{"id":92,"date":"2004-10-19T14:37:38","date_gmt":"2004-10-19T13:37:38","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=92"},"modified":"2025-05-13T19:26:37","modified_gmt":"2025-05-13T19:26:37","slug":"der-tanz-der-mause-auf-dem-kuchentisch-oder-wenn-cardassianer-rebellieren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=92","title":{"rendered":"Der Tanz der M\u00e4use auf dem K\u00fcchentisch Oder: Wenn Cardassianer rebellieren"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Zivilistenrevolte auf Cardassia, so die landl\u00e4ufige Meinung, l\u00e4\u00dft sich ganz simpel durch Wegfall des Obsidianischen Ordens erkl\u00e4ren. Doch ist es wirklich so einfach? Zweihundert Jahre Milit\u00e4rdiktatur haben die Gesellschaft sehr tief gepr\u00e4gt \u2026 <\/em><\/p>\n<p><strong>Leitartikel der \u201cFederations Weekly\u201d zum ersten Jahrestag der Zivilistenunruhen auf Cardassia<\/strong><\/p>\n<p>Autorin: Elarin Talmas von Trill<br \/>\n(aus dem F\u00f6derationsstandard ins Deutsche \u00fcbertragen von Adriana Wipperling)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Idee f\u00fcr diesen Artikel kam mir ausgerechnet in einem lauschigen Restaurant auf der Erde \u2013 genauer gesagt: bei \u201cSiskos\u201d in New Orleans. Ich sa\u00df allein unter einem ausgestopften Alligator mit glasigem Blick, der nicht unbedingt anregend auf meinen Appetit wirkte \u2026 aber das Restaurant war wieder einmal brechend voll und die Auswahl an Tischen nicht eben gro\u00df.<br \/>\nSo fragte mich nach kurzer Zeit eine fremdartige weibliche Stimme, ob an meinem Tisch noch ein Platz frei sei. Ich blickte von meinen \u201cSamarian Sunset\u201d auf \u2013 direkt in die tiefen schwarzen Augen einer Cardassianerin.<br \/>\nSie trug elegante, ma\u00dfgeschneiderte Zivilkleidung, aber eine Zivilistin war sie keinesfalls. Hinter jeder ihrer Bewegungen, ihrer Haltung, ihrem wachsamen Gesichtsausdruck steckte jahrelanger Drill. Kampfbereitschaft. Furcht vor dem Feind. Und noch mehr Furcht vor den eigenen Vorgesetzten.<\/p>\n<p>F\u00fcr einen Augenblick war ich irritiert, sogar erschrocken \u2026 aber dann erwachte in mir die Sensationslust der Reporterin und der gesunde Wissensdurst einer Trill. Ich bat die Dame freundlich, Platz zu nehmen \u2013 brennend vor Neugier, welches (un)gn\u00e4dige Schicksal sie auf die Erde verschlagen haben mochte \u2026<br \/>\nDas Gespr\u00e4ch gab mir jedoch viel mehr. Ich erhielt Einblicke in eine Welt, die mir \u2013 wie den meisten F\u00f6rderationsb\u00fcrgern \u2013 bisher verschlossen und fremd war. Dabei fand ich heraus, dass dieser ehemalige Feind uns \u00e4hnlicher ist, als wir uns bisher eingestehen mochten.<\/p>\n<p>Wenn die Katze aus dem Haus ist\u2026<\/p>\n<p>Ein Sprichwort der Menschen lautet: \u201cWenn die Katze aus dem Haus ist, gehen die M\u00e4use auf dem K\u00fcchentisch tanzen \u201c. Jeder wei\u00df, was Katzen sind: pelzige, schnurrende und sehr h\u00fcbsch anzusehende Lebewesen von der Erde, die als Heimtiere \u00e4u\u00dferst beliebt sind. Die M\u00e4use als bevorzugte Beutetiere dieser Gesch\u00f6pfe d\u00fcrften allerdings weniger entz\u00fcckt sein. Katzen pflegen n\u00e4mlich lange mit ihrem Essen zu spielen, bevor sie es endlich verspeisen. Die arme Maus, die die scharfen Krallen und Z\u00e4hne der Katze zu sp\u00fcren bekommt, d\u00fcrfte sich \u00e4hnlich hilflos und ausgeliefert f\u00fchlen, wie ein Gefangener des Cardassianischen Milit\u00e4rs oder des Obsidianischen Ordens.