{"id":220,"date":"2007-04-06T20:49:52","date_gmt":"2007-04-06T19:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=220"},"modified":"2025-05-13T19:07:40","modified_gmt":"2025-05-13T19:07:40","slug":"vom-richtigen-moment","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=220","title":{"rendered":"Vom richtigen Moment"},"content":{"rendered":"<p><em>Warum fesseln uns manche Geschichten und andere nicht? Es ist vor allem wichtig, die Szenen klug auszuw\u00e4hlen, effektvoll zu kombinieren und pr\u00e4zise zuzuschneiden &#8230; <\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wir hatten fr\u00fcher, als ich noch Kind war, ein Premierenanrecht beim Brandenburger Stadttheater. Das waren zw\u00f6lf Vorstellungen (Schauspiel, Oper, Operette oder Ballett) und zwei Konzerte nach Wahl. Vorteile waren ein g\u00fcnstiger Preis und ein gewisser Zwang, am Sonnabend Abend auch bei m\u00e4\u00dfig ausgepr\u00e4gter Energie den Hintern vom Sofa zu heben, sich fein zu machen und sich gemessenen Schrittes zum \u00f6rtlichen Kulturtempel zu begeben. Schlie\u00dflich waren die Karten ja bezahlt &#8230;<br \/>\nEher nachteilig war, dass ich damals auch jede Menge schmalzige Operetten \u00fcbergeholfen bekam, denn die liebte das hiesige eher schlichte Publikum nun einmal von ganzem Herzen. Warum ich das erz\u00e4hle? Mir geht eine Liedzeile nicht aus dem Kopf: \u201eEs kommt auf die Sekunde an, bei einer sch\u00f6nen Frau &#8230;\u201cUnd ich sehe immer noch den schmierigen kleinen Bulgaren mit den hohen Abs\u00e4tzen vor mir, wie er mit der ganz speziellen Grazie der Dicken \u00fcber die B\u00fchne stolzierte und hingebungsvoll sang. Oh ja, die Ten\u00f6re am Brandenburger Stadttheater waren ein Kapitel f\u00fcr sich &#8230;<br \/>\nEs kommt auf die Sekunde an &#8230; wei\u00df der Geier aus welcher staubigen Mottenkiste diese Binsenweisheit stammt aber ihre Plattheit \u00e4ndert nichts daran, dass sie irgendwie stimmt. F\u00fcr alles gibt es den einzig richtigen Zeitpunkt &#8230; jedenfalls, wenn es um kaprizi\u00f6se Gesch\u00f6pfe geht und das k\u00f6nnen auch erfundene Lebewesen sein. Eine Geschichte funktioniert nur, wenn man die richtigen Momente erwischt. Wenn man so will, ist das eine Art Zickigkeit des Stoffs und\/oder der Figuren &#8230;<br \/>\nTja &#8230; was ist nun ein richtiger Moment?<\/p>\n<p><strong>1. Immer auf der Lauer<\/strong><\/p>\n<p>Da gibt es zun\u00e4chst die subjektive Komponente. Ein Autor muss seine Figuren st\u00e4ndig belauern, um die eher seltenen Augenblicke der Klarheit mitzuerleben. Wann ist eine Szene \u00fcberhaupt reif f\u00fcr die Tastatur oder ein Blatt im Notizbuch? Wenn man nicht in einer gewaltigen Flut aus unn\u00fctzen Informationsschnipseln ersticken will, hei\u00dft es aufpassen. Anfangs fluktuieren die Inhalte, Worte &#8230; Bilder. Alles scheint ziellos und beliebig auswechselbar zu sein. Aber dann bilden sich allm\u00e4hlich Informationskerne, bestimmte Sequenzen tauchen immer wieder auf &#8230; und es entsteht ein deutliches Bild oder eine Art Videoclip. Das gilt es festzuhalten!<br \/>\nJa, ich wei\u00df, dass andere Autoren ganz erfolgreich mit Datenbanken, Notizb\u00fcchern, festen Strukturen und einer rigiden Planung arbeiten &#8230; und ja, auch ich wei\u00df schon lange vorher, wer den gro\u00dfen Krieg am Ende gewinnen wird &#8230; aber alles \u00dcbrige.