{"id":210,"date":"2009-01-18T20:34:01","date_gmt":"2009-01-18T19:34:01","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=210"},"modified":"2025-05-13T19:00:38","modified_gmt":"2025-05-13T19:00:38","slug":"von-birnen-nussen-und-vulkaniern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=210","title":{"rendered":"Von Birnen, N\u00fcssen und Vulkaniern"},"content":{"rendered":"<p><em>Hier geht es um Schreibzirkel und Autorengruppen &#8211; und noch viel mehr: Triumphe und Niederlagen, Chancen und Gerechtigkeit, unangemessene Gef\u00fchle und den einzig angemessenen Umgang damit. Es geht darum, was st\u00e4ndige Frustration aus einem Menschen machen kann. Um Abh\u00e4ngigkeit, Rangordnung und Futterneid &#8230; <\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das ist zugegebenerma\u00dfen eine sehr kryptische \u00dcberschrift, hinter der sich alles M\u00f6gliche verbergen kann. Tut es auch, denn es geht um so wichtige Sachen wie Triumphe und Niederlagen, Chancen und Gerechtigkeit, unangemessene Gef\u00fchle und den einzig angemessenen Umgang damit.<br \/>\nEs geht darum, was st\u00e4ndige Frustration aus einem Menschen machen kann.<br \/>\nUm Abh\u00e4ngigkeit, Rangordnung und Futterneid.<br \/>\nUm gro\u00dfes Get\u00f6se und leisen Verrat.<br \/>\nWas das alles mit Literatur zu tun hat?<br \/>\nGanz einfach: Es geht diesmal um Schreibzirkel und Autorengruppen.<br \/>\nUnd die Vulkanier?<br \/>\nAch, ich beneide sie um das Kohlinar, um ihre F\u00e4higkeit, Gef\u00fchle au\u00dfen vor zu lassen und sich mit einer hochgezogenen Augenbraue jeden Kommentars zu enthalten, bis sie genug Informationen f\u00fcr eine qualifizierte Antwort haben.<br \/>\nJa, das hat schon was und wirkt einsch\u00fcchternd souver\u00e4n.<br \/>\nLeider sind wir nur von Gef\u00fchlen gebeutelte unlogische Menschen.<br \/>\nUnd falls es doch mal einer von uns schafft, so supercool zu sein, ist er entweder v\u00f6llig fantasielos (was ihn nicht gerade f\u00fcr einen kreativen Zirkel qualifiziert) oder ein Soziopath mit enorm hoher Reizschwelle.<br \/>\nLetztere werden, wenn man nicht aufpasst, leicht zu Verbrechern, Auftragskillern oder Vertretern anderer unanst\u00e4ndiger Berufe, wie z. B. Henker, KZ-Aufseher oder Diktator.<br \/>\nIch f\u00fcrchte, nur sehr wenige Soziopathen sind Dichter.<\/p>\n<p><strong>1. Die Sehnsucht nach Gemeinschaft<\/strong><\/p>\n<p>Literaten schlagen sich mit Problemen herum, die Au\u00dfenstehende kaum nachvollziehen k\u00f6nnen &#8230;&nbsp; nicht einmal K\u00fcnstler anderer Sparten.<br \/>\nEine Freundin von mir hat es nach der Wende zu einiger Meisterschaft im orientalischen Tanz gebracht. Inzwischen gibt sie selbst Unterricht an einer Volkshochschule.<br \/>\nIch habe alles miterlebt: wie sie eine neue Welt entdeckt hat, wie das Training sie anfangs geschlaucht hat, Hinwendung zu und Kr\u00e4che mit diversen Tanzlehrern. Ihren \u00e4gyptischen Liebhaber und den Kulturschock, als sich herausstellte, dass dieser haupts\u00e4chlich auf ihr (nach europ\u00e4ischen Verh\u00e4ltnissen bescheidenes) Geld aus war.<br \/>\nIch bewundere, was sie erreicht hat, mit welch l\u00e4chelnder Anmut sie tanzt, und dass sie das alles versucht hat, obwohl sie mit \u00fcber F\u00fcnfzig ganz bestimmt nicht mehr ber\u00fchmt werden wird. T\u00e4nzer wissen genau, dass es irgendwann vorbei ist &#8230;&nbsp; entweder, weil der K\u00f6rper nicht mehr mitmacht, oder weil das Publikum keine Spuren des Alters sehen mag.<br \/>\nEs ist pure Leidenschaft und die Lust an der Bewegung, was sie immer wieder ins Studio treibt und sie bis zur Ersch\u00f6pfung trainieren l\u00e4sst.<br \/>\nIch dachte, ich k\u00f6nne mit meiner Freundin jetzt leichter \u00fcber meine Erfahrungen beim Schreiben reden, aber das Gegenteil war der Fall. Die Besch\u00e4ftigung mit einer Kunst kann so aufwendig, dass alles andere hintenanstehen muss. Und letztendlich interessieren auch uns Literaten die k\u00f6rperbetonten Probleme der T\u00e4nzer eher am Rande.<br \/>\nWir sind am Ende beim netten Small Talk gelandet.<br \/>\nSie hat ihre Tanzfreundinnen und ich habe inzwischen einige freundlichen Kollegen gefunden. Gut, wir reden nicht immer \u00fcber hohe Kultur, sondern auch \u00fcber Katzen und selbstgemachten Apfelsaft. Wir tauschen Informationen, Fotos und manchmal auch ein bisschen Klatsch aus. Es ist nicht wichtig, dauernd \u00fcber Fachliches zu reden &#8230;&nbsp; wichtig ist, dass man es notfalls kann.