{"id":3598,"date":"2017-12-22T21:05:51","date_gmt":"2017-12-22T21:05:51","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3598"},"modified":"2025-05-12T10:06:46","modified_gmt":"2025-05-12T10:06:46","slug":"weihnachtsueberraschung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=3598","title":{"rendered":"Weihnachts\u00fcberraschung"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin die Letzte im B\u00fcro, wie \u00fcblich. Drau\u00dfen ist es l\u00e4ngst dunkel, leise rieselt der Schnee, \u00fcberzuckert Berlin. Meine Sternenlichterkette taucht den Raum in ein warmes goldenes Licht. Die W\u00e4nde t\u00e4uschen einen winterlichen Tannenwald vor, mit ein paar flackernden Gaslaternen wie in Narnia. Holografie-Technik jener Au\u00dferirdischen, die die Erde seit \u00fcber einem Jahr &#8222;besetzt&#8220; halten, um uns vor ihren Feinden, den skrupellosen Imperiern zu besch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Seufzend wende ich meinen Blick vom Computer ab, beobachte stattdessen das Winterwunderland da drau\u00dfen und mein Adventsgesteck, wo mittlerweile vier Kerzen brennen. Gestern war vierter Advent. Morgen ist mein letzter Arbeitstag in diesem Jahr. Theoretisch. Wenn ich mir den Stapel auf meinem Schreibtisch ansehe, kann ich wahrscheinlich froh sein, wenn ich an Heiligabend vor 20:00 Uhr hier wegkomme.<\/p>\n<p>Annabelle, meine s\u00fc\u00dfe kleine Tochter wei\u00df wahrscheinlich nicht mehr, wer ich bin. Sie ist mit ihrem Vater auf Nakkar, Lichtjahre weit weg. Ich sehe die beiden erst Weihnachten wieder.<\/p>\n<p>Seit meine engste Mitarbeiter, eine Beloranerin namens Kharassa, die Erde verlassen und ihre Stellvertreterin Hardra das Kulturressort \u00fcbernommen hat, schmei\u00dfe ich den Laden hier praktisch allein. Das ganze verdammte Pressereferat der verdammten mitteleurop\u00e4ischen Sektorverwaltung. &nbsp;Klar, es gibt Unterreferenten, Redakteure und Sachbearbeiter und ich delegiere, was ich delegieren kann \u2026 trotzdem habe ich ein bisschen Angst, die Bewohner der Erde m\u00fcssen morgen ohne ihr t\u00e4glich Liga-Klatschblatt auskommen. Inzwischen habe ich wenigstens einen Chefredakteur eingestellt, aber der kann erst im Januar anfangen. Au\u00dferdem fehlt mir immer noch ein Stellvertreter.<\/p>\n<p>Ein Kratzen an der T\u00fcr lenkt mich ab. Die T\u00fcrh\u00e4lften geben einen Spalt frei, durch den sich Hardra quetscht. Zwischen den Z\u00e4hnen tr\u00e4gt sie einen Stapel Briefe und PADDs, die sie laut maunzend auf meinen Schreibtisch fallen l\u00e4sst. Ihr peitschender Schwanz kommt dabei dem Adventsgesteck gef\u00e4hrlich nahe.<\/p>\n<p>\u201cPass auf, Hardra, die Kerzen!\u201d<\/p>\n<p>Die Humili im K\u00f6rper einer schneewei\u00dfen Birmakatze springt erschrocken zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201cIch dachte, ich&nbsp; bringe dir deine Post, bevor dein Fach endg\u00fcltig \u00fcberquillt, Melissa\u201d, erkl\u00e4rt sie, blinzelt kokett und reibt dabei ihr K\u00f6pfchen an meinem \u00c4rmel. Toll, noch mehr Katzenhaare auf meinem schwarzen Pullover.<\/p>\n<p>\u201cDanke. Vielleicht solltest du dir n\u00e4chstes Mal einen Brieftauben-Avatar zulegen\u201d, antworte ich mit einem halben L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt, habe ich \u00fcberhaupt keine Lust, meine Post anzugucken. Die heutigen f\u00fcnfhundert Memos haben schon gereicht. Es waren jede Menge Forderungen von Journalisten, Beschwerden der Kirche und eine anonyme Morddrohung dabei. Dar\u00fcber sollte ich wahrscheinlich froh sein, normalerweise sind es mindestens zwei oder drei. Diese Fanatiker von den &#8222;W\u00e4chtern der Erde&#8220; hassen zwar die Liga und Au\u00dferirdische wie die Pest \u2013 doch offenbar werden selbst sie um Weihnachten sentimental.<\/p>\n<p>Hardra, die knuffige wei\u00dfe Katze, die in Wirklichkeit ein dreihundert Jahre altes Alien ist, macht sich auf meinem Schreibtisch so breit, dass kein Quadratzentimeter Platz f\u00fcr meine Akten bleibt, und schaut mich aus gro\u00dfen goldenen Augen superschlau an.<\/p>\n<p>\u201eDas ist wohl die Rache daf\u00fcr, dass wir dich mit Whiskas gef\u00fcttert und Molly genannt haben.\u201c<\/p>\n<p>\u201eMau!\u201c gibt Hardra provozierend zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Humili sind ein ein uraltes Volk, Gr\u00fcndungsmitglieder der Liga. In Wirklichkeit haben sie riesige Gehirne und verk\u00fcmmerte, kaulquappenartige K\u00f6rper und besch\u00e4ftigen sich den ganzen Tag mit Philosophie, Quantenmechanik und \u00e4hnlichen abgehobenen Dingen. Normalerweise k\u00f6nnen sie sich ohne ihre Roboter-Ammen noch nicht einmal alleine den Hintern abwischen \u2013 also schl\u00fcpfen sie in Avatar-K\u00f6rper, wenn sie sich mal ein bisschen bewegen wollen oder Undercover arbeiten. Kurz nach der Entdeckung der Erde durch die Liga kamen sie auf die glorreiche Idee, soziologische Studien an den Menschen durchzuf\u00fchren, indem sie sich als Haustiere tarnen. Stellt euch mal vor, die anmutige Rassekatze, die ihr euch aus dem Tierheim geholt habt, die euch schon hunderte Male unter die Bettdecke gekrochen und euch auf dem Klo beobachtet hat, f\u00e4ngt pl\u00f6tzlich an zu sprechen und entpuppt sich als Wesen vom anderen Ende der Galaxis!<\/p>\n<p>Aber ich will nicht undankbar sein. Immerhin verdanke ich dieser \u201eKatze\u201c meinen jetzigen Job. Und Thalno, nat\u00fcrlich. Thalno war einer der letzte Heylanischen Protektoren der Erde, vor unserem Beitritt zur Liga. Der mit Abstand beliebteste und sympathischste. Sp\u00e4ter fanden wir heraus, warum er so anders ist als die \u00fcbrigen Heylaner: Er geh\u00f6rt einer gesch\u00fctzten Minderheit an, die sich Turuska nennt. So eine Art Ureinwohner der s\u00fcdlichen W\u00fcste, die trotz ihrer Achtung f\u00fcr die Lehren Ennus zu ihren Gef\u00fchlen und ihrer Sexualit\u00e4t stehen, ja sogar offen schwul sein d\u00fcrfen. Jedenfalls ist es Thalno, denn er lebt mit Denheb, dem ehemaligen Ministerpr\u00e4sidenten des Mitteleurop\u00e4ischen Sektors zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>\u201cHardra, wie soll ich denn jetzt arbeiten?\u201d, seufze ich. \u201cEhrlich, dein Avatar f\u00e4rbt langsam ab, du wirst alle Tage k\u00e4tzischer. Die beiden Pelzmonster meiner Mutter haben so was auch drauf. Meistens schubbern sie sich am Touchscreen und machen Katzenbuckel, damit man sie knuddelt, bis sie Ruhe geben \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cDann knuddel mich! Du brauchst eine Pause\u201d, meint Hardra und kugelt demonstrativ auf meinem Schreibtisch herum. Ein Stapel bedruckter Folien segelt zu Boden und verteilt sich auf dem halben Teppich.