{"id":212,"date":"2005-12-05T20:38:43","date_gmt":"2005-12-05T19:38:43","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=212"},"modified":"2025-05-13T19:21:11","modified_gmt":"2025-05-13T19:21:11","slug":"bin-ich-das-etwa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=212","title":{"rendered":"Bin ich das etwa?"},"content":{"rendered":"<p><em>Charaktere in der Literatur sind oft eine Mischung aus dem Autor selbst, seinen Bekannten und einer geh\u00f6rigen Portion Fantasie. Aber manchmal sind sie einfach nur &#8222;dort drau\u00dfen&#8220; und warten auf den richtigen Autor &#8230;<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Naive Zuschauer verwechseln gern den Schauspieler mit dem Charakter, den er gerade darstellt. Makellose Raumschiffcaptains ernten bei Conventions von den Fans oft mehr Beifall als der Schurke vom Dienst und der Unschuld vom Lande traut niemand im realen Leben eine umf\u00e4ngliche Sammlung von Liebhabern zu &#8230;<br \/>\nAuch Autoren werden zuweilen skeptisch angeguckt: Steckt da vielleicht doch eine kleine Serienm\u00f6rderin drin? Sonst w\u00fcrde sie doch nicht so ein haarstr\u00e4ubendes Zeug schreiben! Dabei sieht die so harmlos aus &#8230; da merkt man mal wieder, wie sehr das \u00c4u\u00dfere t\u00e4uschen kann! Von wegen dicke gem\u00fctliche Brandenburger Mami!<br \/>\nMir ist das tats\u00e4chlich genau so passiert! Wie ihr seht, gibt es auch \u00e4u\u00dferst naive Leser. Aber Spa\u00df beiseite &#8230; die Verwandtschaft zwischen dem Autor und seinen Charakteren ist tats\u00e4chlich ein interessantes Problem.<\/p>\n<p><strong>1. Die gute alte Mary Sue<\/strong><\/p>\n<p>Viele Kinder und Jugendliche haben Spa\u00df am Schreiben von Tageb\u00fcchern und Gedichten. Andere denken sich vorm Einschlafen Geschichten aus, in denen sie besonders tapfer, erfolgreich oder gl\u00fccklich verliebt sind. Die Fantasie hilft ihnen, dem grauen Alltag zu entfliehen und ihrer Pers\u00f6nlichkeit einen imagin\u00e4ren Wert zu verleihen, der ihren Rangordnungsplatz in der Realit\u00e4t weit hinter sich l\u00e4sst. Solche Gedankenspiele k\u00f6nnen &#8230;&nbsp; wenn man es nicht \u00fcbertreibt und sich immer einen Rest Bodenhaftung bewahrt &#8230;&nbsp; tr\u00f6stlich und wohltuend sein. Im g\u00fcnstigsten Fall sorgen sie daf\u00fcr, dass die betreffende Person tats\u00e4chlich \u00fcber ihren eigenen Schatten springt und ein wenig vern\u00fcnftiger, tapferer oder selbstloser wird.<br \/>\nIm schlimmsten Fall \u00fcberwuchern solche Spinnereien die Sicht auf das richtige Leben. Solche Tagtr\u00e4umer werden von ihren Mitmenschen heimlich bel\u00e4chelt, wenn sie zum Beispiel ihre Kollegen oder Nachbarn f\u00fcr die Sternenflotte werben wollen. Letzteres und andere skurrile Hirngespinste findet man in dem hochinteressanten Dokumentarfilm \u201eTrekkies&#8220;. Oh ja, einige Fans sind auf ihre harmlose und liebenswerte Weise richtig verr\u00fcckt!