<br \/>\nDenn die Suche nach dem einzig richtigen poetischen Bild, der Kampf mit einem widerborstigen Charakter oder das Entwirren komplizierter Handlungsf\u00e4den ist jedes Mal ein Abenteuer f\u00fcr sich.<br \/>\nDa braucht man schon ab und zu ein bisschen Zuspruch und die Gewissheit, dass die Freunde sich mit ganz \u00e4hnlichen Widrigkeiten herumschlagen &#8230;&nbsp; die Versicherung, dass man nicht v\u00f6llig unf\u00e4hig ist.<br \/>\nUnd man braucht freundliche und kompetente Probeleser, die einen nicht mit falschem S\u00fc\u00dfholz in die Irre f\u00fchren, die nicht boshaft herumkritteln und deren ehrliches \u201eist ganz okay aber\u201c oder \u201eeine gut gelungene Geschichte\u201c Gewicht hat.<br \/>\nHinzu kommt, dass jeder andere Erfahrungen macht oder Chancen entdeckt. Wenn alle redlich teilen, kommt ab und zu etwas Positives heraus &#8230;&nbsp; f\u00fcr irgendjemand. Wer davon profitiert, l\u00e4sst sich nur in Ausnahmef\u00e4llen vorausahnen.<br \/>\nEins steht fest: Mit niemandem kann man so gut arbeiten, quatschen und saufen wie mit Gleichgesinnten.<br \/>\nViele K\u00fcnstler versp\u00fcren deshalb ein heftiges Bed\u00fcrfnis, sich in Gruppen zusammenzuballen. Leider ist die Gefahr riesig, dass alles wieder auseinanderf\u00e4llt.<\/p>\n<p><strong>2. Eine traurige Realit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt kaum ein Literaturforum im Internet, das nicht immer wieder von geradezu absurden Kr\u00e4chen und giftigen Feindseligkeiten durchgesch\u00fcttelt und in seiner Existenz bedroht wird. Das Verr\u00fcckte daran ist, dass es dabei eigentlich gar nicht um greifbare Vorteile geht, denn letztendlich ist keinem dieser unter mehr oder weniger romantischen oder heroischen Scheinidentit\u00e4ten agierenden Autoren bisher der Durchbruch gelungen.<br \/>\nDas sagt zwar wenig \u00fcber die Qualit\u00e4t ihrer Arbeiten aus aber der offizielle Literaturbetrieb ignoriert das Gegrummel im Internet weitgehend. Und daf\u00fcr gibt es Gr\u00fcnde: So manches, was sich dort tummelt, ist so dilettantisch, dass es schon weh tut.<br \/>\nAnders ausgedr\u00fcckt: Der erk\u00e4mpfte Rangordnungsplatz in einem Literaturforum ist weniger wert als das Ergebnis einer Schulhofkeilerei, denn Letztere hat wenigstens gravierenden Einfluss auf die Entwicklung eines Sch\u00fclers in einem bestimmten Lebensabschnitt.<br \/>\nSchlie\u00dflich kann er Selbstbewusstsein und Durchhalteverm\u00f6gen nur dort trainieren, wo ihn das Schicksal hingestellt hat und ihm bleibt nichts anderes \u00fcbrig, als daf\u00fcr die orts\u00fcblichen Standards zu akzeptieren.<br \/>\nAus Internetforen kann man sich jederzeit wieder ausloggen und anderswo sein Gl\u00fcck suchen. Besonders z\u00e4nkische Zeitgenossen werden so zu Webnomaden, die von einem Schauplatz zum anderen wandern und manchmal unter einem anderen Nickname zur\u00fcckkehren um ihre l\u00e4ngst verlorenen Schlachten erneut zu zelebrieren.<br \/>\nSie spielen jedes Mal solange den Guru, bis sie von ein paar beherzten Leuten vergr\u00e4tzt werden &#8230; meist vom Provokateur vom Dienst, dem Rebellen gegen die Tradition oder einem \u00fcbereifrigen Freak. Manche Foren sind eine Art \u201eSecond Life\u201c f\u00fcr Leute, die im realen Leben wenig zu melden haben.<br \/>\nDas andere Extrem sind Foren, die von taffen Admins effektiv besch\u00fctzt werden und zu wahren Kuschelecken mutiert sind. Da gibt es geschriebene und ungeschriebene Regeln, ohne deren strikte Befolgung die virtuelle Bedeutungslosigkeit droht.<br \/>\nEine dieser lustigen Regeln besagt: Wenn dich jemand lobt, musst du dich ganz schnell bei deinem Rezensenten revanchieren und mindestens die gleiche Menge S\u00fc\u00dfholz \u00fcber dessen mehr oder weniger mittelpr\u00e4chtigen Werken auskippen.<br \/>\nAuf die Weise kann man leicht ganze Vormittage &#8230;&nbsp; an denen man viel lieber an den eigenen Texten gebastelt h\u00e4tte &#8230;&nbsp; vergeuden.<br \/>\nIch bin momentan in drei Foren Karteileiche und ich finde, das reicht langsam.<br \/>\nAu\u00dferdem sind virtuelle Freundeskreise ziemlich unbefriedigend.<br \/>\nIch ziehe reale Menschen vor, mit denen ich auch telefonieren, mich treffen und ab und zu ein gutes Bier oder ein Glas Rotwein trinken kann.<br \/>\nObwohl das auch seine T\u00fccken haben kann &#8230;<br \/>\nZumindest sollte man es nicht \u00fcbertreiben.<br \/>\nMein pers\u00f6nliches N\u00e4hk\u00e4stchen enth\u00e4lt einige interessante Fallbeispiele, die ganz lehrreich sind und die ich euch keinesfalls vorenthalten m\u00f6chte.