Was eine instabile Sonne hervorbringen kann

Meine Studenten von der Erde interessieren sich leidenschaftlich für das Geschlechterverhältnis auf Vulkan. Dabei vergessen sie immer wieder, dass bei uns alles ganz anders ist … dass die Geschichte unseres Planeten und unserer Sonne heute noch jeden Aspekt unseres Lebens prägen …

Autor: Andal aus dem Hause Boras
(Übersetzung von Anneliese Wipperling)

Fragen über Fragen

Meine Studenten von der Erde interessieren sich immer wieder leidenschaftlich für den Geschlechterkampf auf Vulkan.
“Bitte, sagen Sie schon … ich habe doch recht: Bisher gab es auf Vulkan das Matriarchat und nun, wo es auch älteste Krieger gibt, wird sich ein Patriarchat entwickeln. Man wird die Frauen wie überall im Quadranten unterwerfen!”
“Professor Andal, die Kohlinar-Meister sind doch zumeist Männer. Ist es nicht so, dass die Übernahme spiritueller Aufgaben immer einen Machtwechsel vorbereitet?”
“Stimmt es, dass es auf Vulkan keine öffentlichen Schulen gibt? Da haben eure Frauen sicher noch mehr Arbeit als unsere. Gleichberechtigung ist doch unter diesen Bedingungen gar nicht möglich …”
“Wir haben gehört, dass die Aufgaben der Männer und Frauen noch stärker differenziert sind, als auf der Erde.”
“Bekommen Frauen eigentlich auch Pon Farr?”
“Stimmt es, dass Vulkanier einander immer treu sind?”
“Müssen kleine Mädchen auch Kampfsport treiben?”
“Wie funktioniert das eigentlich mit der Bindung … da gibt es doch überhaupt keine Geheimnisse mehr – wie langweilig!”
“Gibt es vulkanische Feministinnen … und Lesben?”
“Stimmt es, dass alle Ah’Maral schwul sind?”
Sie sind so neugierig und naiv! Sie haben noch nicht begriffen, dass auf Vulkan alles ganz anders ist … dass die Geschichte unseres Planeten und unserer Sonne heute noch jeden Aspekt unseres Lebens prägen. Die nackte, gnadenlose Entropie hat uns für immer gezeichnet. Sie setzt die Prioritäten für unser Zusammenleben, geistert durch unsere Träume und erfüllt unsere Katras mit heimlicher Furcht. Die Verringerung der Entropie im Universum ist für uns ein Wert an sich geworden … ein Weg aus der Hölle in ein logisches Paradies ohne Konflikte.
Leider ist das mit manchen Paradiesen nicht so einfach. Ihre Früchte sind fade und wenig nahrhaft … wohingegen gewisse Konsequenzen unserer Begegnung mit der Hölle durchaus zu begrüßen sind. Zum Beispiel, wenn es um die Bindung geht … die Entrückungen. Reden wir zunächst über diese Sonneneruption.

 

Das verlorene Paradies

Vulkan war einmal ein wunderschöner grüner Planet. Unsere Vorfahren mussten sich nicht anstrengen, um an Nahrung und Wasser zu gelangen, alles war im Überfluss vorhanden. Sie hatten Zeit zum Lieben und Träumen, zum Ersinnen seltsamer Worte … und zur Erprobung anderer Möglichkeiten der Kommunikation. Sie liebkosten einander mit Händen, Lippen und Geist. Sie waren freundlich und offen wie Kinder. Wenn der feurige Atem unserer Sonne die Wälder nicht verbrannt hätte, würden wir immer noch lächelnd unter unseren Bäumen sitzen. Erst der gnadenlose Kampf ums Dasein hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind: eine verschlossene, harte Spezies mit seltsamen Eigenschaften und Bräuchen. Urteilt selbst, was daran gut ist … und was extrem schlimm.

