{"id":201,"date":"2008-03-22T20:16:34","date_gmt":"2008-03-22T19:16:34","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=201"},"modified":"2025-05-13T19:04:06","modified_gmt":"2025-05-13T19:04:06","slug":"es-werde-gott","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=201","title":{"rendered":"Es werde Gott"},"content":{"rendered":"<p><i>In ferner Zukunft droht das gesamte Universum im Chaos zu versinken: Naturgesetze verlieren ihre G\u00fcltigkeit, Lebewesen sterben. Die Umahaij-Meister Heylas erfahren, wie die Kathastrophe aufgehalten werden kann \u2013 aber daf\u00fcr ist ein schreckliches Opfer n\u00f6tig \u2026 <\/i><b><\/b><\/p>\n<p><b>SF-Story von Anneliese Wipperling<\/b><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zehn alabasterne Thronsessel stehen seit Heylanergedenken auf dem glasig aufgeschmolzenen, schwarzen Gipfel des Mount Karanah. Ihr schimmerndes Wei\u00df hebt sich auf wundersame Weise vom dunklen Untergrund ab. Niemand kann sagen, wer sie dorthin geschafft hat. Einige Historiker vermuten, dass es Sklaven der bronzezeitlichen Sonnenpriester waren. Aber sie k\u00f6nnen nicht erkl\u00e4ren, mit welcher Technik die schweren Quader vom Ufer des Makkameeres quer durch die s\u00fcdliche W\u00fcste transportiert und den fast senkrechten Hang hinaufgehievt wurden. Die in den harten Obsidian gehauenen Kerben taugen gerade noch notd\u00fcrftig als Halt f\u00fcr die H\u00e4nde und F\u00fc\u00dfe. Eine b\u00f6se Legende erz\u00e4hlt, dass die Priester, wenn sie alt und schwach wurden, irgendwann abrutschten und in die Tiefe st\u00fcrzten &#8211;&nbsp; in eine infame Metapher auf den Abgrund ohne Wiederkehr.<br \/>\nIrgendwann h\u00f6rten die Heylaner auf, mit ihrer gef\u00e4hrlichen Sonne zu sprechen und die wei\u00dfen Thronsessel verwaisten f\u00fcr viele Jahrhunderte. Bis der gro\u00dfe Erneuerer Ennu kam und dem Leben einen neuen Sinn verlieh.<br \/>\nSeitdem versammeln sich auf dem heiligen Berg regelm\u00e4\u00dfig die zehn gr\u00f6\u00dften Umahaij-Meister. Sie sprechen \u00fcber den Zustand der heylanischen Gesellschaft, \u00fcber neue Methoden zur Disziplinierung des Geistes, \u00fcber den Gesang des Kosmos und das Pl\u00e4tschern der Wellen im Meer der verlorenen Umahs. Inzwischen lassen sie sich von den Nulltransportern ihrer Wohnorte direkt vor ihre angestammten Thronsessel transferieren, was dazu f\u00fchrt, dass dort oben inzwischen auch gebeugte kraftlose Greise sitzen.<br \/>\nEinfache Heylaner schauen zuweilen ehrf\u00fcrchtig zu dem schwarzen Gipfel empor. \u201eIhre Weisheit wird die Liga friedlicher Welten erleuchten.\u201c<br \/>\n\u201eWer braucht diese autorit\u00e4ren Grauk\u00f6pfe \u00fcberhaupt noch?\u201c kontern die inzwischen recht h\u00e4ufigen Freigeister. \u201eWir k\u00f6nnen auf ihre mentalen Zuchtruten verzichten.\u201c<br \/>\n\u201eNicht alle Umahaij-Meister sind alt\u201c, murmeln dann jedes Mal junge Frauen und M\u00e4nner versonnen. \u201eEs gibt einen, der so makellos sch\u00f6n ist, dass unser Blut zu sieden beginnt, wenn wir nur an ihn denken.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist aber der \u00e4lteste von allen\u201c, h\u00f6hnen ihre Liebsten. \u201eEr ist ein Sohn der W\u00fcste und ein Ah\u00c2\u00b4Maral &#8211;&nbsp; unerreichbar f\u00fcr alle, die nicht in seiner Bruderschaft sind.\u201c<br \/>\n\u201eJa, wir wissen, wie das bei den Kriegern ist\u201c, denken die jungen Leute still. \u201eSie d\u00fcrfen sich nur untereinander paaren. Unser Blut singt dennoch.\u201c<br \/>\n\u201eIhr seid noch d\u00fcmmer als l\u00e4ufige Esumis!\u201c knurren ihre Partner beleidigt.<br \/>\nDann h\u00f6rt man nur noch das trockene Zischeln des Windes.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Auf dem Gipfel pfeift der Wind kr\u00e4ftiger und die Glasv\u00f6gel kreisen gern um die uralten Thronsessel. Manchmal lassen sie auch ihre Verdauungsprodukte darauf fallen, weshalb die Umahaij-Meister es selten vers\u00e4umen, reichlich Reinigungst\u00fccher zu ihren Treffen mitzunehmen. Auch diesmal inspizieren die w\u00fcrdigen Heylaner, zu denen sich die flirrenden S\u00e4ulen verdichten, sorgf\u00e4ltig ihre Stammpl\u00e4tze, bevor sie sich leise seufzend in ihnen niederlassen. Als alle da sind, kann das \u00fcbliche Ritual beginnen.