{"id":218,"date":"2005-12-04T20:47:01","date_gmt":"2005-12-04T19:47:01","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=218"},"modified":"2025-05-13T19:21:25","modified_gmt":"2025-05-13T19:21:25","slug":"alles-nur-geklaut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=218","title":{"rendered":"Alles nur geklaut?"},"content":{"rendered":"<p>Ihr kennt das wahrscheinlich auch: Ihr seid von irgendeiner Geschichte, einem Film oder einem Bild restlos begeistert und euer Gespr\u00e4chspartner r\u00fcmpft nur abf\u00e4llig die Nase. \u201eDas ist doch ein uralter Hut &#8211; vermodert und halb zerfallen! Dreieckskonflikt! Mann! Und dieses banale Bildchen erst.Das k\u00f6nnte glatt von XY sein &#8211; glaub mir, das ist alles nur geklaut.\u201c<br \/>\nTja, ihr kennt den XY nicht und k\u00f6nnt folglich nicht selbst vergleichen- und ihr sch\u00e4mt euch deswegen. Langsam beschleicht euch das ungute Gef\u00fchl, dass es da drau\u00dfen gar keine neuen Geschichten mehr gibt, nur immer wieder aufs neue aufgew\u00e4rmte uralte Schlurren.<\/p>\n<p><!--more-->\u201eWozu schreibe ich \u00fcberhaupt?\u201c fragt ihr euch frustriert, w\u00e4hrend ein \u00fcberw\u00e4ltigender Schmerz die fragile Welt in eurem Inneren abrupt zerbr\u00f6seln l\u00e4sst. \u201eWenn alles schon einmal da gewesen ist &#8211; schade um die ganze verfluchte Schufterei, die schlaflosen N\u00e4chte und die ewigen Dispute mit den selbstherrlichen Figuren in meinem Kopf. Sollen doch andere das Fahrrad zum tausendsten Mal erfinden! Ich schmei\u00df den ganzen Krempel hin!\u201c<br \/>\nAndere Zeitgenossen haben sich diese Argumente l\u00e4ngst zu Eigen gemacht und geraten in Goldgr\u00e4berstimmung. \u201eWenn sich sowieso alle gegenseitig beklauen darf ich das schon lange. Dann gibt es gar kein geistiges Eigentum sondern nur Bausteine und Fetzen, die in einer frei zug\u00e4nglichen Suppe schwimmen. Ich fische mir jetzt ein paar sch\u00f6ne fette Brocken heraus und zaubere daraus ein leckeres Pfannengericht. Der dumme Durchschnittsleser wird es schon fressen. Ich pfeife auf so genannte Urheberrechte, die sind doch das Papier nicht wert, auf dem das Copyright gedruckt ist.\u201c<br \/>\nWer hat nun recht? Der Kulturpessimist, f\u00fcr den alles schon zigmal da war, der dreiste R\u00e4uber &#8211; oder stimmt das alles nicht und es gibt da drau\u00dfen immer noch genug Stoff f\u00fcr hunderte von K\u00fcnstlergenerationen? Lebendige Kunst bis ans hoffentlich ferne Ende der Menschheit?<br \/>\nWie so oft kann auch diese Frage nicht pauschal beantwortet werden und wenn man das Problem zergliedert, ist leider stellenweise nur ein \u201eJein\u201c m\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>1. Grundkonflikte<\/strong><\/p>\n<p>Menschen &#8230;&nbsp; und vermutlich auch Au\u00dferirdische oder Fabelwesen &#8230;&nbsp; schlagen sich mit bestimmten Grundkonflikten herum, die aus den Besonderheitenihrer physischen und geistigen Existenz resultieren. Um manche H\u00fcrden kommt eben kein intelligentes lebendes Wesen herum.