<\/p>\n<p>\u201cOch Mann, Hardra!\u201d, schimpfe ich. Meine Faust kracht so heftig auf die Tischplatte, dass die Humili&nbsp; mit riesigen Augen und gestr\u00e4ubtem Fell hochf\u00e4hrt. \u201cDas war alles f\u00fcr die Zeitung! Jetzt darf ich wieder sortieren, was in welche Ausgabe kommt. Ich hab ja auch keine anderen Hobbys! Ach, es ist zum Kotzen! Ich arbeite nur noch gegen die Uhr, habe nicht mal Zeit, aufs Klo zu gehen \u2026\u201d Vor Frust steigen mir die Tr\u00e4nen in die Augen, Hardra blickt mich leicht zerknirscht an, dann springt sie auf meinen Scho\u00df und kuschelt sich in meinen Arm. \u201cTut mir Leid\u201d, schnurrt sie.<\/p>\n<p>\u201cSchon gut\u201d, murmele ich.<\/p>\n<p>\u201cIch k\u00f6nnte dir helfen\u201d, meint die Humili.<\/p>\n<p>\u201cDanke\u201d, antworte ich aufrichtig und streichle ihr seidenweiches Fell. Sie haart schon wieder und mein Pullover ist jetzt mehr grau als schwarz. Diese Humili-Avatare sind fast ein bisschen zu naturalistisch.<\/p>\n<p>\u201cEs war schon genug Arbeit, die Zeitung zu machen\u201d, setze ich mein Lamento fort. \u201cAber ich kapiere mit jedem Tag mehr, was Kharassa hier wirklich geleistet hat! Sie ist zur\u00fcck nach Belor abgeschwirrt, weil sie dachte, sie w\u00e4re hier nutzlos, nachdem du-wei\u00dft-schon-was passiert ist. Ich w\u00fcrde am liebsten in das n\u00e4chste Raumschiff steigen und ihr pers\u00f6nlich sagen, wie sehr sie sich geirrt hat \u2026 wie sehr sie hier gebraucht wird.\u201d<\/p>\n<p>Hardra nickt. \u201cSie \u00fcbernahm bereitwillig die h\u00e4rteste Arbeit ohne zu Brummen. Aber von menschlichen Gef\u00fchlen oder Public Relations hatte sie keine Ahnung. Sie war als Arbeiterin geboren &#8211; und wie fast alle Beloraner erf\u00fcllt sie ihre vorherbestimmte Rolle perfekt, aber sie ist darin gefangen.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDa ist was dran\u201d, stimme ich ihr zu.<\/p>\n<p>Drau\u00dfen schneit es immer st\u00e4rker, eine Kerze ist bereits runter gebrannt.<\/p>\n<p>\u201cLaut Wetterbericht gibt es wei\u00dfe Weihnachten in ganz Deutschland\u201d, versucht mich Hardra aufzuheitern.<\/p>\n<p>\u201cSch\u00f6n\u201d, gebe ich ohne gro\u00dfe Begeisterung zur\u00fcck. Als Kind h\u00e4tte ich mich \u00fcber wei\u00dfe Weihnachten halb tot gefreut, aber nun muss ich wohl dankbar sein, wenn ich an den Feiertagen irgendwas Wei\u00dfes sehe, das nicht aus Papier besteht.<\/p>\n<p>\u201cIch k\u00f6nnte Chris umbringen &#8211; wenn er nicht schon tot w\u00e4re!\u201d, rutscht es mir heraus.<\/p>\n<p>Hardra blickt \u00fcberrascht auf. \u201cWie kommst du jetzt ausgerechnet auf deinen Ex?\u201d<\/p>\n<p>\u201cWeil er mit seinem Affentheater um Annabelle daf\u00fcr gesorgt hat, dass Denheb und Kharassa beide das Handtuch geworfen haben &#8211; und ich fast in Arbeit ersaufe! Nur weil er es nicht ertragen konnte, dass ich ihn verlassen und ein Kind von einem Au\u00dferirdischen bekommen habe! Dabei ist Ioannis genetisch gesehen auch ein Mensch, nur dass seine Vorfahren vor Tausenden von Jahren von deinen Vorfahren aus dem alten Griechenland verschleppt wurden\u201d, rede ich mich in Rage. \u201cChris hat immer davon gefaselt, dass er der Welt seinen Stempel aufdr\u00fccken will, dieser gr\u00f6\u00dfenwahnsinnige Hohlk\u00f6rper \u2026 Herzlichen Gl\u00fcckwunsch, nun hast du es geschafft, mein Lieber! Die Medien haben tagelang breit getreten, wie zwei W\u00f6lfe ihm die Kehle aufgerissen haben \u2013 und ich habe mich gefragt: Sind die wirklich so vernagelt oder blenden sie absichtlich aus, dass mein aufgeblasener Ex selber schuld war? Das kommt davon, wenn man sich von den W\u00e4chter der Erde einlullen l\u00e4sst, ein Attentat auf einen heylanischen Botschafter einf\u00e4delt \u2013 und dabei vergisst, dass der gute Mann zwei zahme W\u00f6lfe als Leibw\u00e4chter hat.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn der Tat\u201c, meint Hardra ver\u00e4chtlich. \u201eChris hat es verdient.\u201c<\/p>\n<p>\u201eUnd als w\u00e4re das nicht genug, denken sich die W\u00e4chter der Erde jede Woche neue Todesarten f\u00fcr mich aus, sogar Ioannis wurde von einem Mob auf offener Stra\u00dfe verdroschen \u2026 danach hab ich ihn bekniet, mit Annabelle auf Nakkar zur\u00fcckzukehren, wo er in Sicherheit ist\u201c, heule ich weiter. \u201eDie beiden fehlen mir wahnsinnig \u2026 und um dem ganzen Schei\u00df die Krone aufzusetzen, glaubt Kharassa nun, sie w\u00e4re ihrem Job nicht gewachsen. Dabei hat sie sich die gr\u00f6\u00dfte M\u00fche gegeben &#8211; aber egal, was sie gesagt oder getan hat, es war alles verkehrt. Schlie\u00dflich blieb ihr nichts Anderes \u00fcbrig, als zu gehen &#8211; aber nicht, weil sie Mist gebaut hat, sondern weil sie eine Insektoide ist und drei Viertel der Menschheit eine Insektenphobie hat. So eine gottverdammte Schei\u00dfe \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cKharassa wird das nicht so tragisch nehmen. Es geht Beloranern weniger um Selbstverwirklichung und Karriere, sondern darum, sich in der Gemeinschaft n\u00fctzlich zu machen\u201d, gibt Hardra zu bedenken. \u201cAu\u00dferdem wurde Chris von Thalnos W\u00f6lfen tot gebissen. Ich finde, das ist Strafe genug.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEr hat es doch gar nicht richtig mitgekriegt\u201d, halte ich grimmig dagegen.<\/p>\n<p>\u201cJetzt redest du fast wie Denheb\u201d, meint die Humili besorgt.<\/p>\n<p>\u201cDenheb hat \u00f6fter mal Recht\u201d, kontere ich hart.<\/p>\n<p>\u201cWir sollten Christian Hardenbergs nicht allzu wertvollen Geist in Frieden ruhen lassen, Melissa\u201d, versucht mich Hardra zu beschwichtigen. \u201cSchlie\u00dflich ist Weihnachten.\u201d<\/p>\n<p>\u201cWas verstehst du schon von Weihnachten?\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch habe zahlreiche Christb\u00e4ume von stillosem Schmuck befreit, seit ich eine Katze bin\u201d, kontert die Humili.<\/p>\n<p>Ich muss unfreiwillig lachen. \u201cNummer siebzehn in meinem Adventskalender.