<br \/>\nUm die beteiligten Personen zu sch\u00fctzen, habe ich alle Handlungsorte unkenntlich gemacht und auch die Namen ver\u00e4ndert. Dennoch bin ich ganz nahe an der Realit\u00e4t geblieben.<\/p>\n<p><strong>3. Das gute alte Vitamin B<\/strong><\/p>\n<p>Anfang der 70er war ich zusammen mit drei weiteren Autoren vom gleichen Ort kurze Zeit Mitglied einer vom Schriftstellerverband der DDR organisierten Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Nachwuchsautoren auf Bezirksebene. Mich hatte ein Schauspieler vom Stadttheater (der von mir bereits erw\u00e4hnte \u201eB\u00f6sewicht vom Dienst\u201c ) empfohlen.<br \/>\nWie das bei den anderen war, wei\u00df ich nicht.<br \/>\nDie Empfehlung durch einen Schauspieler bedeutete kein gutes Renommee, obwohl die Sache v\u00f6llig harmlos war. Da steckte n\u00e4mlich gar keine skandalumwitterte Liebschaft dahinter. Nachdem wir zuf\u00e4llig in der Theaterklause \u00fcber \u201eNathan den Weisen\u201cins Gespr\u00e4ch gekommen waren, stellte sich heraus, dass der beliebte Darsteller mit seiner Frau und zwei kleinen T\u00f6chtern im gleichen Stadtteil wie ich wohnte &#8230;&nbsp; praktisch gleich um die Ecke. Wir haben ein paarmal zusammen gefeiert, bis unser Bekannter ein neues Engagement in einer gr\u00f6\u00dferen Stadt bekam. Danach schlief der Kontakt allm\u00e4hlich ein.<br \/>\nJedenfalls schauten die etablierten Herren von der Zirkelleitung jedes Mal sehr skeptisch, wenn ich etwas vorlas. Sie hatten ja nicht ganz Unrecht, denn aus heutiger Sicht war ich damals noch eine ziemlich orientierungslose Grenzg\u00e4ngerin zwischen Kunst und Politkitsch &#8230;&nbsp; und eigentlich eines so illustren Haufens nicht w\u00fcrdig. Ich wei\u00df nicht, ob ich heute mein damaliges Ich m\u00f6gen w\u00fcrde. Wohl eher nicht.<br \/>\nMerkw\u00fcrdigerweise gelang es aber &#8230;&nbsp; bis auf eine Ausnahme &#8230;&nbsp; auch den meisten anderen Autoren aus meiner Heimatstadt nicht, in der Gruppe Ansehen zu erlangen. Wir verstanden das nicht und gaben irgendwann auf. Zuhause gab es schlie\u00dflich zwei Zirkel Schreibender Arbeiter und wenn wir f\u00fcr die Arbeitsgemeinschaft Jungen Autoren (noch) nicht gut genug waren, geh\u00f6rten wir vielleicht da hin.<br \/>\nIch habe erst viel sp\u00e4ter erfahren, dass alles ganz simpel war. Die eigentliche Nachwuchsf\u00f6rderung fand n\u00e4mlich bei geselligen Bes\u00e4ufnissen in privaten Wohnungen und Wochenendh\u00e4usern statt und da wir jeden Abend mit dem Zug nach Hause fuhren &#8230;<br \/>\nNur eine Kollegin, setzte alles auf eine Karte und schloss sich dem etablierten Kl\u00fcngel an &#8230;&nbsp; auch wenn ihr am n\u00e4chsten Tag bei der Arbeit die Augen vor M\u00fcdigkeit zufielen.<br \/>\nIch kann es ihr nicht ver\u00fcbeln, sie war eben \u00e4lter und schlauer als ich.<br \/>\nUnd auch schon weiter auf dem Weg zu ihrem eigenen Stil.<\/p>\n<p><strong>4. Heilige Ikonen<\/strong><\/p>\n<p>Mein erster Zirkel Schreibender Arbeiter wurde von der etwas pummeligen Gemahlin eines Kreisgerichtsdirektors geleitet. Sie war m\u00fctterlich, milde und sehr linientreu. Die Weisheiten, die sie uns vermittelte, stammten ausnahmslos aus einem vom Trib\u00fcne Verlag herausgegebenen \u201eHandbuch des Schreibens\u201c . Wenn sie es hervorholte, verdrehten alle mehr oder weniger genervt die Augen, denn jetzt wurde \u201eTheorie gemacht\u201c&#8230; &nbsp;und zwar ziemlich losgel\u00f6st von unseren eigenen Bem\u00fchungen.<br \/>\nUnsere Chefin legte Wert darauf, dass alles h\u00fcbsch pr\u00e4sentabel war, Partei und Gewerkschaft erfreute und geeignet war, die Betriebszeitung des Geldgebers zu schm\u00fccken.<br \/>\nSo entstanden neben unseren \u201eprivaten\u201c Gedichten und Geschichten auch etliche Arbeiterportraits, Loblieder auf den Sozialismus, Verse \u00fcber das Schmelzen von Eisen und die Freuden des sozialistischen Kollektivlebens.<br \/>\nGeschadet hat uns das wahrscheinlich nicht und alles in allem h\u00e4tten wir ganz gl\u00fccklich sein k\u00f6nnen, wenn da nicht die Zirkelikonen und ihr Gefolge gewesen w\u00e4ren.<br \/>\nDie beiden \u00e4lteren Herren &#8230;&nbsp; ein uns\u00e4glich langatmiger Prosaschreiber und ein feuriger Heldenbarde &#8230;&nbsp; zu kritisieren, war schlicht und einfach unm\u00f6glich. Sie dominierten praktisch jede Anthologie und Lesung und gewannen locker die Sonderpreise der Kreisleitung der SED und ihrer hiesigen Zeitung.