<br \/>\nEs gibt uralte und vermutlich beinahe fl\u00e4chendeckende Probleme: Zum Beispiel das beunruhigende Wissen um die eigene Endlichkeit, der leidenschaftliche Wunsch nach Befriedigung der biologischen Triebe &#8211; den Kampf um Fortpflanzungschancen, Nahrung, Wasser oder einen akzeptablen Rangordnungsplatz. Andere Konflikte sind typisch f\u00fcr bestimmte Altersgruppen, Berufe, Geschlechter und, und &#8211; und \u2026<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich haben all diese Grundkonflikte bereits Eingang in Literatur, Theater und Film der Erde gefunden &#8211; und so gibt es jede Menge Dreiecksgeschichten, Romeo und Julia-Trag\u00f6dien, Rangordnungsk\u00e4mpfe zwischen V\u00e4tern und S\u00f6hnen, Machtk\u00e4mpfe zwischen F\u00fcrstenh\u00e4usern, tragische Geschichten von verratener Freundschaft, verlorenen Schlachten und unerf\u00fcllter Liebe.<br \/>\nSoll man nun \u00fcber diese Themen \u00fcberhaupt nicht mehr schreiben, obwohl die Menschheit solche Probleme vermutlich niemals wirklich \u00fcberwinden wird? Obwohl das mit der Eitelkeit, der Eifersucht und den Qualen des Erwachsenwerdens nie vorbei sein wird? Sollen wir den Wunsch der Leser nach lebensnahen Geschichten ignorieren, sie an die alten Meister verweisen und nur noch nagelneue Stories \u00fcber bisher g\u00e4nzlich unbekannte Konflikte schreiben? Sollen wir gar krampfhaft neue Schwierigkeiten ersinnen, nur weil die alten so hoffnungslos abgegrast sind?<br \/>\nNat\u00fcrlich kann man so etwas versuchen. Ich f\u00fcrchte jedoch, dass sich die meisten Innovationen bei n\u00e4herer Betrachtung auf den alten Neandertalerkram zur\u00fcckf\u00fchren lassen, der nur statt in Felle in Plastik und Kraftfelder gewickelt ist. Und wenn es ausnahmsweise wirklich gelingt, etwas nie da Gewesene zu erschaffen, k\u00f6nnte es so abgehoben und weltfremd sein, dass es niemanden au\u00dfer dem ehrgeizigen Autor interessiert. Was soll der ganz normale Leser mit extrem verzwickten Neurosen anfangen &#8211; oder mit synthetischen Perversit\u00e4ten, die in keine psychologische Theorie passen &#8211; oder Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen, die ohne R\u00fccksicht auf die Realit\u00e4t am Rei\u00dfbrett erschaffen wurden? Lebt so etwas \u00fcberhaupt?<br \/>\nDer Wunsch nach Originalit\u00e4t treibt zuweilen skurrile Bl\u00fcten. Ich las einmal eine SF-Geschichte von einem sehr angesehenen Autor, bei der es um Wesen mit drei Geschlechtern ging, die als Kinder getrennt lebten und nichts \u00fcber ihre Bestimmung wussten, irgendwann die Erlaubnis zur Vereinigung erhielten und dann aus drei Personen ein v\u00f6llig neues Wesen bildeten. Ja, das klingt interessant und das war es sogar bis zu einem gewissen Grade \u00e2\u20ac\u00a6aber glaubt mir, die Kalamit\u00e4ten dieser seltsamen Gesch\u00f6pfe waren f\u00fcr einen schlichten humanoiden Leser wie mich nicht nachvollziehbar &#8211; und einiges deutet darauf hin, dass es dem armen Autor nicht viel besser ging. Das ganze merkw\u00fcrdige Dasein dieser ziemlich abstrakten Wesen, ihr Wachsen, Gr\u00fcbeln und auch die erl\u00f6sende Verschmelzung lie\u00dfen mich aufemotionaler Ebene v\u00f6llig kalt! Ich kann nicht einmal sagen, ob die Geschichte zu verr\u00fcckt oder nicht verr\u00fcckt genug war &#8211; es war ein wirklich Respekt einfl\u00f6\u00dfender und geistreicher Versuch, der am Ende leider nichts gebracht hat.<br \/>\nMir ist klar, wie schwierig es f\u00fcr einen menschlichen Autor sein kann, die Konflikte von Kristallwesen, Staaten bildenden Polypen oder intelligenten Bakterienkolonien nachzuvollziehen. Adriana hat es einmal ganz erfolgreich mit Insekten versucht, aber zum Gl\u00fcck kannten sie wenigstens M\u00e4nnlein und Weiblein! Und hatten menschen\u00e4hnliche Familienstrukturen. Durch diese Analogien lebten die Figuren und wer wei\u00df, wenn sie noch fremdartigergewesen w\u00e4ren &#8211; es geh\u00f6rt wahrscheinlich mehr als Fantasie und Talent dazu, es dann noch halbwegs plausibel hinzukriegen.