Am Rande des Abgrunds

Das Volk der Turuska ist im Krieg. Alle kräftigen Männer und Frauen kämpfen gegen einen gnadenlosen Feind. Kinder und Greise verrichten die schwere Feldarbeit – so wie die verbitterte Kah’Nurij …

Heyla-Story von Anneliese Wipperling

Es war früher Nachmittag. Die hochgewachsene alte Frau mit den stumpfen grauen Augen und dem abweisend verkniffenen Mund trug die beiden schweren, bis oben hin mit Fäkalien gefüllten Eimer leise ächzend zu einem der weit außerhalb des Zeltdorfes gelegenen Wüstengärten des Hauses Massa: drei mit halb reifen Früchten schwer beladene Mombasträucher, dreißig Reihen Rukahpflanzen, zwei Schilabäume, ein kleines Feld mit nahrhaftem Wüstenkorn und ein Brunnenhäuschen mit einer alten rostigen Handpumpe. Alle paar Schritte blieb sie stehen, schaute sich besorgt nach heylanischen und tierischen Feinden um und wartete ergeben darauf, dass ihr Herz wieder Takt fasste.
„Meine armen Knie!“ murmelte sie verbittert. „Auch ohne Last tut jeder Schritt weh und mit diesen schweren, erbärmlich stinkenden Kübeln … das ist Arbeit für einen kräftigen Mann … nicht für so ein altes Gestell wie mich. Am liebsten würde ich den ganzen Krempel hinschmeißen! Eine Sklavin hat es bestimmt auch nicht schwerer als ich. Der Abgrund ohne Wiederkehr ist angesichts dieser Schufterei richtig verlockend … wenn ich ihn nur endlich finden könnte! Wenn ich nur wüsste, wie die anderen das machen!“
Kurz entschlossen stellte sie die Kübel ab, setzte sich in den heißen Sand und massierte hingebungsvoll ihre Kniegelenke. Sie waren dick geschwollen und heiß. Die neue Salbe hatte nicht viel gebracht … ganz im Gegenteil.
„Vielleicht sollte ich besser wieder kühlen … aber dann muss ich regelmäßig an den einzigen Eisschrank des Clans gehen und der steht im Zelt des verdammten Heilers. Er bewahrt darin seine Medizin auf, Milch für die Babys und manchmal, wenn die Ah’Maral wieder einmal einen Raspayati abschießen mussten, leckeres Fleisch … aber davon habe ich nur als Kind ab und zu kosten dürfen. Na ja … der oberschlaue Kerl wird beleidigt sein, wenn ich ihm sage, dass seine komische Salbe nichts taugt. Er wird wieder mit mir rumstreiten und behaupten, dass ich was falsch gemacht habe. Immer tut er so von oben herab, als wenn ich für alles zu dumm wäre, vor allem, wenn es um seine kostbaren Mixturen geht … und das nur, weil ich nicht richtig lesen und schreiben kann!“
Die alte Frau rappelte sich mühsam wieder auf und griff nach den Henkeln der schweren, stinkenden Eimer. „Erst die Scheiße”, munterte sie sich selber auf, „und dann setze ich mich hinter das Brunnenhäuschen und suche den Abgrund ohne Wiederkehr. Muss ein nettes Plätzchen sein, wenn die Ah’Maral so oft dorthin verschwinden. Ich bin ja angeblich nicht intelligent genug, um Kriegerin werden zu können. Deshalb hat sich kein Umahaij-Meister mit mir abgegeben und deshalb musste ich von klein auf Mist schleppen. Die haben mir die ganze schwere Arbeit aufgehalst, das was keiner gerne macht und irgendwann waren meine armen Knie kaputt …” Nun seufzte sie frustriert. „Hoffentlich finde ich den Abgrund diesmal! Ich habe es satt, immer nur im Kreis herumzulaufen! Die anderen haben zwar immerzu was von Bergen und Schluchten gelabert, aber vielleicht ist das alles nur Schwindel …”

