{"id":68,"date":"2009-05-30T23:30:18","date_gmt":"2009-05-30T22:30:18","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=68"},"modified":"2014-03-24T15:04:46","modified_gmt":"2014-03-24T15:04:46","slug":"illuminati-oder-ein-wandelndes-lexikon-auf-schnitzeljagd","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=68","title":{"rendered":"&#8222;Illuminati&#8220; &#8211; oder: Ein wandelndes Lexikon auf Schnitzeljagd"},"content":{"rendered":"<p>Buchverfilmungen geh\u00f6ren wohl zum Schwierigsten, womit sich Filmemacher herumschlagen m\u00fcssen: Die Handlung an den richtigen Stellen straffen und ver\u00e4ndern, ohne dass man von den Fans der Romanvorlage gelyncht wird. Visualisieren, was eigentlich nicht zu visualisieren geht. Vereinfachen, ohne zu verflachen. Pr\u00e4sente Charaktere schaffen, ohne dass man wirklich zeigen kann, was in ihnen vorgeht.<br \/>\nEine Quadratur des Kreises, m\u00f6chte man meinen. Auf jeden Fall ein Sch***job.<br \/>\nDass es trotzdem funktionieren kann, zeigt \u201eHerr der Ringe\u201c \u00a0und \u201eHarry Potter\u201c .<\/p>\n<p>Ist es bei den \u201eIlluminati\u201c \u00a0ebenfalls gelungen?<br \/>\nIch hoffe, ich werde nicht kopf\u00fcber gekreuzigt und gebrandmarkt, wenn ich laut NEIN sage.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nAuch wenn man NICHT mit der naiven Vorstellungen herangeht, eine 1:1 Adoption des Romans zu bekommen, bleiben Vergleiche zum Buch nicht aus: Welche \u00c4nderungen sind gut und notwendig? Welche h\u00e4tten nicht sein m\u00fcssen? Welche h\u00e4tte nicht sein d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>So erhielt meine Begeisterung \u00fcber den Film den ersten D\u00e4mpfer, als sich herausstellte, dass das Mordopfer in der CERN nicht Vittorias Vater, sondern \u201enur\u201c \u00a0ihr Arbeitskollege war. Wie bef\u00fcrchtet, nimmt diese \u00c4nderung Vittoria Vetra ihre Tragik, ihren Hintergrund, ihre Motivation und so nebenbei auch ihr italienisches Temperament.<br \/>\nOhne das und ohne die erotische Spannung zwischen ihr und Langdon bleibt ihr nur, durch den Vatikan zu st\u00f6ckeln und gut auszusehen.<\/p>\n<p>Dass die Figur des CERN-Direktors Kohler gestrichen wurde, ist ebenfalls sehr bedauerlich. F\u00fcr die Schnitzeljagd quer durch Rom, auf die das Buch letztendlich reduziert wurde, mag der verbiesterte Wissenschaftler entbehrlich gewesen sein. Aber f\u00fcr den eigentlichen Dreh- und Angelpunkt der Handlung, n\u00e4mlich die Frage Religion vs. Wissenschaft, ist Kohlers Schicksal eine unverzichtbare Facette. Au\u00dferdem hat Kohler f\u00fcr einen zus\u00e4tzlichen Spannungskick gesorgt, als er in klassischer Krimi- und Thrillermanier den Leser auf eine falsche F\u00e4hrte gelockt hat.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man dagegensetzen, dass der Film spannend genug ist und so ein Verwirrspiel nicht n\u00f6tig hat.<br \/>\nDem kann ich nicht wirklich zustimmen: \u201eIlluminati\u201c \u00a0wird zwar keine Minute langweilig, aber durch die Hetzjagd von einem toten Kardinal zum n\u00e4chsten entsteht noch lange kein Spannungsbogen.<br \/>\nTrotz brutaler Morde an Kirchenvertretern in imposanter Kulisse wirkt der Film merkw\u00fcrdig steril, blutarm. Das liegt nicht nur daran, dass die hektische Inszenierung keine Zeit l\u00e4sst, das Geschehene in seiner ganzen Grausamkeit wirken lassen. Es liegt auch daran, dass man sich mit Charakteren ohne Background und Profil schlecht identifizieren oder emotional mitrei\u00dfen lassen kann.<\/p>\n<p>Nun wurde bereits gesagt, dass man nicht alle Hintergrundinfos aus dem Buch in einen Film packen kann. Trotzdem w\u00e4re die eine oder andere R\u00fcckblende vielleicht angebracht gewesen, um die Figuren dem Zuschauer nahezubringen.<br \/>\nSo liegt es allein an den Schauspielern, durch ihre Pr\u00e4senz zu retten, was der Drehbuchautor in den Sand gesetzt hat. Doch leider erweisen sie sich beinahe durch die Bank als Fehlbesetzung, angefangen mit Tom Hanks.