<br \/>\nVielleicht werden wir Menschen irgendwann zwischen den Sternen reisen und tats\u00e4chlich extrem fremdartigen intelligenten Lebewesen begegnen. Dann k\u00f6nnen wir eventuell unseren Horizont ein wenig erweitern &#8211; falls wir diese Gesch\u00f6pfe \u00fcberhaupt bemerken und verstehen werden. Aber die haben sicher genug eigene Dichter und warten nicht gerade auf Literaten von der Erde, die ihnen ihre eigene Existenz erkl\u00e4ren! Vielleicht sollten wir doch besser bei unseren eigenen Grundkonflikten bleiben.<\/p>\n<p><strong>2. Monster und Maschinen<\/strong><\/p>\n<p>Gegenwartsliteratur bedient sich der vorhandenen Umwelt und bei historischen B\u00fcchern muss man akribisch darauf achten, nicht in Konflikt mit den bekannten Fakten zu geraten. Ist nun die SF das Reich der absoluten Freiheit, wo der Autor endlich einmal hemmungslos auf die Kacke hauen darf? Wohl eher nicht.<br \/>\nSF sollte sich n\u00e4mlich nicht zu weit von der Wissenschaft entfernen, sonst verliert sie ihren Anspruch auf Seriosit\u00e4t. Ein Raumschiffcaptain darf per Definition nicht zaubern und selbst ein Technomagier muss wenigstens andeutungsweise erkl\u00e4ren k\u00f6nnen, wie seine Tricks funktionieren. Geht man vom aktuellen Stand der Wissenschaft aus, gibt es f\u00fcr bestimmte Probleme nur eine begrenzte Anzahl denkbarer L\u00f6sungen &#8211; und die werden dann mit Sicherheit von mehr als einem Autor genutzt. Niemand kann Wurml\u00f6cher, Energiewaffen oder bestimmte Quanteneffekte f\u00fcr sich pachten &#8211; allenfalls die umgangssprachlichen Bezeichnungen daf\u00fcr. Es ist wie ein Sechser im Lotto, auf eine bisher nicht genutzte Technik zu sto\u00dfen und es l\u00e4sst sich kaum verhindern, dass die Idee ganz schnell von anderen kopiert wird. Ganz abgesehen davon, dass es unm\u00f6glich ist, alle relevanten Ver\u00f6ffentlichungen zu kennen und wom\u00f6glich ein anderer vorher auf die gleiche Idee gekommen ist \u00e2\u20ac\u00a6manche SF-Ideen liegen einfach in der Luft.<br \/>\nUnd die biologischen Grundmuster? Meine Heylaner haben &#8230;&nbsp; wie die Vulkanier&#8230;&nbsp; gr\u00fcnes Blut. Aber bevor jemand das f\u00fcr simplen Klau erkl\u00e4rt: Der Sauerstoff muss ja im Blut irgendwie transportiert werden und es sind nicht allzu viele stabile komplexe Molek\u00fcle bekannt, die sich daf\u00fcr eignen. H\u00e4moglobin ist m\u00f6glicherweise die beste L\u00f6sung und falls man das Eisen durch Kupfer ersetzt &#8211; ja, dann erh\u00e4lt man etwas, was beinahe genauso gut funktioniert und gr\u00fcn aussieht. Die Erfinder von Star Trek haben das recherchiert, bevor Mr. Spock \u00fcber den Bildschirm flimmern durfte. Gibt es ein Copyright auf bekannte biochemische Fakten?<br \/>\nNat\u00fcrlich k\u00f6nnte man auch einfach wild herumspinnen und Lebewesen mit blauem oder goldenem Blut herumrennen lassen &#8211; das mit exotischen mehr oder weniger sinnlosen Beimengungen erkl\u00e4ren &#8211; aber das w\u00e4re dann \u00fcberhaupt nicht wissenschaftlich untermauert &#8211; da k\u00f6nnte man gleich \u00fcber Zauberer, Drachen, Kobolde oder Einh\u00f6rner schreiben- eher Fantasy als SF.