 

Der Zwang zur Zusammenarbeit

Wenn sich die Lebensbedingungen plötzlich extrem verschlechtern, kann eine Spezies nur durch radikale Anpassung weiter existieren. Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich dabei nicht nur um physische Veränderungen oder das Überleben des Stärkeren … nein, es ist viel komplizierter. Das Gesetz der Wüste ist nicht mit dem so genannten Gesetz des Dschungels identisch. Die Wüste ist weit, heiß und leer. Sie lässt den Blick bis zum fernen Horizont schweifen. Abgesehen von wenigen Farben und großzügig geschwungenen Linien gibt es nichts … jedenfalls nichts, was nett, üppig oder gefällig wirkt. Leben ist nur dort möglich, wo es Wasser gibt … und davon beförderte die Sonneneruption mehr als neunzig Prozent ins All. Alle Lebewesen müssen ständig um ihre Existenz kämpfen. Die besten Chancen haben noch Gruppen, die untereinander fest verbunden sind … und die ihre spärlichen Ressourcen gnadenlos gegen alle Übrigen verteidigen. Auf Vulkan gab es immer und überall fest strukturierte Clans und mental verbundene Ehepaare. Häufig waren auch die Eltern in der Lage, die Gedanken und Gefühle ihrer Kinder aufzunehmen. Die Familien und Clans waren wahre Festungen gegen Konkurrenten aller Art.

Die mentale Bindung spielt nicht nur bei der humanoiden Spezies auf Vulkan eine Rolle. Auch die A’Kweth und einige Tierarten scheinen davon zu profitieren. Vor allem nomadisierende Lebewesen und solche, die von der Jagd leben, verfügen über erstaunliche Fähigkeiten zur lautlosen Kommunikation über weite Strecken … und davon gibt es bei uns überdurchschnittlich viele. Es ist äußerst vorteilhaft, wenn man sich auf einen vertrauten Partner verlassen kann … und wenn man immer genau weiß, was dieser wirklich vorhat. Die durch nichts messbare Interaktion zwischen kraftvollen Räubern, die Lager und Nahrung kampflos miteinander teilen, ist der entscheidende Vorteil, den die Lematyas gegenüber anderen, kurz nach der Sonneneruption ausgestorbenen Beutegreifern hatten.
Auch die überlebenden Urvulkanier, die nach der Katastrophe von gemischter Kost zu fast reiner Fleischnahrung übergingen, vervollkommneten rasch ihre Fähigkeiten zur wortlosen Informationsübermittlung. Sie konkurrierten nicht nur mit den Lematyas um die magere Beute … nein, die Jäger wurden selbst oft zur Nahrung. Lematyas und Urvulkanier fraßen sich gegenseitig und hielten so eine höchst fragile Ökologie im Gleichgewicht … sonst wären die kleinen Beutetiere schnell ausgestorben und alle Räuber hätten verhungern müssen.
Die Lematyas jagen in Rudeln. Sie haben zwar stets ein männliches oder weibliches Leittier, aber dieses beansprucht keine sexuellen Privilegien. Alle Mitglieder des Rudels paaren sich miteinander und gehen so eine primitive Vorstufe der Bindung ein. Merkwürdigerweise waren die Urvulkanier nicht dazu bereit, die Vorteile einer solchen Lebensweise zu nutzen. Wie fast alle Humanoiden legten sie Wert auf eine eindeutige Zuordnung der Kinder … und damit auf stabile Zweierbeziehungen. Den Nachteil kleinerer Familien glichen sie geschickt durch sinnvolle Bräuche, feste Strukturen der großen Clans sowie Weitergabe der Katras und damit der Erfahrungen, ihrer ältesten Mütter aus.

Erst sehr viel später gelang es den Ah’Maral, die Lebenskonzepte von Lematyas und Urvulkaniern zu vereinigen. Sie jagten und besiegten die Sklavenhändler als gnadenlose, mental miteinander verbundene Meute. Es war für die meisten Turuska ein großes Opfer, auf eine eigene Familie zu verzichten und sich den überaus strengen Regeln der Bruderschaften zu unterwerfen. Ich empfinde es als bittere Ironie des Schicksals, dass mein friedfertiges Volk die Lebensweise von Raubtieren imitieren musste, um zu überleben!
Wir entschuldigen uns nicht dafür, dass unsere Krieger wild und hart waren. Im Gegensatz zu den Sklavenjägern entwickelten sie schon bald eine ausgesprochen komplexe Ethik.
Männer wie Jorak und Agar waren Wegbereiter Suraks – Kämpfer, Liebende, Dichter und Weise in einem. Und die heutigen Ah’Maral verteidigen nicht nur die Zelte ihrer Clans, sondern auch die Werte der Föderation. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, das Dominion zu besiegen. Zukünftige Eroberer werden feststellen, dass man uns nicht so leicht unterjochen und versklaven kann. Es ist sehr gut, dass es die Krieger immer noch gibt!

