{"id":208,"date":"2009-01-18T20:29:58","date_gmt":"2009-01-18T19:29:58","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=208"},"modified":"2025-05-13T18:59:55","modified_gmt":"2025-05-13T18:59:55","slug":"die-missionare-sind-unter-uns","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=208","title":{"rendered":"Die Missionare sind unter uns"},"content":{"rendered":"<p><em>Ein Missionar ist so sehr von der Richtigkeit seiner Ansichten und Werte \u00fcberzeugt, dass er jederzeit bereit ist, sie seinen Mitmenschen \u00fcberzust\u00fclpen. Jeder K\u00fcnstler muss sich gegen sie wehren, wenn er seine Eigenst\u00e4ndigkeit bewahren will. Doch wie erkennt man die Missionare unter uns &#8211; und vor allem: Wie wappnet man sich gegen sie?<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch, wie es kurz nach der Wende war. Da klingelte es recht oft zu Zeiten, wo ich keinen Besuch erwartete. Meist war ich nicht pr\u00e4sentabel angezogen, gab mich gerade einer ausf\u00fchrlichen Sitzung auf der Toilette hin oder das Essen brutzelte und bedurfte meiner vollen Aufmerksamkeit. Wenn ich dann etwas unwillig nachschaute, wer der St\u00f6renfried war, stand ein Fremder vor der T\u00fcr.<br \/>\nDie \u201eErnsten Bibelforscher\u201c waren meist \u00e4ltere Frauen oder M\u00e4nner vom Kittelsch\u00fcrzentyp. Okay, M\u00e4nner tragen keine Kittelsch\u00fcrzen, aber irgendwie gibt es Typen, denen w\u00fcrden sie auch stehen. Jedenfalls tragen sie ebenso wie manche Frauen sehr selbstbewusst einen \u201eNicht-Sexappael\u201c vor sich her.<br \/>\n\u201eSeht, wir sind jenseits von Gut und B\u00f6se! Wir dienen dem Herrn oder der Reinlichkeit &#8230;&nbsp; oder sonst irgendeiner heiligen Pflicht.\u201c<br \/>\nDie Kittelsch\u00fcrzentypen habe ich immer gern abgewimmelt, indem ich mich besonders gottlos gab. Wahrscheinlich beten einige von ihnen immer noch f\u00fcr das Heil meiner Seele.<br \/>\nDann gab es noch die korrekt schwarz gewandeten J\u00fcnglinge von irgendwelchen amerikanischen Sekten. Die traten in Rudeln auf und sahen nicht so aus, als w\u00fcrde man sie leicht erschrecken k\u00f6nnen, sodass ich lieber wortlos die T\u00fcr vor ihren bleichen spitzen Nasen zugeknallt habe.<br \/>\nEs dauerte eine Weile, bis ich verstand, dass manche Staubsaugervertreter auch Missionare sind, ebenso wie gewisse Versicherungsagenten, Agitatoren an Infost\u00e4nden von Parteien und Organisationen und &#8230; und &#8230; und &#8230;<br \/>\nJa, das ist alles ziemlich offensichtlich und deshalb leicht abzuwehren.<br \/>\nWas aber, wenn ein guter Freund oder ein gesch\u00e4tzter Kollege sich als Missionar entpuppt?<br \/>\nWas f\u00fcr Optionen gibt es da?<br \/>\nWie entkommt man denen am besten?<br \/>\nUnd was zum Kuckuck hat das mit dem Schreiben zu tun?<br \/>\nIhr werdet schon sehen!<\/p>\n<p><strong>1. Die Grundausstattung<\/strong><\/p>\n<p>Ein Missionar ist ein f\u00fchlendes und\/oder denkendes Lebewesen (nur f\u00fcr den Fall, dass es da drau\u00dfen auch Aliens gibt), das sich unlogischerweise im Besitz der alleinigen Wahrheit w\u00e4hnt und das dringende Bed\u00fcrfnis versp\u00fcrt, andere Lebewesen zu seinen heiligen Weisheiten zu bekehren.