* * *

Als sie sich endlich dem Brunnenhäuschen näherte, war es schon beinahe Abend. Die Sonne wärmte noch, aber sie brannte nicht mehr wie Feuer auf der Haut. Die Schatten waren jetzt lang, dunkelgrün und verlockend … trotzdem würde wohl nichts aus der gemütlichen Pause werden. Die Frau registrierte verärgert, dass sich dort zwei Kinder herumtrieben. Sie konnte Kinder noch weniger ausstehen als die Erwachsenen ihres Clans. Es war zwar lange her, dass sie unter ihnen gelitten hatte … inzwischen beachteten sie sie kaum noch, aber ein undefinierbarer Groll saß tief in ihrem Umah. Mit gerunzelten Brauen beobachtete sie die beiden -  ein lockiges, zierliches Mädchen und einen dünnen, langhaarigen Jungen, beide tiefschwarz, ungefähr sechs und zehn Jahre alt -  wie sie eifrig Wasser pumpten und es mit Gießkannen auf die Beete zu verteilten. Sie wirkten lebhaft, unternehmungslustig und sehr gesund. Je länger sie zusah, um so mehr hasste die alte Frau sie: Ganz offensichtlich waren es selbstbewusste, angesehene Kinder … zukünftige Ah’Maral.
„Die machen die schöne, saubere Arbeit und ich muss den Dreck des ganzen Clans aufs Feld schleppen“, überlegte sie neidisch. „Wahrscheinlich verlangen sie auch noch von mir, dass ich den Mist sofort auf die Beete verteile und ihnen beim Gießen helfe. Diese Gören haben doch keine Ahnung, wie kaputt ich mich fühle … und wenn sie erst stolz mit ihren weißen Mänteln herumwedeln dürfen, werden sie so was wie mich überhaupt nicht mehr wahrnehmen. Hoffentlich bin ich dann schon tot!“
Die gehässigen Gedanken lenkten die Frau ab. Sie übersah einen Stein, stolperte … plötzlich schoss ein scharfer Schmerz durch ihr linkes Bein. Die alte Frau taumelte hilflos, ihr wurde schwarz vor Augen und sie merkte nicht einmal, dass sich aus einem der Eimer ein Schwall bräunlicher Jauche über ihre in groben Sandalen steckenden nackten Füße ergoss. Wie ein gehorsamer Automat, dessen Energiespeicher fast leer sind, versuchte sie, ihre Aufgabe doch noch irgendwie zu Ende zu bringen: Mit ruckartigen Bewegungen gelang es ihr, die schwere Last sicher im Sand abzustellen. „Seht ihr, ich bin gar nicht so ungeschickt, wie ihr immer behauptet!“ murmelte sie triumphierend. Dann wurde sie abrupt von ihrer Innenwelt verschlungen.

