{"id":3896,"date":"2025-05-13T20:48:21","date_gmt":"2025-05-13T20:48:21","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3896"},"modified":"2025-05-13T20:48:24","modified_gmt":"2025-05-13T20:48:24","slug":"wo-ist-kapitaen-nemo","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3896","title":{"rendered":"Wo ist Kapit\u00e4n Nemo?"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es war einmal ein kleiner Junge, nennen wir ihn Max, der liebte Abenteuergeschichten \u00fcber alles. Sch\u00f6ne dicke Schm\u00f6ker, ein bisschen zerfleddert, dazu eine Taschenlampe \u2026 und dann konnte unter der Bettdecke die Reise losgehen. Nein, die Erwachsenen ging das nichts an und auch nicht Bruder und Schwester. Diese Welten geh\u00f6rten ganz allein ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Lesen ist zumeist ein einsames Vergn\u00fcgen. Jedenfalls, wenn man gro\u00df genug <a><\/a>ist und Mama und Papa keine Gutenachtgeschichten mehr erz\u00e4hlen. Weil sie keine Zeit mehr daf\u00fcr haben oder weil man sie nicht mehr dabei haben will. Gro\u00dfe Kinder gehen ihre eigenen Wege \u2026 und ja, sie holen sich die verbotenen B\u00fccher aus dem Regal.<\/p>\n\n\n\n<p>Alle tun das, auch die braven.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann ist es dann das Aufkl\u00e4rungsbuch der gro\u00dfen Schwester oder etwas Gruseliges \u00fcber menschliche Eingeweide oder Hexenverfolgung. Nein, liebe woke Zeitgenossen, Kinder wollen nicht immer in Watte gepackt werden. Sie sind st\u00fcrmisch, neugierig \u2026 und manchmal auf irritierende Weise sachlich. Sie wollen alles ganz genau wissen und schneiden notfalls den Teddyb\u00e4r auf, um sein Inneres zu erkunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sie so rigoros sind, kommt daher, dass sie noch nicht genug \u00fcber den Schmerz wissen. Genau wie \u00fcber viele andere Aspekte des Lebens. Das Mitf\u00fchlen muss erst gelernt werden und da k\u00f6nnen B\u00fccher gute Lehrmeister sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Der kleine Max verstand mit der Zeit immer besser, was Gut und B\u00f6se ist. Er wollte ein mutiger Held werden, einer, der die Wahrheit sagt und sich f\u00fcr die Schw\u00e4cheren einsetzt. Ein ganzer Kerl eben. Nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein ganzer Kerl \u2026 stark, cool, geheimnisvoll.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Kapit\u00e4n Nemo von der Nautilus.<\/p>\n\n\n\n<p>Max war gern auf diesem Schiff, genoss es, wie der Wind in seinem Haar w\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wind roch nach Meerfenchel wie das Lieblingsduschgel seiner Mama. Es sorgte auch f\u00fcr besonders \u00fcppige Schaumkronen. Das Meer war eine Mutter, die den kleinen Jungen sanft wiegte oder kr\u00e4ftig durchsch\u00fcttelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSei kein Baby\u201c, rauschte es. \u201eLass uns bis ans Ende der Welt fahren. Dorthin, wo der Ozean ins Nirgendwo kippt. Lass uns wild schreiend von der letzten Klippe springen! Ohne Gummiseil springen. Der dunkle Held wird dich auffangen. Poseidon wird dich retten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aha. Konnte es sein, dass der Meeresgott schwarz war?<\/p>\n\n\n\n<p>Oder war eigentlich ein anderer gemeint?<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht dieser Nemo mit der gef\u00e4hrlich samtigen Stimme und der abgrundtiefen Trauer in den dunklen Augen? Schei\u00df Kolonialherren! Was bildeten die sich \u00fcberhaupt ein? Der Prinz war im Recht und die Engl\u00e4nder \u2026 sie hatten immerhin seine Frau und seine Kinder get\u00f6tet.<\/p>\n\n\n\n<p>Max \u00fcberlegte, was sein Daddy wohl tun w\u00fcrde wenn jemand \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Daddy w\u00fcrde kein U-Boot konstruieren und im schaumigen Meerfenchel Erl\u00f6sung und Rache suchen. Daddy war ein harmloser Buchhalter, der Angst vor Hunden hatte. Ganz bestimmt w\u00fcrde er sich auch vor Engl\u00e4ndern f\u00fcrchten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Max wollte nicht wie Daddy werden, sondern wie Nemo.