<br \/>\nDabei ist es egal, ob es sich um das beste Buch oder den besten Film aller Zeiten, die einzigen lebensverl\u00e4ngernden Pillen, den gr\u00fcndlichsten Staubsauger im Universum oder eben den wahren Gott handelt.<br \/>\nJeder Missionar erwartet, dass du alles stehen und liegen l\u00e4sst, deinen bisherigen Hausrat und deine eigenen heiligen B\u00fccher in den M\u00fcll schmei\u00dft und zum gl\u00e4ubigen dem\u00fctigen J\u00fcnger der neuen Lehre konvertierst.<br \/>\nWenn du dazu nicht bereit bist und es nicht schaffst, ihm rechtzeitig die T\u00fcr vor der Nase zuzuknallen, steht dir ein endloser verbaler Kampf bevor, den du auch mit noch so guten Argumenten nicht gewinnen kannst.<br \/>\nMissionare sind immer \u00e4u\u00dferst redegewandt, ohne ihrem Gegen\u00fcber jemals ernsthaft zuzuh\u00f6ren. Sie nehmen das Missionierungsobjekt nicht als (gleichwertige) Person wahr und lauern nur auf kleine Ungereimtheiten in dem, was es sagt, um sofort einhaken und einen ihrer vorgefertigten Monologe abspulen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nMissionare treffen manchmal auf Seelen, die nach geistiger F\u00fchrung d\u00fcrsten. Das sind ihre Sternstunden, wo sie zu Hochform auflaufen und die neuen Sch\u00e4flein jubelnd der eigenen Herde zuf\u00fchren k\u00f6nnen.<br \/>\nBei Menschen bzw. Lebewesen mit ausgepr\u00e4gter eigener Identit\u00e4t erregen Missionare eher Unbehagen und Ablehnung bis hin zu massiver Feindseligkeit.<br \/>\nWahrscheinlich ist dies der Grund, weshalb fr\u00fcher so viele Missionare in den M\u00e4gen von Kannibalen gelandet sind oder besonders unangenehme Todesarten erleiden mussten.<br \/>\nDas ist eben Berufsrisiko.<br \/>\nDie heutigen Staubsaugervertreter und Gurus haben es da leichter, weil die Menschheit zivilisierter geworden ist und weil es inzwischen eine Menge Vegetarier gibt.<br \/>\nAndererseits steht den Missionaren von heute keine m\u00e4chtige Inquisition mehr zur Seite, die ihnen durch das Foltern und Verbrennen der Ungl\u00e4ubigen wenigstens zu Lippenbekenntnissen und Scheinerfolgen verhelfen kann. Und die f\u00fcr jeden verspeisten Missionar hundert Eingeborene auf kleinem Feuer r\u00f6sten l\u00e4sst.<br \/>\nIch fasse, damit ihr die Heidenbekehrer besser erkennen k\u00f6nnt, noch einmal zusammen: Der typische Missionar ist begeistert, \u00e4u\u00dferst redegewandt und v\u00f6llig resistent gegen\u00fcber Argumenten. Man erkennt ihn an einem besonders seelenvollen oder eindrucksvoll glitzernden Blick. Und er mag es gar nicht, wenn man ihm widerspricht.<\/p>\n<p><strong>2. Wie wird man eigentlich Missionar?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, in der Jugend neigen wir fast alle ein wenig dazu. Die naive Unkenntnis \u00fcber die Schlampigkeit der realen Welt &#8230;&nbsp; oder die Scham und der Zorn \u00fcber diesen unw\u00fcrdigen Zustand &#8230;&nbsp; l\u00e4sst uns von Reinheit und purem Licht tr\u00e4umen.<br \/>\nW\u00e4re es nicht toll, wenn unsere liebsten Popikonen auf allen Kan\u00e4len tr\u00e4llern w\u00fcrden oder im Fernsehen \u00fcberall Star Trek Nonstop laufen w\u00fcrde?