen sie Mitgefühl und Gerechtigkeit erwarten konnten, gnadenlos gejagt. Sie hätten sie sogar aufgefressen, wenn die caldanische Justiz das zugelassen hätte. Ich sehe bei diesem Konflikt auf der einen Seite künstlich aufgewertete wilde Bestien und auf der anderen Seite kaltblütige Faschisten, die mit ihrer Hilfe das eigene Volk unterdrücken. Es ist nicht logisch, einer der beiden Seiten mehr Mitgefühl als der anderen zuzubilligen.”
„Ach Tuvok! Müssen Sie immer alles so bierernst analysieren? Mein Herz gehört nun einmal den Ausgebeuteten und Unterdrückten!”
„Auch wenn sie den Untergang einer ganzen Spezies billigend in Kauf nehmen? Die meisten Caldaner hatten doch mit dem, was ihre Regierung und die Wirtschaftsbosse trieben, überhaupt nichts zu tun! Massenmord zerstört jeden Anspruch auf moralische Rechtfertigung.”
„Vielleicht wussten die Echsen nicht, was die Tessi mit den Caldanern vorhatten?”
„Ja, Captain, da haben Sie wahrscheinlich sogar recht. Dennoch empfinde ich angesichts dieser Tiere ein merkwürdiges Unbehagen. Ich weiß, dass das nicht logisch ist, aber wenn ich mir vorstelle, was passieren kann, wenn solche Kreaturen ohne Mitgefühl und Ethik Macht gewinnen …”
Tuvok ist für seine Verhältnisse ja regelrecht aufgewühlt, überlegte Janeway amüsiert. Irgendetwas scheint ihn ganz persönlich zu berühren, aber das können nicht seine eigenen Vorfahren sein. Die waren zwar schlimm, aber keine Tiere … und sie haben immerhin den großen Surak hervorgebracht, dem es in letzter Minute gelungen ist, seine Spezies zu retten und dem Schrecken ein Ende zu bereiten. „Was meinen Sie, Tuvok, wie viel Informationen noch in diesem Stein stecken?” fragte sie ruhig, um ihn von seinen peinlichen Emotionen abzulenken. „Vielleicht erfahren wir noch, wie es mit diesen Echsen weiterging.”
„Da sind, wenn der Kristall im gesamten Speicherbereich intakt ist, mindestens zwanzig Standardwochen drauf”, bemerkte Tuvok dankbar.
„Na dann spulen Sie das Ding doch ein Stück vor … oder wie immer man das bei dieser seltsamen Technik nennen mag!” forderte Kathryn energisch. „Ich möchte sehen, wie es weiterging!”
„Computer, zeige uns, was zehn Standardstunden später passiert ist!”
„Ich weise darauf hin, dass diese Wesen vermutlich ein örtliches Zeitmaß verwendet haben.” Irrte sich Janeway oder klang die Computerstimme tatsächlich ein wenig hochmütig?
„Verdammt!” befahl sie ärgerlich. „Ich will die nächste Versammlung sehen! Wie du das machst, ist allein dein Problem!”
Tuvok amüsierte sich darüber, wie heiß Janeway auf die Informationen auf seinem geheimnisvollen Fundstück war … aber er verbarg es sorgfältig hinter der Maske des Kohlinar.

* * *

Der Bordcomputer der Voyager brauchte ganze zwei Stunden, bis er die richtige Stelle auf dem Datenträger gefunden hatte. Jetzt war es Abend und die drei Monde glitten majestätisch über den glitzernden Himmel. In ihrem weißen Licht konnte man die Landschaft immer noch sehr deutlich erkennen.
„Die Leichen der Faschisten sind inzwischen noch dicker geworden”, bemerkte Janeway mit belegter Stimme. „Diese rote Stadt muss ein verdammt heißes Pflaster sein. Ich bin nicht gerade scharf darauf, mit anzusehen, wie sich die Fäulnisgase ihren Weg ins Freie bahnen.”
„Es ist nicht angemessen, diese Toten zu verunglimpfen, indem wir sie ohne Beweis zum schlimmsten Abschaum der Galaxis zählen”, warnte Tuvok noch ernster und distanzierter als sonst. „Das können genauso Dissidenten sein, die von den Echsen erlegt wurden.”
„Dagegen spricht die bunte, festliche Kleidung …”
„Um das beurteilen zu können, wissen wir zu wenig über die Caldaner.” Tuvok mochte es gar nicht, wenn sein von ihm so sehr respektierter Captain leichtfertig von den Menschen auf andere Spezies schloss.
„Still!” murmelte Kathryn aufgeregt. „Sie kommen zurück.”
„Und es sind mindestens doppelt so viele wie vorher.”