<br \/>\nIch streite nicht ab, dass dieser Vergleich makaber ist. Er bringt uns jedoch dem Problem n\u00e4her.<\/p>\n<p>Die Zivilistenrevolte auf Cardassia, so die landl\u00e4ufige Meinung, l\u00e4\u00dft sich ganz simpel durch Wegfall des Obsidianischen Ordens erkl\u00e4ren. Als die vereinigte Flotte des Ordens und des romulanischen Tal Shiar in den Gamma-Quadranten aufbrach, um die Heimatwelt der Gr\u00fcnder anzugreifen, ahnte noch niemand, dass damit der Grundstein f\u00fcr einen Umbruch des gesamten Alpha-Quadranten gelegt werden sollte. Die Invasion endete in einem Desaster, die cardassianischen und romulanischen Schiffe gerieten in einen Hinterhalt des Dominion und der Obsidianische Orden verlor sein gesamten F\u00fchrungspersonal.<br \/>\nSelbstredend war die Mission streng geheim und lediglich einige Besatzungsmitglieder der Raumstation Deep Space Nine wussten, was tats\u00e4chlich vorgefallen war. So erscheint es logisch, dass der Aufstand der cardassianischen Zivilisten erst mehr als ein Jahr nach der gescheiterten Offensive im Gamma-Quadranten ausbrach. Die Informationen \u00fcber die Vernichtung des Ordens sickerten nur sporadisch und tropfenweise durch die Festungsmauern der Cardassianischen Union.<\/p>\n<p>Doch Ger\u00fcchte verbreiten sich bekanntlich mit Warpgeschwindigkeit \u2013 und Ger\u00fcchte, die der Wahrheit entsprechen, verdichten sich langsam aber sicher zu Beweisen. Da f\u00fcr diesen Regierungswechsel nicht das Dominion verantwortlich war \u2013 wie eine Zeitlang vermutet wurde \u2013 konnte nur der Wille einer Bev\u00f6lkerungsmehrheit dahinterstehen. Die Cardassianer brauchten ihre Zeit, um zu begreifen, dass sie tats\u00e4chlich frei waren von Terror und pausenloser \u00dcberwachung. Wie eine Sonneneruption brach der gerechte Zorn hervor, das Volk erkannte den Segen der Demokratie und begannen, auf den Tischen zu tanzen \u2026 Mein freiheitsliebendes F\u00f6derationsherz jubilierte.<\/p>\n<p>\u201cSie denken, die Cardassianer haben rebelliert, weil sie keine Demokratie hatten? \u201d unterbrach mich meine cardassianische Gespr\u00e4chspartnerin, die aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden anonym bleiben m\u00f6chte, zynisch. \u201cDemokratie\u2026 meine Leute wissen doch gar nicht mehr, was das ist! \u201d<br \/>\nIch f\u00fcrchte, die gute Frau hat v\u00f6llig recht. Zweihundert Jahre Milit\u00e4rdiktatur k\u00f6nnen eine Gesellschaft sehr tief pr\u00e4gen. Die Mentalit\u00e4t der Cardassianer \u2013 die \u201cpolitische Kultur \u201c, wie es in Fachkreisen hei\u00dft \u2013 st\u00fctzt sich auf ein nahezu bedingungsloses Vertrauen in den Staat und ein konservatives Beharren auf alten Strukturen. Die B\u00fcrger erwarten, dass der Staat sie besch\u00fctzt, ihnen Arbeit und ein Dach \u00fcberm Kopf besorgt und danken dies mit Loyalit\u00e4t und Hingabe. Nat\u00fcrlich kann ein Staat, der seine Sch\u00e4fchen beh\u00fctet wie ein treusorgenden Vater, nicht zulassen, dass jemand seine Autorit\u00e4t anzweifelt! Das w\u00e4re doch anma\u00dfend, undankbar und au\u00dferdem respektlos! Wer also seinen Schnabel zu weit aufrei\u00dft und deshalb irgendwo spurlos verschwindet, ist selber schuld. Punktum.