<br \/>\nWenn es z. B. nur noch gut gebaute Wei\u00dfe g\u00e4be?<br \/>\nOder engelhafte Musiksch\u00fclerinnen den Geigenbogen schwingen w\u00fcrden?<br \/>\nKinder und Teenager kennen nur Schwarz und Wei\u00df, Sie haben Hasslisten f\u00fcr Feinde aller Art: Andersdenkende, Leute mit den falschen Klamotten, der falschen Hautfarbe, dem falschen Musikgeschmack.<br \/>\nAber Kinder und Jugendliche sind normalerweise keine Missionare, weil sie selbst machtlos sind und der Hass ziemlich unartikuliert in ihnen brodelt.<br \/>\nAllerdings k\u00f6nnen sie leicht dazu missbraucht werden.<br \/>\nAls Kind war ich eine Zeit lang gl\u00e4ubig und da ich die Sache mit Fegefeuer und H\u00f6lle f\u00fcr real hielt, war ich sehr besorgt um das Seelenheil meiner Eltern. Die lie\u00dfen allerdings meinen missionarischen Eifer ins Leere laufen und am\u00fcsierten sich k\u00f6stlich \u00fcber meine lauten Abendgebete und vor allem meine Ges\u00e4nge.<br \/>\nDazu muss man wissen, dass ich so unmusikalisch bin, dass bei Notendiktaten au\u00dfer dem Notenschl\u00fcssel alles falsch war. Wenn ich nicht so einen gutm\u00fctigen Musiklehrer gehabt h\u00e4tte, der mir reichlich Gelegenheit gab, meine F\u00fcnfen zu kompensieren &#8230; aber ich schweife ab.<br \/>\nJedenfalls brauchte ich, nachdem mein christlicher Glaube wegen des naturwissenschaftlichen Unterrichts nicht mehr richtig lebensf\u00e4hig war, etwas Neues, woran ich mich festhalten konnte. Was konnte das anderes sein, als die wissenschaftliche Weltanschauung der gro\u00dfen Vordenker Marx, Engels und Lenin.<br \/>\nJa, ich denke, damals war ich auch eine Missionarin und meine weniger perfekt indoktrinierten Mitsch\u00fcler h\u00e4tten mich vielleicht auch ganz gern gebraten. Nat\u00fcrlich war ich eine Nervens\u00e4ge, aber die Staatsmacht stand hinter mir und machte mich stark.<br \/>\nAllerdings war ich nicht wirklich f\u00fcr diesen Beruf geboren, denn ich schaffte es genau wie beim ersten Mal (ihr wisst schon, meine fromme Phase) wieder nicht, alles, was mich vom \u201ewahren Weg\u201c abbringen konnte, konsequent auszublenden.<br \/>\nDas Ergebnis war die neuerliche S\u00fcnde des Zweifelns &#8230;&nbsp; nur dass es diesmal ein wenig leichter war, weil mir, solange ich den Mund hielt, nichts passieren konnte.<br \/>\nGanz im Gegensatz zu H\u00f6lle und Fegefeuer, die einem &#8230;&nbsp; weil Gott per Definition alles merkt &#8230;&nbsp; schon f\u00fcr ketzerische Gedanken bl\u00fchten.<br \/>\nDie Creme de la Creme in der DDR war der Meinung, dass die sozialistische Moral nur f\u00fcr das Fu\u00dfvolk galt, predigten Wasser und soffen Wein &#8230;&nbsp; bzw. priesen die sozialistische Produktion und trugen schamlos Westklamotten. Ja, sie tranken sogar Nescaf\u00e9 und knabberten Ritter Sport, wie eifrige M\u00fcllforscher in Wandlitz herausfanden.<br \/>\nWahrscheinlich bin ich zu kleinlich und nicht dem\u00fctig genug, um solche Privilegienwirtschaft guthei\u00dfen zu k\u00f6nnen und ich mag auch keine strukturellen Ungerechtigkeiten.