„Mitbürger”, schrie Urz pathetisch, was angesichts seiner Nacktheit ein wenig komisch wirkte. „Mitbürger! Was habt ihr herausgefunden? Werden wir zu Herren des Universums aufsteigen oder auf unserer zerstörten Heimatwelt elend verhungern? Welche Ressourcen haben wir noch?”
„Die Transporter und ihre Energieversorgungen sind teilweise noch intakt”, berichtete Karn geschäftsmäßig. „Wir haben sämtliche großen Raumhäfen untersucht … auch die untercaldanischen Hangars. Wir haben dreihundertzwanzig mehr oder weniger intakte Raumschiffe gefunden. Selbst wenn wir berücksichtigen, dass wir nicht allzu viel von den Dingern verstehen, können wir davon ausgehen, dass alle, die es wollen und verdienen diesen Planeten verlassen können, bevor uns die Nahrung ausgeht.”
„Was meinst du denn damit?” murrte ein Teil der Anwesenden. „Willst du etwa die Alten und Kranken zurücklassen?”
„Vielleicht”, antwortete Karn mit undurchdringlicher Miene.
„Danke, Karn.” Urz ignorierte die Unzufriedenheit der Menge geflissentlich. „Wie sieht es mit dem Fressen aus? Wie lange reicht es noch?”
„Wenn wir sparsam sind und nicht allzu viel Verwandte aus den Wäldern mit durchfüttern müssen, könnte es gerade reichen”, erklärte eine junge weibliche Echse zuversichtlich.
„Auch für die Reise zum nächsten bewohnbaren Planeten?” fragte Urz scharf.
Diesmal blieb das Weibchen die Antwort schuldig.
„Dann müssen einige von uns für zusätzlichen Proviant sorgen”, schlug Karn gemütlich vor. „Wir picken uns bei unseren tierischen Verwandten die vielversprechendsten Exemplare heraus und verarbeiten die anderen zu Dörrfleisch, das ist am einfachsten.”
„Karn!” protestierte Kell entsetzt. „Das sind unsere Vorfahren!”
„Und ungefähr ein Viertel von uns Älteren sind Wildfänge, die die Anpassung noch persönlich erleiden mussten”, ergänzte der skeptische Greis mit der faltigen Haut ernst. „Jede einzelne Waldechse könnte nach kurzer Zeit zu uns gehören … obwohl ich ihnen nicht unbedingt diese abscheuliche Prozedur wünsche.”
„Ich verstehe nicht …” Urz ärgerte sich, weil der andere mehr wusste als er und ihn damit gründlich aus dem Konzept gebracht hatte.
„Sie schnallen dich fest und verändern dein Genom, indem sie dich nacheinander mit verschiedenen lebenden Virenstämmen infizieren”, erläuterte die ehemalige Wachfrau aus dem Genetiklabor sachlich. „Du hast Fieber, Halluzinationen, überall Schmerzen … mistest unter dich, schreist und jammerst. Danach bist du zwar immer noch ein dummes Tier, aber du kannst bereits intelligente Nachkommen produzieren. Das reicht den Caldanern aber nicht, sie wollen nicht so lange auf ihre neuen Sklaven warten. Deshalb füttern sie dich anschließend mit Enzymen, die das Wachstum der Nervenzellen gewaltig anheizen … und damit nicht irgendwelche undefinierbaren Konglomerate entstehen, werden deine Sinne pausenlos Reizen ausgesetzt: Hitze, Kälte, Schmerz, Töne aller Art, Sprachfetzen, Bilder, Streicheleinheiten … Schläge. Die Versuchsobjekte waren hinterher viele Tage sehr krank … aber nach ihrer Genesung konnten sie sofort eingesetzt werden.”
„Ja”, erinnerte sich der Alte unglücklich. „Schläge und Frost, Demütigungen … und eine ganze Welt, die mich überwältigte … quälte … stimulierte, bis etwas in mir wie eine alte Wunde schmerzhaft aufbrach und ich plötzlich klar denken konnte … alles verstehen … ich war regelrecht berauscht. Und dann zerrten sie mich aus diesem Gestell und stecken mich in einen winzigen Käfig. Später bewiesen mir einige Caldaner mit Schlägen und Stromstößen, wie wertlos ich war und dass ich ihnen ohne Wenn und Aber gehorchen musste.”