 

Der Zwang zur Paarung

Unsere Vorfahren wurden aus einem grünen Paradies – einem Schlaraffenland – geradewegs in die Hölle katapultiert. Sie haben vermutlich gar nicht begriffen, wie ihnen geschah. Von denen, die das Inferno überlebten, starb wahrscheinlich der größte Teil innerhalb weniger Wochen. Hunger, Durst und Erschöpfung töteten die schwangeren Frauen, die kleinen Kinder … die Alten. Sicher waren viele der Überlebenden vom Schmerz überwältigt, wollten allein nicht weiterleben … und ganz bestimmt empfanden sie ihre Umwelt nicht als geeignet, um sich zu vermehren. Auch die Wildtiere der Erde verzichten häufig auf Nachkommen, wenn es nicht genug Nahrung für sie gibt. Manche töten sogar ihre Jungen, wenn sie sich mit ihrer Aufzucht überfordert fühlen!

Aber die Natur ist nicht im eigentlichen Sinne vernünftig. Es gibt immer Individuen, deren Sexualtrieb besonders stark ist … oder deren Brunft hoch dramatisch und zwanghaft verläuft. Am Ende haben wohl diese Geschöpfe auf Vulkan signifikant mehr Nachkommenschaft hinterlassen als jene, deren Triebe weniger heftig waren. Alle warmblütigen Lebewesen meines Heimatplaneten unterliegen in regelmäßigen Abständen der gnadenlosen Dominanz ihrer Geschlechtshormone. Die Männchen fallen laut schreiend und mit schonungsloser Gier über ihre Weibchen her. Die Paarung verläuft in diesem Zustand gewaltsam und brutal … ohne Zärtlichkeit … ohne Vernunft.
Die Weiblichkeit unseres Planeten reagiert auf diese periodisch auftretende, geballte männliche Aggressivität gelassen, fast ein wenig hochmütig. Lematyas, Luftgleiter, Sehlaths… Vulkanier: Alle verhalten sich nach dem gleichen Muster. Vermutlich ist es vorteilhaft, wenn wenigstens einer die Übersicht behält und Fressfeinde abwehrt. Auch bei den unvernünftigen Tieren ist es günstiger, wenn in dieser Situation eine vertraute Partnerin Schutz und Sicherheit spendet … und auch bei ihnen kann es zu Wahnsinn oder Tod führen, wenn die Vereinigung nicht optimal verläuft. Man hat festgestellt, dass gefangene männliche Lematyas nach der wilden Kopulation mit einem fremden Weibchen ihre Wärter nicht mehr erkannten … dass sie alles von neuem kennenlernen mussten: Fütterungszeiten, vertraute Personen … die gewohnte Gespielin.