<br \/>\nJedenfalls gingen mir schon lange vor der Wende, viele wichtige Eigenschaften eines Missionars verloren: \u00dcberzeugungskraft, Begeisterung, Standhaftigkeit &#8230;&nbsp; und jenes Ma\u00df an Engstirnigkeit, ohne das man sich gar nicht erst ins Gefecht wagen sollte.<br \/>\nWeshalb ich euch das erz\u00e4hle?<br \/>\nNun, in einem bestimmten Alter kann man leicht zum Handlanger gewisser Rattenf\u00e4nger werden. Sp\u00e4ter gibt es daf\u00fcr eigentlich keine Rechtfertigung mehr.<br \/>\nErwachsene Missionare sind entweder Heuchler, die entgegen ihrer zur Schau gestellten Selbstlosigkeit handfeste Vorteile anstreben, oder sie sind aus den verschiedensten Gr\u00fcnden nicht zu kritischem Denken f\u00e4hig.<br \/>\nM\u00f6glicherweise zwingt sie ihr Narzissmus dazu, nur die eigenen geistigen Erg\u00fcsse f\u00fcr bedeutsam zu halten, oder sie sind in ihrer emotionalen Entwicklung im Teenageralter steckengeblieben. Manchmal mag auch ein niedriger Intelligenzquotient im Spiel sein.<br \/>\nAuf jeden Fall k\u00f6nnen Missionare gef\u00e4hrlich sein &#8230;&nbsp; entweder, weil sie unsere Geldbeutel schr\u00f6pfen, indem sie uns zu unsinnigen Eink\u00e4ufen verf\u00fchren oder weil sie uns die geistige Freiheit und damit einen Teil unserer Pers\u00f6nlichkeit stehlen.<br \/>\nWenn es um Religionen oder Ideologien geht, kann der Kontakt mit Missionaren sogar lebensgef\u00e4hrlich sein.<\/p>\n<p><strong>3. Was passiert, wenn man dem nachgibt?<\/strong><\/p>\n<p>Seelisch und geistig wenig gefestigte Menschen sind vermutlich ganz froh, wenn jemand ihnen die Welt erkl\u00e4rt und sie schlucken auch viel lieber geistiges Fastfood, statt selbst zu denken.<br \/>\nSelber Denken verursacht schlie\u00dflich nur unn\u00f6tige Konflikte &#8230;&nbsp; mit den Eltern, dem Partner, der Clique &#8230;&nbsp; oder dem sozialen Biotop, in dem man sich gerade wohl f\u00fchlt oder wo man gern dazugeh\u00f6ren m\u00f6chte.<br \/>\nViele merken nicht einmal, wie sehr ihr Geist verst\u00fcmmelt und verbogen wird, dass ihnen Jazz eigentlich lieber ist als Beethoven, dass sie mit abstrakter Malerei nicht wirklich etwas anfangen k\u00f6nnen &#8230;&nbsp; und dass sie den schwarzen Asylbewerber nicht abscheulich sondern interessant und sexy finden.<br \/>\nSie sind irgendwann einem Missionar gefolgt, der sie zu seiner Herde gef\u00fchrt hat, und k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, diese kuschelige Gemeinschaft Gleichgesinnter aufzugeben.<br \/>\nGemeinschaften, die aus freien Individuen bestehen, sind n\u00e4mlich niemals so stromlinienf\u00f6rmig. Da treten schon mal heftige Meinungsverschiedenheiten auf, da wird gestritten, bis ein f\u00fcr alle akzeptabler Kompromiss gefunden ist &#8230;&nbsp; oder bis alle eingesehen haben, dass beide Meinungen ihre Berechtigung haben, weil es gar keine absolute Wahrheit gibt.<br \/>\nSo, wie das Licht als Welle und als Teilchen beschrieben werden kann.<br \/>\nF\u00fcr die Missionare ist so etwas nat\u00fcrlich ein Graus!<br \/>\nUnd auch f\u00fcr seine Sch\u00e4fchen, die sich nach geistiger F\u00fchrung sehnen.<\/p>\n<p><strong>4. Und wie wehrt man sich am besten?