\u201d<\/p>\n<p>Der Liga-Kurier bietet im Dezember jeden Tag ein T\u00fcrchen, was sich durch Ber\u00fchrung der Folie \u00f6ffnet, dahinter verbirgt sich eine kleine Animation im Stil der Jaquie-Lawson-Ecards. Nat\u00fcrlich mit interstellarem Flair: Verliebte Warkaner im Winterwald f\u00fcr die Zehn, Tanzende Tannari und Leuchtfischlein, die im Meer die Form eines Tannenbaumes bilden, f\u00fcr die Eins. Salahanidische Weihnachtsengel f\u00fcr die Sechs. Humili, die in Wichtel-Avatare schl\u00fcpfen, f\u00fcr die Zw\u00f6lf \u2026 Die Technik, die dahinter steckt, ist eine der letzten Innovationen von Kharassa.<\/p>\n<p>Ich frage mich, wie die Menschen ein \u201cKrabbeltier\u201d hassen k\u00f6nnen, das einen Adventskalender programmiert. Aber das ist nicht mein einziges Problem \u2026<\/p>\n<p>\u201cVerdammt, wenn mir bis morgen nichts f\u00fcr die Vierundzwanzig einf\u00e4llt, blamiere ich mich auf die Knochen!\u201d, murmele ich frustriert.<\/p>\n<p>Hardra zwinkert. \u201cSoviel ich wei\u00df, geht es bei Weihnachten um die Geburt eines durch k\u00fcnstliche Befruchtung erzeugten Hybridbabys. Gab es nicht k\u00fcrzlich eins auf Heyla?\u201d<\/p>\n<p>Ich muss grinsen. \u201cNaja, wenn alle Str\u00e4nge rei\u00dfen, spielen Ioannis, Annabelle und ich Heilige Familie. Die Beloraner zirpen Silent Night, die Humili besorgen sich Schaf-Avatare \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cWeihnachtslieder zirpende Beloraner hattest du schon in Nummer f\u00fcnfzehn.\u201d<\/p>\n<p>\u201cJa, du hast recht\u201d, lenke ich ein. \u201cAch, verdammt \u2026 Davon kriegt man echt graue Haare! Heute Morgen im Spiegel hab ich schon wieder ein paar gefunden.\u201d Nun zerflie\u00dfe ich schon ebenso in Selbstmitleid wie meine ehemalige Chefin an der Uni Potsdam: Mariana, die Miesmuschel.<\/p>\n<p>\u201cFalls dein K\u00f6rper vorzeitig verschlei\u00dft, k\u00f6nnen wir dir vielleicht einen Avatar bauen\u201d, schl\u00e4gt die Humili vor.<\/p>\n<p>\u201cIch dachte, das w\u00e4re nicht so einfach\u201d, erwidere ich grinsend.<\/p>\n<p>Hardra blinzelt nur geheimnisvoll.<\/p>\n<p>\u201cVielleicht mache ich ja ein Gewinnspiel: Jeder, der die richtige Antwort schickt, kriegt einen Pl\u00fcsch-Tannari frei Haus\u201d, \u00fcberlege ich. \u201cOder ein gratis Kalender mit 3D-Landschaftsaufnahmen von allen Welten der Liga \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cKlingt nicht schlecht. Ich w\u00e4re f\u00fcr den Kalender\u201d, meint die Humili.<\/p>\n<p>\u201cJa, vielleicht mache ich das.\u201c Aus einer Laune heraus k\u00fcsse ich Hardra zwischen die Ohren.<\/p>\n<p>Sie blickt mich verdutzt an.<\/p>\n<p>\u201cEntschuldigung, wenn du so auf meinem Scho\u00df liegst und schnurrst, vergesse ich manchmal, dass du keine Miez bist.\u201d<\/p>\n<p>\u201cSelbst ich vergesse das manchmal\u201d, erwidert die ehrw\u00fcrdige Ressortleiterin f\u00fcr Bildung, Wissenschaft und Kultur. Dann wandert ihr Blick zu dem unordentlichen Haufen Papier auf meinem Schreibtisch. \u201cWillst du deine Post nicht anschauen?\u201d<\/p>\n<p>Unwillig brummend greife ich den ganzen Packen und bl\u00e4ttere ihn lustlos durch. Das Meiste ist Gott sei Dank nur Umlauf. Diverse Bekanntmachungen des neuen Ligapr\u00e4sidenten \u2013 ein Warkaner namens Shan\u2019dras. Ein paar Weihnachtskarten sind auch dabei. Eine Einladung von meinen ehemaligen Kollegen der Uni Potsdam zur Weihnachtsfeier am 21.12., um 13:00 Uhr. \u201cMist, das ist ja schon morgen! Wie soll ich das auf die Reihe kriegen?\u201d<\/p>\n<p>\u201cWenn dir so viel daran liegt, k\u00f6nnte ich ausnahmsweise den Schreibtisch f\u00fcr Dich w\u00e4rmen. Ich schicke bei Zeiten einen Piloten, der dich wieder abholt.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDanke, Hardra!\u201d<\/p>\n<p>Ein silberfarbener Umschlag f\u00e4llt mir in die H\u00e4nde und aus dem Nichts beschleicht mich ein ungutes Gef\u00fchl. Briefbomben und \u00e4hnliche \u201cnette\u201d \u00dcberraschungen von den W\u00e4chtern der Erde werden zwar meistens von der Sicherheit abgefangen &#8211; trotzdem ist der pers\u00f6nlichen Referentin unserer warkanischen Gesundheits-Senatorin Ulan\u2019jah schon mal eine \u00e4tzende Fl\u00fcssigkeit \u00fcber die H\u00e4nde gelaufen, als sie einen Brief aufmachte, der angeblich von einer alten Schulfreundin stammte. Ihre Schreie waren \u00fcber den ganzen Flur zu h\u00f6ren. Die \u00c4rzte konnten zwar daf\u00fcr sorgen, dass die arme Frau keine Sch\u00e4den zur\u00fcckbehalten hat &#8211; dennoch muss ich so eine Bescherung nicht haben. Schon gar nicht vier Tage vor Heiligabend!<\/p>\n<p>Mein Name steht in sauberer Schreibschrift auf dem Umschlag, ich drehe ihn z\u00f6gerlich herum, vielleicht steht irgendwo ein Absender \u2026<\/p>\n<p>Ja, ich habe ihn gefunden. Aber der Klo\u00df in meinem Hals wird nicht kleiner &#8211; im Gegenteil. Gerhard Hardenberg und Karin Schr\u00f6der. Mein Ex-Schwiegervater und seine neue Lebensgef\u00e4hrtin.<\/p>\n<p>\u201cWas wollen die denn von mir?\u201d, platze ich heraus.<\/p>\n<p>\u201cFrohe Weihnachten w\u00fcnschen?\u201d, vermutet Hardra.<\/p>\n<p>\u201cNachdem Gerd mir wahrscheinlich die Schuld gibt, dass zwei Lausitzw\u00f6lfe seinen Sohn als Hundeknochen missbraucht haben?\u201d Meine Augen werden schmal. \u201cIch kann wahrscheinlich froh sein, wenn da keine S\u00e4ure drin ist, die mir die Finger zerfrisst!\u201d<\/p>\n<p>\u201cSei nicht so paranoid\u201d, meint Hardra. \u201cWieso bist du dir \u00fcberhaupt so sicher, dass dein Schwiegervater dir die Schuld an Christians Tod gibt?\u201d<\/p>\n<p>Ich denke einen Moment nach. Eigentlich hat sie Recht, Gerd und ich haben seit dieser schrecklichen Sache noch nicht einmal miteinander gesprochen.<\/p>\n<p>\u201cWas meinst du, soll ich\u2019s aufmachen?\u201d<\/p>\n<p>\u201cDie Entscheidung kann ich dir nicht abnehmen\u201d, erwidert Hardra.<\/p>\n<p>\u201cAlso sch\u00f6n \u2026\u201d Ich atme tief durch, lege einen Briefbeschwerer auf das Ding, damit ich es nicht anfassen muss, und halte einen guten Meter Abstand, w\u00e4hrend ich das Kuvert mit meinem Taschenmesser aufschlitze.<\/p>\n<p>Wir warten mit angehaltenem Atem, ob irgendwas in die Luft fliegt oder L\u00f6cher in die Schreibtischplatte frisst. Sekundenlang passiert nichts dergleichen. Hardras Ohren sind aufmerksam nach vorn geklappt, ihre Schwanzspitze wackelt unaufh\u00f6rlich. \u00dcber der virtuellen Landschaft an den W\u00e4nden geht der Mond auf. Drau\u00dfen ist er l\u00e4ngst aufgegangen.<\/p>\n<p>Hardra hat Recht, ich sollte nicht so paranoid sein. Gerd ist ein doch ein ganz harmloser Kerl, um nicht zu sagen: ein Weichei. Falls dieser Brief nicht gefaked ist \u2026<\/p>\n<p>Als nach zehn Minuten immer noch nichts in die Luft geflogen ist, greife in beherzt in den Umschlag und ziehe eine Karte heraus. Tats\u00e4chlich, eine ganz klassische Weihnachtskarte mit Christbaumkugeln in Golddruck.