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder wenigstens wie Nemos Steuermann. Der trotzte mit stoischer Miene jedem Sturm und f\u00fchrte die Nautilus mit sicherer Hand in die Tiefe. Dorthin, wo ihr die Kanonen der Engl\u00e4nder nichts anhaben konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Max liebte es gar nicht, wenn jemand mit ihm \u00fcber seine Lekt\u00fcre reden wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht die Eltern, nicht der langweilige Deutschlehrer und schon gar nicht die Freunde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie alle werden es nie verstehen\u201c, \u00fcberlegte er. \u201eSie k\u00f6nnen nicht tr\u00e4umen und zaubern. Aber der Mann, der dieses Buch geschrieben hatte, der Sch\u00f6pfer der Nautilus, konnte es \u2026 und ich kann es auch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht alle Jungs, denen Max begegnete, liebten B\u00fccher. In manchen Familien gab es nicht einmal B\u00fccherregale. Also auch nichts zum St\u00f6bern \u2026 weder Erlaubtes noch Verbotenes.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr hatten die Leute Fernseher. Da sa\u00df die ganze Familie davor und guckte Nachrichten, Filme, Gameshows oder Hitparaden. Das gemeinsame Erleben schwei\u00dfte zusammen. Ja, auch das Fernsehen konnte lehrreich, bunt und spannend sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon klar: Die anderen Kinder hatten irgendwie recht.<\/p>\n\n\n\n<p>B\u00fccher waren doch ziemlich altmodisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Max wollte cool sein und B\u00fccherw\u00fcrmer waren das definitiv nicht. Die hatten dicke Brillen, keine Freundin und waren auch sonst nicht ganz von dieser Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem konnte die Besch\u00e4ftigung mit alten W\u00e4lzern zeitraubend und anstrengend sein. Langatmige Beschreibungen, unverst\u00e4ndliche Gedanken, altmodische W\u00f6rter und gestelzte Dialoge \u2026 Signale aus einer anderen Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Max \u00fcberbl\u00e4tterte immer \u00f6fter den ganzen langweiligen Kram, suchte ungeduldig nach der n\u00e4chsten Action.<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, B\u00fccher machten ihn nicht mehr an.<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00f6chstens Comics. Da passierte alles schnell und eindeutig. Krach! Bumm! Coole, knappe Dialoge in Sprechblasen. Manche waren wundersch\u00f6n und einpr\u00e4gsam gezeichnet \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, das war echte Kunst!<\/p>\n\n\n\n<p>Kein Gelaber, keine Graut\u00f6ne \u2026 und vor allem keine Zweifel!<\/p>\n\n\n\n<p>Max war endlich im Einklang mit seinen Klassenkameraden. Kein Einzelg\u00e4nger mehr \u2026 und er w\u00fcrde keine dicke Brille bekommen, weil er rechtzeitig mit dem Lesen aufgeh\u00f6rt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSorry, Kapit\u00e4n Nemo, aber jetzt habe ich ganz andere Helden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig versuchte der Deutschlehrer, den Jungs der f\u00fcnften Klasse den ollen Goethe, den ollen Schiller und noch andere olle langweilige V\u00f6gel n\u00e4her zu bringen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Mann stellte sich dabei nicht besonders geschickt an. Meckerte \u00fcber das Fernsehprogramm, gewisse Groschenromane und nat\u00fcrlich \u00fcber Comics. Die Bildungsallergiker der Mittelstufe lachten \u00fcber ihn. Der hatte doch echt keine Ahnung!<\/p>\n\n\n\n<p>Fernsehen, Kino und Comics waren die neuen Lehrmeister der Jugend.