<br \/>\nIch ahne oft nicht einmal, wer sich in wen verlieben wird &#8230; oder wer jemanden, der auf der Abschussliste steht, umbringen darf. Und das kann ganze Handlungsstr\u00e4nge so sehr durcheinander bringen, dass ich sie bis zum Anfang aufr\u00e4ufeln und neu schreiben muss. Es kann ja durchaus sein, dass es viel effektiver ist, mit einem Exposee zu arbeiten. Aber leider krepieren meine Figuren, wenn ich sie auf diese Weise zwischenlagere. Ich kann es nicht \u00e4ndern: Der erste Entwurf ist bei mir immer eine Art Life-Mitschnitt. Danach geht es nur noch um technische Details &#8230; Satzbau, Sprache &#8230; Licht und Schatten.<br \/>\nF\u00fcr einen Augenblick der Klarheit gibt es jedes Mal nur ein schmales Zeitfenster. Wenn ich das verpasse, geht die betreffende Variante der Geschichte verloren und ich muss geduldig auf eine neue Gelegenheit warten. Ich kann die Geschichte zwar immer noch weiter schreiben, aber sie wechselt in ein Paralleluniversum mit anderen Chancen und Katastrophen. Der Leser merkt das zum Gl\u00fcck nicht, weil er die Wegkreuzung des Schicksals in meinem Kopf nicht miterlebt hat &#8230;<br \/>\nWas ich gar nicht drauf habe, ist mich einfach hinsetzen und schreiben &#8230; egal ob mit oder ohne festgelegten Plan. Ich arbeite ja fast nur mit denen da drau\u00dfen &#8230; und die haben leider ihren eigenen Dickkopf. \u201eEs kommt auf die Sekunde an, bei einem &#8230; na gut, \u201ereim dich oder ich zerhack dir die Kommode\u201c muss jetzt wirklich nicht sein.<\/p>\n<p><strong>2. Die andere Subjektivit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Die da drau\u00dfen fl\u00fcstern und streiten fast jede freie Minute in mir. Sie tr\u00e4umen, umarmen sich, k\u00e4mpfen miteinander &#8230; aber sie tun auch so banale Dinge wie essen, in der Nase bohren, sich an- und ausziehen oder kratzen &#8230; nicht alles ist so wichtig, dass es die Leser wissen m\u00f6chten. Nicht alles muss man genau beobachten und dokumentieren. Auch da kommt es auf die Sekunde an. Wann stecken meine Charaktere in einer Schl\u00fcsselszene, die ich bei Strafe des Untergangs aufzeichnen muss? Welche Informationen sind wichtig, aber nur f\u00fcr mich und meine Leute bestimmt? Und was lasse ich beim Schreiben einfach wie Musik im Hintergrund laufen?<br \/>\nDie Auswahl und der pr\u00e4zise Zuschnitt der Szenen geh\u00f6ren zu den wichtigsten Arbeiten eines Autors. Nur blutige Anf\u00e4nger glauben, dass sie ein Geschehen nur chronologisch abzuspulen brauchen, um einen Roman, eine Erz\u00e4hlung oder eine Shortstory zustande zu bringen. Am ehesten funktioniert das noch bei Kinderm\u00e4rchen &#8230; und da macht es in gewisser Hinsicht Sinn, weil kleine Kinder mit schnellen Szenenwechseln schlechter als Erwachsene zurechtkommen. Sie m\u00f6gen es \u201eimmer sch\u00f6n der Reihe nach&#8216; und manche lieben sogar Wiederholungen. Kinder werden nicht so schnell ungeduldig, weil sie noch \u00fcber Dinge staunen k\u00f6nnen, die uns \u201eGro\u00dfen&#8216; selbstverst\u00e4ndlich sind. F\u00fcr Kinder ist die ganze Welt neu und aufregend. Zeit spielt nicht wirklich eine Rolle, weil man sich in diesem Alter noch nicht vorstellen kann, dass das Leben irgendwann vorbei ist. Ich habe festgestellt, dass ich mit den Jahren immer ablehnender auf langweilige Passagen reagiere. Es hat wohl auch damit zu tun, dass man die Begrenztheit seiner Existenz immer st\u00e4rker wahrnimmt &#8230; \u201eZeitverschwendung&#8216; ist jetzt viel mehr als nur eine Floskel,<br \/>\nIhr denkt vielleicht: \u201eOkay! Dann beschr\u00e4nke ich mich halt auf jene Szenen, wo ordentlich was los ist &#8230; Jump and Run und vielleicht noch ein bisschen Sex und ein paar witzige Spr\u00fcche. Damit kann ich gar nichts falsch machen.