<\/strong><\/p>\n<p>Ja, das kommt darauf an. Vertreter f\u00fcr Staubsauger, Religionen und Versicherungspolicen l\u00e4sst man am besten gar nicht erst rein &#8230;&nbsp; und wenn sie den Fu\u00df in den T\u00fcrspalt stecken, darf man kr\u00e4ftig drauftreten, denn so etwas ist Hausfriedensbruch.<br \/>\nSchlimmer ist es, wenn die Missionare zur Familie oder zum Freundeskreis geh\u00f6ren, denn da bestehen emotionale Bindungen, die leicht ausgenutzt werden k\u00f6nnen.<br \/>\nSolche \u00dcbergriffe fangen schon mit scheinbaren Kleinigkeiten an.<br \/>\n\u201eHast du Buch oder Film XY schon gesehen? Das musst du unbedingt! Schlie\u00dflich gibt es keinen besseren Autor oder Regisseur auf der Welt!\u201c<br \/>\nOder eine Doktrin: \u201eEs ist wichtig, seine Gef\u00fchle jederzeit herauszulassen. Jede Art der Selbstkontrolle ist unnat\u00fcrlich.\u201c<br \/>\nOder eine absch\u00e4tzige Bemerkung: \u201eAlle Menschen sind Soziopathen. Bilde dir nur nicht ein, dass du normal bist. Normalit\u00e4t gibt es in Wirklichkeit gar nicht.\u201c<br \/>\nDa lie\u00dfen sich nat\u00fcrlich noch unendlich viele andere Aussagen finden, die darauf abzielen, dass man seine Vorlieben oder Wertvorstellungen beiseiteschieben und sich dem selbst ernannten Guru unterwerfen soll.<br \/>\nDie erste Bemerkung ist scheinbar harmlos &#8230;&nbsp; aber sie diskreditiert in ihrer Absolutheit deinen eigenen Geschmack und signalisiert, dass der Freund oder Verwandte deine Vorlieben f\u00fcr irrelevant h\u00e4lt. Sicher ist hier oft viel Begeisterung im Spiel, aber je absoluter der Lobpreis der eigenen Favoriten ausf\u00e4llt, um so misstrauischer sollte man sein.<br \/>\nDie ganze Sache w\u00e4re v\u00f6llig harmlos, wenn dein Gegen\u00fcber sich erst nach deinen neuesten Lese- und Kinoerfahrungen erkundigt, deinen Schilderungen aufmerksam zuh\u00f6rt und dann eventuell sagt: \u201eDas klingt sehr interessant und vielleicht lese ich das tolle Buch irgendwann oder schau mir Film XY an, solange er noch im Kino l\u00e4uft &#8230;&nbsp; aber wei\u00dft du, da hat mir k\u00fcrzlich auch etwas ganz gro\u00dfartig gefallen. M\u00f6chtest du dir die DVD oder das Buch eventuell ausleihen?\u201c<br \/>\nDas ist ein Austausch auf Augenh\u00f6he, wie er fairer nicht ablaufen k\u00f6nnte.<br \/>\nVielleicht hilft es, den missionierenden Freund darauf aufmerksam zu machen, dass ein wenig ausgleichende Gerechtigkeit das Gespr\u00e4ch beleben und der Freundschaft gut tun w\u00fcrde. Dass Zuh\u00f6ren genauso wichtig wie Reden ist.<br \/>\nVielleicht steckt ja keine b\u00f6se Absicht hinter dem alles niederwalzenden Redeschwall. Vielleicht ist ja ein dominanter Bruder, der deinen Freund nie zu Wort kommen lie\u00df, daran schuld, dass er andere nicht ausreden l\u00e4sst. Oder er ist zu nerv\u00f6s, um sich auf sein Gegen\u00fcber konzentrieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nOb sich das im Gespr\u00e4ch kl\u00e4ren l\u00e4sst, h\u00e4ngt von der Situation und den Beteiligten ab.<br \/>\nJedenfalls darf man sich Bevormundung nicht gefallen lassen, sonst wird sie zur Gewohnheit und vergiftet die Beziehung. Kommt es zu sp\u00e4t zum Streit, kann der sehr leicht eskalieren. Bei Freunden, die dauerhaft darauf bestehen, den Missionar zu spielen, ist ein ausreichender Sicherheitsabstand angebracht.