<\/p>\n\n\n\n<p>Superman trat an die Stelle von Kapit\u00e4n Nemo oder Prinz Eisenherz und den besonderen Nervenkitzel holten sich die Jungs, indem sie heimlich die Pornos ihrer Eltern guckten oder sich in Filme ab 18 schlichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Max war inzwischen ein gro\u00dfe Junge geworden. Ein bisschen mollig vom vielen Herumsitzen vor der Glotze \u2026 nicht ganz so cool, wie er es sich ertr\u00e4umt hatte. Es gab viele wie ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Schlie\u00dflich schwappte die Welle amerikanischer Hochkultur durch alle deutschen Kinos\u00e4le und Wohnzimmer. Die jungen Leute merkten gar nicht, dass sie durch die Medien auf sanfte, kaum sp\u00fcrbare Weise standardisiert wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Idole hatten breite Schultern und schmale K\u00f6pfe. Sie trugen knallbunte Klamotten und aus ihren offenen M\u00fcndern schossen Sprechblasen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber den Inhalt dieser Sprechblasen schweigt des Chronisten H\u00f6flichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Nuancen von Mimik und K\u00f6rpersprache ebenfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Da flogen Leute durch die Luft, es wurde gehauen und gegrinst, umgefallen und mit Triumphgeschrei wieder aufgestanden.<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich h\u00e4tten die alle ein Fall f\u00fcr die Notaufnahme werden m\u00fcssen \u2026 und anschlie\u00dfend f\u00fcr eine Demenz-WG.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht sollte man so etwas ab und zu der Jugend zeigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese sehr realen Opfer von Unf\u00e4llen und Keilereien, die still in ihren Betten liegen, die Decke anstarren und von Pflegekr\u00e4ften flei\u00dfig hin und her gedreht werden damit sie nicht wund liegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich schweife ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Max war wie viele seiner Altersgenossen \u2026 und doch anders. Er hatte als j\u00fcngeres Kind von den B\u00fcchern gekostet. Sie hatten Spuren in seiner Seele hinterlassen, eine Sehnsucht nach Freiheit und die vage Erinnerung an eine geheimnisvolle Allmacht, die aus schwarzen Zeichen auf wei\u00dfem Grund ganze Welten erschaffen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, die neuen Filme und Serien waren auch komplette Welten.<\/p>\n\n\n\n<p>Computerprogramme erschufen perfekte optische Illusionen. In 3D-Filme konnte man sogar richtig in die Welten der Filmemacher eintauchen. Da fehlten nur noch Ger\u00fcche und \u2026 mit irgendwelchen Spezialanz\u00fcgen lie\u00dfen sich vermutlich auch Ber\u00fchrungen simulieren und irgendwann auch \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst schon ne geile Zeit\u201c, \u00fcberlegte Max. \u201eObwohl damals auf dem Piratenschiff \u2026 es hat auch alles gestimmt und noch viel mehr. Ich w\u00fcrde am liebsten \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einerseits w\u00e4re der junge Mann zu gern noch einmal in die Fu\u00dfspuren seiner Kindheit getreten. Er wollte die Illusionen vergleichen, herausfinden, wie sich wahre Perfektion anf\u00fchlt \u2026 vielleicht sogar Authentizit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Einige alte B\u00fccher standen immer noch hinter den Blue Rays in der zweiten Reihe.<\/p>\n\n\n\n<p>Max stellte sich vor, wie es sein w\u00fcrde, sie hervorzuholen, abzustauben, aufzuschlagen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte eine merkw\u00fcrdige Scheu davor.<\/p>\n\n\n\n<p>So, als sollte er an der T\u00fcr eines vernachl\u00e4ssigten alten Freundes klopfen. Was, wenn der gar nicht aufmachen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder ihn mit gro\u00dfen leeren Augen ansehen: \u201eSie w\u00fcnschen bitte? Kennen wir uns?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Bestimmt w\u00fcrde die Begegnung nach so langer Zeit nicht gut laufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das konnte sie gar nicht. Schlie\u00dflich war es Max, der seine alten B\u00fccher f\u00fcr die auf Hochglanz polierten Filme verraten hatte. Der komplizierte Gespr\u00e4che gegen Wumms und Doppelwumms eingetauscht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBin halt nicht so gebildet. Also lasst mich mit Kunstfilmen und langweiligem Geschreibsel in Ruhe. Das ist doch alles sowas von out. Ich brauche den ganzen Quatsch nicht. Nie wieder!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wie war dann das dicke Buch mit dem verblassten gr\u00fcnlichen Einband in seine H\u00e4nde geraten?