{"id":3879,"date":"2025-01-27T20:18:00","date_gmt":"2025-01-27T20:18:00","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3879"},"modified":"2025-05-13T20:19:17","modified_gmt":"2025-05-13T20:19:17","slug":"damals-1939-1945-und-1945-1953-von-taetern-mitlaeufern-und-widerstandskaempfern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3879","title":{"rendered":"DAMALS (1939-1945 und 1945-1953): Von T\u00e4tern, Mitl\u00e4ufern und Widerstandsk\u00e4mpfern"},"content":{"rendered":"\n<p>Wenn <a><\/a>heute jemand sagt, dass nicht alle Nazis schlechte Menschen waren, wird er sofort in die rechtsextreme Ecke gestellt. Im schlimmsten Fall wird er medial hingerichtet.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Mensch kann doch unm\u00f6glich so einer fiesen Ideologie verfallen!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Mensch f\u00e4llt nicht auf dumpfe Propaganda herein!<\/p>\n\n\n\n<p>Ein guter Mensch leistet tapfer Widerstand und opfert sich ohne zu z\u00f6gern f\u00fcr das Gute!<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es denn so einfach w\u00e4re!<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der gro\u00dfen Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und galoppierender Inflation wirkte Hitler auf viele verzweifelte Deutsche zun\u00e4chst wie eine Lichtgestalt, wie ein Macher, der das Elend beendete und Arbeit und Wohlstand zur\u00fcckbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir k\u00f6nnen uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie gro\u00df damals die Not war. Viele Menschen verloren alles, was sie sich aufgebaut hatten: ihre Ersparnisse, ihre Wertgegenst\u00e4nde, ihre H\u00e4user, ihre Karriere \u2026 ihre Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Geld war nichts mehr wert. Bei uns zu Hause lag lange ein einseitig bedruckter Geldschein aus jener Zeit herum. Da stand etwas von 1 Milliarde Mark drauf und Mama sagte, dass man daf\u00fcr gerade mal ein Brot kaufen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es Lohn gab, musste er so schnell wie m\u00f6glich ausgegeben werden denn am n\u00e4chsten Tag war er wom\u00f6glich nur noch die H\u00e4lfte wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kriminalit\u00e4t war hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch eigentlich b\u00fcrgerliche, gut sozialisierte Leute drehten krumme Sachen um zu \u00fcberleben. Mein Vater z.B. besorgte sich illegal ein Gewehr und wilderte in den Brandenburger W\u00e4ldern.<\/p>\n\n\n\n<p>Da das Geld nichts mehr wert war, bl\u00fchte der Tauschhandel. Ich mag gar nicht dar\u00fcber nachdenken, was au\u00dfer Rehbraten gegen Butter oder Brot noch alles getauscht wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Friedlichen und Ehrenhaften hatten damals sehr schlechte Karten. Die Selbstmordrate unter ihnen war hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Gro\u00dfeltern v\u00e4terlicherseits verloren den gr\u00f6\u00dften Teil ihres Verm\u00f6gens. Mein Gro\u00dfvater m\u00fctterlicherseits hatte insofern Gl\u00fcck, dass er als Lokf\u00fchrer bei der Bahn verbeamtet war. So blieben ihm Arbeitslosigkeit und der Verlust des Eigenheims erspart. Die Familie hatte es trotzdem schwer.