{"id":216,"date":"2005-12-05T20:44:59","date_gmt":"2005-12-05T19:44:59","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=216"},"modified":"2025-05-13T19:20:59","modified_gmt":"2025-05-13T19:20:59","slug":"fremde-an-bord","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=216","title":{"rendered":"Fremde an Bord"},"content":{"rendered":"<p><em>Es gibt verschieden Gr\u00fcnde, aus denen fremde Charaktere in deine Geschichte geraten k\u00f6nnen. Vielleicht schreibst du ja einen historischen Roman, die Lebensgeschichte einer ber\u00fchmten Pers\u00f6nlichkeit, eine Geschichte zu einer Fernsehserie &#8230; oder du versuchst, aus einem Rollenspiel, an dem urspr\u00fcnglich viele verschiedene Leute mitgearbeitet haben, einen Roman zu basteln. Auf jeden Fall hast du es mit Charakteren zu tun, die du nicht besonders gut kennst, die erst einmal nicht Geist von deinem Geist sind. Damit sie in deiner Geschichte funktionieren, musst du dir etwas einfallen lassen. Nach meinen Erfahrungen ist es am besten, erst einmal herauszufinden, zu welcher Kategorie diese Fremden geh\u00f6ren &#8230; und danach \u00fcber ihr Schicksal zu entscheiden.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>1. Die Handzahmen:<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt Figuren, die irgendwann auf der Matte stehen und darum bitten, hereingelassen zu werden. Sie sind wie Katzen, die zwar ein Zuhause haben, aber auch ihre Bratkartoffelverh\u00e4ltnisse lieben &#8230; die sich gern mehrere Optionen offen lassen, falls man sie zu Hause rausschmei\u00dft oder ihr Untertan sich einen Partner sucht, der nicht gerade auf destruktive Fressmonster steht. Manche sind auch massiv unzufrieden und suchen ganz gezielt ein Pl\u00e4tzchen, wo sie sich nach ihrem eigenen Gutd\u00fcnken breitmachen k\u00f6nnen. Die Handzahmen sind pragmatisch und freundlich. Wie zugelaufene Katzen passen sie sich auch als Erwachsene problemlos an ihren neuen Besitzer an.<br \/>\nMir ist nur einmal eine Figur zugelaufen: Tuvok, der mit seinem Image bei Voyager unzufrieden war und gern ein wenig mehr Tim Russ geglichen h\u00e4tte. Nun, ich konnte ihm bei der Erforschung seines Innenlebens helfen und ihn von seinen schlimmsten Neurosen befreien. Jetzt lebt er still und zufrieden irgendwo in meinem Heylauniversum und versteht sogar, dass ich ihn dort nicht mehr \u00f6ffentlich auftreten lassen kann, weil er zu sehr mit den Star Trek-Universum verbunden ist. Tuvok ist eben ein feiner Kerl!<\/p>\n<p><strong>2. Die Pappaufsteller<\/strong><\/p>\n<p>Manche Autoren benutzen Pappaufsteller als Nebenfiguren. Sie stehen irgendwie in der Gegend herum, man kennt ihre Gesichter und wei\u00df, was sie anhaben. Bei der R\u00fcckseite kann man nur vermuten, dass sie sich im Rohzustand befindet und eine Art Pappfu\u00df angeklebt ist, der f\u00fcr eine begrenzte Standfestigkeit sorgt. Ein Innenleben ist bei einer zweidimensionalen Figur nicht vorhanden. Pappaufsteller sind ebenfalls leicht zu okkupieren: Man erschafft einen eigenen interessanten Charakter, verpasst ihm das Gesicht und die Klamotten des Pappkameraden &#8230; und schon marschiert er willig los.