<br \/>\nEiner von den Beiden war einmal bei einer Lesung so vermessen, sich w\u00e4hrend der anschlie\u00dfenden Diskussion ganz selbstbewusst mit Goethe zu vergleichen, was ein l\u00e4ngeres unbehagliches Schweigen des Publikums zur Folge hatte.<br \/>\nDas Zirkelfu\u00dfvolk grinste h\u00e4misch in sich hinein und lie\u00df die Ikone hilflos zappeln.<br \/>\nNein, obwohl die gemeinsame Arbeit am Text riesig Spa\u00df machte und es unter der Autorit\u00e4t der Richtersgattin sehr viel harmonischer zuging, als in einem durchschnittlichen Internetforum, waren wir kein rundherum gutes Kollektiv.<br \/>\nEs gab Einzelfreundschaften, die zum Teil w\u00e4hrend der Wende zerbr\u00f6selten.<br \/>\nEs gab ab und zu Erfolgserlebnisse wie Lesungen oder Anthologien &#8230;&nbsp; aber die waren vom Frust wegen der Ikonen \u00fcberschattet. Und es brodelte nicht wenig Neid und Wut wegen der ungerechten Bevorzugung Einzelner unter der glatten Oberfl\u00e4che.<br \/>\nZumindest habe ich das so empfunden.<br \/>\nUnd dass der Deckel auf dem Gebr\u00e4u rot angemalt war, machte es auch nicht besser.<\/p>\n<p><strong>5. Die Herzk\u00f6nigin<\/strong><\/p>\n<p>Nennen wir sie einfach Maja, um ihre wahre Identit\u00e4t zu verbergen. Die Herzk\u00f6nigin tauchte eines Abends auf und verzauberte unsere M\u00e4nner, allen voran unseren neuen Zirkelleiter. Sie war Anfang zwanzig, gro\u00df, wohlproportioniert, blond und hatte unglaublich sanfte nussbraune Rehaugen. Oh ja, sie sah aus wie eine Poetin aus dem Bilderbuch.<br \/>\nWir \u00fcbrigen schreibenden Weiber konnten ihr aussehensm\u00e4\u00dfig nicht das Wasser reichen. Einige von uns reagierten mit blankem Hass, denn pl\u00f6tzlich gab es nur noch eine Sorte exzellenter Gedichte: die von Maja!<br \/>\nSie schrieb im Stil von Heinz Kahlau: Knapp, pointiert &#8230;&nbsp; und gar nicht mal schlecht.<br \/>\nIch fand, dass es ein bisschen zu kahlaum\u00e4\u00dfig klang &#8230;&nbsp; und inhaltlich nicht halb so bedeutend war, wie unser Zirkelleiter mit ziemlich vertr\u00e4umtem Blick behauptete.<br \/>\nNat\u00fcrlich war schon der blo\u00dfe Gedanke ein Sakrileg.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, ob ich stolz darauf sein kann, diese junge Frau nicht gehasst zu haben. Es hatte nichts mit Moral und viel mit meiner Natur zu tun. Sexualneid gegen\u00fcber h\u00fcbschen Frauen ist nicht mein Ding. Dazu schaue ich sie mir viel zu gern an. Ich wei\u00df, besonders hetero klingt das nicht.<br \/>\nAu\u00dferdem sah ich ein, dass die Herzk\u00f6nigin viel begabter als die bisherigen Ikonen war.<br \/>\nSie stand nicht ganz so unrechtm\u00e4\u00dfig auf ihrem Podest.<br \/>\nTrotzdem war Maja f\u00fcr mich nicht der einzige aber ein wichtiger Grund, den Zirkel zu wechseln. Die andere, weniger ber\u00fchmte Truppe gab mir dann bis zur Wende eine Heimstatt.<br \/>\nNiemand soll mich falsch verstehen.<br \/>\nIch glaube bis heute nicht, dass es zwischen Maja und dem Zirkelleiter eine irgendwie zu beanstandende Beziehung gab. Da ging es wohl eher recht einseitig um dessen Begeisterung f\u00fcr wahre Sch\u00f6nheit und\/oder einen netten kleinen Hormonkoller.<br \/>\nTrotzdem war der Schaden f\u00fcr die Gemeinschaft gro\u00df.<br \/>\nDem Zirkel tat der Verlust einiger seiner erfahrensten Autoren nicht gut.<br \/>\nOhne den ganzen Quatsch h\u00e4tte ich mich vielleicht mit der jungen Frau angefreundet.<br \/>\nAber was ich heute am schlimmsten finde: Aus Maja ist am Ende doch keine Dichterin geworden. Sie hat bis jetzt kein aufregendes Buch herausgebracht und im Web ist sie auch nicht zu ergoogeln.<br \/>\nEigentlich schade!<br \/>\nWenn der hoffnungslos verknallte Zirkelleiter sie nicht viel zu fr\u00fch gelobhudelt h\u00e4tte &#8230; ich denke, dann h\u00e4tte aus ihr etwas werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>6. Heimatliche Geschichten<\/strong><\/p>\n<p>Die Zirkel Schreibender Arbeiter waren eine sehr sozialistische Sache, die vom FDGB gef\u00f6rdert und aus dem Kultur- und Sozialfonds volkseigener Betriebe bezahlt wurden.<br \/>\nMit der Wende kamen die Probleme. Es gab kein Geld mehr f\u00fcr die Zirkelleiter, keine kostenlosen R\u00e4umlichkeiten, keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr Anthologien und keine Betriebszeitungen, die bunte Seiten mit Fotos, Lyrik und kleinen Geschichten brauchten.<br \/>\nDas bedeutete f\u00fcr die meisten Zirkel Schreibender Arbeiter das Aus. Auch in meiner Heimatstadt blieb nur ein kleines H\u00e4ufchen Aufrechter \u00fcbrig, das sich zu einer freien Autorengruppe unter dem Dach des \u00f6rtlichen Kulturbundes zusammenschloss.