Es gibt auf Vulkan eine ungleichmäßige Verteilung der Abhängigkeit zwischen den Sexualpartnern. Frauen können notfalls allein überleben … Männer brauchen alle sieben Jahre jemanden, der sie gut kennt, mit ihnen mental verbunden und bereit ist, ihr Katra – oder bei den höheren Tieren ihre gesammelten Erfahrungen – zu bewahren.
Ein normaler vulkanischer Mann wird immer sehr vorsichtig mit seiner Gemahlin oder seinem homosexuellen Bindungspartner umgehen. Er weiß, dass er es sich nicht leisten kann, sie ernsthaft zu erzürnen … und dass sie ein sehr gut funktionierendes Gedächtnis hat. Viele unappetitliche Auswüchse des Geschlechterkampfes auf anderen Planeten sind uns so erspart geblieben: Vergewaltigung Fremder, Prostitution, systematische Unterdrückung und Entwürdigung des Bindungspartners oder eines Geschlechts.
Ich behaupte nicht, dass alle Vulkanier nett und edel sind, aber die Perversion beschränkt sich fast immer auf die Privatsphäre zweier Bindungspartner und ist zumeist von beiden gewollt oder zumindest toleriert. Vor Surak waren es vor allen reiche, unverheiratete oder verwitwete Frauen, die auf geradezu monströse Weise ihre abartigen Gelüste an wehrlosen Sklaven auslebten … oder aber die Ehepartner waren beide sadistisch veranlagt und betrieben die Misshandlung und Vergewaltigung Wehrloser als gemeinsames Hobby. Wilde Orgien, in deren Verlauf Dutzende Sklaven qualvoll sterben mussten, waren bei Kriegsherren und Lokalfürsten allgemein üblich.
Sadisten, die so unlogisch sind, die Rachsucht ihrer Bindungspartner herauszufordern und ihr eigenes Leben in Gefahr zu bringen, waren bereits damals eher selten und sind nach Surak durch intensive Vermittlung ethischer Werte und das Kohlinar fast ausgestorben. Leider kann man auch bei einer so kontrollierten Spezies wie den Vulkaniern gewisse Anwandlungen von Destruktivität und Wahnsinn nicht vollständig vermeiden …
Im Großen und Ganzen hat der Zwang zur Paarung jedoch dazu geführt, dass bei uns die Geschlechter harmonischer und vernünftiger zusammenleben als anderswo.

 

Vieles ist bei uns ganz anders

Ich werde oft gefragt, warum auf Vulkan immer noch das Matriarchat herrscht – und meine Gesprächspartner reagieren mit Unglaube und Verständnislosigkeit, wenn ich antworte, dass es bei uns gar kein vorherrschendes Geschlecht gibt.
“Aber es gibt doch älteste Mütter!” schallt es mir entgegen. “Wenn die Männer wirklich gleichberechtigt wären, müsste es doch auch älteste Väter geben …”
“Sie werden doch nicht bestreiten, dass die neu entstandene Tradition der ältesten Krieger der erste Schritt in Richtung Patriarchat ist!” “Wir wissen, was Vulkans Frauen bevorsteht … sie tun uns jetzt schon Leid.”

Wie so oft werden bei solchen Diskussionen hemmungslos Ursache und Wirkung verwechselt! Im Prinzip ist jeder erwachsene Vulkanier in der Lage, das Katra eines anderen intelligenten Lebewesens im Augenblick seines Todes aufzunehmen. Es gibt dabei graduelle Unterschiede, die vor allem in der Fähigkeit, die Persönlichkeit eines anderen vorurteilsfrei und vollständig wahrzunehmen, beruhen. Im Klartext: Sehr unintelligente, ungebildete oder narzisstische Personen haben damit Schwierigkeiten. Sie sind deshalb als Partner wenig begehrt. Ein kleiner Nebeneffekt dieser Tatsache ist, dass die körperliche Schönheit bei der Auswahl des Bindungspartners generell eine geringere Rolle spielt als auf anderen Welten. Vulkanier suchen vor allem Verständnis und Sicherheit. Die meisten von ihnen werden eine kluge, charakterfeste Frau jederzeit einer hohlen Schönheit vorziehen.
Es ist für einen Mann extrem wichtig, zu wissen, dass das eigene Katra sicher aufgehoben ist … und das ist es ganz objektiv am besten bei einer Frau, die ihn liebt und versteht.

Männern fällt es wegen des periodisch auftretenden Pon Farr schwerer, ein Abbild eines Katras über längere Zeit zu bewahren. Sie dürfen nicht vergessen, es nach jeder Konfrontation mit der reinen Entropie zu erneuern … was nach dem Tod der entsprechenden Person leider nicht mehr möglich ist. Wenn der sexuelle Wahn sie packt, gerät alles aus den Fugen: das eigene und das fremde Ich. Homosexuelle Männer, die in eheähnlichen Partnerschaften leben, haben es auf Vulkan besonders schwer und enden überdurchschnittlich oft in Häusern für unvollkommene Geister. Vielleicht hält man Homosexualität auch deshalb für sehr unlogisch.
Wenn man bedenkt, wie gefährdet bereits ein von einem Mann bewahrtes Abbild eines einzelnen Katras ist, wird klar, dass es nicht vernünftig wäre, den Männern die Geister ihrer Vorfahren anzuvertrauen. Die Katras könnten durcheinander geraten oder gänzlich verloren gehen. Bitte glaubt mir: Die alle sieben Jahre stattfindende Heimsuchung der vulkanischen Männer ist der einzige Grund, weshalb es keine ältesten Väter gibt. Frauen sind nicht privilegierter, sie sind einfach nur besser geeignet für diese Aufgabe. Es war logisch, sie zu Hüterinnen der alten Erfahrungen zu machen.