<br \/>\nDort sind die Freiheiten vermutlich etwas gr\u00f6\u00dfer &#8211; obwohl es da auch Grenzen geben mag, \u00fcberm\u00e4chtige Vorbilder, uralte Sagen undbestimmte Lesegewohnheiten aus denen sich Standards entwickelt haben. Aber dar\u00fcber wissen gestandene Fantasyautoren und -leser besser Bescheid als ich.<br \/>\nJeder Autor eines fantastischen Genres muss sein fragiles Schiff zwischen Scylla (der Verwendung allzu bekannter Motive) und Charybdis (konstruierter und oft unverst\u00e4ndlicher Fremdartigkeit) hindurchsteuern, um irgendwann die eigenenseligen Inseln zu erreichen. Und selbst da kann es ihm passieren, dass bereits fremde Siedler streitlustig ihre Sensen und \u00c4xte schwingen: \u201eHau ab! Dieses Land ist schon bewohnt!\u201c Dann pfeifen pl\u00f6tzlich Kugeln dicht an seinen Ohren vorbei und er kann nur frustriert weitersegeln.\u00a6<br \/>\nIch pers\u00f6nlich meine, dass man bei den technischen und biologischen Einzelheiten nicht zu kleinlich sein sollte. Bei einer Geschichte mit guten Konflikten und Charakteren ist das ohnehin nur Hintergrundwissen oder schm\u00fcckendes Beiwerk\u00e2\u20ac\u00a6<br \/>\nBei der Soziologie fremder Spezies muss man ein wenig genauer differenzieren. Auch hier stehen uns wegen unserer begrenzten menschlichen Sichtweise nur wenige funktionierende Grundmuster zur Verf\u00fcgung. Urgemeinschaft, Sklaverei, Feudalismus oder Kapitalismus &#8211; Theokratie, Diktatur oder Demokratie &#8211; das gnadenlose Primat von Logik, Gef\u00fchl oder Spiritualit\u00e4t &#8211; die Liebe zum Leben oder die Begeisterung f\u00fcr alles Tote: f\u00fcr Geschwindigkeit, Krieg, Zerst\u00f6rung und die allm\u00e4chtige gef\u00fchllose Maschinerie.<br \/>\nDer Autor entscheidet sich zumeist f\u00fcr eine der vielen sozialwissenschaftlichen oder psychologischen Theorien. Dennoch muss er die Einzelheiten seiner fiktiven Welten selbst auf mehr oder weniger schmerzhafte Weise geb\u00e4ren und die sollten schon sein geistiges Eigentum bleiben und ohne sein Einverst\u00e4ndnis nicht von anderen benutzt werden. Ich denke da unter anderem an Besonderheiten der gesellschaftlichen Ordnung, fremdartige Gesetze, spezielle Br\u00e4uche und Rituale, Dichter, Schurken, Helden und heilige B\u00fccher.<br \/>\n\u00dcbrigens ist ein Autor, der sich bedenkenlos an den Werken seiner Kollegen bedient, eigentlich gar keiner, denn er beweist damit nur seine geistige Impotenz. Er ist h\u00e4ufig eine ganz arme Sau mit einer dicken Profilneurose, die besser die Hufe von der Tastatur lassen und stattdessen Kohlk\u00f6pfe mampfen sollte. Andererseits ist es kaum m\u00f6glich, Einfl\u00fcsse von au\u00dfen v\u00f6llig zu vermeiden, denn letztendlich wird unsere eigene Pers\u00f6nlichkeit in hohem Ma\u00dfe von unserer Lekt\u00fcre &#8230;&nbsp; und anderen K\u00fcnsten &#8230;&nbsp; geformt.<br \/>\nIch bin jungen Autoren begegnet, die prinzipiell nur ihre eigenen Geschichtenlasen um sich ja nicht beeinflussen zu lassen. Aber die waren leider auch danach- keiner dieser M\u00f6chtegernerneuerer hat es auch nur bis zum bescheidenen regionalen Dichterf\u00fcrsten gebracht \u00e2\u20ac\u00a6<\/p>\n<p><strong>3. Versehentliche Anleihen<\/strong><\/p>\n<p>Wie bereits oben angedeutet, liegen manche Themen in der Luft. Die gesellschaftliche Realit\u00e4t r\u00fcckt bestimmte Fragen in den Mittelpunkt &#8211; Hartz IV hat sicherlich viele Menschen dazu veranlasst, gr\u00fcndlicher \u00fcber die Sklaverei nachzudenken &#8211; und Autoren reagieren oft sehr sensibel auf solche Schwingungen im Bewusstsein ihres Volkes. In der SF gab es ganze