<br \/>\nDas ist die cardassianische Staatsdoktrin \u2013 und sie entbehrt nicht einer gewissen kaltschn\u00e4uzigen Logik. Doch h\u00e4tte dieses System tats\u00e4chlich so reibungslos funktioniert, wie die cardassianische Propaganda uns Glauben machen wollte, w\u00e4re nach dem Zusammenbruch des Obsidianischen Ordens niemand auf die Barrikaden gegangen. Abgesehen von ein paar Weltverbesserern, die alles in Frage stellen m\u00fcssen\u2026\u201d<\/p>\n<p>Ein verh\u00e4ngnisvoller Weg<\/p>\n<p>Ein anderes Sprichwort besagt: \u201cMan lernt einen Gegner kennen, wenn man gegen ihn k\u00e4mpft. \u201d Ich zweifle das an. Nat\u00fcrlich erfahren wir viel \u00fcber die St\u00e4rke und Entschlossenheit dieses Gegners, seine Intelligenz und seinen Einfallsreichtum \u2026 doch in erster Linie lernt man seine schlimmsten Seiten kennen.<br \/>\nSeit den Grenzkriegen sind uns die Cardssianer als grausam und hinterlistig in Erinnerung, als brutale imperialistische Macht. Sie haben Dutzende Welten mit Fusionsbomben verbrannt, die Bev\u00f6lkerung versklavt, gefoltert, scheu\u00dfliche medizinische Experimente durchgef\u00fchrt \u2026 Wer denkt da nicht manchmal an Vergeltung? W\u00fcnscht sich einen guten Zeitreisenden, der die ganze Spezies aus dem Universum eliminiert? Oder eine Superwaffe, um sie in die Steinzeit zur\u00fcckzubomben?<br \/>\nDabei d\u00fcrfen wir eines nicht vergessen: Das erste vom cardassianischen Milit\u00e4r unterworfene Volk war das eigene. Ein Volk, das Rettung in einer ausweglosen Situation gesucht hat, an der es zugegebenerma\u00dfen nicht ganz unschuldig war \u2026<\/p>\n<p>Der Weg, den Cardassia vor 200 Jahren eingeschlagen hat, war verh\u00e4ngnisvoll \u2013 doch in der Geschichte vieler F\u00f6derationswelten finden sich Parallelen.<br \/>\nDie Fortschrittspartei, die den gr\u00f6\u00dften und m\u00e4chtigsten Nationalstaat Cardassias jahrzehntelang regiert hatte, war der unersch\u00fctterlichen \u00dcberzeugung gewesen, dass die St\u00e4rke und das Wohlergehen eines Volkes ausschlie\u00dflich am Wirtschaftswachstum und der technischen Entwicklung gemessen werden konnten. Rationalit\u00e4t, Fortschritt, Leistung und immer wieder neue technische Erfindungen, deren Besitz als Statussymbol galt, wurden zum Lebensinhalt einer gesamten Nation. Wer diesem Bild nicht entsprach, weil er etwa religi\u00f6s oder ein Naturfreak war, wurde im besten Fall bel\u00e4chelt, im schlimmsten Fall diskriminiert. Doch die Rohstoffe des Planeten ersch\u00f6pften sich recht schnell unter den st\u00e4ndig wachsenden Anspr\u00fcchen seiner Bewohner. Bald machten Hungersn\u00f6te, Seuchen und Naturkatastrophen das Leben unertr\u00e4glich und die ersten K\u00e4mpfe um die letzten verbliebenen Ressourcen entbrannten. Die Regierung rief den Ausnahmezustand aus \u2013 mit dem Ergebnis, dass sie vom eigenen Milit\u00e4r gest\u00fcrzt wurde. Den Streitkr\u00e4ften gelang es schlie\u00dflich, den gesamten Planeten unter ihre Herrschaft zu zwingen \u2013 und viele andere Planeten, die dem cardassianischen Volk jene Ressourcen lieferten, die es ben\u00f6tigte, um den Lebensstandard wieder zu erreichen, den es w\u00e4hrend der Bl\u00fcte seiner Zivilisation genossen hatte.