Bei den Ältesten Kriegern ist das ganz anders. Die Ah’Maral haben spezielle Techniken entwickelt, um das Selbst ihrer Partner während des Pon Farr zu bewahren – und sie lassen sich zumeist von besonders befähigten Waffenbrüdern helfen. Außerdem verfügt in der Bruderschaft jeder über die Abbilder der Katras aller Waffenbrüder. Wenn wirklich einmal etwas schief geht, wird bei dem betroffenen Krieger künstlich ein erneutes Pon Farr erzeugt und ein anderer rekonstruiert sein Selbst. Man muss es sich so vorstellen, dass in einer Bruderschaft der Ah’Maral von allen Katras – auch den komplexen – zwanzig oder mehr unterschiedlich perfekte Sicherheitskopien existieren. Die Krieger haben ein System geschaffen, das noch sicherer ist als das der ältesten Mütter. Es gibt zwar immer noch Zweifler, die meinen, dass die Aufnahmekapazität von Männern nicht so gut wie die von Frauen wäre und die prophezeien, dass das Konzept der Ältesten Krieger bald an seine Grenzen stoßen würde – aber seit immer mehr Frauen Ah’Maral werden, hat dieses Argument an Substanz verloren. Es wird kein Problem sein, die Katras besonders befähigter Anführer und Krieger zu bewahren.

Älteste Mütter gibt es auf ganz Vulkan. Sie sind die Kondensationskerne, um den sich ein jeder Clan gruppiert … stirbt eine älteste Mutter, ohne ihr Katra weiterzugeben, erlischt das entsprechende Haus. Es wird aus den Datenbanken vollständig getilgt. Das Gleiche passiert, wenn eine älteste Mutter es nicht schafft, eine sinnvolle Ordnung in ihrem Geist aufrecht zu erhalten und wahnsinnig wird. In dem Fall muss ein Gedankentechniker die fremden Katras wieder entfernen. Da sie nicht mehr gesund sind, werden sie danach in der Halle für alte Gedanken aufbewahrt oder – bei den Turuska – einfach freigelassen. Es passiert sehr selten, dass das Katra einer ältesten Mutter durch Auswahl einer ungeeigneten Trägerin oder sonstige Leichtfertigkeit verloren geht. Unsere Frauen sind viel zu vorsichtig, um eine Zerstörung ihres Clans zu riskieren. Auch bei den Kriegern hat man die Aufnahme fremder Katras streng reglementiert, weil nur diejenigen diese Aufgabe fehlerfrei bewältigen können, die kraftvoll und geistig völlig gesund sind – bereit und fähig, das Cthia zu ehren. Es ist logisch, dass die Ältesten Mütter bei ihren Clans sehr viel Einfluss haben – schließlich sind sie besonders starke Persönlichkeiten mit den Erfahrungen vieler Generationen. Es hat sich einfach bewährt, auf die Ältesten Mütter zu hören – und sie durch einen gewählten Rat der Ältesten zu unterstützen. Ihre Entscheidungen waren zumeist sinnvoll, auch wenn uns manche Beispiele aus alter Zeit erschrecken. Damals gab es eben eine andere Gesellschaftsordnung und andere Prioritäten als heute.

 

Warum niemand die Männer Vulkans unterdrückt

Erinnern wir uns: Es gibt auf Vulkan wegen der lebensfeindlichen Umwelt einen Zwang zur Zusammenarbeit und einen Zwang zur Paarung. Niemand ist in der Lage, allein zu überleben. Ein einsamer Mann ohne Bindungspartnerin wird irgendwann elend zu Grunde gehen … und unsere Frauen?