Wellen von Technikeuphorie, kommunistischen Paradiesen, \u00f6kologischen Katastrophen, Supernovae, Atomkriegshorror, Asteroideneinschl\u00e4gen &#8211; um nur einige Beispiele zu nennen. Ich glaube nicht, dass all diese Autoren vors\u00e4tzlich voneinander abgeschrieben haben- nein, jeder hat mit heiligem Ernst nach Antworten auf die dringendsten Probleme der Gegenwart gesucht. Dass dabei ganze Rudel \u00e4hnlicher B\u00fccher entstanden sind, war nur ein bedauerlicher Nebeneffekt. Niemand muss sich sp\u00e4ter sch\u00e4men, weil er irgendwann all sein Talent, seine Fantasie und seine Leidenschaftan einer gef\u00e4hrdeten geistigen Frontlinie ins Gefecht gef\u00fchrt hat- ganz im Gegenteil.<br \/>\nJa, bestimmte Genres haben besonders feine Sensoren f\u00fcr die Probleme der Menschheit und die Politiker t\u00e4ten gut daran, mehr SF zu lesen!<br \/>\nIm Nachhinein ist es schwierig zu sagen, wer welchen L\u00f6sungsvorschlag zuerst aufgegriffen, wer ihn parallel erfunden, und wer ihn schlicht gestohlen hat.Ich bin fest davon \u00fcberzeugt, dass viele Parallelen zwischen verschiedenen Autoren ungewollt entstehen. Insofern \u00e4rgern mich leichtfertige Beschuldigungen jedes Mal sehr &#8211; auch dann, wenn sie mich nicht pers\u00f6nlich betreffen. F\u00fchlen diese Scharfrichter denn nicht das geistige Klima? Wissen sie nicht,wie \u00e4hnlich Menschen denken, f\u00fchlen und tr\u00e4umen k\u00f6nnen, wenn sie den gleichen Einfl\u00fcssen von Wissenschaft, Technik, Kultur, Politikund Wirtschaft unterliegen? Marx sagte, dass das Sein das Bewusstsein bestimmt und auch wenn man das nicht trivial als eindimensionales Gesetz sehen darf, wird niemand bestreiten, dass diese These einen bestimmten Wahrheitsgehalt hat.<br \/>\nAm ehesten kann man es bei drastischen Ver\u00e4nderungen im Leben von Einzelpersonen oder V\u00f6lkern beobachten. Gesellschaftlicher Aufstieg oder Absturz, Hochzeit oder Scheidung, sichere Arbeit oder Schlange stehen in der Arbeitsagentur &#8211; pl\u00f6tzlich denken die Leute ganz anders als vorher. Daran k\u00f6nnen Freundschaftenund Familien zerbrechen, die Sitten verwahrlosen oder sogar B\u00fcrgerkriege aufflammen.<br \/>\nEs gibt noch etwas, was &#8230;&nbsp; zumindest bei mir &#8230;&nbsp; die aktive Suche nach Ideen im anderen B\u00fcchern weitgehend unterbindet: Wenn ich gerade mitten in einer Geschichte stecke, lese ich kaum mehr als die Tageszeitung. Ich bin viel zu besch\u00e4ftigt, um mich der Gedankenwelt anderer zuwenden zu k\u00f6nnen. Eifrige Bildungsb\u00fcrger finden dann den Umgang mit mir ziemlich frustrierend, weil ich all die brandneuen Highlights noch nicht kenne und auch nicht bereit bin, sie mir auf der Stelle zu kaufen oder zu borgen und meine heilige Lesepflicht zu tun. Sie verstehen es nicht: Es gibt eben Zeiten der Nahrungsaufnahme, Zeiten der Verdauung und &#8211; na ja, der Vergleich hinkt wohl doch ein wenig. Tut mir Leid.<br \/>\nManchmal schlummern vage Erinnerungen an ein Buch oder einen Film irgendwo im Unterbewusstsein. Sie steigen im geeigneten Augenblick empor und der Autor h\u00e4lt sie irrt\u00fcmlich f\u00fcr einen eigenen Einfall. Das ist tragisch, denn so ein unabsichtlicher Diebstahl kann auch dem gewissenhaftesten Menschen passieren. Schlie\u00dflich ist es nicht zumutbar, vor jeder Szene den B\u00fccherschrank oder die DVD Sammlung umzugraben und nachzupr\u00fcfen, ob etwas wirklich neu ist. Da w\u00e4re die Inspiration ganz schnell im Eimer &#8211; und hinterherl\u00e4sst sich vieles nicht mehr \u00e4ndern, ohne die Geschichte und ihre Figuren zu besch\u00e4digen.