<br \/>\nDer wohlverdiente zweifache Oskarpreistr\u00e4ger war f\u00fcr seine Rollen in Forrest Gump und Philadelphia perfekt und eine gewisse Perfektion kann man ihm auch in Illuminati nicht absprechen: Er bringt es fertig, aus Robert Langdon den perfekten Langweiler zu machen. Zwar entspricht er auf den ersten Blick der Beschreibung im Buch und man glaubt ihm ohne Weiteres, dass er Stunden und Tage in staubigen Bibliotheken mit alten B\u00fcchern zubringen kann. Aber das war\u2019s dann auch schon. So manche steinerne Engelsfigur verspr\u00fcht mehr Charisma als sein Prof. Langdon.<br \/>\nSchon im Buch ist Langdon keine besonders schillernde Pers\u00f6nlichkeit &#8211; aber der Film schafft es, auch seine letzten Ecken und Kanten glatt zu b\u00fcgeln, bis eine Art wandelndes Lexikon \u00fcbrig bleibt.<br \/>\nInsofern ist es ganz vern\u00fcnftig, dass sie die Liebesgeschichte mit Vittoria weggelassen haben, denn daf\u00fcr wirken beide Hauptcharaktere zu unterk\u00fchlt (wahrscheinlich, um irgendein d\u00e4mliches, realit\u00e4tsfernes Wissenschaftlerklischee zu erf\u00fcllen).<\/p>\n<p>Auch Ewan McGregor als Camerlengo erscheint zu glatt, als das man ihm den verr\u00fcckten religi\u00f6sen Fanatiker abkaufen m\u00f6chte. Genau wie bei Tom Hank sei dahingestellt, ob es am Darsteller liegt, am Drehbuch oder an beidem.<br \/>\nDie Hintergrundgeschichte des Camerlengos auf so drastische Weise abzu\u00e4ndern, nimmt dem Charakter nicht nur ein gutes St\u00fcck Plausibilit\u00e4t, sondern schraubt die Kirchenkritik auf ein beinahe Ratzinger-vertr\u00e4gliches Ma\u00df runter. Besonders, da auch Kohler mitsamt seinem v\u00f6llig verst\u00e4ndlichen Hass auf die Kirche unter den Tisch gefallen ist.<\/p>\n<p>Dass der Kommandant der Schweizergarde pl\u00f6tzlich einen deutschen Namen tr\u00e4gt, kann man als k\u00fcnstlerische Freiheit akzeptieren. Nur schade, dass die Technologie der CERN noch nicht weit genug entwickelt war, um ihn mal schnell in ein deutsches Finanzamt zu beamen, wo er viel besser hinpassen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Noch unverzeihlicher ist der v\u00f6llig farblose Assassine!<\/p>\n<p>Ayelet Zurer als Vittoria passt zwar optisch, aber aus oben genannten Gr\u00fcnden, \u00fcberzeugt sie ebenfalls nicht.<\/p>\n<p>Nun zu den Pluspunkten (ja, die gibt es auch &#8211; allerdings nicht viele): Der Film besticht von der ersten Minute an durch seine exzellente Optik und Kameraf\u00fchrung. Gerade wenn man bedenkt, dass der Vatikan die Dreherlaubnis an Originalschaupl\u00e4tzen verweigert hat und die Kirchenaufnahmen gr\u00f6\u00dftenteils am Computer entstanden sind, kann man nur sagen: Respekt!<br \/>\nManche Einzelsequenzen sind zweifellos Klasse &#8211; allen voran die im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubende Szene im Vatikanarchiv. Zu den optisch-dramatischen Highlights geh\u00f6rt auch die Antimaterie-Explosion am Himmel.<\/p>\n<p>Aber das alles macht die Entt\u00e4uschung \u00fcber den Substanzverlust nicht wett. Wo \u201eSakrileg\u201c \u00a0stellenweise zu lahm und dialoglastig war, fallen hier alle tiefgr\u00fcndigen Gespr\u00e4che \u00fcber Gott und die Welt der Schere zum Opfer. Schade, der Streifen h\u00e4tte mindestens 30 Minuten l\u00e4nger sein k\u00f6nnen.<br \/>\nFazit: Unterhaltsames Popcorn-Kino, das der Buchvorlage nicht gerecht wird. Insgesamt 5 von 10 Punkten wert: 2 f\u00fcr die Optik, einer f\u00fcr Atmosph\u00e4re, einer f\u00fcr Action und ein Mitleidspunkt f\u00fcr die armen Darsteller, die allesamt Charaktere ohne Eigenschaften spielen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00a9 2009 by Adriana Wipperling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Buchverfilmungen geh\u00f6ren wohl zum Schwierigsten, womit sich Filmemacher herumschlagen m\u00fcssen: Die Handlung an den richtigen Stellen straffen und ver\u00e4ndern, ohne dass man von den Fans der Romanvorlage gelyncht wird. Visualisieren, was eigentlich nicht zu visualisieren geht. Vereinfachen, ohne zu verflachen. Pr\u00e4sente Charaktere schaffen, ohne dass man wirklich zeigen kann, was in ihnen vorgeht. Eine Quadratur des Kreises, m\u00f6chte man meinen. Auf jeden Fall ein Sch***job. Dass es trotzdem funktionieren kann, zeigt \u201eHerr der Ringe\u201c \u00a0und \u201eHarry Potter\u201c . Ist es bei den \u201eIlluminati\u201c \u00a0ebenfalls gelungen? 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