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Desaster fischten Kommunisten und Nationalsozialisten nach Anh\u00e4ngern und sie waren dabei ziemlich erfolgreich. Anfangs tolerierten sich beide Extreme sogar. Sp\u00e4ter gab es w\u00fcste Saalschlachten und auch Schie\u00dfereien auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama hat mir erz\u00e4hlt, dass es in Leipzig ziemlich normal war, in fremden Hauseing\u00e4ngen Schutz zu suchen wenn die Polizei br\u00fcllte: \u201eStra\u00dfe frei! Es wird geschossen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Okay, dann kamen die Nazis an die Macht und k\u00fcndigten den Versailler Vertrag auf. Das war auch so ein ma\u00dfloses Konstrukt, um den besiegten Feind maximal zu dem\u00fctigen und auszupl\u00fcndern. Eine nette Keimzelle f\u00fcr Extremismus jeder Art und den n\u00e4chsten Krieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Hitler Krieg bedeuten w\u00fcrde, erkannten am Anfang leider die wenigsten. Die meisten freuten sich, endlich wieder eine Perspektive und Arbeit zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schreibe das jetzt nicht, um irgendwas zu besch\u00f6nigen, sondern damit die gl\u00fccklichen Wohlstandsb\u00fcrger von heute begreifen, dass es ziemlich leicht passieren kann, dass man den falschen Heilsbringern vertraut. Okay?<\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings werden auch Opfer ideologischer Gehirnw\u00e4sche irgendwann auf die Probe geste \u2026 und dann m\u00fcssen sie sich entscheiden, ob sie weiter alles mitmachen oder ob es f\u00fcr sie rote Linien gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob sie zu Bestien werden oder Menschen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob sie zu lauen Mitl\u00e4ufern werden oder anfangen, selbst zu denken.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob sie gar bereit sind, gegen das B\u00f6se zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele, die heute selbstgerecht \u00fcber die Generationen ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern urteilen, h\u00e4tten sich vermutlich ebenfalls geirrt und versagt. Seien wir froh \u00fcber jeden, dem es in schlimmen Zeiten gelang, Mensch zu bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Herbert Emmerlich, der erste Mann meiner Mutter, hatte einen Kollegen, der im selben Block wohnte. Die beiden trafen sich f\u00fcr gew\u00f6hnlich fr\u00fch vor der Haust\u00fcr und gingen zusammen zur Arbeit. Dabei wurde, wie es M\u00e4nner gern tun, flei\u00dfig politisiert. Nur leider war Herbert Emmerlich ein \u00fcberzeugter Antifaschist und sein guter Kumpel SA-Mitglied. Einer, der schon vor 1933 f\u00fcr die nationalsozialistische Sache brannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama hatte eine Heidenangst um ihren Mann und ihre Familie. Sie wusste zwar nicht von allen Gr\u00e4ueln aber ihr war schon klar, dass die Gespr\u00e4che mit dem Nazi verheerende Folgen haben konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMach dir keine Sorgen\u201c, meinte ihr Mann jedes Mal. \u201eDas ist zwar ein Nazi, aber auch ein netter und anst\u00e4ndiger Kerl. Der tut uns nichts.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte recht. Sie bekamen tats\u00e4chlich keinen Besuch von der Gestapo.<\/p>\n\n\n\n<p>Inwiefern dieser Nachbar sp\u00e4ter seine Meinung ge\u00e4ndert hat, wei\u00df ich leider nicht. Auch nicht, wie er das Kriegsende und die neue Ordnung erlebt hat. Mama war da schon mit ihrem Kind nach Schlesien evakuiert und Herbert Emmerlich starb, wie ihr bereits wisst, kurz nach Kriegsende durch einen Unfall bei der Bergung von Blindg\u00e4ngern.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele ehemalige Anh\u00e4nger oder Mitl\u00e4ufer der Nazis haben sich irgendwann in der DDR eingerichtet. Sofern sie keine Verbrechen begangen hatten ist dagegen nichts einzuwenden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zumal einige Strukturen beider Regime durchaus vergleichbar waren. Das mussten selbst meine kommunistischen Eltern zugeben. Allerdings waren die sehr stolz darauf, den Kommunismus nicht erst 1945 entdeckt zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Faschistin wurde erst nach 1945 richtig gef\u00e4hrlich. Sie war Funktion\u00e4rin des BDM gewesen und hatte m\u00f6glicherweise einiges auf dem Kerbholz. Vielleicht auch nicht und sie hatte nur ihren ideologischen Mist zelebriert &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Wie dem auch sei, als die Russen Brandenburg einnahmen, bekam sie eine Heidenangst.