<br \/>\nWeibliche Fans schreiben gern Geschichten, in denen sie ihrem Lieblingshelden begegnen, ihn aus gro\u00dfer Gefahr retten, ihn lieben oder gar heiraten. Damit nicht sofort auff\u00e4llt, dass es sich eigentlich um ihre ganz pers\u00f6nlichen sp\u00e4t pubert\u00e4ren Tr\u00e4umereien handelt, bekommt das Alter Ego einen anderen Namen, ein neues wundersch\u00f6nes Gesicht, eine hinrei\u00dfende Figur und nat\u00fcrlich all die Tugenden und genialen F\u00e4higkeiten, die man selbst liebend gern h\u00e4tte &#8230; und nun kann es richtig losgehen! Eine neue Mary Sue &#8230;&nbsp; Geschichte erblickt das Licht des Fandoms.<br \/>\nM\u00e4nner schreiben per Definition keine Mary Sue, M\u00e4nner schreiben Adventure &#8230; und wer sollte schon etwas Ehrenr\u00fchriges vermuten, wenn der heldenhafte unfehlbare Raumschiffcaptain seinem Autor wie aus dem Gesicht geschnitten ist! Schlie\u00dflich geht es hier richtig handfest zur Sache: \u00dcberall explodiert etwas, Crewmen fliegen durch die Luft, fremde Planeten werden erobert und selbst Raumanomalien mutieren zu eher harmlosem Feuerwerk, dem der Held mit stolz geschwellter Brust trotzt. Nein, hier gibt es nicht die geringste Spur Schmalz oder Kitsch! Das muss man toternst nehmen! Tja, vielleicht sollte man diese knallharte Variante der Selbstverkl\u00e4rung einfach Freddy Bill nennen &#8230; schlie\u00dflich ist das Eine so kindisch und unfreiwillig komisch wie das Andere.<\/p>\n<p><strong>2. Gibt es das auch bei richtigen B\u00fcchern?<\/strong><\/p>\n<p>Mit Sicherheit existieren jede Menge Romane und Geschichten, die Autobiografisches enthalten und manchmal mag da auch eine Spur Selbstbeweihr\u00e4ucherung im Spiel sein. Dennoch handelt es sich nicht um Mary Sue oder Freddy Bill. Es fehlen die angebeteten Seriencharaktere, die Sicht auf das eigene Leben ist scharf, realistisch &#8230; sogar selbstkritisch bis gnadenlos. Die Weggef\u00e4hrten des Autors sind keine Pappkameraden und werden nicht weniger ausf\u00fchrlich und liebevoll gezeichnet, Weltpolitik und Zeitgeist schimmern zwischen den Zeilen, der aufmerksame Leser kann echte Erkenntnisse tanken &#8230;<br \/>\nLetztendlich ist es egal, woher ein Autor seine Geschichten nimmt. Interessant m\u00fcssen sie sein, lebendig, tiefsinnig, spannend, lustig &#8230; und das ist Mary Sue oder Freddy Bill in den seltensten F\u00e4llen, weil &#8230; ja weil das Ganze so erm\u00fcdend klischeehaft und unfrei ist &#8230; so oberfl\u00e4chlich, unehrlich und gnadenlos langweilig. Wunschtr\u00e4ume sind halt immer mehr oder weniger platt und rosarot, das liegt in der Natur der Sache. Peinlich ist nur &#8230; nein, bis sich ein Fremder f\u00fcr eure ganz privaten Tr\u00e4umereien, Badezimmer und Hochzeitsfotos interessiert, ist es ein verdammt weiter Weg. Dazu muss man schon ein richtiger Promi sein &#8230; und auch da finde ich die Zurschaustellung ganz pers\u00f6nlicher Aspekte ziemlich fragw\u00fcrdig. Big Brother l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen &#8230;<br \/>\nErnst zu nehmende Autoren f\u00f6rdern zwar aus ihren eigenen Erlebnissen Geschichten und Charaktere zutage, schreiben vielleicht irgendwann eine Autobiografie &#8230; aber sie h\u00fcten sich, Mary Sue oder Freddy Bill eine Chance zu geben. Mag ja sein, dass sie sich auch ab und zu wie Normalb\u00fcrger heimlich an kitschigen Fantasien weiden, aber so etwas aufschreiben und den gesch\u00e4tzten