<\/p>\n<p><strong>4. Dreister Diebstahl<\/strong><\/p>\n<p>Dreister Diebstahl ist bei echten Literaten verp\u00f6nt. Schlie\u00dflich beweist man damit schwarz auf wei\u00df, dass man es nicht mehr oder noch nicht drauf hat. Nur extrem schamlose Autoren klauen heute noch so, dass es offensichtlich ist. Manche Fanzineschreiber &#8230;&nbsp; die sowieso in geborgten Welten leben &#8230;&nbsp; legen wenig Wert auf geistiges Eigentum und so werden in der Szene ganze Passagen kopiert und in die eigene Geschichte eingebaut. Wenn alle sich so verhalten, ist nichts dagegen einzuwenden. Allerdings ist es um manche Autoren schade, weil sie mehr k\u00f6nnten, als in der Herde mitlaufen und sich gegenseitig die saftigsten Grasb\u00fcschel vor der Nase wegfressen.<br \/>\nWarum es trotzdem renommierte Autoren gibt, die gern fremde Literatur adaptieren ,ist mir ein R\u00e4tsel. Vielleicht steckt dahinter ein gewisses Allmachtsgef\u00fchl &#8211; geistiger Kolonialismus gegen\u00fcber fremden Kulturnationen, der Gedanke, absoluter Herrscher im Reich der Worte zu sein &#8211; die Vorstellung, dass das Werk anderer Dichter in jedem Fall verbesserungsw\u00fcrdig ist und alles, was die Hand des Meisters auch nur fl\u00fcchtig ber\u00fchrt hat, selbstverst\u00e4ndlich zum ureigenen Werk des Meisters mutiert.<br \/>\nDabei ist es nicht allein der letzte Schliff, der den Wert eines Gedichts oder einer Geschichte ausmacht. Ich w\u00fcrde Goethe mehr sch\u00e4tzen, wenn er die Finger vom Heider\u00f6slein gelassen h\u00e4tte! Seine Korrekturen an dem alten Volkslied waren ziemlich belanglos &#8211; ein ausgetauschtes Wort hier, eine leichte Verbesserung des Rhythmus dort. Verdammt, das hatte er doch garnicht n\u00f6tig oder? Nein, ich verstehe es nicht \u00e2\u20ac\u00a6<\/p>\n<p><strong>5. Schamlose Ausbeutung<\/strong><\/p>\n<p>Ihr denkt, das gibt es nicht mehr? Dass die Zeiten vorbei sind, wo die Gedanken und Ideen einer Frau ebenso Eigentum ihres Partners sind, wie ihr K\u00f6rper? Immerhin sind Frauen inzwischen im Literaturbetrieb fest etabliert.<br \/>\nTats\u00e4chlich k\u00f6nnen Freundschaft und Liebe sich auch heute noch als \u00fcble Fallen f\u00fcr kreative Menschen erweisen. Vermutlich ist das ausbeuterische Verhalten inzwischen nicht mehr so geschlechtsspezifisch wie fr\u00fcher &#8211; aber es gibt immer noch ehrgeizige Mitmenschen, die eine Beziehung zu einem K\u00fcnstler oder einer K\u00fcnstlerin als m\u00f6glichen Weg zum eigenen Erfolg sehen &#8211; nat\u00fcrlich nur, wenn derjenige noch weitgehend unbekannt ist. Da ich selbst schon Erfahrungen mit einem ausbeuterischen Partner gemacht habe, kenne ich einige der \u00fcblichen Dialoge:<br \/>\n\u201eIch verstehe nicht, was du gegen mein neues Gedicht hast! Ich habe doch darunter geschrieben, dass es nach einem Einfall von A. ist!\u201c<br \/>\n\u201eSch\u00e4mst du dich denn gar nicht, einem zehnj\u00e4hrigen Kind die poetische Idee zu stehlen?\u201c<br \/>\n\u201eWieso? Ich habe es doch drunter geschrieben &#8211; wie schon gesagt- und ich fand es halt ein bisschen holperig &#8230;&#8220;<br \/>\n\u201eDas gibt dir immer noch nicht das Recht, ungefragt daran herumzufummeln!&#8220;<br \/>\n\u201eIch kann aber nicht anders!\u201c<br \/>\n\u201eGrrrr!