<br \/>\nZirkelikonen gab es weiterhin (alte und neue), die sich jetzt vornehmlich der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit widmeten. Nat\u00fcrlich mit genau der edlen Entr\u00fcstung, die von ihnen erwartet wurde.<br \/>\nAndere waren auf einmal v\u00f6llig unpolitisch &#8230;&nbsp; so, als h\u00e4tte es gewisse sozialistische Ges\u00e4nge und Arbeiterportraits nie gegeben.<br \/>\nNur wenige Mutige legten den Finger in die neuen Wunden &#8230;&nbsp; und nur, weil das ab und zu geschah, fand ich es immer noch sinnvoll, weiterzumachen.<br \/>\nWir fanden eine kleine private Druckerei, gaben eine repr\u00e4sentative Anthologie heraus und zerstritten uns m\u00f6rderisch dabei.<br \/>\nMerkw\u00fcrdigerweise ging es diesmal nicht darum, wer der Gr\u00f6\u00dfte war (das war f\u00fcr die Ikonen l\u00e4ngst gekl\u00e4rt), sondern darum, wer sich im Dienst der Gemeinschaft unentgeltlich die Hacken abrennen sollte. Unsere bejahrten Ikonen und einige andere Rentner waren der Meinung, dass das etwas f\u00fcr junge Beine w\u00e4re. Dass sie jetzt nur noch schreiben wollten und dass ihnen grunds\u00e4tzlich eine besondere Schonung zust\u00e4nde.<br \/>\nWir wenigen \u201ewerkt\u00e4tigen\u201c Autoren lie\u00dfen uns das eine Weile gefallen &#8230;&nbsp; aber es kotzte uns gewaltig an, denn wir hatten unsere eigenen Probleme.<br \/>\nEs fiel uns schwer, uns in der neuen Arbeitswelt zurechtzufinden. Wir standen permanent unter Druck, mussten uns ganz schnell anpassen, hatten st\u00e4ndig Angst um den Arbeitsplatz &#8230;&nbsp; und da kam diese Horde angegrauter und zu diesem Zeitpunkt noch ausgesprochen r\u00fcstiger Egomanen auf die Idee, uns ausbeuten zu wollen!<br \/>\nZu dem sch\u00e4bigen Generationenkonflikt kam, dass auf einmal jeder sich selbst der N\u00e4chste war. Wer eine Chance zum Ver\u00f6ffentlichen entdeckt hatte, behielt sie f\u00fcr sich und fand das auch noch ganz normal. Schlie\u00dflich hatten wir jetzt Kapitalismus und da war Kollektivgeist nicht mehr gefragt.<br \/>\n\u201eAlles muss sich rechnen\u201c , plapperten die Wendeh\u00e4lse landauf landab.<br \/>\nIch konnte es schon nicht mehr h\u00f6ren.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter kamen die Neuen &#8230;&nbsp; Leute, die sich bisher nie irgendwo engagiert hatten &#8230;&nbsp; und schleppten den b\u00fcrgerlichen Mief der Vorkriegszeit mitten ins Herz unserer Gemeinschaft. Auf einmal bestimmten sie den Ton.<br \/>\nDa verlie\u00df ich die Gruppe zusammen mit unserem &#8230;&nbsp; nun ehrenamtlichen &#8230;&nbsp; Zirkelleiter.<br \/>\nJa, ich gebe zu, dass wir es beide ganz gern gesehen h\u00e4tten, wenn es ohne uns nicht weitergegangen w\u00e4re. Zu unserer Entschuldigung kann ich nur sagen, dass wir wirklich sehr frustriert und gekr\u00e4nkt waren.<br \/>\nAber die Truppe tat uns nicht den Gefallen und existiert heute noch. Sie ist jetzt ein typischer Heimatdichterverein &#8230;&nbsp; nichts, wo ich mich wohlf\u00fchlen k\u00f6nnte.<br \/>\nIch denke manchmal nostalgisch oder zornig zur\u00fcck.<br \/>\nAber zu den Leuten habe ich kaum noch Kontakt.<\/p>\n<p><strong>7. Zu den Sternen<\/strong><\/p>\n<p>In einem kreativen Star Trek &#8211; Fanclub bin ich immer noch Mitglied. Er bietet die M\u00f6glichkeit, mit verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringem finanziellem und organisatorischem Aufwand Texte unter die Leute zu bringen. Das ist ein entscheidender Vorteil gegen\u00fcber anderen Organisationsformen. Meine Tochter Adriana und ich fanden dort Freunde, Feinde und einige Leser.<br \/>\nEine Zeit lang war es richtig sch\u00f6n.<br \/>\nAber leider ist die ganze Fanfiction &#8230;&nbsp; zumindest, was Star Trek betrifft &#8230;&nbsp; ein wenig ins Abseits geraten. Immer weniger Hefte werden verkauft und selbst die langj\u00e4hrigen Aktivisten sind inzwischen m\u00fcde geworden.<br \/>\nViele Leute haben einfach kein Geld mehr f\u00fcr B\u00fccher. Sie schleichen bei den gro\u00dfen Conventions um unseren Infostand herum, bl\u00e4ttern interessiert, schauen nach dem Preis und legen das Fanzine unauff\u00e4llig zur\u00fcck auf den Tisch.<br \/>\nDann gehen sie wortlos mit besch\u00e4mter Miene.<br \/>\nEs f\u00e4llt mir schwer, mich von diesem in Agonie dahinvegetierenden Verein zu trennen.<br \/>\nWarten wir ab, ob sich das Problem von allein l\u00f6st.<br \/>\nVielleicht gibt es ja mit dem n\u00e4chsten Star Trek Kinofilm einen neuen Boom?