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst schleimte sie sich bei den Siegern ein, schlief sogar mit der Besatzungsmacht \u2026 was ihr die tiefe Verachtung von Bekannten und Nachbarn einbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwie dachte sie dann wohl, sie m\u00fcsse mehr liefern um sicher zu sein. Sie begann, wahllos Menschen beim KGB anzuschw\u00e4rzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die verschwanden dann f\u00fcr einige Zeit oder f\u00fcr immer. Erst in einen ber\u00fcchtigten Keller und dann nach Sibirien. Das \u00fcberlebten viele nicht. Alle wussten Bescheid und hatten Angst vor diese Frau.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Spuk h\u00f6rte erst nach Stalins Tod auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Mama hat mir Jahre sp\u00e4ter die Dame gezeigt. Da war sie nur noch eine unauff\u00e4llige und sehr geschw\u00e4tzige Kittelsch\u00fcrzenoma. Ich konnte mir nie recht vorstellen, was die Russen an ihr gefunden hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Petzen hat es vermutlich unz\u00e4hlige gegeben. Niemand konnte sich zur Stalinzeit sicher f\u00fchlen. Auch kein Altkommunist.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war damals noch ein Vorschulkind, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Mutter stundenlang reglos am Fenster stand und auf die Stra\u00dfe starrte wenn Papa nicht p\u00fcnktlich nach Hause kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging ab und zu nach Feierabend ein Bier trinken. F\u00fcr ihn war es ein unschuldiges Vergn\u00fcgen und eine M\u00f6glichkeit, gute alte Freunde zu treffen. F\u00fcr Mama war es die H\u00f6lle.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00a9 Amanda Landmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn heute jemand sagt, dass nicht alle Nazis schlechte Menschen waren, wird er sofort in die rechtsextreme Ecke gestellt. Im schlimmsten Fall wird er medial hingerichtet. Ein guter Mensch kann doch unm\u00f6glich so einer fiesen Ideologie verfallen! Ein guter Mensch f\u00e4llt nicht auf dumpfe Propaganda herein! Ein guter Mensch leistet tapfer Widerstand und opfert sich ohne zu z\u00f6gern f\u00fcr das Gute! Wenn es denn so einfach w\u00e4re! Nach der gro\u00dfen Wirtschaftskrise mit Massenarbeitslosigkeit und galoppierender Inflation wirkte Hitler auf viele verzweifelte Deutsche zun\u00e4chst wie eine Lichtgestalt, wie ein Macher, der das Elend beendete und Arbeit und Wohlstand zur\u00fcckbrachte. Wir k\u00f6nnen uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie gro\u00df damals die Not war. Viele Menschen verloren alles, was sie sich aufgebaut hatten: ihre Ersparnisse, ihre Wertgegenst\u00e4nde, ihre H\u00e4user, ihre Karriere \u2026 ihre Hoffnung. Das Geld war nichts mehr wert. Bei uns zu Hause lag lange ein einseitig bedruckter Geldschein aus jener Zeit herum. Da stand etwas von 1 Milliarde Mark drauf und Mama sagte, dass man daf\u00fcr gerade mal ein Brot kaufen konnte. Wenn es Lohn gab, musste er so schnell wie m\u00f6glich ausgegeben werden denn am n\u00e4chsten Tag war er wom\u00f6glich nur noch die H\u00e4lfte wert. Die Kriminalit\u00e4t war hoch. Auch eigentlich b\u00fcrgerliche, gut sozialisierte Leute drehten krumme Sachen um zu \u00fcberleben. Mein Vater z.B. besorgte sich illegal ein Gewehr und wilderte in den Brandenburger W\u00e4ldern. Da das Geld nichts mehr wert war, bl\u00fchte der Tauschhandel. 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