<\/p>\n<p>Als die cardassianischen Streitkr\u00e4fte Bajor eroberten, zeichneten sich bereits die ersten Probleme ab. Oftmals kosteten die vielen Kriege mehr, als sie an Beute einbrachten, die Regierung k\u00fcrzte die Sozialausgaben zugunsten des Milit\u00e4rs, appellierte mit gro\u00dfem Pathos an die Opferbereitschaft der B\u00fcrger und versprach, dass es nach dem n\u00e4chsten glorreichen Sieg allen besser gehen w\u00fcrde.<br \/>\nDoch die Bajoraner waren nicht nur das erste von Cardassia unterworfene Volk, das ernst zu nehmenden Widerstand leistete \u2026 Viele Cardassianer konnten sich dem Sog dieser fremdartigen Lebensweise nicht entziehen. Erstmalig wurde ihnen vor Augen gef\u00fchrt, dass m\u00f6glich war, andere Wege einzuschlagen, ohne in Dreck und Armut zu vegetieren. Die Herrscher im Zentralkommando sp\u00fcrten, dass das Volk langsam aber sicher ihrer Kontrolle entglitt, und beschlossen, die Z\u00fcgel fester in die Hand zu nehmen. War vorher schon der gr\u00f6\u00dfte Teil des Staatshaushaltes f\u00fcr die Armee draufgegangen, wurde nun fast der gesamte Rest f\u00fcr den Obsidianischen Orden ausgegeben: f\u00fcr Spitzel, \u00dcberwachungsger\u00e4te und Gef\u00e4ngnisse. Schlie\u00dflich reichten die Mittel kaum noch, um die Versorgung der Kriegsinvaliden, Alten und Kranken zu sichern.<\/p>\n<p>Nach jeder Regenzeit steht das Wasser kniehoch in der bauf\u00e4lligen H\u00fctte des ehemligen Soldaten S. Doch S. nimmt es gelassen, denn dieses Schicksal teilt er mit fast allen Bewohnern der heruntergekommen Slumsiedlung im S\u00fcden von Lakath. Eine richtige Wohnung kann er sich nicht mehr leisten, seit er vor Jahren ein Bein verlor und aus der Armee entlassen wurde.<br \/>\nAb und zu ergattert seine Frau einen schlecht bezahlten Tagel\u00f6hnerjob und das Ehepaar musst ausnahmsweise nicht von W\u00fchlm\u00e4usen und Abf\u00e4llen leben. Denn S. kann die Familie nicht ern\u00e4hren. Er gilt als Kr\u00fcppel \u2013 nutzlos f\u00fcr die cardassianische Gesellschaft.<br \/>\nSein Bein verlor er bei einem Angriff des bajoranischen Widerstands. Im \u201cDienst f\u00fcr Cardassia \u201c, wie es salbungsvoll in seiner Akte hei\u00dft.<\/p>\n<p>Der Dank des Vaterlands ist Dir gewiss<\/p>\n<p>Romane wie \u201cDas ewige Opfer \u201d m\u00f6gen zwar eher als Narkotikum, denn als spannende Lekt\u00fcre zu gebrauchen sein \u2013 doch sie zeigen eindruckvoll, was der cardassianische Staat von jedem einzelnen B\u00fcrger erwartet: Einsatzbereitschaft, Opfer, bedingungslose Treue. Der angeblich bedeutenste cardassianische Roman aller Zeiten erz\u00e4hlte die Geschichte von sieben Generationen, die sich allesamt entschlie\u00dfen, dem Staat zu dienen. Im Dienen allein liegt der Sinn ihres Lebens. Es sind M\u00e4use, die der Katze, die sie fressen will, noch begeistert in den Rachen springen \u2026 oder andere M\u00e4use in die Falle locken, damit sie ebenfalls gefressen werden.