<br \/>\nAber eine Geschichte muss ich euch doch noch erz\u00e4hlen.<br \/>\nAdriana und ich schrieben Ende 1999 zeitgleich an unseren ersten B\u00fcchern &#8230;&nbsp; ich an einer ziemlich un\u00fcblichen Vulkaniergeschichte und Adriana am ersten Band ihrer inzwischen schon inzwischen im Internet sehr beliebten Serie Star Trek Defender.<br \/>\nIch hatte gar keine Erfahrung mit Prosa, tippte wild drauflos, merkte bald, dass all meine Pl\u00e4ne nicht so recht funktionierten, begegnete gl\u00fccklicherweise einigen kooperativen Charakteren &#8230;&nbsp; und folgte zum ersten Mal aufgeregt und skeptisch ihren Spuren.<br \/>\nHerausgekommen ist die Geschichte eines kleinen vulkanischen M\u00e4dchens, das von einem Sternenflottencaptain einen Gedichtband von Garc\u00eda Lorca geschenkt bekommt, sich f\u00fcr die Kultur der Erde zu interessieren beginnt und Jahre sp\u00e4ter als Dissidentin von Vulkan verbannt wird. Ein typischer Entwicklungsroman, der vermutlich irgendeine stille Sehnsucht bei einigen Fans befriedigt hat, denn die Verkaufszahlen reichten beinahe an die guten alten Zeiten der Fanfictionbl\u00fcte heran.<br \/>\nIch finde heute noch, dass inhaltlich viel f\u00fcr den Band spricht &#8230;&nbsp; aber eigentlich ist er grauenhaft schlecht geschrieben. Er m\u00fcsste vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitet werden, um endlich sein Potenzial voll entfalten zu k\u00f6nnen, aber bei der derzeitigen Flaute macht das wenig Sinn.<br \/>\nSp\u00e4tere B\u00fccher von mir fanden bedeutend weniger Leser.<br \/>\nWahrscheinlich experimentiere ich zu gerne und die Fans haben wohl generell etwas anderes von mir erwartet: dass es mit der lieben kleinen T\u2019Liza geradlinig weitergeht, dass sie z. B. studiert, einen heroischen Partner findet und nette Kinderchen kriegt, vielleicht ein paar kleine Konflikte &#8230; Soap vom Feinsten eben.<br \/>\nStattdessen hat sich ein Rudel sehr selbstbewusster schwuler Krieger vorgedr\u00e4ngelt, die den T\u2019Lizafans offenbar nicht sonderlich behagten. Ich wurde auf das Forumnormalma\u00df zurechtgestutzt. Aber ein paar Freunde, die mich immer noch lesen, machen mir Mut.<br \/>\nAdriana hatte anfangs weit weniger Gl\u00fcck als ich. Ihre mit viel Liebe konzipierte Defenderreihe wurde schlicht ignoriert und unsere liebe Monika, die f\u00fcr das Gesch\u00e4ftliche zust\u00e4ndig ist, leistete sich einen ph\u00e4nomenalen p\u00e4dagogischen Fehltritt.<br \/>\nNachdem sie mein alles andere als vollkommenes Erstlingswerk eben noch in den Himmel gehoben hatte, drehte sie sich zu meiner Tochter um und sagte: \u201eDein Buch will leider niemand haben. Tut mir leid.\u201c<br \/>\nHabe ich schon erw\u00e4hnt, dass Monika von Beruf Lehrerin ist?<\/p>\n<p><strong>8. Das Elend mit den Gef\u00fchlen<\/strong><\/p>\n<p>Nun, das alles ist nur ein kleiner Teil meiner merkw\u00fcrdigen Erlebnisse mit kreativen Gruppen. Aber ich will es vorerst dabei bewenden lassen.<br \/>\nVielleicht findet sich ein andermal die Gelegenheit, \u00fcber raffiniertes Mobbing zu reden.<br \/>\nDar\u00fcber, wie die Verantwortlichen bei Auszeichnungsveranstaltungen einen Saal vollkriegen &#8230;&nbsp; oder \u00fcber die fatalen Folgen von Alkoholmissbrauch und was f\u00fcr ein undefinierbarer ekliger Dreck da hochgesp\u00fclt wird.<br \/>\nWahrscheinlich k\u00f6nnte ich locker einen Band mit Anekdoten f\u00fcllen.<br \/>\nIch habe diesmal ganz bewusst recht h\u00e4ufige Ph\u00e4nomene ausgew\u00e4hlt, um zu zeigen, wie verlogen und zerbrechlich K\u00fcnstlergemeinschaften sein k\u00f6nnen. Obwohl einiges DDR-typisch daherkommt, k\u00f6nnte es doch mit kleinen Abweichungen \u00fcberall passiert sein.<br \/>\nIch h\u00f6re schon die \u00fcblichen Kommentare.<br \/>\n\u201eK\u00fcnstler sind alle Egomanen &#8230;&nbsp; da g\u00f6nnt einer dem anderen nicht das Salz in der Suppe.\u201c<br \/>\n\u201eVerr\u00fcckt und gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig sind sie!\u201c<br \/>\n\u201eDas wei\u00df doch jeder: Genie und Wahnsinn geh\u00f6ren zusammen.\u201c<br \/>\n\u201eAch, was hei\u00dft hier Genie? Das sind doch alles blo\u00df neidzerfressene kleine Japper.\u201c<br \/>\n\u201eJa, das ist wirklich sehr unappetitlich.\u201c<br \/>\n\u201eLohnt es sich \u00fcberhaupt, das Zeug von solchen Angebern zu lesen? Die sind doch sozial v\u00f6llig inkompetent und kriegen nicht einmal ihr eigenes Leben auf die Reihe.