Lesern vorsetzen? Nein, da k\u00f6nnte man auch in aller \u00d6ffentlichkeit popeln oder Schlimmeres &#8230;<\/p>\n<p><strong>3. Das Ph\u00e4nomen Garc\u00eda Marquez<\/strong><\/p>\n<p>Der kolumbianische Nobelpreistr\u00e4ger Gabriel Garc\u00ed\u00ada Marquez sagte einmal, dass all seine Charaktere Teil seiner eigenen Pers\u00f6nlichkeit w\u00e4ren. Auch die Frauen! Nun, wenn er das w\u00f6rtlich gemeint h\u00e4tte, w\u00e4re er eine ungew\u00f6hnlich vielf\u00e4ltig gebrochene multiple Pers\u00f6nlichkeit. Aber nichts deutet darauf hin, dass der angesehene Autor als Kind traumatisiert wurde oder gar geisteskrank ist &#8230;<br \/>\nIn Wirklichkeit meint er vermutlich, dass die Romanfiguren in seinem Geist ungew\u00f6hnlich fest verankert sind, ein zuweilen schwer kalkulierbares Eigenleben f\u00fchren &#8230; kurz, f\u00fcr ihn hochgradig pr\u00e4sent sind &#8230; so, als w\u00e4ren sie tats\u00e4chlich Teil seines Selbst. Seine Autobiografie verr\u00e4t, wie intensiv er in seinen Romanen Biografisches und Fiktives vermischt. Viele seiner Charaktere haben reale Vorbilder: Vorfahren, Familienmitglieder, Nachbarn, Freunde, Politiker. Marquez beleuchtet und scannt sie von allen Seiten, schneidet sie auf &#8230; \u00fcbertreibt und mystifiziert, bis es eine wahre Lust ist, sie agieren zu sehen.<br \/>\nJeder Mensch wird auch durch seine Umgebung gepr\u00e4gt, insofern ist sie auch ein Teil der eigenen Pers\u00f6nlichkeit. Ein omnipotenter Sch\u00f6pfer &#8230; das klingt sehr zwar beeindruckend und tr\u00e4gt zur Legendenbildung bei &#8230; aber bei all meiner Verehrung f\u00fcr den lateinamerikanischen Meister der Fabulierkunst: Hier hat er wohl ein klein wenig \u00fcbertrieben.<br \/>\nSeine Mitmenschen genau zu beobachten und gr\u00fcndlich zu analysieren ist eine legitime M\u00f6glichkeit, um an realistische Charaktere zu kommen. Dazu braucht man vor allem Objektivit\u00e4t, Aufmerksamkeit, Menschenliebe, einen scharfen Blick f\u00fcr die richtigen Einzelheiten, Sinn f\u00fcr das Wesentliche &#8230; und nicht zuletzt gewisse Grundkenntnisse der Psychologie. Allerdings sind all diese guten Voraussetzungen keine Garantie daf\u00fcr, dass ein Charakter wirklich zum Leben erwacht. Hier ist altmodisches Talent gefragt, ein g\u00f6ttlicher Lebensfunke &#8230; also doch ein Teil des Autors.<br \/>\nInsofern hat Gabriel Garc\u00c3\u00ada Marquez am Ende recht: Die Romanfiguren sind ganz und gar sein, weil es ihm auf meisterhafte Weise gelungen ist, sie in sich aufzunehmen, zu verdauen, zu verwandeln und ihnen am Ende einen Teil seiner Lebenskraft zu schenken. Es bleibt geheimnisvoll &#8230;<\/p>\n<p><strong>4. Honore Balzacs Credo<\/strong><\/p>\n<p>Balzac war der Meinung, dass ein intelligenter Mensch so ziemlich alles verstehen k\u00f6nne &#8230; auch die schlimmsten Verbrechen. Sicher, ein klarer Verstand kann mithilfe von Logik und Erfahrung dem filigranen Geflecht aus Ursache und Wirkung nachsp\u00fcren, verborgene Leidenschaften und seelische Missbildungen diagnostizieren, eins und eins zusammenz\u00e4hlen &#8230; und so auch ohne direkte Vorbilder plausible runde Charaktere hervorbringen. Bestimmte Grundtypen tauchen in unz\u00e4hligen Abwandlungen immer wieder auf: der einfache Krieger, die Salonschlange, der Messias &#8230; oder eben der coole Raumschiffcaptain. Manche Charaktereigenschaften passen zusammen, andere wieder nicht.