„Interessant”, kommentierte Urz die Worte des Alten fasziniert. „Dann brauchen wir uns also gar nicht mit irgendwelchem verblödetem Getier herumzuschlagen. Wir selektieren die Echsen, schlachten die, die wir nicht gebrauchen können und dann …”
„Reicht das Fressen ganz bestimmt bis zu einer neuen Heimat”, ergänzte Tarn zufrieden.
„Ihr seid noch schlimmer als die Caldaner”, zischte Kell ganz leise, aber die selbst ernannte Elite der neuen Zivilisation hatte es dennoch gehört.
„Was stört dich an unserem Plan?” fauchte Urz lauernd. „Möchtest du unsere lieben Verwandten etwa verhungern lassen? Das ist auch nicht sehr angenehm … und vor allem so nutzlos. Ohne dieses kleine Opfer wird es uns nie gelingen, eine überlegene Spezies zu werden … ein starkes Volk mit festen Bräuchen, vor dem die Humanoiden in der ganzen Galaxis erzittern werden.”
„Was hast du vor?” fragte Kell vorsichtig. „Wir können doch nicht pausenlos Krieg führen!”
„Krieg interessiert mich nicht”, antwortete der Anführer abfällig. „Ich träume von einer gigantischen Jagd mit Treibern und Schützen, Fangeisen und Gruben. Ich will die Beute lebend, für jede Spezies eine andere Tötungsmethode festlegen und danach ihre Häute und Knochen in meinem Quartier aufhängen. Ich will mich an ihrer Angst weiden und ihre Schreie wie Musik genießen. Ich will ihnen die Eingeweide herausreißen und sie in blanken Gläsern konservieren. Es sind verfluchte Humanoide, die uns Generationen lang versklavt haben. Sie verdienen nichts Besseres … und außerdem schmecken sie.”
Ein Teil der Menge brach in unartikuliertes, frenetisches Heulen aus, während die anderen …
„Ich mache da nicht mit”, erklärte Kell unnatürlich ruhig. „Ich will nicht dauernd töten und fressen … das ist sinnlos! Die Freiheit muss doch noch andere Möglichkeiten bieten!”
„Willst du etwa arbeiten?” fragte Karn amüsiert. „Ich kann mir unser neues Leben jedenfalls prächtig vorstellen: nur spannende Jagden, großes Fressen, herrliche Trophäen und Jagdgeschichten am Lagerfeuer … oder wo immer es uns sonst gefällt.”
„Nein!” protestierten Kell und der Alte … und etwa fünfzig weitere Echsen stimmten ihnen zu. „Ein solches Leben wollen wir nicht.”
Plötzlich schrien alle wild durcheinander: „Ihr wollt euch wieder in irgendwelchen Betten wälzen!”, „… verfluchte Schmarotzer … schnurren und winseln, wenn man sie streichelt!”, „… verwöhntes Pack! Sie haben mit den Caldanern kollaboriert!”, „… und jetzt wollen uns diese Schmusedecken sagen, wo es langgeht!”
„Mitbürger!” Die Stimme von Urz klirrte so metallisch, dass alle sofort still waren. „Diese Kuscheltiere gehören nicht zu unserer Art. Aus denen werden niemals gute Jäger. Tötet sie!”
Kell und seine unglücklichen Gesinnungsgenossen verschwanden in einem rasenden Wirbel aus gebleckten Zähnen, hämmernden Fäusten und gierig funkelnden Augen. Schrilles Jaulen und lautes Schmatzen untermalten die brutale Szenerie.
„Ist noch irgendwas da, was wir für die Reise einfrieren können?” fragte Urz rein rhetorisch, als sich das Getöse wieder gelegt hatte.
„Mmmmrrrfuh!” fauchten die Echsen leise durch ihre scharfen, blutigen Zähne. „Es ist nichts mehr da … aber wir sind satt … wundervoll satt. Das war gut und frisch!”
„Vorwärts zu neuen Ufern!” dröhnte Urz mit vollem Mund. „Wir sind die Größten!”