<\/p>\n<p>Ich klappe sie auf und lese in Karins geschwungener Handschrift:<\/p>\n<p><i>\u201cLiebe Melissa, wir w\u00fcnschen Dir und Deiner Familie ein frohes, besinnliches Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Viel Gl\u00fcck mit deiner neuen Liebe und ganz viel Kraft f\u00fcr deine verantwortungsvolle Arbeit. Bleib gesund und k\u00fcmmere dich gut um dein kleines M\u00e4dchen. <\/i><\/p>\n<p><i>Karin und Gerd.<\/i><\/p>\n<p>Mir wird ganz warm ums Herz. Da habe ich das Schlimmste vermutet, obwohl die Beiden mir l\u00e4ngst verziehen haben. Vielleicht hat Hardra sogar Recht und sie haben mich nie f\u00fcr Chris\u2019 Tod verantwortlich gemacht. Der Schnee, die Kerzen und Lichterketten scheinen in diesem Moment heller zu strahlen \u2026 Bis ich das \u201cP.S.\u201d unter den beiden Namen lese &#8211; so winzig, dass man fast ein Lupe braucht, denn auf der Karte ist kaum noch Platz.<\/p>\n<p><i>P.S.: Unsere Molly liegt mit schwerem Nierenversagen in der Potsdamer Tierklinik. Die Chancen stehen sehr schlecht. Falls du dich von ihr verabschieden m\u00f6chtest, ist hier unsere Telefonnummer \u2026 <\/i><\/p>\n<p>Nein, Schei\u00dfe, dass darf nicht wahr sein \u2026 nicht Molly!<\/p>\n<p>Eine einzelne Tr\u00e4ne kullert auf das Papier. Hardra schmiegt sich an mich. \u201cIch wei\u00df, du hattest diese Katze sehr gern\u201d, sagt sie mitf\u00fchlend.<\/p>\n<p>\u201cKarin und Gerd sind oft in den Urlaub gefahren, dann haben sie Molly zu uns gebracht\u201d, erz\u00e4hle ich mit erstickter Stimme. \u201cJedes Mal h\u00e4tte ich sie am liebsten behalten. So eine wundervolle Miez \u2026\u201d<\/p>\n<p>Bilder tauchen auf \u2026 eine rosa Katzennase, die vorsichtig unterm Bett hervorlugt \u2026 ein schwarzwei\u00dfes K\u00e4tzchen mit einem putzigen schwarzen Fleck am Kinn, schnurrend zwischen mir und Chris \u2026 Molly, die beim Geruch von K\u00e4sef\u00fc\u00dfen in Ekstase ger\u00e4t und mit gierigem Blick auf den Fr\u00fchst\u00fcckstisch springt, als wir den Esrom auspacken \u2026<\/p>\n<p>Die Umgebung verschwimmt in Tr\u00e4nen. Wegen Chris habe ich nicht halb so geflennt \u2026 Nat\u00fcrlich war ich geschockt, aber ich habe keine einzige Tr\u00e4ne vergossen. Bin ich deshalb ein schlechter Mensch? Oder fange ich wie Denheb an, die Menschen zu verachten? Nein, eigentlich komme ich mit den meisten von ihnen prima aus &#8211; trotzdem sind mir Katzen n\u00e4her.<\/p>\n<p>Molly wird sterben. Der traurige H\u00f6hepunkt dieses ohnehin beschissenen Tages.<\/p>\n<p>\u201cK\u00f6nnt ihr da nichts machen, mit eurer supertollen Liga-Medizin oder Alien-Technik?\u201d, frage ich Hardra, schroffer als beabsichtigt.<\/p>\n<p>\u201cWir k\u00f6nnen leider nicht \u00fcberall sein\u201d, erwidert die Humili sanft. \u201cAber wenn wir es irgendwie einrichten k\u00f6nnen, sehen wir morgen in der Tierklinik vorbei.\u201d<\/p>\n<p>\u201cDanke\u201d, schniefe ich und schalte entschlossen den Computer aus.<\/p>\n<p>Ich habe die Nase voll und jetzt kann ich mich erst recht nicht mehr konzentrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Molly starb in den fr\u00fchen Morgenstunden des 21. Dezember.<\/p>\n<p>Gerd rief mich mit tr\u00e4nenerstickter Stimme im B\u00fcro an und nat\u00fcrlich verging mir jede Lust auf eine Weihnachtsfeier an der Uni Potsdam.<\/p>\n<p>Aber meine Kollegen haben nicht locker gelassen, bis ich mich breitschlagen lie\u00df und selbst zu dem Schluss kam, dass ich eine Auszeit brauche. Sie waren so \u00fcberzeugend, als ginge es nicht um Kaffee und Pl\u00e4tzchen, sondern um eine Frage der planetaren Sicherheit.<\/p>\n<p>Hardra ist vor Weihnachten nicht wieder im B\u00fcro aufgetaucht. Als ich nach ihr fragte, taten alle \u00e4u\u00dferst geheimnisvoll.<\/p>\n<p>Die letzten drei Tage sind irgendwie vorbei gerauscht: Weihnachtskaffee, Gl\u00fchwein, Weihnachtsgr\u00fc\u00dfe, Kerzenlicht, selbst gebackene Pl\u00e4tzchen, ein letzter Besuch auf dem Weihnachtsmarkt und jede Menge Arbeit. Ich musste meinen Urlaub in den Januar verschieben.<\/p>\n<p>Aber es hat gut getan, meine ehemaligen Kollegen wiederzusehen. Eine merkw\u00fcrdige Reise in die Vergangenheit ganz ohne Zeitreise-Technologie. Der alte Konferenzraum sieht noch genauso aus wie damals &#8211; nur dass er viel zu klein geworden ist. Es sa\u00dfen gleich f\u00fcnf neue Kollegen mit am Tisch, davon geh\u00f6ren vier zur Abteilung Forschungsf\u00f6rderung und erledigen dort den Job, den Mariana und ich fr\u00fcher zu zweit stemmen mussten. Nun sorgen die Zuwendungen der Liga daf\u00fcr, dass die Hochschulen endlich angemessen ausgestattet sind und genug Personal einstellen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Feier selbst rief Erinnerungen an einfachere Zeiten wach. Zeiten, in denen chaotische Wissenschaftler und Antragsfristen unsere gr\u00f6\u00dfte Sorge waren. Mariana ging es wohl ebenso, denn sie starrte mit sentimentalem Blick in die flackernden Kerzenflammen, die sich dutzendfach in den roten Kugeln der Adventsdeko widerspiegelten.<\/p>\n<p>Selbst die Kugeln waren noch die gleichen wie vor drei Jahren.<\/p>\n<p>Wie in alten Zeiten hat jeder etwas f\u00fcr die Feier mitgebracht: Selbstgebackene Pl\u00e4tzchen oder Kuchen, Weihnachtsgeschichten, Weihnachtsgedichte, Weihnachtsmusik.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hlte von einer jungen Frau, die kurz vor dem Fest der Liebe in die Galaxie ausgezogen ist und auf dem weit entfernten Planeten Tannar, wenige Tage vor Heiligabend, ihr gr\u00f6\u00dftes Geschenk bekommen hat: Ein kleines M\u00e4dchen namens Annabelle. Ich erz\u00e4hlte von einem Tannenbaum, in dem statt Kugeln kleine Krakenwesen in allen Farben des Regenbogens hingen, w\u00e4hrend ihre Eltern zu Mahelia Jackson\u2019s Christmas Gospels im Meer tanzten.<\/p>\n<p>Zum Backen hatte ich leider keine Zeit, daf\u00fcr tischte Mariana Pl\u00e4tzchen f\u00fcr Zwei auf. Ein naxianisches Rezept, verfeinert mit Zimt und Orangen-Aroma. Alle st\u00fcrzten sich begeistert auf die Dinger und die Miesmuschel hat ihren Erfolg sichtlich genossen.<\/p>\n<p>Fr\u00fcher hat sie meistens versucht, sich vor der Kollektivseeligkeit zu dr\u00fccken, aber diesmal schien sie sich riesig darauf zu freuen. Obwohl ihr sichtlich flau im Magen war, als sie in meinen Gleiter gestiegen ist.