* * *

Es war wie immer. Sie war vollständig nackt und eine gleichmäßige graue Nebelwatte hüllte sie so dicht ein, dass sie nicht einmal ihre Füße sehen konnte. Auch der Untergrund war der der gleiche wie sonst … sehr feinkörniger, lauwarmer, weicher Sand, der sanft ihre Fußsohlen und Zehen liebkoste und es war wieder unnatürlich still. Die Lautlosigkeit war so extrem, dass sie die schwachen Willenskräfte der Frau wie ein Schwamm aufsaugte … sie apathisch und hilflos im Nirgendwo taumeln ließ.
„Diese Klugscheißer!” murmelte sie frustriert. „Die sollten mal versuchen, hier drin was zu finden! Da ist nichts Interessantes und vor allem kein Fluchtweg in den Tod. Leider bin ich zu feige, um einen Dolch oder Strick zu benutzen. Das tut bestimmt verdammt weh und ich habe Angst vor Schmerzen … das mit den Knien ist schon schlimm genug.”
Wie als Antwort auf ihre Gedanken begann es heiß und unangenehm in ihren überanstrengten Armen und Beinen zu pochen. Das Herz schlug wild von innen gegen die Rippen, ihr hechelnder Atem sorgte dafür, dass sich der Nebel zum ersten Mal in ihrem Leben ein wenig lichtete. Jetzt sah sie wenigstens ihre schwieligen Füße und unzählige Spuren im Sand. Die meisten stammten wahrscheinlich von ihr … aber nicht alle.
„Da ist noch jemand in meinem Geist? Jemand, den ich in meinem Inneren festgehalten habe … und das, obwohl ich mir sonst rein gar nichts merken kann?“ wunderte sich die alte Frau. „Ich habe all die Jahre nichts gespürt …“
Plötzlich war ihre Neugier so übermächtig, dass sie auf allen Vieren mit angehaltenem Atem den geriffelten Spuren dicker Sohlen folgte, die zu ziemlich großen Füßen gehören mussten. Zum ersten Mal fand sie etwas in ihrem grau vernebelten Geist: einen großen, würdevollen Mann im weißen Mantel, der mit seinem scharfen Dolch gerade eine tote Gefährtin aufschlitzte und ein winziges, zappelndes Etwas ins Licht hob.
„Ah, Kah’ Nurij! Ich habe lange auf dich gewartet”, sagte er und musterte sie freundlich. „Was ist nur aus dir geworden? Du siehst so verbittert aus …”
„Wer bist du? Woher kennst du mich?“
„Ich bin Rhoan, der Anführer deiner Mutter Kah’ Selja.” Jetzt lächelte der Mann traurig und setzte leise hinzu: „Bevor du mich fragst … nein, ich bin nicht dein leiblicher Vater … aber ich war, als du noch sicher in der grünen Höhle geborgen warst, dein väterlicher Freund. Ich habe oft Kontakt zu dir gesucht und mich an deinen zarten mentalen Schwingungen erfreut. Du warst damals sanft, fröhlich und auf eine ganz besondere Art weise … ein Kind, das zu großen Hoffnungen berechtigte. Aber dann geriet ich mit einigen Waffengeschwistern in einen Hinterhalt der Söldner des Hauses Sadam … fünf Männer und drei Frauen meiner Bruderschaft fielen im Kampf … auch deine schwangere Mutter. Ich habe versucht, dich zu retten, aber du warst noch so winzig und der Weg zum nächsten Heiler viel zu weit. Immer wieder musste ich dir von meinem Atem abgeben und dein Herz massieren. Als wir bei den Zelten des Hauses Massa ankamen, warst du schon sehr weit fort … du warst nicht mehr dasselbe Kind. Ein Teil deines Umahs ging für immer verloren …”
„Ach so, deshalb halten mich alle für minderbemittelt! Und deshalb hast du dich nicht weiter um mich gekümmert!” schrie die Frau gekränkt. „Und weil ich so kaputt bin, hat mich natürlich auch kein Mann erwählt. Ich fühle mich wie eine gedörrte Mombafrucht. Du hättest mich sterben lassen sollen!”
„Kah’ Nurij”, antwortete der Krieger ernst. „Ich habe dir damals ein Abbild meines Selbst geschenkt, um deinen Geist zu stabilisieren. Mehr konnte ich nicht tun, denn ich verlor leider nur wenige Tage nach Kah’Selja Tod den Kontakt zu meinem realen Selbst … wahrscheinlich hat sich sein Umah ebenfalls zerstreut. Glaub mir, ich hätte sonst beim Rat der Anführer etwas für dich arrangiert. Deine Gene sind vollkommen in Ordnung. Du hättest eine Mutter von Kriegern werden können …”
„Aber das wussten die anderen doch auch: der Heiler zum Beispiel … und die älteste Mutter des Hauses Massa …”
„Ich verstehe nicht, warum sie dir gegenüber so gleichgültig waren. Da ich in diesem undurchdringlichen Nebel gefangen war, weiß ich nicht, was da draußen passiert ist.“
„Vielleicht brauchten sie ja jemanden, der für sie die Jauche schleppt“, bemerkte die Frau bitter. „Und wenn sie dafür nicht genug Dumme haben …“ Mit böse glitzernden Augen ließ sie den Satz in der Schwebe.
„Das ist eine sehr schwer wiegende Anschuldigung“, konterte der Krieger ernst. „Gibt es Gründe, weshalb du so schlecht von deinen Verwandten denkst?“
Kah’Nurij schwieg nachdenklich. „Die anderen Kinder haben mich dauernd verspottet“, bekannte sie schließlich leise. „Die Lehrer schimpften mit mir, weil ich mir nichts merken konnte … der blöde Gedankentechniker gab mir ein Übungsprogramm, bei dem mir jedes Mal fast der Kopf platzte. Irgendwann habe ich da nicht mehr mitgemacht … bin einfach nicht mehr hingegangen. Ich bin lieber durch die Wüste gestreift … einfach so.“
„Und dann haben sie dir Arbeit zugeteilt, weil mitten im Krieg niemand auf Kosten der Vielen spielen und träumen darf …“
„Hmmm“, brummte die Frau verlegen.
„Du enttäuschst mich“, sagte Rhoan leise. „Du hättest gegen den Nebel in deinem Geist ankämpfen müssen … dich nicht von allen zurückziehen dürfen … deinen Lehrern und dem Gedankentechniker vertrauen … dann hätte ich nicht zweihundert Jahre warten müssen, bis du mich endlich bemerkst. Dann hätte ich dir früher sagen können, wie sehr deine Mutter und die Krieger ihrer Bruderschaft dich geliebt haben.“
„Davon habe ich nichts gemerkt. Niemand hat sich bei mir sehen lassen!“
„Du verstehst das nicht, Kah’Nurij. Der Kampf ist mörderisch, deshalb können sich die Ah’Maral nur in Ausnahmefällen um die Zelte der Clans kümmern. Außerdem sterben jeden Tag Krieger und werden durch neue Kämpfer ersetzt. Wahrscheinlich war schon bald niemand mehr da, der dein unversehrtes Umah kannte.“
„Ich hielt die Krieger immer für hochmütig und privilegiert …“
„Der weiße Mantel bedeutet nichts weiter als die Anwartschaft auf ein Übermaß an Stresshormonen im Blut und einen frühen Tod”, antwortete Rhoan schwermütig. „Die Ah’ Maral kämpfen wie im Fieber … schlafen ein paar Stunden … oder vereinigen sich mit verzweifelter Glut … ziehen wieder hinaus in die Wüste … und die Leute bei den Zelten arbeiten bis zum Umfallen. Alle Turuska haben es schwer.”
„Trotzdem … Tag für Tag diese schweren Eimer …“
„Bitte um eine andere Arbeit! Rede mit dem Heiler! Sag ihm, wie du dich fühlst!“
„Eigentlich will ich nicht mehr”, murmelte Kah’ Nurij frustriert. „Zeig mir lieber den Abgrund ohne Wiederkehr, dann habe ich endlich meine Ruhe!”
„Du willst dich wieder vor allem drücken“, protestierte Rhoan streng. „Du bist noch lange nicht nutzlos für die Gemeinschaft. Vergleiche nicht dauernd dein Los mit dem der anderen, hör auf, dich selbst zu bemitleiden und tu einfach deine Pflicht!“
„Du willst mir wirklich nicht helfen?“
„Doch, ich bin immer für dich da … du weißt ja jetzt, wo du mich finden kannst.“
„Also muss ich diesen verdammten Kindern doch gegenübertreten …“
„Welchen Kindern? Hast du bereits schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht?“ fragte der Krieger besorgt.
„Eigentlich nicht … ich kenne sie gar nicht näher. Sie bewässern gerade den Garten, zu dem ich die Kübel bringen muss. Sie lachen mich vielleicht aus …“
Rhoan lächelte aufmunternd. „Ich glaube, jetzt verallgemeinerst du die Erfahrungen aus deiner Kindheit zu sehr. Versuche, freundlicher und offener zu deinen Mitturuska zu sein! Sieh ihnen in die Augen! Rede mit ihnen! Vielleicht findest du sogar Freunde …“
Plötzlich löste sich der Nebel auf und die alte Frau blinzelte heftig in die schrägen, grellgrünen Strahlen der Abendsonne. Jetzt erst merkte sie, dass ihr jemand die Sandalen ausgezogen hatte und ihre Füße behutsam mit kühlem Brunnenwasser wusch.