* * *

Tuvok wandte sich abrupt ab, aber Captain Janeway hatte dennoch bemerkt, dass in seinen dunklen Augen eine Spur Angst flackerte. „Computer! Datei beenden und den Status quo speichern!” befahl sie ruhig und sagte dann liebevoll zu dem Vulkanier: „Kommen Sie, wir gehen jetzt zu Neelix und trinken erstmal einen schönen, starken Kaffee.”
Tuvok ließ sich widerstandslos wegführen und an einen der Tische bugsieren. Janeway signalisierte dem eifrig herbeiwuselnden Talaxianer mit strengem Blick, dass seine üblichen dreisten Scherze diesmal auf keinen Fall erwünscht waren.
„Sie haben die eigenen Leute gefressen und es hat ihnen nichts ausgemacht”, flüsterte der Vulkanier unglücklich. „Diese Geschöpfe hatten keinerlei Ethik, kein Mitgefühl … nichts, was ein zivilisiertes Wesen ausmacht.”
„Bis auf Kell und seine Freunde”, antwortete der Captain schwermütig. „Ein wenig Zuwendung durch eine einzelne Caldanerin hat genügt, sogar dieses genmanipulierte Tier in ein sehr viel liebevolleres Geschöpf zu verwandeln. Wenn die Caldaner dem Leben nur etwas mehr Respekt entgegengebracht hätten … aber diese Faschisten nahmen nur sich selbst wichtig. Sie müssen im ganzen Quadranten äußerst unbeliebt gewesen sein, sonst hätten ihre Gegner keine biogene Waffe mitgebracht, um sie vollständig auszurotten. Vermutlich waren die Caldaner ebenfalls Experten im Völkermord.”
„Bösartigkeit und Rachsucht sind wie eine ansteckende Krankheit”, zitierte Tuvok Surak. „Sie bleibt nie auf ein Volk oder eine Klasse beschränkt. Irgendwann wird die entfesselte Entropie die ganze Gesellschaft deformieren und verderben. Kunst und Wissenschaft können nur noch perverse Monstren produzieren, Männer und Frauen werden einander quälen, statt liebevoll zusammenzuleben und ihre vergessenen Kinder werden wie herrenlose Tiere umherstreunen und wehrlos dem Bösen verfallen. Wir sind unfähig, mit unseren Gefühlen verantwortungsbewusst umzugehen. Wir müssen sie an der Wurzel packen und gnadenlos ausreißen. Nur die reine, kühle Logik vermag uns noch zu retten.”
„Vielleicht waren die Caldaner auch fest davon überzeugt, richtig zu handeln”, widersprach Janeway sanft. „Die Logik von Eroberern hat ihre eigenen Fassetten. Die anderen dürfen nicht gleichwertig sein … und diejenigen Mitbürger, die selbstständig denken, mitfühlend sind und sich noch einen anderen Sinn des Lebens vorstellen können, als die Früchte von Diebstahl und Raub zu verprassen, sind natürlich Agenten des Feindes, die man jagen und vernichten muss. Wir kennen das von den Cardassianern, auch sie sind extrem grausam zu ihren Dissidenten. Allerdings hätten sie wahrscheinlich keine intelligenten Bluthunde geschaffen, dazu sind sie zu technikverliebt … und sie tun die Drecksarbeit lieber selbst.”
„Dann waren offenbar viele Caldaner trotz allem sehr kultiviert”, meinte Tuvok nachdenklich. „Sie wussten womöglich gar nicht, dass sie in einem räuberischen Staat lebten. Wahrscheinlich hat ein Gespinst aus Lügen und Halbwahrheiten den ganzen Planeten überzogen und man hat nicht nur Dissidenten gejagt, sondern auch unschuldige Personen, die zufällig etwas über die interplanetaren Kriege und die Grausamkeiten der Regierenden am eigenen Volk erfahren hatten. Man hat sie gebrochen, ihnen absurde Verbrechen untergeschoben … und sie dann zur Abschreckung öffentlich hingerichtet.”
„Und damit alles reibungslos lief, nahmen sie die größten und kräftigsten Raubtiere aus ihren Wäldern und statteten sie mit einer hohen, rein manipulativen Intelligenz aus …” flüsterte Janeway entsetzt.
„Ja, Captain, sie schufen damit einen abscheulichen Albtraum für alle intelligenten Spezies, eine vagabundierende Geißel unserer Galaxis.”
„Tuvok! Sie denken doch nicht etwa, dass diese Echsen noch irgendwo da draußen sind?”
„Die Hirogen …” sagte der Vulkanier still. „Ihre so genannte Jägerkultur scheint direkt von diesem Urz zu stammen … das Aufspüren, Fangen, langsame Töten … und die Trophäen an den Wänden.”