<br \/>\nOb es auf die Weise tats\u00e4chlich gelingt, auch reifere Leser zu fesseln? Eher nicht, denn die Vorliebe f\u00fcr Dauergeballer, endlose Verfolgungsjagden und spielfilmf\u00fcllende Karatek\u00e4mpfe ist noch ganz und gar kindlich. \u201eIch habe alle Zeit der Welt und ich mag Action. Meinetwegen kann es ewig so weitergehen &#8230;\u201c<br \/>\nEs ist halt immer noch das alte M\u00e4rchenprinzip: Der j\u00fcngste Prinz erlegt den siebenten Drachen und das wird mit akkurat den gleichen Worten wie bei Untier eins bis sechs beschrieben &#8230; wie das Schwert auf den schuppigen Hals niedersaust, das Blut spritzt und der eklige Kopf in hohem Bogen durch die Gegend fliegt.<br \/>\nIch fand schon als Zehnj\u00e4hrige, dass ein Drachen vollst\u00e4ndig gen\u00fcgt. Ich h\u00e4tte viel lieber mehr \u00fcber den einen erfahren und dar\u00fcber, was die Leute mit dem Riesenkadaver gemacht haben, ob die Prinzessin ihren Eltern verzeihen konnte, dass sie sie zum Wohl des Staates verf\u00fcttern wollten und warum die verdammten Drachen so scharf auf Jungfrauen sind &#8230; wo das doch bei einem einfachen Fr\u00fchst\u00fcck keine Rolle spielen d\u00fcrfte. Ich habe ziemlich fr\u00fch angefangen, B\u00fccher f\u00fcr Erwachsene zu lesen. Und es dauerte mehr als ein Jahrzehnt, bis ich M\u00e4rchen wieder interessant fand.<\/p>\n<p><strong>3. Action! Action! Action!<\/strong><\/p>\n<p>Auf mich wirken Actionfilme meist ziemlich \u00f6de. Wahrscheinlich bin ich viel zu unsportlich, um all die kr\u00e4ftezehrenden Hiebe, Spr\u00fcnge und Autorasereien richtig w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen. Ich denke nur an \u201eKrieg der Welten\u201c: Es knallt und zischt, Tom Cruise rennt eingedreckt \u00fcber die Leinwand &#8230; und das ist so ziemlich alles, worum es geht. Langweilig!<br \/>\nWarum wirkt das so auf mich? Ich vermute, die Ursache ist eine Ungleichbehandlung der ber\u00fchmten W-Fragen (Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum?). In Actionszenen ist soviel los, dass gar keine Zeit bleibt, dar\u00fcber nachzudenken, warum all die F\u00e4uste und Autos durch die Luft fliegen. Da werden nur auf die Schnelle ein paar Klischees hingerotzt und die Hatz geht weiter. Es ist eine Art Naturgesetz: Je mehr die Actionszenen \u00fcberwiegen um so sp\u00e4rlicher werden die Hintergrundinformationen. Die Geschichte ger\u00e4t d\u00fcnn und blass, die Figuren werden nur noch von den Schauspielern zusammengehalten. Na gut, wenn die einigerma\u00dfen cool sind, kann das Ganze trotzdem noch einen gewissen Unterhaltungswert haben. Aber Geist und Seele des Lesers bleiben irgendwie hungrig. Ich wei\u00df nicht, wie Actionfans auf Dauer damit klarkommen &#8230; ob sie wirklich so anspruchslos sind.