{"id":85,"date":"2004-05-08T14:03:47","date_gmt":"2004-05-08T13:03:47","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=85"},"modified":"2025-01-13T21:32:17","modified_gmt":"2025-01-13T21:32:17","slug":"nachdenken-uber-kolonialismus-und-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=85","title":{"rendered":"Nachdenken \u00fcber Kolonialismus und Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p><em>Kolonialismus als Form der Entwicklungshilfe zu betrachten f\u00e4llt schwer. Moralische \u00dcberlegenheit der Kolonialisatoren wird oft als Rechtfertigung ins Feld gef\u00fchrt, ist aber bei konsequent unparteiischer Betrachtungsweise eher unwahrscheinlich. Sie kann jedoch nicht g\u00e4nzlich ausgeschlossen werden \u2026<\/em><\/p>\n<p><strong>ein Essay von Anneliese Wipperling<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kolonialismus ist eine Form der Beziehung zwischen den V\u00f6lkern. Dabei dominiert aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden ein Volk das andere. Im klassischen Fall wird vom dominierenden Volk die Regierungsgewalt ausge\u00fcbt, Ressourcen aller Art genutzt und Kulturexport betrieben. Kolonisierung ist auch gleichzeitig Besiedelung des unterlegenen Landes, oftmals verbunden mit verschiedenen Formen der Dezimierung, Verdr\u00e4ngung oder Assimilierung der urspr\u00fcnglichen Bev\u00f6lkerung. Modernere Formen verzichten auf die formale Aus\u00fcbung von Regierungsgewalt und zumindest teilweise auf die Besiedlung des Landes. Die Einflussnahme erfolgt indirekt \u00fcber abh\u00e4ngige Regierungen. Die Aneignung von Ressourcen wird auf subtilere Art und nicht \u00fcber offizielle Regierungswege betrieben. Das Gleiche gilt f\u00fcr den kulturellen Bereich.<\/p>\n<p>Kolonialismus ist ohne Zweifel moralisch fragw\u00fcrdig, weil er das Recht der unterworfenen V\u00f6lker auf Freiheit und Selbstbestimmung auf allen Gebieten ber\u00fchrt. Kolonialismus ist immer eine Folge eines sehr unausgewogenen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses. Das kann den technologischen Fortschritt oder einfach nur das milit\u00e4rische Potenzial betreffen. Auch Naturkatastrophen, Epidemien oder ideologische Besonderheiten (z.B. das Warten auf einen wei\u00dfen Gott bei den Indianern S\u00fcdamerikas) k\u00f6nnen Ursache f\u00fcr die der Kolonialisierung immer vorangehende Niederlage sein. Moralische \u00dcberlegenheit der Kolonialisatoren wird oft als Rechtfertigung ins Feld gef\u00fchrt, ist aber schwer nachweisbar bzw. bei konsequent unparteiischer Betrachtungsweise eher unwahrscheinlich. Sie kann jedoch nicht g\u00e4nzlich ausgeschlossen werden.<br \/>\nMoral spielt auf allen Gebieten der Politik eine viel geringere Rolle, als die Medien und die Geschichtsschreibung es dem Durchschnittsb\u00fcrger suggerieren wollen. Die moralische Rechtfertigung hat sowohl f\u00fcr die Sieger als auch f\u00fcr eventuelle Anf\u00fchrer des Widerstandes vor allem die Funktion der Identit\u00e4tssicherung und Motivierung der einfachen Leute. Da die Moral bei allen politischen Machthabern, gleichg\u00fcltig welches System sie vertreten, nur eine untergeordnete Funktion bei der Entscheidungsfindung hat, kann sie bei allen weiteren Betrachtungen au\u00dfer acht gelassen werden.<\/p>\n<p>Es bleibt das Anliegen, geschichtliche Vorg\u00e4nge auf ihre Auswirkungen auf die weitere Entwicklung der Menschheit zu untersuchen. Dabei sollte versucht werden, die Fakten m\u00f6glichst ohne Parteinahme und Emotionen zu bewerten. Das ist aus Gr\u00fcnden der menschlichen Natur und auch objektiv au\u00dferordentlich schwierig. Neben dem Bed\u00fcrfnis nach Rechtfertigung der eigenen Existenz bzw. der Stellung und Situation des eigenen Volkes wirkt ein weiterer Faktor gegen alle unsere Anstrengungen. Dieser Faktor ist unsere Unwissenheit.<br \/>\nDie Geschichte wird bekanntlich von den Siegern geschrieben. Nicht nur, dass geschichtliche Vorg\u00e4nge aus einem bestimmten Blickwinkel geschildert werden. Es werden auch Unterlagen gef\u00e4lscht, erstellt oder in gro\u00dfem Umfang vernichtet. Kulturg\u00fcter werden zerst\u00f6rt, umfunktioniert, verteufelt. Alle Sieger tun das, weil die Herrschenden das grundlegende Bed\u00fcrfnis versp\u00fcren, in der Geschichtsschreibung eine positive Rolle zu spielen. Manchmal, wenn die Sieger zu einem sp\u00e4teren Zeitpunkt ihre Privilegien verlieren, wird dieser Informationsverlust sehr bedauert.