<br \/>\nIch habe festgestellt, dass es im Zweifelsfall n\u00fctzlich sein kann, eine fiktive Figur wie einen Patienten auf die Couch zu legen. Wie steht es mit Charakterorientierung, Liebesf\u00e4higkeit, Narzissmus und Destruktivit\u00e4t? Wie ist die emotionale Reife zu beurteilen? Ist dieser alte Politiker wom\u00f6glich in Wirklichkeit dreij\u00e4hrig? Oder der strahlende Messias ein nekrophiles Monster, das f\u00fcr seine abstrakten Ideen die ganze Welt brennen sehen will? Wie steht es um formale Logik und emotionale Intelligenz des Helden? Um seine innere Freiheit &#8230;<br \/>\nWer keine Psychologieb\u00fccher lesen mag, kann es mit Leitf\u00e4den f\u00fcr Manager oder Ratgebern wie \u201eSimplify your Life&#8220; versuchen &#8230; meinetwegen auch mit Astrologieb\u00fcchern, denn auch dort findet man interessante Grundtypen mit zusammenpassenden Eigenschaften.<br \/>\nBei der Konstruktion eines Charakters gibt es so verdammt viel zu bedenken, dass man davon Kopfschmerzen bekommen kann! Es ist wirklich harte Arbeit, so etwas komplett am Rei\u00dfbrett zu basteln. Ich habe es versucht, aber es hat bei mir nur m\u00e4\u00dfig gut funktioniert. Die meisten dieser Kreationen musste ich am Ende in fiesen Raumanomalien verschwinden lassen, weil ich es bis oben hin satt hatte, dauernd dar\u00fcber nachdenken zu m\u00fcssen, wie sie sich wohl in dieser oder jener Situation verhalten w\u00fcrden &#8230;<br \/>\nNee, ich bin kein Balzac und ich verstehe auch nicht alles. Zum Gl\u00fcck gibt es jedoch eine dritte M\u00f6glichkeit, gute Charaktere aufzusp\u00fcren. Wenn man sie erst f\u00fcr sich rekrutiert hat, kann man sie immer noch in aller Ruhe beobachten und analysieren &#8230; vorausgesetzt, sie lassen es sich gefallen.<\/p>\n<p><strong>5. Die da drau\u00dfen<\/strong><\/p>\n<p>Der italienische Autor Luigi Pirandello hat die da drau\u00dfen in seinem St\u00fcck \u201eSechs Personen suchen einen Autor\u201c thematisiert. Als ich es zum ersten Mal las, war ich von dem schr\u00e4gen Konzept zutiefst beeindruckt &#8230; Charaktere, die au\u00dferhalb des Bewusstseins im Nirgendwo herumirren und verzweifelt nach jemandem suchen, der ihnen zuh\u00f6rt und ihnen zu einer richtigen Existenz verhilft. Nat\u00fcrlich hielt ich das Ganze nur f\u00fcr einen Gag &#8230;<br \/>\nInzwischen schreibe ich selbst Geschichten &#8230; und fand nach diversen Versuchen und Irrt\u00fcmern allm\u00e4hlich heraus, dass es tats\u00e4chlich eine Art Meer der verlorenen Seelen gibt, in dem allerlei interessante Leute herumschwimmen. Sie zeigen sich offenbar nur Autoren, die ihnen sympathisch sind und denen sie in ausreichendem Ma\u00dfe vertrauen. Es scheint in diesem imagin\u00e4ren Biotop auch eine Art \u201eBuschfunk\u201c zu geben, denn nachdem der Erste bei mir siegreich auf der Matte stand &#8230;&nbsp; er hatte mein ganzes Konzept souver\u00e4n \u00fcber den Haufen geschmissen &#8230;&nbsp; fanden sich nach und nach seine besten Kumpels ein, inspizierten neugierig das Gel\u00e4nde und bauten mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit ihre Zelte auf.