<br \/>\nIch wei\u00df, das h\u00f6rt sich leichter an, als es ist &#8230;<br \/>\nScheinbar beil\u00e4ufige \u00dcbergriffe auf Wertvorstellungen wiegen allerdings bedeutend schwerer als das hochm\u00fctige Anpreisen der eigenen Vorlieben.<br \/>\nWie soll jemand, dem es wichtig ist, in jeder Situation seine W\u00fcrde zu wahren, es verstehen, wenn ihm gesagt wird, dass Borderlinepatienten die besseren Menschen und \u201edie drau\u00dfen\u201calle krank w\u00e4ren?<br \/>\nIst das nicht ein derber Schlag ins Gesicht? Ein offener Angriff auf seine Wertvorstellungen?<br \/>\nLetztendlich ist es doch egal, ob jemand cool sein will, weil er Vulkanierfan ist &#8230;&nbsp; oder ob er als Kind gern Indianerb\u00fccher gelesen hat.<br \/>\nDie stolze Geste hilft diesem Menschen beim \u00dcberleben. Er k\u00f6nnte sich selbst nicht mehr in die Augen sehen, wenn er in einem Konflikt mit Schreien, wildem Herumfuchteln oder Grimassen reagieren w\u00fcrde. Es steht ihm zu, jeden in die Schranken zu weisen, der ihn, wie auch immer, dazu verleiten will, sich undiszipliniert und w\u00fcrdelos zu verhalten &#8230;&nbsp; und denjenigen, der das schafft, wenigstens zeitweise ein bisschen zu hassen.<br \/>\nWas hier abl\u00e4uft, ist destruktiv und sehr gef\u00e4hrlich. Es kann aus Freunden erbitterte Feinde machen &#8230;&nbsp; und wahrscheinlich sogar zu Mord und Totschlag f\u00fchren.<br \/>\nZumal eine unsensible dominante Haltung des einen Gespr\u00e4chspartners zu entsprechend heftigen und ebenso unfeinen Gegenreaktionen f\u00fchrt. Am Ende ist gar nicht mehr feststellbar, wer mit dem Bl\u00f6dsinn angefangen hat.<br \/>\nAber was tun, um das Schlimmste zu verhindern?<br \/>\nJedes Mal sofort reagieren, wenn die eigene Identit\u00e4t angekratzt wird?<br \/>\nAber manchmal ist einem selbst nicht klar, weshalb man pl\u00f6tzlich so ver\u00e4rgert ist.<br \/>\nSich ein St\u00fcck zur\u00fcckziehen, um Verletzungen zu entgehen?<br \/>\nBeziehungen, die mehr Schmerz und Frustration als gegenseitige Bereicherung bringen, einfach abbrechen?<br \/>\nUnd was ist, wenn man den Anderen sehr mag &#8230;<br \/>\nAch, Freunde, das wei\u00df ich doch selbst nicht &#8230;&nbsp; und wahrscheinlich gibt es gar kein Rezept gegen die \u00dcbergriffe der Missionare und die Einbu\u00dfe an Lebensfreude, die solche Gespr\u00e4che mit sich bringen &#8230;<br \/>\nPasst trotzdem auf, dass euch niemand verbal \u00fcberrollt.<\/p>\n<p><strong>5. Und die Literaten<\/strong><\/p>\n<p>Unter K\u00fcnstlern gibt es besonders viele Missionare und Gurus. Das liegt in der Natur der Sache, weil schon ein dickes Ego n\u00f6tig ist, um ein Werk zu vollenden und sich damit an die \u00d6ffentlichkeit zu wagen.<br \/>\nDie einen folgen Vorbildern oder geh\u00f6ren zu Schulen und Gruppen &#8230;&nbsp; pflegen einen ganz bestimmten &#8230; Ismus.<br \/>\nDie anderen haben sich bestimmte Ansichten und Fertigkeiten m\u00fchsam erarbeitet und wollen sich das auf keinen Fall kaputtmachen lassen.