\u201c<br \/>\n\u201eWahrscheinlich nicht &#8230;\u201c<br \/>\nHier muss ich heftig intervenieren.<br \/>\nDas, was den Leser so abst\u00f6\u00dft, gibt es auch in anderen Berufsgruppen.<br \/>\nExperten sch\u00e4tzen zum Beispiel, dass in Deutschland ungef\u00e4hr 2,5 Millionen Menschen ganz konkret von Mobbing betroffen sind .<br \/>\nNeben solchen systematischen Feindseligkeiten nehmen sich die \u00fcblichen Reibereien und Gemeinheiten in Schreibzirkeln und Foren noch recht harmlos aus &#8230;&nbsp; obwohl auch da der \u00dcbergang zum Mobbing flie\u00dfend sein kann.<br \/>\nDie Ursachen von Mobbing und anderem Gez\u00e4nk werden so erkl\u00e4rt: \u201eSie reichen von Missgunst und Neid \u00fcber die Unsicherheit um die eigene Person bis hin zum bewussten Personalabbau via Mobbing. \u201e<br \/>\nNa, kommt Euch das bekannt vor?<br \/>\nUnd erkl\u00e4rt mir bitte nicht, dass ihr noch nie mit Eifersucht oder Neid auf eine reale oder eingebildete Zur\u00fccksetzung reagiert habt! So etwas glaube ich &#8230;&nbsp; unter Vorbehalt &#8230;&nbsp; nur vulkanischen Kohlinar-Meistern, und die sind leider nur eine Fiktion.<br \/>\nDie Frage ist nicht, ob ab und zu ein paar unappetitliche Emotionen in Euch hochkochen, sondern wie zivilisiert ihr damit umgeht, und das h\u00e4ngt unter anderem auch davon ab, wie wohl ihr euch in der eigenen Haut und Pers\u00f6nlichkeit f\u00fchlt.<br \/>\nWenn bereits ein paar &#8230;&nbsp; wenn auch kleine &#8230;&nbsp; Erfolge und reichlich positives Feedback vorhanden sind, f\u00e4llt es leichter, den eigenen Wert objektiv zu beurteilen und die peinlichen Gef\u00fchle erfolgreich zur\u00fcckzudr\u00e4ngen.<br \/>\nMir hilft es meist, in den eigenen Texten noch einmal zu bl\u00e4ttern und zu lesen. Dann komme ich regelm\u00e4\u00dfig zu dem Ergebnis, dass sie &#8230;&nbsp; wenn auch keinesfalls vollkommen &#8230;&nbsp; gar nicht mal schlecht sind und ich vor keinem \u201eBullenk\u00e4fer\u201c Angst haben muss.<br \/>\nKraft und kostbare Lebenszeit kostet es dennoch jedes Mal.<br \/>\nAber zur\u00fcck zur Frage, warum es gerade unter K\u00fcnstlern so viel Futterneid gibt!<br \/>\nEigentlich sind die Ursachen ganz simpel.<\/p>\n<p>1. Es gibt bedeutend mehr kreative Menschen als Ver\u00f6ffentlichungsm\u00f6glichkeiten und vor allem K\u00e4ufer. Ganz objektiv k\u00f6nnen nicht einmal alle, die es verdienen, den Wettlauf zur Futterkrippe gewinnen.<br \/>\n2. Es ist oft unverst\u00e4ndlich, warum manche Autoren von Verlagen und Kritikern \u201ehochgeschossen\u201c werden, und warum andere, die mindestens genauso gut sind, keinen Fu\u00df auf den Boden bekommen. Wahrscheinlich ist da viel \u201eVitamin B\u201c im Spiel. Ein Freund von mir tr\u00e4umt permanent davon \u201eHausautor\u201c bei einem renommierten Verlag zu werden, was ihm das Recht verleihen w\u00fcrde, im Schlafrock und mit Filzpantoffeln in das B\u00fcro seines Lektors spazieren zu d\u00fcrfen. Der arme Mann hat f\u00fcr seine einzige Buchver\u00f6ffentlichung eine Menge Geld hingebl\u00e4ttert und er hortet immer noch in seinem Keller ungef\u00e4hr tausend unverk\u00e4ufliche Exemplare.<br \/>\n3. Die Qualit\u00e4t von Kunst ist nicht wirklich messbar. Nach dem Aussondern von offensichtlichem Mist wird ein Ranking schwierig. Wer mir nicht glaubt, schaue sich einmal einen Wettbewerb im Eiskunstlaufen an. Die sportlichen Noten liegen f\u00fcr gew\u00f6hnlich dicht beieinander und die Noten f\u00fcr den k\u00fcnstlerischen Ausdruck differieren heftig. Jeder Kampfrichter oder Kritiker l\u00e4sst eben seine pers\u00f6nlichen Vorlieben oder Abneigungen f\u00fcr die Person und f\u00fcr den Stil des Dargebotenen einflie\u00dfen.<br \/>\n4. Kreative Menschen sind oft \u00fcberdurchschnittlich sensibel. Wer st\u00e4ndig feinsten Nuancen und Schwingungen nachsp\u00fcrt, h\u00f6rt schon einmal das Gras wachsen und die Fl\u00f6he husten &#8230;&nbsp; ich will sagen, er ist besonders schnell beleidigt und ger\u00e4t leichter als robustere Naturen in einen Strudel aus negativen Empfindungen.<br \/>\n5. Andererseits sind viele K\u00fcnstler ziemlich eitel, einige sogar offensichtlich narzisstisch. Narzissten k\u00f6nnen urpl\u00f6tzlich in ma\u00dflose Wut geraten, wenn jemand ihrem Claim zu nahe kommt oder ihre Vortrefflichkeit in Frage stellt. Seid ehrlich! Auch das m\u00fcsste uns allen ab und zu bekannt vorkommen.<\/p>\n<p>Ja, das ist schon ein beunruhigendes Gebr\u00e4u.