\u201c<br \/>\nOder: \u201eLass uns doch zusammenarbeiten! Du lieferst einige Ideen und ich erledige das mit dem Feinschliff. Schlie\u00dflich kenne ich mich mit Prosa besser aus.\u201c<br \/>\n\u201eUnd tust hinterher so, als h\u00e4ttest du die Hauptarbeit erledigt. Nein danke!\u201c<br \/>\n\u201eWir k\u00f6nnten auch einen Gedichtband zusammen schreiben. Dann steht dr\u00fcber, was von dir ist &#8211; wo du doch so viel Wert darauf legst &#8211; aber das erste Gedicht auf dem Klappentext sollte von mir sein. Ich denke da an!\u201c<br \/>\n\u201eDann will ich aber das letzte Wort haben!\u201c<br \/>\n\u201eDu bist ja ganz sch\u00f6n pingelig!\u201c<br \/>\n\u201eGrrrr!\u201c<br \/>\nEin anderer Streit: \u201eIch verstehe nicht, warum du nicht mit mir zusammenarbeitenwillst. Die Strugatzkis und die Steinm\u00fcllers sind damit ganz erfolgreich- ganz zu schweigen von diesen Schweden mit ihren tollen Krimis &#8230; Sj\u00f6wall und &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eIch lass mir aber nicht gern reinreden.\u201c<br \/>\n\u201eTrotzdem &#8211; wir k\u00f6nnten ein gro\u00dfartiges Team sein! Was meinst du, warum ich dich genommen habe!\u201c<br \/>\n\u201eAch so! Das war also alles nur Berechnung? Vergiss es! Niemals!\u201c<br \/>\n\u201eDann bist du aber nicht mehr meine Bezugsperson! Es ist ganz allein deine Schuld, wenn ich jetzt wieder an B. denken muss! Siehst du, was du angerichtet hast?\u201c (Heftiges Augenrollen)<br \/>\n\u201eGrrrr!\u201c<br \/>\nIch kann nur jedem unbekannten Autor raten, sich vor Schmarotzern in acht zunehmen! Entgegen allen Beteuerungen haben solche Symbiosen sehr wenig mit Liebe oder Freundschaft zu tun. Wehret den Anf\u00e4ngen &#8211; und sucht euch Partner ,denen etwas daran liegt, dass ihr nach euren eigenen Gesetzen wachsen und m\u00f6glicherweise bekannt werden k\u00f6nnt! In einer guten Beziehung vergreift sich keiner am geistigen Eigentum des anderen!<\/p>\n<p>6. Vom Nutzen eines Komposthaufens<\/p>\n<p>\u201eAlso, bis jetzt fand ich die ganze Diskussion nicht besonders hilfreich! Ich wei\u00df immer noch nicht, welche Geschichten ich schreiben soll und wie ich jede Art Klau vermeiden kann.\u201c<br \/>\n\u201eAlso erst einmal die schlechte Nachricht: Du kannst dich zwar um moralisch einwandfreies Verhalten bem\u00fchen und absichtlichen geistigen Diebstahl unterlassen- aber gegen die unabsichtliche Verwendung von so genannten Lesefr\u00fcchten gibt es leider keinen sicheren Schutz &#8211; es sei denn, du schaffst dir daf\u00fcr einen Sklaven an, der das f\u00fcr dich \u00fcberwacht, was auch nicht besonders ethisch w\u00e4re.\u201c<br \/>\n\u201eUnd die gute Nachricht?\u201c<br \/>\n\u201eDu musst alles, was du liest und erlebst verarbeiten &#8211; wie ein Regenwurm, der welke Bl\u00e4tter frisst und gute Komposterde ausscheidet. Dann wird es ein Teil von dir selbst.\u201c<br \/>\n\u201eDas klingt kompliziert!\u201c<br \/>\n\u201eIst es auch. Deshalb m\u00fcssen Prosaautoren zumeist ein wenig l\u00e4nger als Lyriker reifen. Sie m\u00fcssen beobachten, lernen, nachdenken, erleben, tr\u00e4umen und leiden &#8211; bis genug Humus vorhanden ist, auf dem dann die ersten eigenen Gew\u00e4chse gedeihen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eK\u00f6nnen die nicht trotzdem irgendwie \u00e4hnlich &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eNein, jeder Mensch ist einzigartig. Je pers\u00f6nlicher deine Geschichte ist, um so weniger besteht die Gefahr, dass sie der eines anderen gleicht.