<br \/>\nDiese Fremden sind zumeist empfindlich, dickk\u00f6pfig und impertinent selbstbewusst. Wenn es nicht nach ihrer Nase geht, murren sie vernehmlich oder verschwinden gru\u00dflos im Nirvana. Eine gute Freundin von mir sagte einmal, sie k\u00f6nne nicht weiter schreiben, weil all ihre Leute beleidigt in den Ecken sitzen und fauchen w\u00fcrden. Oh ja, ich kenne das nur zu gut: Alles, was ich probiere, schmeckt nach Pappe und langweiligem Geschwafel &#8230; so genannte \u201eZwischenst\u00fccke\u201c , in die ich verzweifelt allerlei mehr oder weniger sinnlose Informationen stopfe und die ich irgendwann per Mausklick von meiner Festplatte putzen muss, weil meine Charaktere sich vornehm heraushalten, abf\u00e4llig grinsen oder ganz offen streiken.<br \/>\nIrgendwann gebe ich den Widerstand auf, sehe ein, dass ich auf dem falschen Weg war &#8230;&nbsp; dass meine Pl\u00e4ne nicht mit meinen Figuren kompatibel waren &#8230;&nbsp; und pl\u00f6tzlich l\u00e4uft es wieder pr\u00e4chtig. Wenn auch in eine merkw\u00fcrdige von mir nicht einmal ansatzweise geplante Richtung. Es macht \u00fcbrigens wenig Sinn, sich \u00fcber eigenwillige Charaktere aufzuregen, die sozusagen ehrenamtlich mitarbeiten. Wie bei allen milden Gaben ist eine andere Reaktion als Dankbarkeit v\u00f6llig undenkbar, sonst w\u00fcrden die Kumpels sofort &#8230; siehe oben.<\/p>\n<p><strong>6. Wie stellt man den Erstkontakt her?<\/strong><\/p>\n<p>Offen gestanden wei\u00df ich das nicht so genau. Wahrscheinlich beobachten sie uns Autoren die ganze Zeit &#8230; pr\u00fcfen die Kreativit\u00e4t, die Nachgiebigkeit, den Humor &#8230; politische und moralische Ansichten und Werte und dann &#8230;<br \/>\n\u201eHmmm. Ich kann viel Macht haben und darf sogar ein bisschen zaubern &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eUnd ich freue mich auf jede Menge Kinder!\u201c<br \/>\n\u201eIch werde ein toller Liebhaber!\u201c<br \/>\n\u201eJa und mich l\u00e4sst sie einen ganzen Planeten retten &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eDie Angebote sind wirklich attraktiv &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn sie uns genug Freiheit l\u00e4sst, sodass wir richtig loslegen k\u00f6nnen &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eJa, Br\u00fcder! Wir wollen ins Heyla &#8230;&nbsp; Universum!\u201c<br \/>\nUnd schon habe ich die Typen an der Backe.<\/p>\n<p><strong>7. Und die haarstr\u00e4ubenden Sachen?<\/strong><\/p>\n<p>Nicht alle Fremden sind nett. Gerade die Schurken k\u00f6nnen extrem r\u00fccksichtslos und fordernd auftreten, das liegt so in ihrer Natur. Ich hatte schon eine rachs\u00fcchtige Erziehungsministerin mit den Allmachtsfantasien eines Kleinkindes, einen soziopathischen M\u00f6rder, der seine Geschichte unbedingt selbst erz\u00e4hlen wollte (noch heute l\u00e4uft es mir beim blo\u00dfen Gedanken daran eiskalt \u00fcber den R\u00fccken) und dann all die Bestien aus der Vorzeit! Ich musste diese fiesen Typen jedes Mal schnell wie m\u00f6glich aus dem Verkehr ziehen, sonst