<\/p>\n<p>\u201cIch hoffe, Sie k\u00f6nnen besser fliegen als Autofahren\u201d, meinte sie mit blassen Gesicht.<\/p>\n<p>\u201cFliegen ist einfacher, glauben Sie mir\u201d, antwortete ich.<\/p>\n<p>Es gibt weitaus weniger Idioten in der Luft, als auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Friede auf Erden \u2026 Heute kann man sich beinahe vorstellen, dass es so etwas gibt. Aber die wei\u00dfe, lichterkettenverzierte Idylle t\u00e4uscht &#8211; das wei\u00df niemand besser als wir Mitarbeiter der Liga-Regierung auf der Erde.<\/p>\n<p>Das von meinem Ex-Mann geplante Attentat auf Thalno ist erst wenige Wochen her. Thalno wurde in letzter Minute gerettet, musste aber von einem Mentaltechniker auf Heyla behandelt werden. Sein Lebensgef\u00e4hrte Denheb hat den Job als Ministerpr\u00e4sident von Mitteleuropa hingeschmissen, weil er es endg\u00fcltig satt hat, Menschen zu regieren.<\/p>\n<p>Vor zwei Tagen sind Thalno, Denheb und die beiden W\u00f6lfe in ihr idyllisches H\u00e4uschen am Rande des G\u00f6rdenwaldes zur\u00fcckgekehrt. Dort wollen sie heute feiern, dass die Familie wieder vereint ist: Thalnos und Denhebs Freunde, Meine Mutter Amanda, ihre Haus\u00e4rztin Elena, ihr Nachbar Knut, die warkanische Senatorin Ulan\u2019jah, ich \u2026 Auch Ioannis kommt zur\u00fcck &#8211; mit Annabelle! Thalno hat sogar den Quantenphysiker Nagi von Tannar eingeladen. Und Hardra.<\/p>\n<p>Vielleicht hat er ja eine Ahnung, wo Letztere steckt.<\/p>\n<p>Voll guter Laune pfeife ich \u201cJingle Bells\u201d, als ich zum letzten Mal in diesem Jahr den Computer herunterfahre, das Licht ausschalte und die Fenster versiegeln lasse. Das wird mega, ein wahres Familientreffen &#8211; an Heiligabend!<\/p>\n<p>Kaum zu glauben, dass heute schon so weit ist! Vielleicht, weil ich fr\u00fcher nie an diesem Tag arbeiten musste.<\/p>\n<p>Einzelne Schneeflocken tanzen in der D\u00e4mmerung, als ich gegen 16:00 Uhr endlich das B\u00fcro verlasse. Hinter den wenigen hell erleuchteten Fenstern unseres Hauptquartiers sitzen nur noch Au\u00dferirdische. Mariana, die Miesmuschel, hat sich etwa eine Stunde vor mir in die Weihnachtsferien verabschiedet, frohes Fest und guten Rutsch gew\u00fcnscht und mich sogar einen Moment an ihren synthetischen Pelzmantel gedr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Meine F\u00fc\u00dfe versinken bis zu den Kn\u00f6cheln im Schnee, als ich mich zu meinem Gleiter durchk\u00e4mpfe. Zum Gl\u00fcck hat das Ding Frontscheibenheizung &#8211; Eiskratzen h\u00e4tte mir jetzt noch gefehlt!<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Triebwerke jede Menge Schnee aufwirbeln und das Shuttle \u00fcber den Weihnachtsmarkt am Alexanderplatz hinweg gleitet, verfolgt von staunenden Kinderaugen, und sich immer h\u00f6her in den Himmel erhebt, l\u00e4uft \u00fcber die Comm-Anlage \u201cDriving Home for Christmas\u201c. Wie passend.<\/p>\n<p>Bevor ich den n\u00e4chsten Gang einschalte, checke noch einmal, ob ich alle Geschenke und den Christbaumschmuck eingepackt habe. Ich traue h\u00f6chstens noch Elena zu, dass sie an so etwas denkt. Meiner Mutter nicht &#8211; und den Aliens schon gar nicht. Dabei hat Thalno im Garten so eine sch\u00f6ne gro\u00dfe Tanne \u2026<\/p>\n<p>F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter habe ich das Lichtermeer Berlins hinter mir gelassen. Potsdam kuschelt sich an die westliche Stadtgrenze und wird binnen einer Minute \u00fcberflogen. Die m\u00e4rkischen Felder und W\u00e4lder ziehen unter mir vorbei. Als ich Brandenburg erreiche und mein Gleiter auf der Suche nach einem Parkplatz \u00fcber dem Waldcaf\u00e9 kreist, f\u00fchle ich mich beinahe in meine Kindheit zur\u00fcck versetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Daheim.<\/p>\n<p>Ich lande auf einer Waldlichtung im jungfr\u00e4ulichen Schnee, stampfe ein paar Meter durch den verschneiten Wald, meine F\u00fc\u00dfe finden trotz der Dunkelheit wie von selbst zu Thalnos Haus.<\/p>\n<p>Daheim. Meine Mutter h\u00e4ngt schon am Fenster und wartet voller Ungeduld. Als sie mich sieht, l\u00e4uft sie in ihrem wei\u00dfen Mantel vor die T\u00fcr, schlie\u00dft mich strahlend in die Arme. \u201cSch\u00f6n, dass du endlich da bist, meine Kleine! Kommst am besten gleich mit &#8211; wir feiern im Garten.\u201d<\/p>\n<p>\u201cBei dem Wetter?\u201d, hake ich skeptisch nach. \u201eDa brauchen wir aber viel Gl\u00fchwein!\u201c<\/p>\n<p>\u201cWir m\u00fcssen doch nicht arme Lebern kaputt saufen, wenn es Kraftfelder gibt\u201d, belehrt mich Amanda mit einem wissenden L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>\u201cJa, die Liga-Technik hat schon was f\u00fcr sich.\u201d<\/p>\n<p>Meine Mutter lacht. \u201cElena und Bogdan k\u00e4mpfen da drau\u00dfen mit einer elend langen Lichterkette und verheddern sich fast dahin. Vielleicht kannst du ihnen helfen, bevor Bogdan die Axt aus dem Keller holt und vor Frust die arme Tanne abhackt. Das muss nun wirklich nicht sein!\u201d<\/p>\n<p>\u201cKlar\u201d, antworte ich grinsend und pr\u00e4sentiere stolz die zwei gro\u00dfen T\u00fcten voll Weihnachtsbaumschmuck.<\/p>\n<p>\u201cDann walte deines Amtes, du Weihnachtsengel\u201d, flachst meine Mutter.<\/p>\n<p>Ich folge ihr vertrauensvoll in den Garten, stolpere dabei fast \u00fcber eine schwarze Katze, die auf flinken T\u00e4tzchen vor unsere F\u00fc\u00dfe rennt. Mona? Lisa?<\/p>\n<p>Drau\u00dfen erwartet mich die merkw\u00fcrdigste Festtafel, die dieser Planet je gesehen hat.<\/p>\n<p>Ein schimmerndes Kraftfeld umh\u00fcllt den Garten. Dicke Schneeflocken stoppen mitten in der Luft und schmelzen an der Energiebarriere. Innerhalb der unsichtbaren Glocke ist der Rasen gr\u00fcn und es herrschen mindestens zwanzig Grad Celsius. Au\u00dferhalb recken schneebedeckte Eichenskelette ihre kahlen Finger in den rosa schimmernden Abendhimmel.<\/p>\n<p>Bogdan steht halb in eine Lichterkette gewickelt auf der Leiter und flucht, seine Frau Elena redet beschwichtigend auf ihn ein. Bulgarisch. Er muss wirklich kurz vorm Explodieren sein, wenn sie das n\u00f6tig hat.<\/p>\n<p>Unser Nachbar Knut &#8211; in seiner allgegenw\u00e4rtigen Handwerkerlatzhose &#8211; be\u00e4ugt die Lichterkette mit fragendem Blick und kratzt sich gedankenverloren am Kopf. Offenbar sucht er angestrengt nach einer praktischen L\u00f6sung f\u00fcr die Operation Kn\u00e4uel.<\/p>\n<p>\u201cJa ja, ich zieh mich gleich um\u201d, grummelt er, als Elena missbilligend seinen Aufzug mustert.<\/p>\n<p>Sie tr\u00e4gt nat\u00fcrlich ein elegantes blaugr\u00fcnes Abendkleid.