{"id":3882,"date":"2025-01-13T20:20:00","date_gmt":"2025-01-13T20:20:00","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3882"},"modified":"2025-05-13T20:21:16","modified_gmt":"2025-05-13T20:21:16","slug":"damals-1939-1945-was-es-bedeutet-mit-lebensmittelmarken-einzukaufen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3882","title":{"rendered":"DAMALS (1939-1945): Was es bedeutet, mit Lebensmittelmarken einzukaufen"},"content":{"rendered":"\n<p>Wahrscheinlich kann sich heute niemand mehr vorstellen, was es bedeutet, mit Lebensmittelmarken einzukaufen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es hei\u00dft, dass du nicht einfach ausw\u00e4hlen kannst, was du haben m\u00f6chtest, sondern dein Essen und andere wichtige Gebrauchsg\u00fcter zugeteilt bekommst.<\/p>\n\n\n\n<p>Du gehst mit deinem Einkaufszettel in den Laden und gibst ihn zusammen mit einer Karte der Verk\u00e4uferin. Auf der Karte sind viele kleine Rechtecke aufgedruckt. Sie sind mit Warennamen wie Butter, Fleisch, Kartoffeln, Mehl oder Seife beschriftet. Jedes K\u00e4stchen steht f\u00fcr eine Standardmenge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verk\u00e4uferin nimmt eine Schere und schneidet aus deiner Karte, was du bestellt hast und wirft die Schnipsel weg. Dann packt sie deinen Einkauf ein und du darfst bezahlen und ihn nach Hause tragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn du nicht gut wirtschaftest, kannst du am Ende des Monats nichts mehr kaufen. Es ist dein Problem, wie du dann die Familie satt kriegst. Da gibt es dann verschiedene Optionen: Betteln, Klauen, Angeln, Wildern, Pilze suchen \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber mehr mag ich nicht nachdenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob es im ersten Weltkrieg Lebensmittelmarken gab, wei\u00df ich nicht. Ich wei\u00df nur, dass Essen sehr knapp war und meine Gro\u00dfeltern deshalb zu Freizeitlandwirten mutiert sind. Mein Gro\u00dfvater war Lokf\u00fchrer und die Bahn erlaubte ihren Mitarbeitern, das Gel\u00e4nde neben den Gleisen zu beackern. So hatten sie Korn, Gem\u00fcse, Schweine und Ziegen. Die Kinder waren satt und die Verwandtschaft kam regelm\u00e4\u00dfig um sich durchzufuttern.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Oma meinte Jahre sp\u00e4ter, das w\u00e4re so eine entsetzliche Plackerei gewesen, dass sie, wenn sie nochmal die Wahl gehabt h\u00e4tte, sich auch lieber irgendwo durchgeschnorrt h\u00e4tte. All diese entfernten Cousinen, Patentanten und Busenfreunde w\u00e4ren schlie\u00dflich nicht verhungert.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Weltkrieg gab es Lebensmittelmarken.<\/p>\n\n\n\n<p>Die waren sehr unterschiedlich ausgestattet. M\u00e4nner bekamen mehr als Frauen und Kinder, sogenannte Schwerarbeiter mehr als B\u00fcrokraten. Ob die wenigen Juden oder Halbjuden, die noch nicht im KZ gelandet waren, wenigstens eine Hungerration zugeteilt bekamen, wei\u00df ich nicht. Polnischen Zwangsarbeitern billigte man nur sehr sp\u00e4rliche Rationen zu \u2026 und das v\u00f6llig unabh\u00e4ngig davon, wie schwer sie schuften mussten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama und ihr erster Mann waren dienstverpflichtet und arbeiteten zun\u00e4chst bei den Arado Flugzeugwerken im Konstruktionsb\u00fcro. Das war ein kriegswichtiger Betrieb und wurde entsprechend bewertet.<\/p>\n\n\n\n<p>Als meine Mutter schwanger wurde, musste sie nicht mehr arbeiten und rutschte sofort in eine noch bessere Versorgungskategorie. Werdende M\u00fctter waren heilig. Schlie\u00dflich brauchte Deutschland neue Soldaten und Soldatenm\u00fctter. Den beiden ging es also eine Zeitlang einigerma\u00dfen gut. Bis der Luftkrieg begann \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Mama verschloss trotzdem nicht die Augen vor der Not anderer. Da war ein junger Pole der regelm\u00e4\u00dfig um Essen bettelte weil er von dem, was ihm die Nazis zubilligten, nicht satt werden konnte. Meine Mutter gab ihm ab und zu eine Schmalzstulle.