<br \/>\nIns Alltagsleben \u00fcbertragen muss man sich das n\u00e4mlich so vorstellen: Da keilen sich ein paar Leute, die man nur fl\u00fcchtig vom Sehen her kennt, mitten auf der Stra\u00dfe wie die Verr\u00fcckten und keinen interessiert, wie es dazu kommen konnte. Gewiss, einige tragen auff\u00e4llige Frisuren, Buttons oder merkw\u00fcrdige Schn\u00fcrsenkel &#8230; aber warum sie das machen, wei\u00df auch niemand genau.<br \/>\n\u201e\u00c4h ja, dem Glatzk\u00f6pfigen sein Vater ist arbeitslos. Da muss er doch Wut auf all die Asylanten haben!\u201c<br \/>\n\u201eUnd die Kanaken machen sich dauernd an unsere Weiber ran! Haut sie!\u201c<br \/>\n\u201eUnd warum haben sie den Vater des einen Jungen entlassen? Warum wird der andere vom blanken Sexualneid aufgefressen? Wer ist tats\u00e4chlich schuld an der Misere &#8230; der Armut und der uns\u00e4glichen Primitivit\u00e4t dieser Kerle?\u201c<br \/>\n\u201eWen interessiert das schon? Guck mal, das war ein echter Karatehieb!\u201c<br \/>\n\u201eJa, die Kakerlake ist jetzt reif f\u00fcrs Krankenhaus!\u201c<br \/>\n\u201eJuhu! Was f\u00fcr ein meisterhafter Schlag!\u201c<br \/>\nKeiner kann mir einreden, dass so ein Verhalten normal ist! Das w\u00e4re ja so deprimierend, dass ich schnellstens bei einer logischeren und friedlicheren Spezies Asyl beantragen m\u00fcsste &#8230; nein, ich mag keine Kunstprodukte, bei denen die ganze Zeit gepr\u00fcgelt, gerast und geblutet wird. \u00c4hnlich stupide wirkt nur noch pausenloses Gerammel,<br \/>\nHei\u00dft das, dass ich grunds\u00e4tzlich gegen Actionszenen bin? Oh nein &#8230; aber bitte nicht pur! Nicht ohne sie gr\u00fcndlich vorzubereiten &#8230; nicht ohne den dazu geh\u00f6renden Konflikt pr\u00e4zise zu entwerfen und ihn auf logische Weise eskalieren zu lassen. Das, was vorher in den K\u00f6pfen vorgeht, ist genauso wichtig wie das physische Endprodukt der mentalen Prozesse. Sparsam verwendet und gut platziert sorgen Actionszenen f\u00fcr Spannung und einen kr\u00e4ftigen Schuss Realismus &#8230; denn die Kehrseite ist, dass Geschichten, in denen nur geredet und gedacht wird auch ganz sch\u00f6n langweilig sein k\u00f6nnen &#8230;<\/p>\n<p><strong>4. Wegkreuzungen des Schicksals<\/strong><\/p>\n<p>Eine Wegkreuzung des Schicksals kann mit aufdringlicher Deutlichkeit beschildert sein. Der Wanderer steht davor und gr\u00fcbelt: \u201eGehe ich nun nach links oder rechts, w\u00e4hle ich dieses \u00dcbel oder jenes &#8230; welche Verhei\u00dfung ist am verlockendsten?\u201c<br \/>\nJa, es gibt auch in der Realit\u00e4t solche offensichtlich entscheidenden Augenblicke: Berufswahl, Heirat, Kinder. Oft sind es auch typische, pl\u00f6tzlich auftretende Krisensituationen: ein gesellschaftlicher Umbruch, Krankheit, der Verrat eines Partners oder Freundes, eine schwierige Liebe, eine neue Chance. Wie wir uns dann verhalten, wird durch viele Faktoren bestimmt: Erziehung, Werte, Kraft und den Mut zur freien Entscheidung &#8230;<br \/>\nDie Motivation sagt viel \u00fcber eine Person aus. Selbst an offensichtlichen Wegkreuzungen braucht der Leser die Vorgeschichte, um das Verhalten des Helden w\u00fcrdigen, verabscheuen oder verst\u00e4ndnisvoll bel\u00e4cheln zu k\u00f6nnen. Es ist wichtig, den gezeigten Ausschnitt nicht zu eng zu w\u00e4hlen &#8230; aber auch nicht zu weit auszuholen. Die Frage ist jedes Mal: \u201eHat der Sachverhalt oder die Szene wirklich Einfluss auf die Entscheidung?