<\/p>\n<p>Ein ausziehbarer Gartentisch ist mit selbstgebastelten Adventsgestecken und einer bunt bestickten Weihnachtstischdecke dekoriert. Das Zeug stammt wahrscheinlich alles von Elena. Aber ich sehe auch die alten, handbemalten Glaswindlichter meiner Mutter.<\/p>\n<p>An einem Ende der Tafel thront Nagi, der kraken\u00e4hnliche Tannari-Physiker, in seiner Funktionssch\u00fcssel. Seine Tentakeln bewegen sich anmutig zu Leonard Cohen\u2018s \u201cHalleluhjah\u201d, alle acht Stielaugen schunkeln fr\u00f6hlich im Takt.<\/p>\n<p>Am anderen Ende f\u00fcttern Thalno und Denheb zwei W\u00f6lfe, drei F\u00fcchse und f\u00fcnf Katzen mit einer Art graubraunen Nahrungsw\u00fcrfeln. Sieht nicht besonders lecker aus.<\/p>\n<p>\u201cWas gibt es eigentlich zu essen?\u201d, frage ich meine Mutter. \u201cHoffentlich nicht nur Kaninchenfutter!\u201d Immerhin sind wir hier bei braven Heylanern zu Gast, die Vegetarier sind.<\/p>\n<p>\u201cDas w\u00fcrde noch fehlen!\u201d, grollt eine vertraute Stimme hinter mir.<\/p>\n<p>\u201cOld Dragon!\u201d<\/p>\n<p>Die drei Meter gro\u00dfe Raubechse haut mir zur Begr\u00fc\u00dfung eine Pranke auf die Schulter und kaut dabei gen\u00fcsslich auf einer ganzen Salami herum. Der richtige Name dieses Wohnzimmer-Godzillas lautet Zoraff, er geh\u00f6rt zum ber\u00fcchtigten Echsen-Volk der Wikissa: R\u00e4uber, Nomanden, eine wahre Plage der Galaxis. Allerdings hat Zoraff sich von seinem Volk, das wohl nur K\u00e4mpfen und Fressen im Kopf hat, losgesagt, und unterrichtet mittlerweile Soziologie an der Uni Potsdam. Die Studenten lieben ihn und haben ihm den Spitznamen Old Dragon verpasst.<\/p>\n<p>\u201cAlles ganz ethisch aus Muskelzellen gez\u00fcchtet!\u201d, erkl\u00e4rt Amanda.<\/p>\n<p>\u201cFeine Muskelzellen!\u201d, nuschelt das alte Reptil, w\u00e4hrend es den letzten Bissen seiner Wurst herunter schluckt und sich gleich die n\u00e4chste schnappt.<\/p>\n<p>\u201cFriss uns nicht alles weg!\u201d, protestiere ich.<\/p>\n<p>Old Dragon grinst nur und kaut.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>\u201cWo ist eigentlich Ioannis?\u201d, frage ich besorgt.<\/p>\n<p>\u201cKeine Sorge, Sch\u00e4tzchen. Selbstverst\u00e4ndlich l\u00e4sst er sich nicht nehmen, seine Liebste wiederzusehen! Er badet nur gerade das kleine Kulleraugenmonster.\u201d<\/p>\n<p>\u201cAnnabelle!\u201d Die Sehnsucht, die mich pl\u00f6tzlich packt, ist \u00fcberm\u00e4chtig.<\/p>\n<p>Da tritt Ioannis mit unserem Kind auf dem Arm \u00fcber die Schwelle und seine Augen strahlen, als er mich sieht. Zuerst knutsche ich Annabelle von oben bis unten ab. Sie guckt einen Moment fast panisch &#8211; aber dann l\u00e4chelt sie und ich f\u00fchle mich, als ob die Sonne aufgeht. Mitten in der finsteren Dezembernacht.<\/p>\n<p>\u201cMami!\u201d<\/p>\n<p>\u201cJa, ich bin es, meine S\u00fc\u00dfe\u201d, raune ich gl\u00fccklich und erleichtert.<\/p>\n<p>Ich hatte wirklich Angst, sie erkennt mich nicht mehr, nach drei Wochen, die wir uns nur auf Videoschirmen gesehen haben.<\/p>\n<p>Ioannis \u00fcbergibt die Kleine ihrer strahlenden Oma, dann hebt er mich m\u00fchelos hoch, dr\u00fcckt er&nbsp; mich so fest an sich und k\u00fcsst mich so lange, dass mir fast die Luft wegbleibt.<\/p>\n<p>\u201cIch hab dich vermisst!\u201d, fl\u00fcstert er.<\/p>\n<p>\u201cIch dich auch\u201d, gebe ich atemlos zur\u00fcck. \u201cUnd Annabelle!\u201d<\/p>\n<p>\u201cWir bleiben hier\u201d, erkl\u00e4rt er entschlossen.<\/p>\n<p>\u201cAber \u2026 die W\u00e4chter der Erde \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201cIch lasse mir von diesem heylanischen Kriegerbund, zu dem Thalno geh\u00f6ren soll, ein paar Tricks beibringen &#8211; und dann liegen diese Feiglinge n\u00e4chstes Mal auf der Schnauze!\u201d, kontert er mit finsterer Miene und pr\u00e4sentiert seinen pr\u00e4chtigen Bizeps.<\/p>\n<p>Er tr\u00e4gt ein \u201ctraditionell naxianisches Festgewand\u201d &#8211; eine Art bunten Schal, dekorativ um seinen halb nackten, durchtrainierten K\u00f6rper drapiert.<\/p>\n<p>\u201cIch bin so froh, ehrlich!\u201d, antworte ich zwischen zwei K\u00fcssen. \u201cAber du musst versprechen, auf dich aufzupassen, okay!\u201d<\/p>\n<p>\u201cMach ich\u201d, erwidert er ernst und streicht mir die letzten Schneeflocken aus dem Haar.<\/p>\n<p>\u201cAnnabelle, an der Christbaumspitze wird nicht genagt!\u201d, schimpft meine Mutter in diesem Moment.<\/p>\n<p>Seufzend drehen wir uns beide um. \u201cNun hat sie endlich Z\u00e4hne und glaubt, sie w\u00e4re ein Eichh\u00f6rnchen\u201d, meint Ioannis. \u201cDu glaubst nicht, was sie in letzter Zeit alles benagt: Datenchips, Schl\u00fcssel, N\u00e4gel \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201cEine kleine Eisenfresserin?\u201d<\/p>\n<p>\u201cWenn es nur Eisen w\u00e4re \u2026\u201d Ioannis\u2019 Blick wandert zu unserer Tochter.<\/p>\n<p>Da Amanda ihr die Christbaumspitze weggenommen hat, nagt sie jetzt an einem Tannenzweig. Oma ist prompt zur Stelle, um ihr das stachelige Gr\u00fcnzeug aus dem Mund zu nehmen &#8211; da wird die Kleine zum Gl\u00fcck von Kah\u2019Layra abgelenkt. Mit einem verz\u00fcckten \u201cEi, ei \u2026\u201d krabbelt sie der F\u00fcchsin hinterher und streckt ihre winzigen Fingerchen nach dem pr\u00e4chtigen Schweif aus. Doch Kah\u2019Layra hat f\u00fcr die kesse Menschenwelpe nur einen herablassenden Blick \u00fcbrig.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Elena und Bogdan verabschieden sich leider viel zu fr\u00fch, weil sie den Weihnachtsabend mit ihrem bulgarischen Clan feiern wollen. Thalno ist dar\u00fcber leicht entt\u00e4uscht, schlie\u00dflich hat er ein besonders leckeres vegetarisches Souffl\u00e9 gekocht.<\/p>\n<p>Amanda f\u00fcllt ein paar Sch\u00fcsseln mit \u201eethischer\u201c Wurst, die letzte wird ihr regelrecht von Old Dragon aus der Hand gerissen. \u201eGef\u00e4llt mir, euer Weihnachten!\u201c, schmatzt die alte Echse. \u201eIch bin sicher, dieses Fest \u00fcberdauert l\u00e4nger als die obskure Religion, die es hervor gebracht hat.\u201c<\/p>\n<p>Er sp\u00fclt die Worte und die Wurst mit einem gro\u00dfen Schluck Wein herunter.<\/p>\n<p>Der Weihnachtsbaum sieht wundersch\u00f6n aus, ganz in Rot und Gold. Ich h\u00e4nge die letzte Kugel an die Tanne, verbeuge mich aus Jux und und alle klatschen. Als Mona und Lisa eine Minute sp\u00e4ter im Baum sitzen, lachen alle. Selbst als die erste Kugel mit einem leisen \u201ePing\u201c auf den Tisch f\u00e4llt, denn der Schmuck ist zum Gl\u00fcck nicht aus Glas.