\u201c<br \/>\n\u201eAlso muss ich jetzt meine ganzen K\u00fcchenabf\u00e4lle &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eGenau! Alles, was irgendwie nahrhaft sein k\u00f6nnte, geh\u00f6rt auf deinen geistigen Komposthaufen. Und bitte nicht ekeln! Auch schlimme Erfahrungen k\u00f6nnen von Nutzen sein.\u201c<br \/>\n\u201eUnd du meinst, meine Beobachtungen interessieren die Leute?\u201c<br \/>\n\u201eWenn du ehrlich bist, flei\u00dfig sammelst und das Richtige anpflanzt &#8230;&#8220;<br \/>\n\u201eHmmm!&#8220;<br \/>\nAlso ich habe ein ziemlich miserables Ged\u00e4chtnis und konnte mir in derSchule niemals Formeln, Geschichtszahlen oder Zitate korrekt merken. Ich musste es irgendwie verstehen, um es bei Bedarf neu erfinden zu k\u00f6nnen &#8211; und wo das wegen mangelnder Logik nicht m\u00f6glich war, fantasievolle Eselsbr\u00fccken bauen. Ganz offensichtlich war ich nicht nur eine flei\u00dfige Sammlerin sondern auch ein guter Regenwurm &#8211; es lebe die Verdauung!<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>Manche Geschichten handeln von Grundkonflikten intelligenter Lebewesen und werden deshalb von vielen Autoren aufgegriffen. Es ist keine Schande, dazu eine ganz pers\u00f6nliche Variante zu erfinden.<br \/>\nAuf wissenschaftliche Erkenntnisse und Theorien kann kein SF-Autor ein Copyright beanspruchen. Es ist ganz nat\u00fcrlich, dass die aktuellen technischen Visionen in vielen Geschichten unterschiedlicher Autoren auftauchen.<br \/>\nVersehentliche Anleihen sind eher Unf\u00e4lle als Verbrechen. Man sollte sie verzeihen &#8211; oder sich freuen, weil man mit seiner eigenen Arbeit so tiefe Spuren in einem anderen Menschen hinterlassen hat.<br \/>\nDreisten Dieben und schamlosen Ausbeutern sollte man aus dem Weg gehen &#8211; oder, wenn das nicht geht, ihnen genau auf die Finger sehen und notfalls auch hauen.<\/p>\n<p>\u00a9 2005 by Anneliese Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihr kennt das wahrscheinlich auch: Ihr seid von irgendeiner Geschichte, einem Film oder einem Bild restlos begeistert und euer Gespr\u00e4chspartner r\u00fcmpft nur abf\u00e4llig die Nase. \u201eDas ist doch ein uralter Hut &#8211; vermodert und halb zerfallen! Dreieckskonflikt! Mann! Und dieses banale Bildchen erst.Das k\u00f6nnte glatt von XY sein &#8211; glaub mir, das ist alles nur geklaut.\u201c Tja, ihr kennt den XY nicht und k\u00f6nnt folglich nicht selbst vergleichen- und ihr sch\u00e4mt euch deswegen. Langsam beschleicht euch das ungute Gef\u00fchl, dass es da drau\u00dfen gar keine neuen Geschichten mehr gibt, nur immer wieder aufs neue aufgew\u00e4rmte uralte Schlurren.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ca_portfolio_gallery_project_year":"","ca_portfolio_gallery_client":"","ca_portfolio_gallery_skills":"","ca_portfolio_gallery_url":"","ngg_post_thumbnail":0},"categories":[77],"tags":[99,111,113],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/218"}],"collection":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=218"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/218\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3858,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/218\/revisions\/3858"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=218"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=218"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=218"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}