{"id":626,"date":"2007-05-12T19:07:28","date_gmt":"2007-05-12T18:07:28","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=626"},"modified":"2014-04-10T21:30:32","modified_gmt":"2014-04-10T21:30:32","slug":"ich-war-am-liebsten-hauptling","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=626","title":{"rendered":"&#8222;Ich war am liebsten H\u00e4uptling&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Von Bernd K\u00f6llinger<\/strong><\/p>\n<p>\u201cWas passiert, wenn man einer neunj\u00e4hrigen Vulkanierin einen Gedichtband von Garcia Lorca schenkt?\u201d<br \/>\nDieser Satz, mit dem Anneliese Wipperling im Internet auf ihren Roman \u201cDer weite Weg zur Erde\u201d aufmerksam macht, ist verr\u00e4terisch, enth\u00e4lt er doch gleich zwei wichtige Informationen \u00fcber die Autorin selbst: erstens, dass sie eine gl\u00fchende Anh\u00e4ngerin der Star-Trek-Serien ist und als solche Geschichten schreibt, die in einem phantastischen Universum spielen; und zweitens, dass sie seit vielen Jahren der Lyrik verfallen ist, insonderheit jener Pablo Nerudas, Garcia Lorcas und der Surrealisten. Die neunj\u00e4hrige Vulkanierin ist auch eine Projektion ihrer selbst.<br \/>\nDie Brandenburgerin, die am 31. Dezember 2003 in den Vorruhestand geschickt wurde, nachdem sie zuvor f\u00fcr das Bahnumweltzentrum Kirchm\u00f6ser die Datenbanken \u00fcber Abwasserkan\u00e4le betreut und ausgewertet hatte, gesteht unumwunden, dass sie \u201cnur zu einem Viertel aus der Gegend\u201d stamme. Eben jenes Viertel aber hatte einst eine Familientrag\u00f6die ausgel\u00f6st. Fritz Wipperling, der Gro\u00dfvater aus dem Harz, hatte sich in ein M\u00e4dchen aus Milow verliebt. Nach Meinung der Familie jedoch war das f\u00fcr ihn die falsche Frau, denn sie brachte in die Ehe kein Geld. Da er nicht von ihr ablassen wollte, wurde er kurzerhand enterbt. So l\u00f6ste man damals Familienkonflikte. Gro\u00dfvater Fritz war ein unternehmender, flei\u00dfiger Mann. Er gr\u00fcndete eine Handschuhfabrik, die durchaus florierte und die Familie ern\u00e4hrte, bis er sie in der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre wieder verlor. Ein Brandenburger Schicksal, das weder alt noch neu ist. Manch hoffnungsvoller Jungunternehmer der Gegenwart wird sich mit seinem Schicksal identifizieren k\u00f6nnen.<br \/>\nAuch Anneliese Wipperling w\u00e4re lieber Germanistin geworden, doch nur ein Lehrerstudium h\u00e4tte sie wenigstens in die N\u00e4he eines solchen Berufswunsches bringen k\u00f6nnen. Sie aber hatte keine Ambitionen auf den Lehrerberuf. Da sie in ihrem Abiturzeugnis in allen F\u00e4chern eine Eins aufweisen konnte, au\u00dfer im Sport, entschloss sie sich, Chemikerin zu werden. Ein Studium in Leipzig verhalf ihr zu dem einschl\u00e4gigen Diplom. Doch da hatte sie schon der Virus erfasst, der sie Gedichte schreiben lie\u00df.<br \/>\nChemie und Lyrik \u2013 wie geht das zusammen? \u201cIn den Naturwissenschaften wie in einem Gedicht ist es verp\u00f6nt, viele oder gar \u00fcberfl\u00fcssige Worte zu machen. Au\u00dferdem liebe ich straff und spannend Geschriebenes.\u201d Schon in der Grundschule reimte sie sich einiges zusammen. Sp\u00e4ter war ihr Vorbild der sprachgewaltige Majakowski. \u201cDessen Stil hat mir gefallen.\u201d 1969 entstand das aus ihrer Sicht \u201cerste brauchbare Gedicht\u201d.<br \/>\nAuch ihre Begeisterung f\u00fcr Phantastisches und Utopisches geht auf die Schulzeit zur\u00fcck. \u201cDas waren zwei d\u00fcnne blaue Hefte. Doch ich habe sie in die Ecke geworfen. Mir war klar: Prosa kannst du nicht.\u201d<br \/>\nNach dem Studium kehrte sie zur Mutter nach Brandenburg zur\u00fcck und nahm ihre Arbeit bei der Deutschen Reichsbahn auf, in der Zentralen Pr\u00fcf- und Entwicklungsstelle des Verkehrswesens, wo sie im Lauf der Jahre allerlei Felder zu beackern hatte \u2013 von der Schmierungstechnik \u00fcber die Standardisierung bis zur Literatursammlung zum Verh\u00e4ltnis von Umwelt und Energie.