<br \/>\n\u00dcber das Gebaren diverser unbegabter M\u00f6chtegernk\u00fcnstler breite ich lieber den Mantel christlicher Barmherzigkeit. Die sind noch ein paar Z\u00e4hne schlimmer als unsereins, weil ihnen auf jeden Fall die F\u00e4higkeit zur Selbstkritik komplett fehlt. Sonst w\u00fcrden sie n\u00e4mlich ihren uns\u00e4glichen Wortm\u00fcll nicht ist Web stellen.<\/p>\n<p><strong>9. Die ideale Gruppe<\/strong><\/p>\n<p>Was soll das denn sein?<br \/>\nEin Schwarm stromlinienf\u00f6rmiger gleichartiger Fische, die synchron durchs Wasser tanzen?<br \/>\nEine straff organisierte Einheit unter einem strengen Feldwebel?<br \/>\nEin wilder Haufen, wo jeder ohne R\u00fccksicht auf die Befindlichkeit der anderen seine Meinung herausrotzt?<br \/>\nOder doch eine zahme Herde kuscheliger Sch\u00e4fchen?<br \/>\nVergesst es!<br \/>\nIdeale sind nur Abstraktionen und erfolgreiche Autorengruppen funktionieren vermutlich auf ganz unterschiedliche Weise.<br \/>\nAufgrund von Pleiten, Pech und Pannen aus der Vergangenheit scheinen mir jedoch folgende Ratschl\u00e4ge wichtig zu sein:<\/p>\n<p>Haltet die Mitgliederzahl \u00fcberschaubar!<br \/>\nH\u00fctet euch vor Dilettanten!<br \/>\nEbenso, wie vor Missionaren und sonstigen Fanatikern!<br \/>\nNehmt niemanden auf, dessen Grundwerte mit euren v\u00f6llig inkompatibel sind.<br \/>\nKeine Privilegien f\u00fcr niemand!<br \/>\nNieder mit allen \u201eZirkelikonen\u201c !<br \/>\nMa\u00dflose Lobhudelei ist sch\u00e4dlich!<br \/>\nUnsachliche Kritik aber auch!<br \/>\nBleibt tolerant und freundlich!<br \/>\nLasst jedem Raum, damit er auf seine Art wachsen kann!<br \/>\nVermeidet innerhalb der Gruppe jedes Ranking!<br \/>\nUnd teilt geduldig alle Lasten und Chancen!<br \/>\nTrinkt ab und zu gemeinsam ein Bier.<br \/>\nAber besauft euch nicht zu sehr.<br \/>\nFeiert gemeinsam eure Ver\u00f6ffentlichungen und Geburtstage!<br \/>\nTr\u00f6stet euch gegenseitig bei Niederlagen!<br \/>\nUnd werdet bei Erfolgen nicht arrogant!<\/p>\n<p>Tja &#8230;&nbsp; sagt mir bitte Bescheid, wenn ich was Wichtiges vergessen habe.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>K\u00fcnstler bilden gern Gemeinschaften, aber die sind nicht immer stabil.<br \/>\nSowohl die komplizierten K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeiten als auch die harten Bedingungen des Literaturmarktes k\u00f6nnen als Zentrifugalkr\u00e4fte wirken.<br \/>\nDas Vorziehen Einzelner kann peinliche Gef\u00fchle wie Neid und Hass zur Folge haben.<br \/>\nIkonen und Herzk\u00f6niginnen sind gef\u00e4hrlicher, als man denkt.<br \/>\nObwohl sie oft v\u00f6llig unschuldig sind.<br \/>\nDas Mantra f\u00fcr alle lautet: Toleranz und Gerechtigkeit.<br \/>\nToleranz und Gerechtigkeit.<br \/>\nToleranz und Gerechtigkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Referenzen:<\/em><\/p>\n<p><em>Der Trib\u00fcne Verlag geh\u00f6rte der DDR-Einheitsgewerkschaft FDGB.<\/em><\/p>\n<p><em>Bekannter DDR-Lyriker<\/em><\/p>\n<p><em>Freier Deutscher Gewerkschaftsbund &#8230;&nbsp; die DDR &#8211; Einheitsgewerkschaft<\/em><\/p>\n<p><em>Martin Wolmerath: Mobbing, WEKA Media GmbH &amp; Co. KG 2008, Lizenzausgabe f\u00fcr Jokers restseller Augsburg, S. 5<\/em><\/p>\n<p><em>Martin Wolmerath: Mobbing, WEKA Media GmbH &amp; Co. KG 2008, Lizenzausgabe f\u00fcr Jokers restseller Augsburg, S. 31<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00a9 2008 by Anneliese Wipperling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hier geht es um Schreibzirkel und Autorengruppen &#8211; und noch viel mehr: Triumphe und Niederlagen, Chancen und Gerechtigkeit, unangemessene Gef\u00fchle und den einzig angemessenen Umgang damit. Es geht darum, was st\u00e4ndige Frustration aus einem Menschen machen kann. Um Abh\u00e4ngigkeit, Rangordnung und Futterneid &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ca_portfolio_gallery_project_year":"","ca_portfolio_gallery_client":"","ca_portfolio_gallery_skills":"","ca_portfolio_gallery_url":"","ngg_post_thumbnail":0},"categories":[77],"tags":[47,92,124],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/210"}],"collection":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=210"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/210\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3846,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/210\/revisions\/3846"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=210"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=210"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=210"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}