\u201c<br \/>\nEs gibt neben den offensichtlichen Kreuzungspunkten auch andere unauff\u00e4lligere Momente, die den Gang der Dinge nachhaltig beeinflussen k\u00f6nnen: ein unbedachtes Wort, ein winziger Verrat, eine versehentliche Kr\u00e4nkung &#8230;<br \/>\nPl\u00f6tzlich bewegt sich die Handlung nur noch durch die Macht der Tr\u00e4gheit weiter in die geplante Richtung. Jetzt gen\u00fcgt der kleinste Anlass, um eine Kehrtwendung zu bewirken, eine Katastrophe oder einen bisher unm\u00f6glichen Sieg. In der Realit\u00e4t merken wir nur manchmal im Nachhinein, wann der entscheidende, alles ver\u00e4ndernde Moment war. Meist wundern wir uns lediglich \u00fcber die unerwarteten Kapriolen des Lebens &#8230; nennen es Zufall, obwohl wir die Weichen vor langer Zeit selbst gestellt haben.<br \/>\nEs ist ein Privileg der Autoren von Trivialliteratur, ihre Helden aus heiterem Himmel mit Zuf\u00e4llen aller Art zu bombardieren und sie auf diese Weise durch die Geschichte zu hetzen. Wenn wirklich nichts anderes dahinter steckt, kann alles auch beliebigen Leuten passieren. Es k\u00f6nnte jedermanns Geschichte sein, was es dem Leser leichter macht, sich damit zu identifizieren &#8230; allerdings nur \u00fcber den kleinsten gemeinsamen Nenner: Ich bin ein Mensch und als solcher ein unschuldiger Spielball des Zufalls. Wie unrealistisch und im Grunde auch ziemlich uninteressant!<br \/>\nIm Gegensatz zum Normalb\u00fcrger, der sich meist in der Froschperspektive befindet und das Gel\u00e4nde nur ein paar Zentimeter weit \u00fcberblicken kann, gleicht der Autor einem Vogel, der sowohl hoch \u00fcber dem Geschehen kreisen, als es auch aus n\u00e4chster N\u00e4he be\u00e4ugen und daran herumpicken kann. Er erkennt Wegkreuzungen des Schicksals und wei\u00df, wie viel Freiheitsgrade sein Charakter zu jedem beliebigen Zeitpunkt hat. Das kann er dem Leser sofort mitteilen oder die Information zur\u00fcckhalten &#8230; notfalls bis zum gro\u00dfen Showdown. \u00c4rgerlich ist nur, wenn er dem armen Kerl seine Weisheit g\u00e4nzlich vorenth\u00e4lt.<br \/>\nOder wenn der unbedarfte Sch\u00f6pfer einer Geschichte tollpatschig und schusselig durchs Geb\u00fcsch wuselt und nicht einmal den Versuch unternimmt, sich \u00fcber die Ebene zu erheben um die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge zu erkunden &#8230; oder wenn er gar nicht fliegen kann, weil der niedrige Himmel seiner Welt aus Pappe besteht &#8230; genau wie der Rest der Kulissen.<\/p>\n<p><strong>5. Direkt oder indirekt erz\u00e4hlen?<\/strong><\/p>\n<p>Ein ehrgeiziger, aber noch ziemlich unerfahrener Autor fand es besonders clever, ein Bombenattentat auf der Br\u00fccke eines Raumschiffs nicht direkt zu schildern, sondern die Informationen dar\u00fcber in einen ziemlich trockenen Logbucheintrag zu packen. Ich verstehe sehr gut, warum er das getan hat: Es wollte etwas Neues ausprobieren und seiner Geschichte ein wenig Raffinesse verleihen &#8230; ich zweifle nur daran, dass es in diesem speziellen Fall gut war, auf knallige Action zu verzichten. Diese Frage kann leider nicht allgemein g\u00fcltig beantwortet werden &#8230; allzu vielf\u00e4ltig sind die M\u00f6glichkeiten und Gefahren dieses Stilmittels.