h\u00e4tten sie mir alles von oben bis unten mit Blut und Dreck beschmiert. Das konnte ich unm\u00f6glich zulassen &#8230;&nbsp; schlie\u00dflich beabsichtige ich nicht, Bettlekt\u00fcre f\u00fcr Sadisten zu produzieren oder unschuldige Jugendliche zu verderben &#8230;<br \/>\nNein, Temo und Kah\u2019Lursa sind keine Bestandteile meiner Pers\u00f6nlichkeit &#8230; und ich selbst w\u00fcrde auf so manches, was sie fabrizieren, gar nicht kommen! Aber so ein fremder B\u00f6sewicht &#8230; es w\u00e4re unlogisch ihn wegzuschicken, denn ich kenne seinen immensen Wert. Er ist das Salz in meiner Suppe &#8230; der Kristallisationskeim, um den sich die ganze Geschichte wie von selbst entwickelt &#8230; der Pr\u00fcfstein, an dem sich wahre Helden beweisen m\u00fcssen.<br \/>\nNat\u00fcrlich muss ich h\u00f6llisch aufpassen, dass die Schurken niemals das letzte Wort haben, dass sie mit ihrer inhumanen Message nicht davonkommen, dass am Ende doch die Guten siegen. Und wenn einer meint, das w\u00e4re Kitsch und man m\u00fcsste den dunklen Gesellen ebenso wie in der Wirklichkeit freie Hand lassen &#8230;<br \/>\nNein, Freunde! Ihr habt ja keine Ahnung, wie stark und gef\u00e4hrlich die sind! Wie wild sie sich jeder Veredelung und M\u00e4\u00dfigung widersetzen &#8230; wie sie unerlaubt immer weiter herummetzeln! Wie sehr sie es genie\u00dfen, dass ich so gut wie keine Macht \u00fcber sie habe! Aber zum Gl\u00fcck muss ich sie gar nicht selbst in Schach halten: Meine tapferen Krieger tun das freiwillig f\u00fcr mich und das Gesindel hat niemals wirklich eine Chance &#8230;<\/p>\n<p><strong>Fazit:<\/strong><\/p>\n<p>Wie viel vom Autor steckt in seinen Figuren? H\u00e4ufig weniger, als der Leser glaubt &#8230; und wie sollte es auch anders sein? Nur wer viel erlebt und das auch noch ungew\u00f6hnlich genau beobachtet hat, kann genug interessante Geschichten aus dem eigenen Leben sch\u00f6pfen. Mary Sue und Eddy Bill sind zumeist hemmungslos gesch\u00f6nt und das bedeutet, dass die Hauptfigur ziemlich wenig mit dem Schreiber gemeinsam hat.<br \/>\nViele Autoren nutzen Verwandte, Bekannte und Freunde als Vorlage und manche entwerfen ihre Charaktere wie ein Ingenieur eine Maschine. Andere vertrauen eher auf Hilfe von au\u00dfen. Vermutlich gibt es f\u00fcr jeden Autor eine optimale Methode &#8230; was zun\u00e4chst gar nichts \u00fcber die Qualit\u00e4t der Geschichten und ihrer Figuren aussagt.<br \/>\nDer Leser wei\u00df normalerweise nicht, wie ein Autor arbeitet &#8230;&nbsp; es sei denn, er verr\u00e4t es ihm &#8230;&nbsp; und wenn er es an den Texten problemlos ablesen kann, zeugt das von uns\u00e4glicher geradezu peinlicher St\u00fcmperei! Dann sind n\u00e4mlich die Charaktere schlampig konstruiert, der Blick auf die Mitmenschen durch stupide Vorurteile vernebelt oder die Kooperation mit denen da drau\u00dfen von Misstrauen und Feindseligkeit gepr\u00e4gt &#8230;<\/p>\n<p>(C) Anneliese Wipperling, 2005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Charaktere in der Literatur sind oft eine Mischung aus dem Autor selbst, seinen Bekannten und einer geh\u00f6rigen Portion Fantasie. 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