<\/p>\n\n\n\n<p>Max sp\u00fcrte Stoff unter seinen H\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<p>Roch den Staub vieler Jahre.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZwanzigtausend Meilen unter dem Meer\u201c, stand da in verschn\u00f6rkelter Schrift und der Name des Autors: Jules Verne.<\/p>\n\n\n\n<p>Da gab es doch bestimmt auch einen Film! Vielleicht, wenn er die richtige Blue Ray fand, k\u00f6nnte er sich den ganzen \u00c4rger sparen. Denn wenn der alte Freund ihn einfach drau\u00dfen vor der T\u00fcr stehen lie\u00df \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr eine Blamage!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber noch war nichts passiert. Warum also nicht einfach anklopfen, beziehungsweise das Buch aufschlagen und \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Erinnerungen an den Inhalt waren vage: Ein indischer Prinz, der mit einem selbstgebauten U-Boot durch die Meere kreuzt und gegen die Engl\u00e4nder k\u00e4mpft. Niemand kommt ihm auf die Schliche, weil es U-Boote eigentlich noch gar nicht gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Das kam Max sehr vertraut vor. Nemo war irgendwie ein Bruder von Superman. Nur der wedelnde Umhang fehlte. Aber vielleicht hatte er daf\u00fcr eine schicke Uniform mit blanken Messingkn\u00f6pfen oder ein wei\u00df wallendes Gewand.<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Mann schlug das Buch auf und bl\u00e4tterte hastig darin.<\/p>\n\n\n\n<p>Keine Illus. Schade!<\/p>\n\n\n\n<p>Vor den Augen von Max breitete sich eine W\u00fcste aus Buchstaben aus, ein Teppich kryptischer schwarzer Zeichen auf leicht vergilbtem wei\u00dfen Grund.<\/p>\n\n\n\n<p>Er begann zu lesen, schlie\u00dflich war er nicht bl\u00f6d: \u201eOben peitschte der heulende Sturm die See aber unten in der Tiefe war es still und sicher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Langsam reihte er Wort an Wort.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Verstand tastete nach ihrer Bedeutung: Sturm ist ein starker Wind, der eine Menge L\u00e4rm macht. Peitschen ist ein Synonym f\u00fcr den starken Aufprall von Luft auf das Wasser. Na klar: Wenn man das mit einem Luftsto\u00df umr\u00fchrt, ger\u00e4t alles in Bewegung \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, nicht wirklich alles.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Bewegung wird weiter unten immer schw\u00e4cher bis sie irgendwann ganz aufh\u00f6rt. Man kann vor dem Sturm fliehen indem man in die Tiefe abtaucht. Max war stolz darauf, diesen schwierigen Satz vollkommen erfasst zu haben. Jedenfalls intellektuell, und das war deutlich mehr, als gewisse Halbalphabeten leisten konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt k\u00f6nnte er sich eigentlich an den n\u00e4chsten Satz wagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Pl\u00f6tzlich hatte Max keinen Bock mehr aufs Lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das war so verdammt m\u00fchselig, dauerte ewig lange!<\/p>\n\n\n\n<p>Nein, Lesen war total aus der Zeit gefallen \u2026 genau wie diese schw\u00e4chlichen, bebrillten B\u00fccherw\u00fcrmer. Schlie\u00dflich konnte man inzwischen so ziemlich alles, was das Herz begehrt, streamen. Irgendwann w\u00fcrde es Apparate geben, mit deren Hilfe alle Sinne angesprochen w\u00fcrden \u2026 und sp\u00e4ter Holodecks.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie bei Star Trek.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapit\u00e4n Nemo k\u00f6nnte leibhaftig vor ihm stehen und sie w\u00fcrden gemeinsam ins Meer abtauchen, Abenteuer erleben und gegen b\u00f6se Kolonialherren k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zukunft versprach m\u00fchelosen Konsum gigantischer Geschichten und die M\u00f6glichkeit, in unz\u00e4hlige Rollen zu schl\u00fcpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Teufel mit den alten Papierschwarten!