<br \/>\nT\u2019Pel war so eine Pappfigur. Ich wusste von ihr nur, dass sie wild die Augen aufrei\u00dfen kann und Tuvok mit \u201eMein Ehemann\u201c anredet. Der wilde Blick und das b\u00fcrokratische Gefasel passten \u00fcberhaupt nicht zusammen. Auch T\u2019Pel darf jetzt als Kah\u2019Pel auf Heyla weiterleben. Da sie nicht so ber\u00fchmt wie ihr Ex ist &#8230;&nbsp; und die Frauennamen jetzt sowieso ganz anders klingen &#8230;&nbsp; muss sie sich nicht einmal verstecken. Gute Kah\u2019Pel! Sie hat mir mehrmals versichert, wie sehr sie es genie\u00dft, Turuska und dreidimensional zu sein.<\/p>\n<p><strong>3. Verwandte Seelen<\/strong><\/p>\n<p>Manche Fremden sind auf Anhieb sympathisch &#8230; fast, als w\u00fcrden sie schon immer zur Familie geh\u00f6ren. Im Gegensatz zu den Handzahmen ver\u00e4ndern sie sich jedoch in der neuen Umgebung auf subtile Weise. Es gibt keine zwei Autoren, die sich hundertprozentig gleichen &#8230; nicht einmal, wenn es eineiige Zwillinge sind. Der urspr\u00fcngliche Sch\u00f6pfer der Figur wird sein adoptiertes Kind zwar wiedererkennen, aber dennoch anfangs mehr oder weniger heftig protestieren: \u201eAlso meine Yanar ist aber nicht so aggressiv!&#8220; Dann musst du dich entweder mit dem anderen Autor auf einen Kompromiss einigen, auf deinem Standpunkt beharren &#8230; oder die Figur ist fremdartiger als du dachtest und du l\u00e4sst besser die Finger davon!<br \/>\nAuf keinen Fall darfst du bei jeder Szene dar\u00fcber nachgr\u00fcbeln, was der andere Autor jetzt schreiben wohl w\u00fcrde. Denn sonst wird der Charakter dir niemals wirklich geh\u00f6ren und vom lebenden Wesen zum Pappaufsteller mutieren.<br \/>\nFremde, die mit deiner Familie in Wirklichkeit nichts zu tun haben wollen, solltest du so bald wie m\u00f6glich ziehen lassen. Gut, du warst ein bisschen in sie verliebt, aber es l\u00e4sst sich halt leider nichts erzwingen &#8230;<\/p>\n<p><strong>4. Multiple Pers\u00f6nlichkeiten<\/strong><\/p>\n<p>Diese Spezies findet man vorrangig in Serien aller Art. Zeitdruck, mangelnde Kommunikation zwischen den Drehbuchautoren und schlampige Produzenten sorgen daf\u00fcr, dass die Figur eigentlich nur vom Schauspieler zusammengehalten wird &#8230; und wenn dieser eine Knetmasse ohne eigene Meinung ist, hast du in jeder Folge eine andere Pers\u00f6nlichkeit vor dir. Dann stimmen nur noch Name und Aussehen \u00fcberein. Ich habe das bei Pille &#8230;&nbsp; der eigentlich ein eher leichter Fall ist &#8230;&nbsp; einmal gr\u00fcndlich recherchiert: Es gibt nicht einmal ein einheitliches Vokabular!<br \/>\nEigentlich sollte man von multiplen Pers\u00f6nlichkeiten besser die Finger lassen. Wenn das leider nicht geht, gibt es zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder verf\u00e4hrt man mit ihnen wie mit Pappaufstellern &#8230;&nbsp; die Drehbuchautoren haben sie schlie\u00dflich auch nicht besser behandelt &#8230;&nbsp; oder man pickt sich eine Variante heraus und h\u00e4lt an ihr fest. Dann funktionieren sie wenigstens einigerma\u00dfen &#8230; mein Pille war am Ende auch ganz kooperativ.