<br \/>\nIndirekte Schilderungen verfremden die Situation, erzeugen K\u00fchle und Abstand. Manchmal braucht man das, um die Aufmerksamkeit des Lesers f\u00fcr andere Aspekte der Geschichte zu sch\u00e4rfen &#8230; ihn von seinen Bauchgef\u00fchlen weg zu einer kritischen und logischen Sichtweise zu f\u00fchren. Allerdings macht das nur Sinn, wenn tats\u00e4chlich Inhalte mit einem gewissen Tiefsinn vorhanden sind. Eine schlichte Abenteuergeschichte mit solchen stilistischen Finessen aufmotzen zu wollen, ist wenig hilfreich. Die Spannung wird gnadenlos abgew\u00fcrgt und der Leser bekommt als Ersatz daf\u00fcr eine konventionelle Story, \u00fcber die es eigentlich nicht lohnt, lange nachzudenken.<br \/>\nIch neige eher dazu, solche Schl\u00fcsselszenen direkt zu erz\u00e4hlen. Mit den richtigen Einzelheiten bringen sie die Geschichte kr\u00e4ftig in Schwung &#8230; sodass sich der Rest fast von selbst abspult. Auch wenn ich Action f\u00fcr kein Allheilmittel halte, so kann sie doch eine wichtige W\u00fcrze f\u00fcr eine abenteuerliche Geschichte sein.<br \/>\nEs gibt noch andere Gr\u00fcnde, auf die direkte Darstellung mancher Szenen zu verzichten. Es kann zum Beispiel wichtig f\u00fcr die Aufrechterhaltung der Spannung sein, bestimmte Informationen zur\u00fcckzuhalten. So hat der Leser &#8230;&nbsp; falls er nicht zu den garstigen Typen geh\u00f6rt, die den Schluss zuerst lesen &#8230;&nbsp; das Vergn\u00fcgen lange herumzur\u00e4tseln, wer der T\u00e4ter war und was im Einzelnen passiert ist. Gerade Krimis bedienen sich oft dieses Konzepts und ob man das Geheimnis dann durch eine d\u00fcrre Notiz, die immer noch Spielraum zum Spekulieren l\u00e4sst, oder eine knallige Szene am Schluss aufl\u00f6st, h\u00e4ngt von der Art der Geschichte und dem pers\u00f6nlichen Geschmack des Autors ab.<br \/>\nWenn alle Rahmenbedingungen stimmen, k\u00f6nnen auch Mischungen aus purer Information (fiktive E-Mails, Zeitungsausschnitte, Vernehmungsprotokolle usw.) und erz\u00e4hlter Handlung effektvoll sein. Einige der ber\u00fchmtesten amerikanischen Autoren von True Crimes bedienen sich sehr erfolgreich dieses Musters. Ihr k\u00f6nnt mir glauben, dass das Gutachten eines Psychiaters oder ein Vernehmungsprotokoll unter Umst\u00e4nden viel gruseliger als eine noch so kunstvoll konzipierte Szene wirken kann. Gut recherchierte fiktive Dokumente k\u00f6nnen auch eine fantastische Geschichte enorm aufwerten. Mir f\u00e4llt gerade kein Beispiel ein aber probiert hat das sicher schon jemand. Die M\u00f6glichkeiten sind viel zu verlockend.<\/p>\n<p><strong>6. Typische Macken von Echtzeitformaten<\/strong><\/p>\n<p>Echtzeitformate sind momentan recht erfolgreich &#8230;&nbsp; man denke nur an die amerikanische Actionserie 24 &#8230;&nbsp; und das scheint all meine sch\u00f6nen Theorien zu widerlegen. Das Echtzeitprinzip wird als bahnbrechende Neuerung gepriesen. Vierundzwanzig Stunden auf dem Bildschirm entsprechen genau der gleichen Zeitspanne in einer fiktiven Realit\u00e4t. Nein, es gibt angeblich keine Schnitte und k\u00fcnstlerischen M\u00e4tzchen mehr &#8230; basta!<br \/>\nAls wenn der bewusste Verzicht auf Gestaltung eine Errungenschaft sein k\u00f6nnte! Solche Spielereien tauchen ab und zu wie Schachtelteufel auf, verursachen eine Weile t\u00fcchtig L\u00e4rm und werden genauso schnell wieder verworfen. \u201eBlair Witch Project\u201c hat beim ersten Film recht gut funktioniert, danach war das Konzept nicht mehr neu, das Staunen des Publikums verfl\u00fcchtigte sich und die Macken des Formats lagen offen zutage.