<br \/>\nDie Unwissenheit wirkt jedoch nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft. Ist ein Zweig am Baum der kulturellen und zivilisatorischen Entwicklung der Menschheit einmal abgeschlagen oder verst\u00fcmmelt, ist es unm\u00f6glich zu sagen, wie er sich weiterentwickelt h\u00e4tte oder welche eventuell f\u00fcr die Menschheit wichtigen Fr\u00fcchte er noch getragen h\u00e4tte. Man kann dar\u00fcber viel spekulieren aber es wird bei der unbewiesenen Spekulation bleiben m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Ist es nun gut oder schlecht, wenn kulturelle Entwicklungen vereinheitlicht und bestimmte Entwicklungslinien ausgemerzt werden? Die Antwort auf diese Frage sollte man sich nicht zu leicht machen. Sicher mag es Entwicklungen geben, die so sch\u00e4dlich f\u00fcr den Fortbestand und das Gedeihen der Menschheit sind, dass man sie mit gutem Gewissen abbrechen kann und mu\u00df. Mir fallen dazu aber nur wenig Beispiele ein (z.B. das Regime der Roten Khmer in Kambodscha) und auch da ist es besser, wenn die betroffenen V\u00f6lker selbst einen Ausweg aus ihrer Misere finden und nur durch Boykottma\u00dfnahmen oder behutsame Hilfestellung von au\u00dfen eingegriffen wird.<br \/>\nDie indianischen Hochkulturen S\u00fcd- und Mittelamerikas als zerst\u00f6rungsw\u00fcrdig einzustufen ist vermessen, auch wenn uns heute nicht alle ihrer Facetten gefallen. Auch in anderen L\u00e4ndern der Erde gab es auf einer fr\u00fchen Entwicklungsstufe Menschenopfer und andere Grausamkeiten. Trotzdem haben diese V\u00f6lker im Laufe der Zeit ihre Lebensweise und ihre Vorstellungen von Recht und Unrecht ge\u00e4ndert. Es gibt keinen vern\u00fcftigen Grund, den Inka oder Atzteken dieses Entwicklungspotential abzusprechen.<\/p>\n<p>Man mu\u00df sich die Frage stellen, ob f\u00fcr den Fortbestand der Menschheit und das Wohlbefinden des Einzelnen Einf\u00f6rmigkeit oder Vielfalt f\u00f6rderlicher ist. Einf\u00f6rmigkeit mag die Bem\u00fchungen um eine Entwicklung in einer bestimmten Richtung b\u00fcndeln und die Geschwindigkeit des Fortschritts erh\u00f6hen. Vielfalt erh\u00f6ht jedoch die \u00dcberlebensf\u00e4higkeit in Krisensituationen. Es ist leichter, Fehlentwicklungen zu korrigieren, wenn Alternativen bekannt und erlebbar sind. Auf einem verzweigten Baum menschlicher Entwicklung wachsen viele verschiedene Fr\u00fcchte und Ideen. Leider sind wir immer noch damit besch\u00e4ftigt, \u00c4ste abzuschlagen und kulturelle Varianten zu vernichten.<br \/>\n\u00dcbrigens macht zivilisatorische Monokultur es auch unm\u00f6glich, jemals zu beweisen, dass die Entwicklung des derzeit vorherrschenden Gesellschaftsmodells eine positive Errungenschaft ist. Es existieren ja keine Vergleichsm\u00f6glichkeiten. J\u00fcngstes Beispiel der Auswirkung von Gleichf\u00f6rmigkeit der Entwicklung ist der Untergang des sogenannten real existierenden Sozialismus. Dadurch, dass nach dem zweiten Weltkrieg ein sozialistisches Lager unter der Hegemonie der Sowjetunion entstand, wurde nur noch ein einziges gesellschaftliches Modell vorangetrieben. Wir werden vermutlich niemals wissen, ob andere weniger fundamentalistische Varianten eine Aussicht auf Erfolg hatten. In unverantwortlicher Weise wurde dieser Weg m\u00f6glicherweise f\u00fcr immer versperrt.<\/p>\n<p>Unklar ist f\u00fcr mich der Begriff Fortschritt. Es gibt viele M\u00f6glichkeiten, Schwerpunkte der Entwicklung zu setzen und es ist bisher nicht bewiesen, dass technologischer Fortschritt die wichtigste m\u00f6gliche Zielstellung ist. Genausogut k\u00f6nnte sich eine Kultur der Entwicklung bestimmter Eigenschaften (z.B. der Minimierung des Narzi\u00dfmus oder der Erweiterung der Liebesf\u00e4higkeit) der Pers\u00f6nlichkeit widmen oder die Vervollkommnung von Kunst und Philosophie in den Mittelpunkt stellen. Sicher braucht man verschiedene Aspekte um als Art zu \u00fcberleben. Unsere einseitigen Priorit\u00e4ten bez\u00fcglich Technik und \u00d6konomie k\u00f6nnten sich irgendwann als fatal erweisen.