<br \/>\nDennoch ist es mir nie gelungen, ihn mir richtig anzueignen oder etwas Wichtiges \u00fcber ihn herauszufinden. Ich glaube nicht, dass ich mich noch einmal auf ihn einlassen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>5. Minimal Kompatible<\/strong><\/p>\n<p>Viele Fremde wirken auf uns unverst\u00e4ndlich, irritierend oder sogar unsympathisch. Man wird nicht richtig warm mit ihnen. Wenn sich doch so etwas wie eine Beziehung einstellt, ist sie meist sehr zerbrechlich &#8230; oder einfach nur eine Illusion. Glaub mir: Diese Figuren machen nichts als \u00c4rger und wenn du ihnen irgendwie aus dem Weg gehen kannst, dann tu das, ohne zu z\u00f6gern! Wei\u00df der Teufel, was der andere Autor an diesen abartigen Leuten gefressen hat! Du verstehst sie nicht wirklich, also weg mit ihnen!<br \/>\nSchlimm ist, wenn die minimal Kompatiblen auch noch multiple Pers\u00f6nlichkeiten sind! Ich sage nur: \u201eJaneway!&#8220; Was f\u00fcr eine krude Mischung aus angepasster Streberin, spie\u00dfiger Mittelstandsmieze, Dusseltier, begnadeter Forscherin und leichtsinnigem Haudegen! Ich vermute, dass Kate Mulgrew ein wenig zu f\u00fcgsam war, um aus dem Murks der Drehbuchautoren und Regisseure eine plausible Figur zu machen. Leider konnte ich Janeway nicht umgehen, weil Tuvok sie unbedingt dabei haben wollte &#8230;<br \/>\nWahrscheinlich ahnt kein Leser, mit welcher Intensit\u00e4t ich auf Janeway eingedroschen habe, wie uns\u00e4glich schwer es war, sie endlich doch zu unterwerfen. Ohne die Hilfe des Tok\u2019Ra Selmak w\u00e4re mir das nie gelungen!<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob ich mir so eine Knochenarbeit noch einmal aufladen m\u00f6chte. Ich rate zur Vorsicht im Umgang mit diesen Leuten!<\/p>\n<p><strong>6. Inkompatible<\/strong><\/p>\n<p>Wenn eine fremde (oder auch eigene) Person partout keinen Kontakt zu dir aufnehmen will, gibt es leider nur einen Ausweg: So schnell wie m\u00f6glich wegputzen! Ab in die n\u00e4chste Raumanomalie oder in ein sch\u00f6nes k\u00fchles Grab. Falls der Sch\u00f6pfer ein Freund von dir ist, kannst du dem st\u00f6rrischen Biest ja einen besonders glorreichen Heldentod g\u00f6nnen. Wichtig ist, dass du es los wirst, bevor es dir die ganze Geschichte versaut!<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>Schau dir genau an, wen du \u00fcber die Grenze l\u00e4sst. Assimilier die Fremden so schnell wie m\u00f6glich. Lass keine Ghettobildung zu und schieb alle ab, die deine Grundgesetze nicht respektieren &#8230; oder einfach nur langweilig oder unsympathisch sind. Es ist n\u00e4mlich jetzt deine Geschichte &#8230; dein Territorium, das du besch\u00fctzen musst.<\/p>\n<p>\u00a9 2005 by Anneliese Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt verschieden Gr\u00fcnde, aus denen fremde Charaktere in deine Geschichte geraten k\u00f6nnen. Vielleicht schreibst du ja einen historischen Roman, die Lebensgeschichte einer ber\u00fchmten Pers\u00f6nlichkeit, eine Geschichte zu einer Fernsehserie &#8230; oder du versuchst, aus einem Rollenspiel, an dem urspr\u00fcnglich viele verschiedene Leute mitgearbeitet haben, einen Roman zu basteln. Auf jeden Fall hast du es mit Charakteren zu tun, die du nicht besonders gut kennst, die erst einmal nicht Geist von deinem Geist sind. Damit sie in deiner Geschichte funktionieren, musst du dir etwas einfallen lassen. 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