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich erwarten diese zweidimensionalen Kunst-M\u00e4use vom Vaterland keinen Dank, keine Gegenleistung \u2026 Der Durchschnittscardassianer erwartet dies sehr wohl.<br \/>\nWer f\u00fcr seinen treuen Dienst am Staat einen Tritt in den Hintern bekommt, reagiert darauf gew\u00f6hnlich mit Wut und Entt\u00e4uschung. Dieser Tritt hat schon so manchen Cardassianer in die Gosse bef\u00f6rdert \u2013 meine Gespr\u00e4chspartnerin bef\u00f6rderte er vor f\u00fcnf Jahren ins Gef\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Bis sie wegen einer kritischen Meinungs\u00e4u\u00dferung in die M\u00fchlen des Systems geriet, war sie eine Glinn Zweiten Grades mit einer vielversprechenden Karriere. Offizierkollegen, die angeblich nur ihr Bestes wollten, verh\u00f6rten sie tagelang ohne Unterbrechung, verweigerten ihr die Nahrungsaufnahme und dr\u00fcckten ihren Kopf so lange unter Wasser, bis sie einem Erstickungsanfall nahe war. Als ihr Wille noch nicht gebrochen war, sperrte man sie drei\u00dfig Stunden lang in eine Zelle, die nicht gr\u00f6\u00dfer als ein Besenschrank war, und wo Tag und Nacht grelles Neonlicht brannte.<br \/>\nW\u00e4re diese Frau eine Figur aus dem \u201cEwigen Opfer \u201d gewesen, h\u00e4tte sie die Prozedur zwar nur knapp \u00fcberlebt, sich aber dennoch gefreut, dass das cardassianische Sicherheitssystem so effizient funktioniert. Sie w\u00e4re zu dem Schluss gekommen, dass sie sich alle Misshandlungen selbst eingebrockt h\u00e4tte, und schwanzwedelnd zu ihrem Vorgesetzen zur\u00fcckgekrochen.<br \/>\nSo kaputt und masochistisch war sie gl\u00fccklicherweise nicht.<\/p>\n<p>Was w\u00e4ren wir ohne unsere Feinde!<\/p>\n<p>Wenn ich an Cardassia denke, habe ich jedesmal ein konkretes Bild vor Augen: Ein ovaler Bildschirm an einer sandfarbenen Hauswand. Das nichtssagende Gesicht irgend eines Guls, der im Brustton der \u00dcberzeugung verk\u00fcndet, dass kein B\u00fcrger Cardassias Grund hat, um seine Sicherheit zu bangen \u2026<br \/>\nDie Wirklichkeit sieht anders aus: Neuesten Statistiken zufolge kamen im letzten Jahr der Milit\u00e4rdiktatur mehr Cardassianer durch Hinrichtungen ums Leben, als durch Verkehrsunf\u00e4lle. Jeder vierte cardassianische Staatsb\u00fcrger \u00fcber 16 Jahre gab an, schon einmal verh\u00f6rt und gefoltert worden zu sein.<br \/>\nWaren diese Opfer alles Dissidenten und Regimegegner, \u201cVerr\u00e4ter \u201d und \u201cKriminelle \u201c? Daran darf gezweifelt werden. Selbst loyale Cardassianer fragen sich, ob es ein Staat, der seine eigenen B\u00fcrger terrorisieren l\u00e4sst, \u00fcberhaupt wert ist, gesch\u00fctzt zu werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr ein totalit\u00e4res Regime wie die cardassianische Milit\u00e4rdiktatur sind Feinde lebensnotwendig: Sie dienen als Rechtfertigung, um das Volk zu \u00fcberwachen, drastische Strafen f\u00fcr unbedeutende Delikte zu verh\u00e4ngen, s\u00e4mtliche verf\u00fcgbaren Staatsgelder in die R\u00fcstungsindustrie und die Geheimdienste zu buttern, Steuern zu erh\u00f6hen\u2026 Ohne Feinde h\u00e4tte die Herrschaft des Zentralkommandos sehr schnell ihre Berechtigung verloren, das Volk h\u00e4tte sich viel eher erhoben und sogenannten wichtigen Leuten die Kehlen aufgeschlitzt.