<br \/>\nAnders ausgedr\u00fcckt: Ein fettes Ego und ein bisschen Narzissmus sind f\u00fcr einen K\u00fcnstler lebensnotwendig, sonst kann er seinen Weg nicht aufrecht gehen. Zuviel davon ist jedoch sch\u00e4dlich, weil er dann auf seine eigene Innenwelt zur\u00fcckgeworfen wird und Fehler nicht mehr korrigieren kann.<br \/>\nWieder so eine verdammte Gratwanderung!<br \/>\nJedenfalls erkl\u00e4rt das, warum K\u00fcnstler aller Art manchmal auch dann, wenn sie von der Pers\u00f6nlichkeitsstruktur her gar keine Missionare sind, aggressiv und streitlustig reagieren. Das kommt daher, dass ihre Ideen zur Substanz ihrer Pers\u00f6nlichkeit geh\u00f6ren und ein Angriff darauf unter Umst\u00e4nden nicht weniger bedrohlich wirkt, als ein gez\u00fccktes Messer.<br \/>\nAndererseits spielen pers\u00f6nliche Eitelkeit und Rangordnungsgebaren in diesem Biotop eine besonders wichtige Rolle. Da wird gekr\u00e4ht, bis die Trommelfelle der Zuh\u00f6rer platzen, da werden knallbunte k\u00fcnstliche und dezent gemusterte echte Federn um die Wette gespreizt, da werden die eigenen Texte schamlos hochgejubelt und die Arbeiten des vermeintlichen Gegners mit Krallen und Z\u00e4hnen zerrissen.<br \/>\nLeider ist der Wert von Kunst nicht wirklich messbar, was dazu f\u00fchrt, dass die Protagonisten sich gegenseitig in schamloser Eigenwerbung und wildem Gemetzel \u00fcberbieten.<br \/>\nLiteratenfreundschaften sind kompliziert, das habe ich mehrmals am eigenen Leib erfahren m\u00fcssen. Manche Freundschaft dauert nur solange an, wie man sich vom \u201egro\u00dfen Meister\u201c missionieren l\u00e4sst.<br \/>\nAndere sind von Neid und unterschwelligem Hass vergiftet.<br \/>\nAm ehesten funktionieren noch Freundschaften unter etwa gleich starken Kollegen &#8230;&nbsp; und auch das nur, wenn sich die Beteiligten ganz bewusst um Fairness bem\u00fchen.<br \/>\nWenn das gelingt &#8230; ich kann nur sagen, dass es nichts Sch\u00f6neres und Inspirierenderes gibt, als K\u00fcnstlerfreundschaften auf Augenh\u00f6he.<br \/>\nDeshalb ist es so wichtig, den Missionaren das Handwerk zu legen.<br \/>\nUnd den Anf\u00e4ngen zu wehren.<\/p>\n<p><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ein Missionar ist so sehr von der Richtigkeit seiner Ansichten und Werte \u00fcberzeugt, dass er jederzeit bereit ist, sie seinen Mitmenschen \u00fcberzust\u00fclpen &#8230;&nbsp; notfalls auch mit Gewalt.<br \/>\nEr reagiert mit Wut und Hass, wenn man ihm Einhalt gebietet.<br \/>\nSobald hinter dem Missionar eine reale Macht steht, kann er sehr gef\u00e4hrlich werden.<br \/>\nVorsicht ist bei pers\u00f6nlichen Beziehungen geboten, weil es besonders schwer ist, sich gegen jemanden zu wehren, den man kennt oder gar liebt.<br \/>\nWenn K\u00fcnstlerfreunde es schaffen, ihre Eitelkeit und ihren Narzissmus zu z\u00fcgeln und auf das Missionieren weitgehend zu verzichten, k\u00f6nnen sie etwas unglaublich Sch\u00f6nes erleben: die \u00fcberaus fruchtbare Begegnung Gleichgesinnter auf Augenh\u00f6he.<\/p>\n<p>\u00a9 2008 by Anneliese Wipperling<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Missionar ist so sehr von der Richtigkeit seiner Ansichten und Werte \u00fcberzeugt, dass er jederzeit bereit ist, sie seinen Mitmenschen \u00fcberzust\u00fclpen. 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