Die Frauen Vulkans sind stark und selbstbewusst. Dennoch gibt es Momente, wo auch sie Fürsorge und Schutz brauchen. Schwangerschaft, Niederkunft und die Pflege der Kinder beanspruchen sie zuweilen aufs äußerste. Sicher, die Technik hat vieles leichter gemacht und wir haben seit tausend Jahren Frieden … dennoch ist es für sie immer noch ein gutes Gefühl, einen starken, verantwortungsbewussten Partner an ihrer Seite zu wissen. Wir Männer Vulkans stellen seit alters her unsere Kraft und Wildheit gern in den Dienst der Familie. Wir lieben und beschützen unsere Frauen und Kinder. Das gibt unserem Leben einen höheren Sinn und lässt uns an der tiefen Harmonie zwischen unseren Frauen und der Natur teilhaben.

Aus Sicht unserer Frauen wäre es nicht sinnvoll, ihre Männer zu unterwerfen. Zum einen sind sie sowieso durch das Pon Farr von ihnen abhängig. Sie sind keine Gefahr für ihre Freiheit und ihr Selbstwertgefühl … und es wäre billig und unethisch, sich in irgendeiner Weise auf ihre Kosten zu profilieren. Andererseits …
Die meisten vulkanischen Frauen haben einen heißen, hungrigen Schoß. Sie lieben es, wenn ihre Männer kraftvoll und fordernd sind … wenn sie sich tief und leidenschaftlich in ihnen verlieren und ihnen mit ihrer mentalen Energie berauschende, unvergleichliche Erlebnisse schenken. Das gibt uns Männern große Macht über sie. Wir genießen es, unsere männliche Kraft frei wirken zu lassen und die Weiblichkeit unserer Partnerinnen gnadenlos in Aufruhr zu versetzen. Die meisten Vulkanierinnen sind für eine gute Entrückung zu so manchem Kompromiss bereit. Ein schwacher, demütiger Mann kann ihr Katra und ihren Schoß nicht befriedigen … also sorgen sie dafür, dass ihr Partner sich stark und frei fühlt.

Es ist auch zu beachten, dass Männer und Frauen sich auf Vulkan nicht dermaßen fremd sind wie auf der Erde. Jeder kann die Gedanken und Gefühle des anderen nachvollziehen … die Lust des anderen Geschlechts mitempfinden. Es gibt keine Heimlichkeiten, keine Missverständnisse und keine Illusionen. Die Freude des Mannes an einer weiblichen Rundung, die leidenschaftliche Antwort des weiblichen Katras auf eine intime Berührung … alles ist offen, wehrlos, nackt und für den anderen sichtbar. Es ist ein unbarmherziges Patt, das beide Partner zu Rücksichtnahme und Fairness zwingt.
Wer seinen Bindungspartner vernachlässigt, kränkt oder quält, empfindet keine Genugtuung und keinen Machtrausch … nein, er ist gezwungen, die Folgen seines Tuns mit zu erleiden. Man muss schon sehr bindungsschwach und vor allem äußerst pervers veranlagt sein, um so etwas faszinierend zu finden. Gewiss, es gibt einige wenige Fälle … Leute, die in Heimen für unvollkommene Kinder aufwuchsen … Soziopathen mit extrem geringer Sensibilität … wir schämen uns für diese Mitbürger und ihre Taten. Es ist jedoch glücklicherweise sehr unwahrscheinlich, dass Machtkämpfe zwischen Bindungspartnern auf Vulkan ebenso wie auf der Erde zur Massenerscheinung werden.
Die Entropie, der Verlust des Paradieses, die unser Wesen geprägt haben, zwingen uns auf seltsame Weise zu Ordnung und Rücksichtnahme. Selbst die starke Aufgabenteilung zwischen Mann und Frau kann daran nichts mehr ändern.