* * *

„Tante“, fragte das kleine dunkle Mädchen und Panik schwang in ihrer Stimme mit. „Tante, was ist mit dir? Sollen wir ganz schnell den Heiler holen?“
„Ja“, setzte der große Junge ernsthaft hinzu. „Du kannst dich solange unbesorgt im Schatten ausruhen. Wir bringen später für dich den Dünger zu den Pflanzen.“
„Danke“, flüsterte die alte Frau verlegen. „Damit habe ich nicht gerechnet. Und was den Heiler angeht … den brauche ich nicht … das wird schon wieder von selbst.“
„Wir helfen den Schwachen und Wehrlosen und bekämpfen die Feinde unseres Volkes“, erklärte der Junge mit leuchtenden Augen und stolz geschwellter Brust.
Plötzlich war alles ganz einfach. „Ich heiße Kah’ Nurij und bin eine Tochter von Kriegern. Ich bin gar nicht schwach und hilflos. Solange ich noch diese Eimer tragen kann …”
„Du könntest kleinere nehmen“, schlug das Mädchen schüchtern vor.
„Aber dann bin ich gezwungen, den Weg zweimal zu gehen“, widersprach die Frau ernst. „Das ist auch nicht gut für meine alten Knochen.“
„Meine Schwester und ich müssen nicht mit leeren Händen zu den Gärten gehen …“ In den dunklen Augen des Jungen war jetzt ein warmes Licht. „Wir helfen dir beim Tragen.“
„Und ich helfe euch ab morgen beim Gießen.“
Zufrieden sah Kah’Nurij zu, wie die beiden Kinder flink durch die Reihen eilten, warf einen Blick auf ihre sauber geschrubbten Sandalen … ganz oben sangen zwei Glasvögel ihr Paarungslied. Für so einen Augenblick lohnte es sich zu leben und zu kämpfen … egal ob mit Laser und Dolch … oder mit schweren Eimern voll Jauche.

© 2005 by Anneliese Wipperling

 

 

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