<br \/>\nNebenbei, aber mit gro\u00dfer Hingabe, schrieb und dichtete sie, zuerst im Zirkel schreibender Arbeiter des Stahl- und Walzwerks, sp\u00e4ter dem des Getriebewerks (aus dem nach der Wende die Havell\u00e4ndische Autorengruppe hervorgegangen ist).<br \/>\n\u201cBei allen Vorteilen und auch der F\u00f6rderung, die den dichtenden Laien zuteil wurde, hatte ich immer das Gef\u00fchl, als st\u00fcnden hinter jedem schreibenden Arbeiter gleich zehn Funktion\u00e4re, die mit seinem Tun ihr Geld verdienen und sich wichtig machen.\u201d<br \/>\nZwar sagt sie \u00fcber sich, sie setze \u201cim Alltag und bei wichtigen Entscheidungen ganz vulkanisch den Verstand ein\u201d. Doch zugleich wei\u00df sie, \u201cdass in der Kunst oft jene Seiten der Pers\u00f6nlichkeit zum Vorschein kommen, die sonst eher unterrepr\u00e4sentiert sind\u201d. Und sie r\u00e4umt auch ein, oft genug anzufangen, \u201cohne zu wissen, wo es aufh\u00f6rt.\u201d Dann sind die Gef\u00fchle an der Macht. Bald schon kam zum Umgang mit Gedichten und dem Faible f\u00fcrs Phantastische eine dritte Leidenschaft hinzu \u2013 jene f\u00fcr die Lebensweise und Geisteswelt der nordamerikanischen Indianer. \u201cNat\u00fcrlich haben wir schon als Kinder Indianer gespielt. Da war ich niemals eine Squaw, sondern immer der H\u00e4uptling, denn als Kind w\u00e4re ich viel lieber ein Junge gewesen. Noch heute kann ich mit so genannten Frauengespr\u00e4chen nichts anfangen. Durch B\u00fccher bin ich dann immer weiter in ihre Lebensweise hineingezogen worden. Ich geh\u00f6re aber nicht zu denen, die im Sommer wochenlang auf einer Wiese so tun, als geh\u00f6rten sie zu den Dakota oder Cheyenne. Das einzige, was ich einmal selbst angefertigt habe, ist ein Stirnband. Wenn ich in irgendeinen Stamm aufgenommen w\u00fcrde, dann w\u00e4re das etwas anderes und eine gro\u00dfe Ehre. Aber so?\u201d Und dann erz\u00e4hlt sie eine Anekdote, die nicht nur ein Schmunzeln hervorruft, sondern auch nachdenklich macht. Sie endet mit der Frage eines nordamerikanischen Ureinwohners an einen Deutschen: \u201cWarum stehlt ihr uns sogar noch unsere Ahnen? Warum spielt ihr nicht die alten Germanen?\u201d<br \/>\nAm Mittwoch, dem 25. April, 19.00 Uhr liest sie \u201cmit unserer kleinen Truppe\u201d in der Bibliothek der Asklepios Fachklinik aus dem j\u00fcngst erschienen Gemeinschaftsband \u201cTief im Inneren tanzen sie\u201d und anderen Werken.<\/p>\n<p><strong>Brandenburger Wochenblatt, 01.04.2007<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Bernd K\u00f6llinger \u201cWas passiert, wenn man einer neunj\u00e4hrigen Vulkanierin einen Gedichtband von Garcia Lorca schenkt?\u201d Dieser Satz, mit dem Anneliese Wipperling im Internet auf ihren Roman \u201cDer weite Weg zur Erde\u201d aufmerksam macht, ist verr\u00e4terisch, enth\u00e4lt er doch gleich zwei wichtige Informationen \u00fcber die Autorin selbst: erstens, dass sie eine gl\u00fchende Anh\u00e4ngerin der Star-Trek-Serien ist und als solche Geschichten schreibt, die in einem phantastischen Universum spielen; und zweitens, dass sie seit vielen Jahren der Lyrik verfallen ist, insonderheit jener Pablo Nerudas, Garcia Lorcas und der Surrealisten. Die neunj\u00e4hrige Vulkanierin ist auch eine Projektion ihrer selbst. Die Brandenburgerin, die am 31. Dezember 2003 in den Vorruhestand geschickt wurde, nachdem sie zuvor f\u00fcr das Bahnumweltzentrum Kirchm\u00f6ser die Datenbanken \u00fcber Abwasserkan\u00e4le betreut und ausgewertet hatte, gesteht unumwunden, dass sie \u201cnur zu einem Viertel aus der Gegend\u201d stamme. Eben jenes Viertel aber hatte einst eine Familientrag\u00f6die ausgel\u00f6st. Fritz Wipperling, der Gro\u00dfvater aus dem Harz, hatte sich in ein M\u00e4dchen aus Milow verliebt. Nach Meinung der Familie jedoch war das f\u00fcr ihn die falsche Frau, denn sie brachte in die Ehe kein Geld. Da er nicht von ihr ablassen wollte, wurde er kurzerhand enterbt. So l\u00f6ste man damals Familienkonflikte. Gro\u00dfvater Fritz war ein unternehmender, flei\u00dfiger Mann. 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