<br \/>\nBei der ersten Staffel von 24 hatte ich tats\u00e4chlich den Eindruck von Echtzeit. Es gab beinahe schmerzhaft spannende Folgen und solche, in denen fast nichts passierte &#8230; jedenfalls nichts, was die Geschichte sonderlich vorangebracht h\u00e4tte. Da war tats\u00e4chlich ein Hauch von jenem Pappnashorn zu sp\u00fcren, in dem sich die Biologen versteckt halten und darauf lauern, dass sich drau\u00dfen in der Savanne was tut. Ja, die verdammten Biester grasen und misten die meiste Zeit gem\u00fctlich vor sich hin und nur selten schleicht sich ein L\u00f6we an oder zwei Bullen streiten sich um die Weibchen. Der Nachteil der Staffel war, dass die \u201eGrasen- und Mistenfolgen\u201c so langweilig waren, dass vermutlich etliche Zuschauer frustriert aufgegeben haben.<br \/>\nNur so kann ich mir diese Kehrtwendung erkl\u00e4ren: Inzwischen haben wir die vierte Staffel der Serie und die Macher haben daf\u00fcr gesorgt, dass jede Folge mit Action satt voll gepackt ist. Ja sicher, das ist immer noch sehr spannend aber es f\u00fchlt sich nicht mehr wie Echtzeit an. Der pseudodokumentarische Charakter wurde erfolgreich &#8230;&nbsp; wenn auch vermutlich unabsichtlich &#8230;&nbsp; vollst\u00e4ndig eliminiert. 24 ist zu einer Mogelpackung verkommen, bei der eine Katastrophe hektisch die n\u00e4chste jagt &#8230; was v\u00f6llig unwahrscheinlich wirkt.<br \/>\nEin realistischer Nebeneffekt dieser v\u00f6llig unrealistischen Wuselei ist, dass die Charaktere immer mehr abstumpfen. Es ist schon klar: Wer jede zweite Folge jemanden foltern muss, um ihm hoch wichtige Informationen zu entrei\u00dfen, macht sich irgendwann nichts mehr draus. In der vierten Staffel muss sogar jeder Mitarbeiter der Antiterroreinheit CTU damit rechnen, beim leisesten Verdacht auf Verrat routinem\u00e4\u00dfig von den eigenen Kollegen gequ\u00e4lt zu werden. Ich frage mich, wer unter solchen Umst\u00e4nden arbeiten m\u00f6chte &#8230;<br \/>\nNein, das Echtzeitformat ist genauso gescheitert, wie die wackelnde Handkamera und die fehlende Regie beim \u201eBlair Witch Project\u201c . Unsere Vorfahren haben solche &#8230;&nbsp; in unserem Fall k\u00fcnstliche &#8230;&nbsp; Konzeptionslosigkeit schon vor vielen Jahrhunderten \u00fcberwunden. Man kann Szenen eben doch nicht wahllos aneinander reihen.<br \/>\nNein, der richtige Moment ist eine unverzichtbare Errungenschaft &#8230; es kommt tats\u00e4chlich auf die Sekunde an &#8230; auf das richtige Wort, eine wichtige Ber\u00fchrung, den entscheidenden Moment des Kampfes &#8230; und auf Augenblicke der Einsicht, des Triumphes, der Reue und Wandlung. Auf alle Arten von Wegkreuzungen, H\u00f6hepunkten und Niederlagen &#8230;<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr einen Autor kommt es zweifach auf den richtigen Augenblick an. Zeitfenster der Klarheit bez\u00fcglich einer Geschichte und ihrer Charaktere m\u00fcssen so schnell wie m\u00f6glich umgesetzt werden. Andererseits ist es wichtig, die Szenen klug auszuw\u00e4hlen, effektvoll zu kombinieren und pr\u00e4zise zuzuschneiden. So genannte Echtzeitformate haben ihre Macken und k\u00f6nnen letztendlich eine sorgf\u00e4ltige Komposition nicht ersetzen.<\/p>\n<p>\u00a9 2006 by Anneliese Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Warum fesseln uns manche Geschichten und andere nicht? 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