 

Scham und Verdammnis

Wir Vulkanier sprechen ungern über das Pon Farr, höchstens mit ganz allgemeinen, nichts sagenden Worten – so, als würde es sich um eine eklige Krankheit handeln, die man sich an einem schmutzigen, zweifelhaften Ort zugezogen hat. Ich finde, dass das ganz falsch ist, weil uns unsere Freunde von anderen Welten nicht verstehen können, wenn wir ihnen nicht auch diese heimliche Qual schonungslos offenbaren.
Die Tatsache, dass der Geist der vulkanischen Männer alle sieben Jahre in einem Strudel aus tierischer Wildheit und purer sexueller Gier versinkt, sollte uns mit Demut erfüllen. Es tut gut, regelmäßig derart machtvoll an seine animalischen Wurzeln und die glühend heiße Triebkraft allen Lebens erinnert zu werden.

Mein Volk geht mit der Sexualität und dem Pon Farr sehr viel offener um als der Rest Vulkans. Dadurch, dass wir in Zelten leben, können wir weniger voreinander verbergen … und da letztendlich jeder von uns alle sieben Jahre der reinen Entropie anheim fällt …
Als es mir zum ersten Mal passierte, war ich noch mit meiner ersten Gemahlin T’Mira verheiratet. Sie war ein wenig älter als ich, von Beruf Ärztin und eine ungewöhnlich mitfühlende, tatkräftige und kluge Frau. Nichts Vulkanisches war ihr fremd. Sie empfing das Tier in mir mit Liebe und Nachsicht … zähmte es mit sanfter Entschlossenheit. Auf meine Scham am nächsten Morgen reagierte sie mit einem mütterlichen Lächeln.
“Weißt du, Andal”, sagte sie, während sie mir eine besonders dick bestrichene Scheibe Fladenbrot zuschob, “ihr Männer wollt immer so makellos wie eine gut geölte Maschine funktionieren … aber Lebewesen sind ganz anders. Ich muss das wissen, denn ich habe schon genug von ihnen kuriert. Alle sieben Jahre nur eine einzige Nacht voller Wahnsinn und Gewalt ist mehr als nur akzeptabel … es ist das wahre Glück! Wenn wir es schaffen, die übrige Zeit einträchtig zu leben und uns mit Verständnis und Zuneigung zu begegnen, werden wir mit dem bisschen Entropie auch noch fertig. Sie gehört zur Natur unseres Universums. Wir können sie niemals völlig besiegen … und das ist gut so.”
Es dauerte Jahre, bis ich begriff, wie recht sie hatte.

Diejenigen Vulkanier, die wir Turuska zuweilen etwas respektlos als Philosophiebürokraten bezeichnen, leiden besonders schlimm unter ihren biologischen Besonderheiten. Sie schämen sich nicht nur ihrer Wildheit und Unlogik, sie stellen zuweilen ihre Sexualität komplett infrage … und sie versuchen, sich durch möglichst abstrakte und hochtrabende Ideale zu profilieren. Statt mit Demut begegnen sie den Früchten der Entropie mit radikaler Ablehnung und hilfloser Arroganz. Sie wollen nicht verstehen, dass das Tier genauso ein Teil von ihnen ist, wie ihre Logik und ihr geliebtes Kohlinar.
Im praktischen Leben ist das nur wenig hilfreich … und es verärgert ihre Gemahlinnen. Die halten zumeist wenig von den krampfhaften Versuchen ihrer Ehemänner, die Entropie um jeden Preis zu bekämpfen. Meist sind es die Frauen, die heimlich enthemmende Mittel ins Essen mischen, um endlich ihre lang ersehnte, befriedigende Entrückung zu bekommen.

 

Pragmatische Frauen

Man könnte meinen, dass unsere Partnerinnen unter dem Pon Farr ihrer Ehemänner sehr leiden … aber die meisten ertragen es erstaunlich gelassen.
Sie wissen ganz genau, dass das Blutfieber nicht nur eine Bürde für sie ist, sondern ihnen auch große Macht verleiht. Seit alters her wagt es kein Mann, seine Bindungspartnerin so sehr zu kränken, dass sie ihm womöglich den Tod wünschen würde. Das, was zwischen zwei Vulkaniern bei einer Entrückung passiert, ist gesetzlich nicht reglementiert. Falls ein Mann während des Pon Farr stirbt oder wahnsinnig wird, gilt dies immer als Unfall und nicht als Verbrechen. Die Privatsphäre ist auf Vulkan viel zu heilig, als dass Männer oder Frauen ein Interesse daran hätten, dass derart intime Ereignisse vor Gericht verhandelt werden.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Frauen ihre Macht über uns Männer genießen. Vielleicht sind sie deswegen auf so selbstverständliche Weise fordernd … und nehmen vieles, was uns wichtig ist, nicht so recht ernst … sie sind schließlich die Hüterinnen des Lebens. Ich kann das aushalten, solange ich mich bei meiner Partnerin sicher geborgen fühlen kann.