<\/p>\n<p>Aus Thalnos Comm-Anlage schmettert \u201eMerry Christmas Everyone\u201c, Nagi packt mit zwei Fangarmen meine Schultern und wir wiegen uns gemeinsam im Takt.<\/p>\n<p>\u201eIch hoffe, ich kann deinen neuen Freund hiermit ausstechen\u201c, scherzt Ioannis und h\u00e4lt ein h\u00fcbsch verschn\u00fcrtes Geschenkpaket hoch. Dann blickt er sich leicht hilflos um und legt es schlie\u00dflich unter Nagis Funktionssch\u00fcssel ab. Ein dunkelgr\u00fcner Tentakel tastet neugierig nach dem Papier.<\/p>\n<p>\u201eNa, eigentlich legt man Geschenke unter den Tannenbaum \u2013 aber die Farbe passt schon mal\u201c, ziehe ich ihn auf.<\/p>\n<p>Die Teller werden je nach Geschmack mit Thalnos Was-auch-immer, Old Dragons Wurst oder beidem gef\u00fcllt. Die Weingl\u00e4ser klirren, wir w\u00fcnschen einander frohes Fest.<\/p>\n<p>Ioannis und ich haben Annabelle vor einer halben Stunde ins Bettchen gebracht.<\/p>\n<p>Hardra l\u00e4sst sich immer noch nicht blicken.<\/p>\n<p>\u201eSie ist auf dem Weg hierher. Nur noch ein paar Minuten\u201c, sagt Thalno, der meine Gedanken aufgeschnappt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Ein Weihnachtslied sp\u00e4ter klingelt es an der T\u00fcr, kurz darauf kommt der Herr des Hauses mit einer v\u00f6llig unbekannten Frau in den Garten.<\/p>\n<p>Die Fremde ist atemberaubend h\u00fcbsch: kaffeebraune Haut, gro\u00dfe dunkle Augen, schwarze Lockenm\u00e4hne, Sanduhren-Figur. Thalno nimmt ihr den Mantel ab, darunter kommt ein pailettenbesetztes rotes Cocktailkleid zum Vorschein.<\/p>\n<p>Sie sieht mich an und l\u00e4chelt, als w\u00fcrde sie mich kennen. In einer Hand h\u00e4lt sie eine Geschenkt\u00fcte, in der anderen eine Art \u2026 Katzentransportbeh\u00e4lter?<\/p>\n<p>Schmunzelnd \u00f6ffnet sie das Gittert\u00fcrchen, eine wei\u00dfe Birmakatze spaziert heraus und reibt sofort ihr K\u00f6pfchen an meinen Stiefeln. \u201eHardra!\u201c<\/p>\n<p>Doch die fremde Sch\u00f6nheit sch\u00fcttelt den Kopf. \u201eIch bin Hardra.\u201c<\/p>\n<p>Bevor ich verarbeiten kann, was sie da sagt, springt der wei\u00dfe Teppichtiger auf meinen Stuhl, schnuppert kurz am Essen und r\u00e4kelt sich herausfordernd. \u201eMrrau!\u201c<\/p>\n<p>Fast wie Molly.<\/p>\n<p>Ioannis achtet nicht auf die Katze. Die dunkelh\u00e4utige Frau nimmt seine ganze Aufmerksamkeit gefangen und er starrt sie an, als w\u00e4re sie eine griechische G\u00f6ttin.<\/p>\n<p>Ich wedel ein paar Mal mit der Hand vor seinen Augen. \u201eHallo, muss ich etwa eifers\u00fcchtig sein?\u201c<\/p>\n<p>\u201eWohl kaum\u201c, belehrt mich die Frau, die behauptet, Hardra zu sein, und tauscht einen vielsagenden Blick mit Thalno.<\/p>\n<p>\u201eHardra hat die ernsthafte Absicht, meiner Bruderschaft beizutreten, und ich freue mich sehr auf meine zuk\u00fcnftige Waffenschwester\u201c, erkl\u00e4rt der Anf\u00fchrer mit einem kleinen L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Jetzt bin ich baff! Hardra geht zu den Ah\u2019Maral \u2013 den Kriegern, die in dunkler Vorzeit die Zelte der Turuska verteidigt haben, als es den gro\u00dfen Friedensstifter Ennu noch nicht gab und wir von Sklavenh\u00e4ndlern fast ausgerottet wurden.<\/p>\n<p>&#8222;Wir m\u00f6gen Frieden haben, aber Frieden ist niemals von Dauer\u201c, erwidert Thalno auf meine Gedanken.<\/p>\n<p>Wie zur Best\u00e4tigung stemmen die beiden W\u00f6lfe ihre Flanken gegen Hardras Kleid, lassen sich knuddeln und blicken treu zu ihr auf.<\/p>\n<p>\u201eIch freue mich auch!\u201c, sagt Denheb und stellt sich demonstrativ neben Thalno.<\/p>\n<p>Hardra umarmt ihn und reibt ihre Wange gen\u00fcsslich an seinem Kriegermantel. Sie war wohl zu lange eine Katze. Fast erwarte ich, dass sie anf\u00e4ngt zu schnurren.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein verr\u00fcckter Tag! Aber Weihnachten ist die Zeit f\u00fcr \u00dcberraschungen.<\/p>\n<p>\u201eWow \u2026 ich wei\u00df nicht, was ich sagen soll!\u201c, stammele ich. \u201eErst bist du tagelang verschwunden, Hardra, dann legst du hier einen Auftritt wie f\u00fcr den roten Teppich hin, siehst aus wie Halle Berry \u2026 nur weil du Ah\u2019Maral werden willst?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNun ja \u2026 auch deshalb\u201c, gibt Hardra ehrlich zu. \u201eAber ich dachte in erster Linie, da ich jetzt Ressortleiterin bin, brauche ich einen K\u00f6rper, in dem ich ernst genommen werde.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAlso hast du dich in eine Super-Sexbombe verwandelt?\u201c Ich muss lachen.<\/p>\n<p>Meine Mutter beobachtet die Frau mit einem verz\u00fcckten L\u00e4cheln, ganz nach dem Motto \u201eEin bisschen bi schadet nie.\u201c Gleichzeitig krault sie die Katze neben ihr auf dem Stuhl.<\/p>\n<p>Die Katze \u2026 Ich blicke die dunkelh\u00e4utige Sch\u00f6nheit scharf an. \u201eWenn du Hardra bist \u2013 wer ist dann das Pelztierchen, das mir meinen Platz geklaut hat?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu wei\u00dft es\u201c, erwidert die Humili ernst. Dann huscht ein L\u00e4cheln \u00fcber ihr Gesicht. \u201eSp\u00e4testens wenn ihr euren deftigsten K\u00e4se auspackt.\u201c<\/p>\n<p>Ich blicke in die Augen der wei\u00dfen Katze \u2013 so vertraute Augen, und doch ganz anders als Hardras \u2026 \u201eMolly?\u201c<\/p>\n<p>\u201eMrrrau!\u201c, antwortet das Katzenwesen selbstbewusst.<\/p>\n<p>Meine Augen werden feucht. \u201eWie kann das sein?\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Transfer in meinen neuen K\u00f6rper war schon lange geplant\u201c, erkl\u00e4rt die Humili. \u201eAber irgendwie fiel es mir schwer, mich von der Katze zu trennen, die sieben Jahre lang ein Teil von mir war. Die neuen Avatare sind zwar naturalistischer als die alten, aber nicht ganz so haltbar. Zwei Jahre, vielleicht drei \u2026 Wenn sie von keiner Seele belebt werden. Aber dann h\u00f6rte ich die traurige Geschichte von Molly und wusste, was zu tun war. Diese Katze verdient ein zweites Leben, ein rundherum sch\u00f6nes Leben \u2013 und du brauchst, wie mir scheint, eine Katze.\u201c<\/p>\n<p>Die Miez auf meinem Stuhl blickt mich an, als ob sie alles versteht.<\/p>\n<p>\u201eSie versteht in der Tat sehr viel\u201c, meint Thalno mit einem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>\u201eMolly \u2026\u201c ich vergrabe meine Finger in ihrem weichen Pelz und sie schnurrt so laut, dass es sogar die Weihnachtsmusik \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>\u201eDas ist \u2026\u201c Ich finde keine Worte und falle Hardra spontan um dem Hals. \u201eDanke, danke, danke!