<\/p>\n\n\n\n<p>So etwas braucht kein Mensch mehr. Das kann in den Altpapiercontainer oder \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Antiquariat w\u00fcrde vielleicht ein paar Cent pro Kilo zahlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Antiquar war ein typischer Bucherwurm. Nur viel \u00e4lter als die merkw\u00fcrdigen V\u00f6gel in seiner Klasse. Ein d\u00fcnnes graues M\u00e4nnchen mit einer dicken Brille. Die kleinen Augen blinzelten Max kurzsichtig an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu willst diese Sch\u00e4tze tats\u00e4chlich verkaufen? Warum beh\u00e4ltst du sie nicht f\u00fcr schlechte Zeiten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00e4h? Was f\u00fcr schlechte Zeiten?\u201c, fragte Max verbl\u00fcfft. \u201eB\u00fccher kann man nicht essen und einen Kachelofen haben wir nicht mehr. Sie stehen nur rum und nehmen Platz weg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wenn du einen Rat brauchst? Einen Trost? Nur mal abschalten willst?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDaf\u00fcr habe ich meine Konsole und einen riesigen Bildschirm. Ich kann mir jederzeit was Spannendes reinziehen. Das ist viel besser als Lesen. Da ist man richtig drin in der Geschichte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Buchh\u00e4ndler sah Max traurig an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn du liest bist du nicht drin? Das ist sehr schade!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch vermisse nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch verrate dir etwas\u201c, sagte der \u00e4ltere Mann leise. \u201eDiese alten Erstausgaben sind ehrlich und authentisch. Neue B\u00fccher enthalten oft F\u00e4lschungen. Werden angepasst oder umgeschrieben. Die M\u00e4chtigen haben Angst vor dem freien Wort. Sie legen es gern in Ketten, und wenn sie die Autoren nicht mehr ma\u00dfregeln k\u00f6nnen, weil sie schon tot sind, vergreifen sie sich an ihren Werken und machen sie f\u00fcr ihre Zwecke passend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa ja ich lese sowieso nicht gern und streame lieber.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLieber junger Freund, was du da aus dem Internet ziehst ist Teil einer gigantischen Propagandamaschine. Da sind Geheimdienste, Neurowissenschaftlicher und Kommunikationsexperten am Werk, um daf\u00fcr zu sorgen, dass das Volk nicht aufmuckt und in den gew\u00fcnschten Bahnen denkt. Schon die alten R\u00f6mer kannten Brot und Spiele f\u00fcr den P\u00f6bel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Max war verwirrt und ein bisschen beleidigt wegen dem P\u00f6bel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber die Geschichten aus Hollywood handeln oft von tapferen Helden, die f\u00fcr das Volk und gegen reiche allm\u00e4chtige B\u00f6sewichter k\u00e4mpfen. Ich sehe sie als Vorbilder.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd bist du ein Held geworden? Sei ehrlich!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSiehst du! Diese Vorbilder sind so stark und omnipotent, dass kein normaler Mensch ihnen nacheifern kann. Sie sind nur ein sch\u00f6ner Traum, mit dem du dir den Alltag vers\u00fc\u00dft. Wer tr\u00e4umt handelt nicht. Man hat dich neutralisiert und das war von Anfang an der Plan.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd bei B\u00fcchern soll das besser sein? Das glaube ich nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun, es gibt auch eine Menge B\u00fccher, die das Papier auf dem sie gedruckt wurden nicht wert sind. Sie sind ebenfalls Teil der Verbl\u00f6dungsmaschine. Andererseits gibt es Werke, aus denen du Weisheit und Kraft sch\u00f6pfen kannst. Freunde f\u00fcrs Leben. Du musst die richtigen lesen. Ich kann dir helfen, sie zu finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas w\u00fcrdest du f\u00fcr mich tun?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSelbstverst\u00e4ndlich. Allerdings sind die meisten schwerere Kost als du es gewohnt bist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch hatte schon mit Kapit\u00e4n Nemo Schwierigkeiten. Das hat echt keinen Spa\u00df gemacht. Irgendwie lebt der nicht richtig. Vielleicht bleibe ich doch besser bei Filmen und Serien.