<br \/>\nSo absurd dies klingen mag \u2013 das cardassianische Milit\u00e4r f\u00fchrte keine Kriege, um Feinde zu bek\u00e4mpfen, sondern um welche zu schaffen. Die Gewinnung von Lebensraum und Rohstoffen war im Grunde nichts weiter als ein willkommener Nebeneffekt.<br \/>\nMan fragt sich unwillk\u00fcrlich, weshalb die Cardassianer den Planeten Bajor \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre lang besetzt hielten, obwohl die Kosten zur Terrorbek\u00e4mpfung die Ausbeute letztendlich weit \u00fcberstiegen. Immerhin gibt es in diesem Quadranten mehrere unbewohnte Klasse-M-Planeten, deren Klima zum Teil w\u00e4rmer und angenehmer ist als das Bajors. Doch das cardassianische Milit\u00e4r unterdr\u00fcckte die Bajoraner, diese setzten sich zur Wehr, hasserf\u00fcllte bajoranische Rebellen t\u00f6teten M\u00e4nner, Frauen und Kinder\u2026 und ein neues Feindbild war geboren. Nun, da es kaum noch Pazifisten und B\u00fcrgerrechtler gab, die man nach effektvollen \u00f6ffentlichen Prozessen einsperren und hinrichten konnte\u2026<\/p>\n<p>Als Gul Dukat gezwungen wurde, von Bajor abzuziehen, blieb den Herrschenden nichts weiter \u00fcbrig, als ihre eigenen Untergebenen zu verfolgen, um den Kampfgeist und den Hass ihrer Anh\u00e4nger aufrecht zu erhalten, um ihre Gier nach Feindbildern, Schauprozessen, Sensationen, Verschw\u00f6rungstheorien, Mord und Totschlag zu befriedigen.<br \/>\nDer Druck, der dabei entstand, machte die Nation zum Pulverfass. Eine andere Cardassianerin, die ich sp\u00e4ter interviewte, verglich die cardassianische Gesellschaft mit einem Vulkan, wo die Lava schon lange am Kochen war: \u201cIch bin \u00fcberzeugt, dass das Chaos unter der Fassade jeder Gesellschaft brodelt\u2026 wie Magma unter der Kruste eines Planeten. Und wir sind wie Berge \u2026 Vielleicht gibt es unter hundert Bergen einen Vulkan, aus dem ab und zu die Entropie herausquillt \u2026 vielleicht sind es aber auch mehr \u2026 das wei\u00df niemand so genau. Wenn man aber den Krater eines Vulkans verschlie\u00dft, statt den Ausbruch in kontrollierte Bahnen zu lenken, wird der Druck irgendwann so stark, dass der ganze Berg in die Luft fliegt. \u201d<\/p>\n<p>Ein Volk wird erwachsen<\/p>\n<p>Es gibt in der F\u00f6deration ein weit verbreitetes Vorurteil: Cardassianer haben keine eigene Meinung, sie werden so lange mit Propaganda berieselt, bis sie nicht mehr selbstst\u00e4ndig denken k\u00f6nnen, sie respektieren Autorit\u00e4t und werfen sich vor jeder Obrigkeit platt wie terellianische Flundern auf den Bauch.<br \/>\nKlischees wie dieses gedeihen hervorragend in einer Welt, wo die Leute um nichts mehr k\u00e4mpfen m\u00fcssen, wo niemand Hunger leidet und Andersdenkende nicht um ihr Leben f\u00fcrchten m\u00fcssen. Dabei fordert ein Regime, wo der Einzelne unterdr\u00fcckt und nonstop \u00fcberwacht wird, ebenso Widerspruch heraus wie ein Vater, der seinen Kindern st\u00e4ndig verbietet, auf der Stra\u00dfe zu spielen.