\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df zwar, dass man keine Tiere verschenken soll, aber \u2026\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs war Mollys Entscheidung\u201c, vollendet Thalno Hardras Satz. \u201eDas ist eine sehr kluge Katze, die genau wei\u00df, was sie will \u2013 und sie m\u00f6chte zu dir, Melissa. Das wollte sie schon, als sie noch bei dieser verdrehten Familie war \u2013 aber die haben sie nat\u00fcrlich nicht nach ihrer Meinung gefragt.\u201c<\/p>\n<p>Sie hat eine Meinung und sie will zu mir. Sie liebt mich. Ich wusste es, Molly!<\/p>\n<p>\u201eWas sagen denn Karin und Gerd dazu?\u201c, hake ich vorsichtig nach.<\/p>\n<p>\u201eSie sind einverstanden\u201c, antwortete Hardra. \u201eThalno und ich haben pers\u00f6nlich mit ihnen gesprochen. So sehr sie sich freuen, dass die Mieze noch am Leben ist, sind sie wohl auch froh, dass ihre kostbare Ledercouch heil bleibt und dass sie nun frank und frei durch die Welt reisen k\u00f6nnen, ohne jemanden bitten zu m\u00fcssen, auf ihre Katze aufzupassen.\u201c In ihrer Stimme schwingt leichte Verachtung mit.<\/p>\n<p>\u201eEin Teil von mir kann die beiden Alten verstehen\u201c, meint Thalno \u00fcberraschender Weise. \u201eJedes Mal, wenn sie einen Katzensitter f\u00fcr Molly gebraucht haben, waren sie auf ihre missratenen Kinder angewiesen. Besonders, als Melissa nicht mehr da war. Der liebe Chris, der mit seinem Vater monatelang kein Wort gesprochen hat, weil er Karin nicht leiden konnte \u2026 bis es ihm letztendlich sogar gelungen ist, seinen Bruder gegen die arme Frau aufzuhetzen \u2026 Ich h\u00e4tte keinen von der verlogenen Bande um irgendwas bitten wollen!\u201c<\/p>\n<p>Hardra l\u00e4chelt. Als ehemalige Diplomatin freut sie sich nat\u00fcrlich immer, wenn eine L\u00f6sung gefunden wird, mit der alle Beteiligten gl\u00fccklich sind.<\/p>\n<p>\u201eDann sei willkommen, meine gute, alte Freundin!\u201c Ich nehme die Katze auf den Scho\u00df, wo sie schnurrend liegen bleibt.<\/p>\n<p>Thalno f\u00fcllt Hardras Teller, die Humili bedankt sich und dann \u2013 Ich glaube, ich sehe &nbsp;nicht richtig! \u2013 leckt sie mit einem genie\u00dferischen Blinzeln die So\u00dfe vom Souffl\u00e9.<\/p>\n<p>Ioannis macht gro\u00dfe Augen, Amanda und Knut k\u00f6nnen sich das Lachen kaum verkneifen, Ulan\u2019jah wiehert, Nagi reckt die Stielaugen vor und Thalno schmunzelt.<\/p>\n<p>\u201eEntschuldigung, ich war sieben Jahre lang Katze und bin erst seit drei Tagen ein Mensch\u201c, erkl\u00e4rt Hardra leicht verlegen.<\/p>\n<p>\u201eUnd zuvor warst du dreihundert Jahre ein Lurch\u201c, gebe ich grinsend zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eWohl eher eine Kaulquappe mit einem K\u00f6rper, der kaum funktioniert hat\u201c, entgegnet Hardra ernst. \u201eUnser Volk ist auf einen Irrweg geraten und stirbt. So kann das auf keinen Fall weitergehen! Aber wir m\u00fcssen erst herausfinden, welche Lebensweise in Zukunft f\u00fcr uns die richtige ist.\u201c Ihr Blick streift Thalno. \u201eAuch ein Grund, weshalb ich Ah\u2019Maral werden m\u00f6chte.\u201c<\/p>\n<p>\u201eNicht, weil du von Thalno entz\u00fcckt bist?\u201c, kann ich mir&nbsp; nicht verkneifen, zu kontern.<\/p>\n<p>\u201eDas gab nat\u00fcrlich den Ausschlag bei der Wahl der Bruderschaft\u201c, kontert Hardra und alle lachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>Inzwischen hat sich die Nacht wie eine schwere, schwarze Decke \u00fcber den G\u00f6rdenwald gelegt. Die Wolken lichten sich und einzelne Sterne blitzen auf. Eine schwache Stelle im Kraftfeld entl\u00e4sst Kah\u2019Layra in den Schnee. Die Kerzen am Weihnachtsbaum flackern, als w\u00e4ren sie echt.<\/p>\n<p>Alles neu, alles anders.<\/p>\n<p>Aber das beste Weihnachtsfest, seit ich denken kann!<\/p>\n<p>Ich streichele Molly, die nur fl\u00fcchtig das K\u00f6pfchen hebt und dann weiterpennt.<\/p>\n<p>Wie sagte Shan\u2018Dras in seiner Weihnachtsansprache?<\/p>\n<p><i>\u201eF\u00fcr die Menschen beginnt bald ein neues Jahr. Und ich wage, zu behaupten, dass f\u00fcr uns alle in diesem kommenden Menschenjahr ein neues Zeitalter beginnt \u2026\u201c<\/i><\/p>\n<p>Nicht nur f\u00fcr die Menschheit. Auch f\u00fcr die Humili, wie es scheint.<\/p>\n<p>F\u00fcr die gesamte Liga.<\/p>\n<p>Und f\u00fcr eine kleine freche Katze beginnt jetzt ein neues, besseres Leben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>ENDE<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin die Letzte im B\u00fcro, wie \u00fcblich. Drau\u00dfen ist es l\u00e4ngst dunkel, leise rieselt der Schnee, \u00fcberzuckert Berlin. Meine Sternenlichterkette taucht den Raum in ein warmes goldenes Licht. Die W\u00e4nde t\u00e4uschen einen winterlichen Tannenwald vor, mit ein paar flackernden Gaslaternen wie in Narnia. Holografie-Technik jener Au\u00dferirdischen, die die Erde seit \u00fcber einem Jahr &#8222;besetzt&#8220; halten, um uns vor ihren Feinden, den skrupellosen Imperiern zu besch\u00fctzen. Seufzend wende ich meinen Blick vom Computer ab, beobachte stattdessen das Winterwunderland da drau\u00dfen und mein Adventsgesteck, wo mittlerweile vier Kerzen brennen. Gestern war vierter Advent. Morgen ist mein letzter Arbeitstag in diesem Jahr. Theoretisch. Wenn ich mir den Stapel auf meinem Schreibtisch ansehe, kann ich wahrscheinlich froh sein, wenn ich an Heiligabend vor 20:00 Uhr hier wegkomme. Annabelle, meine s\u00fc\u00dfe kleine Tochter wei\u00df wahrscheinlich nicht mehr, wer ich bin. Sie ist mit ihrem Vater auf Nakkar, Lichtjahre weit weg. Ich sehe die beiden erst Weihnachten wieder. Seit meine engste Mitarbeiter, eine Beloranerin namens Kharassa, die Erde verlassen und ihre Stellvertreterin Hardra das Kulturressort \u00fcbernommen hat, schmei\u00dfe ich den Laden hier praktisch allein. Das ganze verdammte Pressereferat der verdammten mitteleurop\u00e4ischen Sektorverwaltung. &nbsp;Klar, es gibt Unterreferenten, Redakteure und Sachbearbeiter und ich delegiere, was ich delegieren kann \u2026 trotzdem habe ich ein bisschen Angst, die Bewohner der Erde m\u00fcssen morgen ohne ihr t\u00e4glich Liga-Klatschblatt auskommen. Inzwischen habe ich wenigstens einen Chefredakteur eingestellt, aber der kann erst im Januar anfangen. Au\u00dferdem fehlt mir immer noch ein Stellvertreter. Ein Kratzen an der T\u00fcr lenkt mich ab. 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