<\/p>\n<p>Warum tun die die Menschen etwas, was unlogisch und wom\u00f6glich sch\u00e4dlich f\u00fcr ihre weitere Entwicklung ist? Ich glaube, Schuld daran sind vor allem zwei typisch menschliche Bestrebungen:<br \/>\nEinmal verallgemeinert jeder die eigene Lebensweise, die eigene Sichtweise und glaubt, sie m\u00fcsse f\u00fcr alle anderen ebenfalls gelten. Es hat wohl damit zu tun, dass wir in unseren eigenen K\u00f6rpern und Seelen gefangen sind. Die Begegnung mit andersartigem wirkt so zwangsl\u00e4ufig erst einmal schockierend.<br \/>\nZum anderen gibt es in den meisten Menschen ein Bed\u00fcrfnis nach einer reinen Lehre, die dann bitte auch in der Praxis s\u00e4uberlich umgesetzt werden soll. Fundamentalismus hat viele Spielarten und glaubt sich immer durch moralische \u00dcberlegenheit gerechtfertigt.<\/p>\n<p>Vielleicht ist die Menschheit erst dann wirklich gereift, wenn sie begreift, dass eine gesunde Vielfalt und Kompromi\u00dff\u00e4higkeit lebenserhaltende Faktoren sind und kein Ausdruck von Schw\u00e4che oder Minderwertigkeit.<br \/>\nVielleicht gibt es irgendwann einmal eine allgemeing\u00fcltige Direktive f\u00fcr den Umgang mit Fremden, die das Pr\u00e4dikat humanistisch wirklich verdient.<br \/>\nVielleicht lernen wir, vorsichtig mit fremden und auf den ersten Blick unverst\u00e4ndlichen Kulturen umzugehen. Schade, dass es dann f\u00fcr viele V\u00f6lker der Erde zu sp\u00e4t sein wird.<\/p>\n<p>Da die Menschheit bisher nicht weise und bescheiden gehandelt hat sondern immer noch das primitive Prinzip des Rechtes des St\u00e4rkeren vorherrscht bleibt als letztes, die Verwaltung der Kolonien durch die Kolonialherren zu bewerten. Sicher gab es da gro\u00dfe Unterschiede sowohl vor Ort als auch von Land zu Land. Eine fremde Lebensweise kann man mit mehr oder weniger grausamen Mitteln durchsetzen. Der Einflu\u00df auf die kulturelle Identit\u00e4t des unterworfenen Volkes kann unterschiedlich gro\u00df sein.<br \/>\nDie R\u00f6mer haben den besiegten V\u00f6lkern ihre G\u00f6tter gelassen und diese sogar der G\u00f6tterschar des Reiches hinzugef\u00fcgt \u2026 aber die R\u00f6mer waren auch keine Fundamentalisten mit Sendungsbewu\u00dftsein.<br \/>\nBei den Spaniern lag das anders. Die katholische Kirche war zu jener Zeit ein unerbittlicher Verfechter der reinen Lehre. Die Inquisition war nicht eine Art Polizei sondern eine Institution zur Bek\u00e4mpfung aller Arten von Abweichungen von der reinen Lehre. Sie richtete sich gegen christliche Ketzer genauso, wie gegen sogenannte Heiden oder angebliche Hexen. Die Inquisition war ein Instrument zur Bek\u00e4mpfung der Vielfalt menschlichen Geistes mit Spitzeln, Zutr\u00e4gern, Gef\u00e4ngnissen und Folterexperten. Sie erf\u00fcllte die gleiche Funktion wie die Gestapo zur Nazizeit oder die Stasi in der DDR. Da\u00df es Unterschiede bez\u00fcglich der Methoden gab ist zweitrangig. Bei objektiver Betrachtung diente die Inquisition \u00fcberall dort, wo ihr Arm hinreichte einem religi\u00f6sen Fundamentalismus und hat Entwicklung und Ideenreichtum verhindert.<\/p>\n<p>Kolonialismus als Form der Entwicklungshilfe zu betrachten f\u00e4llt mir ausgesprochen schwer. Ich bin mir gar nicht so sicher, dass die Menschheit den besten aller Entwicklungswege genommen hat.<br \/>\nIch bin mir auch nicht sicher, dass unsere landl\u00e4ufige Interpretation des Begriffs Fortschritt wirklich hilfreich ist. Und ich w\u00fcnsche mir eine Welt mit vielen Facetten der Kultur, der Gesellschaftsmodelle, des F\u00fchlens, Denkens und Glaubens.<br \/>\nIch hoffe, dass auf diesem fruchtbaren N\u00e4hrboden jeweils zur rechten Zeit brauchbaren L\u00f6sungen f\u00fcr existenzielle Probleme zu finden sind. Wir haben schon viel zerst\u00f6rt. Wir sollten das auch bekennen und daraus lernen.<\/p>\n<p>\u00a9 Copyright by Anneliese Wipperling 1997<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kolonialismus als Form der Entwicklungshilfe zu betrachten f\u00e4llt schwer. Moralische \u00dcberlegenheit der Kolonialisatoren wird oft als Rechtfertigung ins Feld gef\u00fchrt, ist aber bei konsequent unparteiischer Betrachtungsweise eher unwahrscheinlich. 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