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann hatte sie eine gef\u00e4hrliche Idee.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Lebensmittelkarten mit der Monatsration waren alle gleich gro\u00df, nur mit unterschiedlich vielen K\u00e4stchen bedruckt. Das hei\u00dft, es gab Freifl\u00e4chen aus dem richtigen Papier f\u00fcr solche Dokumente. Mama war ja studierte Malerin und Grafikerin und sie beherrschte ihr Handwerk! So konnte sie die freien Fl\u00e4chen mit zus\u00e4tzlichen K\u00e4stchen f\u00fcr Fleisch, Brot und Butter f\u00fcllen. Endlich konnte sie dem hungrigen Polen wirklich helfen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ihrem Mann standen vor Angst die Haare zu Berge: \u201eWenn die uns erwischen kommen wir ins KZ! Bitte h\u00f6r auf damit!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mama meinte nur: \u201eIch bin gut. Das merken die nie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie wurde tats\u00e4chlich nicht erwischt.<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings war sie wohl nicht die einzige F\u00e4lscherin denn irgendwann gab es keine freien Fl\u00e4chen auf den Lebensmittelkarten mehr. Da wurde alles, was keine K\u00e4stchen enthielt, mit dicken schwarzen Kreuzen bedruckt. Der arme Pole musste sich wieder mit Schmalzstullen begn\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Mama mir das erz\u00e4hlt hat, fragte ich sie: \u201eHattest du keine Angst, dass der junge Mann mit den gef\u00e4lschten Marken erwischt und sofort erschossen wird?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein\u201c, meinte sie ganz cool. \u201eDem habe ich doch echte Lebensmittelmarken geschenkt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Wow!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hoffe, Mama hat damals ein bisschen Frieden zwischen den V\u00f6lkern ges\u00e4t. Dieser namenlose junge Mann hat bestimmt verinnerlicht, dass nicht alle Deutschen schlecht sind. Obwohl er das enorme Risiko, das hinter dieser Aktion steckte, wahrscheinlich nicht ermessen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Lebensmittelmarken gab es \u00fcbrigens noch als ich Kind war. Ich sehe immer noch die Verk\u00e4uferin mit ihrer Schere hantieren. Es dauerte lange, bis es alles in ausreichendem Ma\u00dfe gab und manche Mangelwaren (z.B. die ber\u00fcchtigten Bananen) wurden bis zum Schluss nur in begrenzter Menge abgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch hat nun mal in Mangelsituationen einen gnadenlosen Hang zum Hamstern. Ich schlie\u00dfe mich da selber nicht aus. Inzwischen sind es solche Lappalien wie Kochsalzl\u00f6sung zum Inhalieren \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Amanda Landmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wahrscheinlich kann sich heute niemand mehr vorstellen, was es bedeutet, mit Lebensmittelmarken einzukaufen. Es hei\u00dft, dass du nicht einfach ausw\u00e4hlen kannst, was du haben m\u00f6chtest, sondern dein Essen und andere wichtige Gebrauchsg\u00fcter zugeteilt bekommst. Du gehst mit deinem Einkaufszettel in den Laden und gibst ihn zusammen mit einer Karte der Verk\u00e4uferin. Auf der Karte sind viele kleine Rechtecke aufgedruckt. Sie sind mit Warennamen wie Butter, Fleisch, Kartoffeln, Mehl oder Seife beschriftet. Jedes K\u00e4stchen steht f\u00fcr eine Standardmenge. Die Verk\u00e4uferin nimmt eine Schere und schneidet aus deiner Karte, was du bestellt hast und wirft die Schnipsel weg. Dann packt sie deinen Einkauf ein und du darfst bezahlen und ihn nach Hause tragen. Wenn du nicht gut wirtschaftest, kannst du am Ende des Monats nichts mehr kaufen. Es ist dein Problem, wie du dann die Familie satt kriegst. Da gibt es dann verschiedene Optionen: Betteln, Klauen, Angeln, Wildern, Pilze suchen \u2026 \u00dcber mehr mag ich nicht nachdenken. 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