Ich hoffe nur, dass sie mir verzeiht und versteht, dass ein Mann sich manchmal mit seltsamen und sehr abstrakten Dingen beschäftigen muss, um darüber hinwegzukommen, dass immer noch ein wildes Tier in ihm wohnt. Ich erwarte jedoch von meiner Gemahlin, dass sie mich aufhält, wenn ich mich in Gedanken zu weit von unserer wahren Natur entfernen möchte … dass sie verhindert, dass meine Nachdenklichkeit und meine Logik zum Selbstzweck entarten.

 

Frauen als Kohlinar-Meister?

Es gibt nur sehr wenig weibliche Kohlinar-Meister. Momentan sind es auf dem ganzen Planeten sieben – und nur eine von ihnen gehört zu den zehn Großen. Exosoziologen anderer Welten versuchen des Öfteren, daraus patriarchale Strukturen abzuleiten. Sie hätten recht, wenn wir tatsächlich versuchen würden, die Frauen von einer derartigen Karriere abzuhalten … wenn wir es ihnen besonders schwer machen würden. Tatsache ist jedoch, dass wir Männer uns sehr geschmeichelt fühlen, wenn eine Frau sich ernsthaft unseren Lieblingsbeschäftigungen zuwendet … und dass sie dann zumeist frustrierend gut ist.
Die wenigen weiblichen Kohlinar-Meisterinnen waren alle machtvoll und äußerst kreativ. Die Anführerinnen der Ah’Maral haben im Dominionkrieg Hervorragendes geleistet: Der Name T’Kuro aus dem Hause Kuma wird auf ewig mit der Rettung der Erde verbunden sein. Und unsere großartigen Technikerinnen, Philosophinnen …

Die Frauen Vulkans verfügen über eine bewundernswerte, natürliche Würde und fühlen sich vollkommen in Einklang mit allen Geschöpfen unseres Planeten. Sie brauchen sich ihres hungrigen Schoßes nicht zu schämen, weil sie niemals zu wilden Tieren werden … weil sie auf vielfache Weise Spenderinnen und Bewahrerinnen des Lebens sind. Sie sind der Wind, der Sand und das Feuer …
Warum sollten sie nach einer Meisterschaft streben, die sie gar nicht brauchen?

 

Was immer wir sind …

Wir sollten unsere übertriebene Furcht vor der Entropie verstoßen. Gewiss, sie gefährdet das Weltall und die Wahrscheinlichkeit, dass alles in einem gewaltigen Brand endet, ist groß.
Es gibt Krieg und Hass … gemeine Verbrechen … und jenes allerletzte Feuer, das womöglich das Universum irgendwann verschlingen wird. Es ist richtig, alle Dinge und Gedanken zu ordnen. Dennoch ist es gut, dass uns dies niemals völlig gelungen ist. Der Dominionkrieg hat unser sorgfältig und schlüssig strukturiertes Dasein zerfetzt und uns gezeigt, dass Logik und Vollkommenheit keine Werte an sich sind.
Wir waren nur stark genug, die Eroberer zu verjagen, weil ein Teil Vulkans sich der so genannten reinen Lehre nicht unterworfen hatte … weil er immer noch im natürlichen, lebendigen Gleichgewicht zwischen Reinheit und Anarchie lebte. Wir, die Kinder einer heißen, unzuverlässigen Sonne haben verhindert, dass eine kalte, fremde Ordnung den Alphaquadranten zerstören konnte.
Manchmal sollte man der Entropie sogar vertrauen … sie ist gar nicht so übel, wenn man sie nicht alle Strukturen überwuchern lässt.

(Auszug aus: Anneliese Wipperling, “Flügel aus Glas”, eine Anthologie moderner vulkanischer Autoren)

© Copyright by Anneliese Wipperling, 2003

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