<br \/>\nNat\u00fcrlich gibt es auch Kinder, die dem \u00fcberm\u00e4chtigen Vater immer gehorchen und nie erwachsen werden. Unter der Fuchtel eines allm\u00e4chtigen Staates, der seinen B\u00fcrgern vorschreibt, welche B\u00fccher sie lesen, wo sie unseren Urlaub verbringen und was sie zum Fr\u00fchst\u00fcck essen d\u00fcrfen, ist es auch besonders schwer, zu sich selbst zu finden. Noch schwerer ist es, sich zu emanzipieren.<\/p>\n<p>Doch das cardassianische Volk hat es geschafft, unter schwersten Bedingungen erwachsen zu werden. Der Staat, der selbsternannte \u00dcbervater, h\u00f6rte auf, f\u00fcr seine Kinder zu sorgen. Er h\u00e4tschelte nur noch diejenigen, die ihm schmeichelten und ihm \u00e4hnlich waren, misshandelte die Ungehorsamen und vernachl\u00e4ssigte alle \u00dcbrigen.<br \/>\nDieser Vater hatte nicht begriffen, dass man sich Dankbarkeit und Treue verdienen muss \u2026 dass man sich durch Macht allein keinen Respekt verschafft.<br \/>\nRespekt verdienen vielmehr die Machtlosen:<br \/>\nDer Lebensmittelh\u00e4ndler, der heimlich Nahrungsmittel an bajoranische Fl\u00fcchtlinge verschenkt.<br \/>\nDie Kampfpilotin, die jahrelang im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, weil sie sich weigerte, auf unschuldige Zivilisten zu feuern.<br \/>\nDer Kriegsvetaran, der mit einer illegalen B\u00fcrgerwehr gegen die Verbrecherbanden in seinem Slumviertel k\u00e4mpft.<br \/>\nDie Kinderfrau, die ihrem Sch\u00fctzling erz\u00e4hlt, dass alle f\u00fchlenden Lebewesen gleich viel wert sind.<br \/>\nMillionen Cardassianer, die gegen Ende den Mut der Verzweiflung aufbrachten.<\/p>\n<p>Das m\u00e4chtige cardassianische Zentralkommando war mit Feldsteinen, Spruchb\u00e4ndern und Trillerpfeifen zu Fall gebracht worden \u2013 von Putzfrauen, M\u00fcllm\u00e4nnern, Arbeitslosen, Professoren, Bauern, Verwaltungsangestellten, Prostituierten, Greisen.<br \/>\nIhre Wahrheit war so einfach wie gef\u00e4hrlich: \u201cWir sind das Volk! \u201d<\/p>\n<p>\u00a9 2004 by Adriana Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zivilistenrevolte auf Cardassia, so die landl\u00e4ufige Meinung, l\u00e4\u00dft sich ganz simpel durch Wegfall des Obsidianischen Ordens erkl\u00e4ren. Doch ist es wirklich so einfach? Zweihundert Jahre Milit\u00e4rdiktatur haben die Gesellschaft sehr tief gepr\u00e4gt \u2026 Leitartikel der \u201cFederations Weekly\u201d zum ersten Jahrestag der Zivilistenunruhen auf Cardassia Autorin: Elarin Talmas von Trill (aus dem F\u00f6derationsstandard ins Deutsche \u00fcbertragen von Adriana Wipperling)<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ca_portfolio_gallery_project_year":"","ca_portfolio_gallery_client":"","ca_portfolio_gallery_skills":"","ca_portfolio_gallery_url":"","ngg_post_thumbnail":0},"categories":[77],"tags":[60,61,64],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92"}],"collection":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=92"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1493,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/92\/revisions\/1493"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=92"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=92"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=92"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}