„Aber diese Echsen sahen ganz anders aus. … eher wie Fleisch fressende Saurier von der Erde. Sie hatten spitze Schnauzen mit kräftigen Kiefern und langen Zähnen.”
„Vielleicht haben sie ja ihr Aussehen verändert”, meinte Tuvok beklommen. „Vielleicht wollten sie vergessen, dass sie nur überleben konnten, weil sie ihre weniger intelligenten Verwandten wie Nutzvieh zusammengetrieben und als Proviant für die Reise geschlachtet haben. Vielleicht mussten sie sich selbst beweisen, dass sie etwas Besseres als ihre Vorfahren waren. Vielleicht war der Weg in die Freiheit selbst für die Mehrheit dieser erbarmungslosen Räuber zu blutig und sie erschufen sich deshalb ein neues Lügengespinst. Diener übernehmen oft die Gewohnheiten ihrer Herren …”
„Trotzdem”, protestierte Janeway skeptisch. „Das kommt mir alles ziemlich weit hergeholt vor. Gibt es denn irgendwelche Beweise für Ihre Theorie?”
„Nein”, antwortete Tuvok frustriert. „Die Sprache der Echsen ist nicht mit der der Hirogen verwandt … und DNS-Proben haben wir natürlich auch nicht. Das Einzige, was übereinstimmt, ist der Zeitrahmen. Die Aufzeichnung ist ungefähr hunderttausend Jahre alt – so alt wie das Übertragungsnetz, das wir benutzt haben, um die Sternenflotte zu kontaktieren.”
„Sie meinen, diese Ungeheuer haben sich eine andere Sprache zugelegt, um den Rest des Universums in die Irre zu führen? Auch das wirkt auf mich ziemlich abgedreht.”
„Sie hassten die Sprache ihrer Peiniger … ich finde es sehr logisch, dass sie sie nicht behalten wollten.”
„Ja … ich inzwischen auch”, murmelte Kathryn Janeway nach einer Weile entsetzt. „Ich hätte Sie beinahe verloren, weil vor hunderttausend Jahren eine faschistoide Spezies willige Erfüllungsgehilfen brauchte … Lebewesen, die im Gegensatz zu den eigenen Leuten zu wahlloser, eiskalter Grausamkeit fähig waren. Wenn ich daran denke, dass sie bereits dieses hässliche, krumme Messer in der Hand hielten, mit dem sie Sie bei vollem Bewusstsein entlang des Rückgrats aufschneiden wollten!”
„Ja”, bestätigte Tuvok ernst und vermied es sorgfältig, den Captain anzusehen. „Aber diese Kreaturen haben das caldanische Imperium von innen heraus zerstört…”
„Wir sollten uns auch noch den Rest der Aufzeichnung ansehen”, meinte Janeway entschlossen. „Es wird zwar ausgesprochen eklig werden, aber vielleicht erfahren wir noch etwas Wichtiges.”
„Vulkanier kennen keinen Ekel …” begann Tuvok mit unbewegtem Gesicht und kämpfte stoisch gegen das Zittern seiner Hände.
„Wir stehen das gemeinsam durch”, widersprach Janeway mütterlich. Sie kannte den Vulkanier inzwischen gut genug, um seine reduzierte Mimik und Körpersprache richtig zu deuten.
„Und wir tun es besser allein …” ergänzte Tuvok ernsthaft. „Diese Bilder können ziemlich demoralisierend wirken. Einige Crewmitglieder könnten in Panik geraten, wenn sie den Hirogen das nächste Mal begegnen”
Der Captain nickte nur bekümmert.

* * *

Sie sahen die Sonne unzählige Male über den Trümmern der karminroten Stadt auf und untergehen. Sie sahen die drei Monde über den glitzernden Himmel wandern und die toten Caldaner in helles, weißes Licht tauchen. Aasvögel des Tages und der Nacht öffneten die geschwollenen Bäuche der Leichen und verschwanden mit ihren nackten Köpfen und Hälsen tief in den stinkenden Höhlungen voller Nahrung. Irgendwann lagen nur noch Stofffetzen und sauber abgenagte weiße Knochen in den Ruinen.
Die Echsen kamen nicht wieder zurück an diesen Platz, sie hatten offenbar anderes zu tun. Captain Janeway und Tuvok erfuhren nie, ob die Hirogen tatsächlich von den kannibalischen Häschern auf Calda abstammten … ob es vor hunderttausend Jahren künstlich erzeugte Monstren gewesen waren, denen Tuvok und Seven in der Nähe des uralten Informationsnetzes mit List und viel Glück gerade noch entkommen waren.

© 2003 by Anneliese Wipperling

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