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der alte Buchh\u00e4ndler seufzte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu hast verlernt, Texte zu visualisieren. Man hat dich daran gew\u00f6hnt, alles fertig aufgetischt zu bekommen. Es wird viel Zeit und Arbeit kosten, dir diese verlorene F\u00e4higkeit zur\u00fcckzuholen. Am besten f\u00e4ngst du heute noch an.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd wenn ich das nicht will? Es gen\u00fcgt doch, die Filme ein bisschen kritischer als bisher anzusehen und schon k\u00f6nnen die da oben mich nicht mehr manipulieren.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun, junger Freund, das ist ganz allein deine Entscheidung. Du kannst diese B\u00fccher hier lassen und ich zahle dir einen fairen Preis \u2026 oder du nimmst sie wieder mit und liest jeden Tag mindestens eine Stunde. Dann wird es dir irgendwann wieder leicht fallen und Nemo wird zu neuem Leben erwachen. Du wirst den salzigen Wind h\u00f6ren, riechen und schmecken. Die M\u00f6wen werden \u00fcber dir kreischen und die Wunder der Tiefsee werden vor den Bullaugen der Nautilus vorbeischweben. Es wird besser und authentischer als jeder Film sein. Das verspreche ich dir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Max schob den Stapel B\u00fccher, den er eben noch unbedingt loswerden wollte, unschl\u00fcssig hin und her. Konnte es sein, dass die alten Schwarten doch wichtig waren?<\/p>\n\n\n\n<p>Dass der B\u00fccherwurm wider Erwarten recht hatte?<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich hatte er keine Lust, sich damit zu befassen aber \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHast du schon einmal daran gedacht, dass all deine Quellen f\u00fcr Informationen und Unterhaltung nur mit Strom funktionieren?\u201c, fragte der alte Mann leise. \u201eInternet, Fernsehen, DVD-Player \u2026 nichts davon funktioniert bei einem Blackout. Aber du kannst immer noch bei Kerzenschein zu einem Buch greifen. Denk mal dar\u00fcber nach.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Max packte seine B\u00fccher still wieder ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm wieder, wenn du neues Futter f\u00fcr deinen Geist brauchst\u201c, sagte der alte Mann freundlich. \u201eIch berate dich gern.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Amanda Landmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war einmal ein kleiner Junge, nennen wir ihn Max, der liebte Abenteuergeschichten \u00fcber alles. Sch\u00f6ne dicke Schm\u00f6ker, ein bisschen zerfleddert, dazu eine Taschenlampe \u2026 und dann konnte unter der Bettdecke die Reise losgehen. Nein, die Erwachsenen ging das nichts an und auch nicht Bruder und Schwester. Diese Welten geh\u00f6rten ganz allein ihm. Lesen ist zumeist ein einsames Vergn\u00fcgen. Jedenfalls, wenn man gro\u00df genug ist und Mama und Papa keine Gutenachtgeschichten mehr erz\u00e4hlen. Weil sie keine Zeit mehr daf\u00fcr haben oder weil man sie nicht mehr dabei haben will. Gro\u00dfe Kinder gehen ihre eigenen Wege \u2026 und ja, sie holen sich die verbotenen B\u00fccher aus dem Regal. Alle tun das, auch die braven. Irgendwann ist es dann das Aufkl\u00e4rungsbuch der gro\u00dfen Schwester oder etwas Gruseliges \u00fcber menschliche Eingeweide oder Hexenverfolgung. Nein, liebe woke Zeitgenossen, Kinder wollen nicht immer in Watte gepackt werden. Sie sind st\u00fcrmisch, neugierig \u2026 und manchmal auf irritierende Weise sachlich. Sie wollen alles ganz genau wissen und schneiden notfalls den Teddyb\u00e4r auf, um sein Inneres zu erkunden. Dass sie so rigoros sind, kommt daher, dass sie noch nicht genug \u00fcber den Schmerz wissen. Genau wie \u00fcber viele andere Aspekte des Lebens. Das Mitf\u00fchlen muss erst gelernt werden und da k\u00f6nnen B\u00fccher gute Lehrmeister sein. Der kleine Max verstand mit der Zeit immer besser, was Gut und B\u00f6se ist. Er wollte ein mutiger Held werden, einer, der die Wahrheit sagt und sich f\u00fcr die Schw\u00e4cheren einsetzt. Ein ganzer Kerl eben. Nicht mehr und nicht weniger. 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