<br \/>\n\u201eIch, Madras aus dem Hause Kinsai, bin der \u00c3\u201elteste der gro\u00dfen Zehn\u201c, verk\u00fcndet ein gro\u00dfer schwarzer Mann mit glattem Gesicht und gr\u00fcn leuchtenden Augen ernst. \u201eIch leite, wie es seit dem gro\u00dfen Wandel Brauch ist, diese Versammlung.\u201c<br \/>\nSein offener wei\u00dfer Mantel eines Kriegers der Turuska leuchtet heller als der Alabaster. Darunter tr\u00e4gt er nur eine enge schwarze Kniehose und einen glitzernden Waffeng\u00fcrtel, in dem wie immer Dolche und Handlaser stecken. Auf seiner athletischen Brust spreizt ein Adler aus Lapislazuli seine Fl\u00fcgel. Es ist keinerlei Anma\u00dfung in seinen Worten sp\u00fcrbar &#8211;&nbsp; er beansprucht nur die W\u00fcrde, die ihm zusteht.<br \/>\nJetzt beeilen sich weitere Umahaij-Meister, Heyla und dem flimmernden Horizont ihre Namen und ihren besonderen Wert mitzuteilen.<br \/>\n\u201eHrendahl aus dem Hause Markab\u201c, sagt ein zierlicher hellbrauner Mann mittleren Alters mit pechschwarzen Augen selbstbewusst. \u201eIch bin der St\u00e4rkste von allen.\u201c<br \/>\n\u201eMauro aus dem Hause Bollah.\u201c Die bleichen Z\u00fcge des gro\u00dfen alten Mannes wirken edel und arrogant zugleich. \u201eMein Haus ist das bedeutendste.\u201c<br \/>\nEin b\u00f6ses Grinsen huscht \u00fcber die blassen Lippen eines breitschultrigen Riesen. \u201eDeine Vorfahren waren nur Ausbeuter und Schl\u00e4chter. Ich hingegen stamme aus dem edlen Haus Lil\u00c2\u00b4Ana. Wir waren schon immer M\u00e4nner des Geistes.\u201c<br \/>\n\u201eFrieden, Mommes!\u201c weist ihn Madras k\u00fchl zurecht. \u201eNiemand kann sich hier auf seine Ahnen berufen. Es z\u00e4hlt nur das eigene K\u00f6nnen und Verdienst.\u201c<br \/>\n\u201eSagst du das, weil du von diesen bettelarmen Wilden aus der s\u00fcdlichen W\u00fcste abstammst?\u201c fragt Mommes lauernd. Mauro grinst dazu anz\u00fcglich. Gegen den Turuska sind sich die beiden Sprosse uralten Adels einig.<br \/>\n\u201eSeid still! Eure Eitelkeiten sind momentan ziemlich unwichtig\u201c, befiehlt Madras trocken. \u201eEs geht heute um die Rettung der Welt. Ich bitte die anderen, sich vorzustellen.\u201c<br \/>\nMauro und Mommes fauchen abf\u00e4llig, w\u00e4hrend sich die \u00c3\u0153brigen nacheinander erheben.<br \/>\n\u201eKah\u2019Luhr vom Hause Tureg.\u201c<br \/>\n\u201eKah\u2019Zitrah aus dem Hause Kuma.\u201c<br \/>\n\u201eGluro aus dem Hause Massa.\u201c<br \/>\nDie drei jungen dunkelh\u00e4utigen Umahaij-Meister werfen Madras einen verschw\u00f6rerischen Blick zu, bevor sie sich wieder setzen.<br \/>\nIn den hellen steinernen Gesichtern der zwei ehrw\u00fcrdigen Greise zuckt kein Muskel. Ihre Augen sehen undurchsichtig wie Farbkleckse aus.<br \/>\n\u201eKantro aus dem Hause Baldur.\u201c<br \/>\n\u201eRaspah aus dem Hause Minas.\u201c<br \/>\nAls Letzter meldet sich ein blasser Mann mittleren Alters mit exakter Ponyfrisur und einem schmalen regelm\u00e4\u00dfigen Gesicht. In seinen halb geschlossenen tiefschwarzen Augen glimmt ein kaltes Feuer. \u201eLailo aus dem Hause Woran.\u201c<br \/>\n\u201eIhr habt es sicher schon geh\u00f6rt\u201c, kommt Madras sofort zur Sache. \u201eNakkars Sonne hat die ersten beiden Planeten ihres Systems verschlungen. Der N\u00e4chste ist nur noch eine ausgegl\u00fchte Kugel ohne Wasser, ohne Leben. Es geschah ohne Vorwarnung und innerhalb weniger Timas. Niemand hat \u00fcberlebt.\u201c<br \/>\n\u201eEin Roter Riese &#8211;&nbsp; und so schnell?\u201c fragt einer der Greise verwirrt. \u201eEs ist viel zu fr\u00fch daf\u00fcr. Die nakkaranischen Astrophysiker \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDer neue Riesenstern leuchtet blauviolett wie die Bl\u00fcten des Mombastrauchs\u201c, erwidert Madras leise. \u201eEr strahlt vor allem im Ultraviolett- und Gammabereich. Das passt in keine Theorie. So etwas d\u00fcrfte es \u00fcberhaupt nicht geben. Ich f\u00fcrchte, die Regulatoren haben versagt. Der Eine, der alles sieht, hat versagt. Das ganze Universum ist gegenw\u00e4rtig schutzlos. Heyla ist in gro\u00dfer Gefahr.\u201c<br \/>\n\u201eDie Sonna Targa ist auch violettblau,\u201c murmelt Kah\u2019Zitrah nachdenklich.<br \/>\n\u201eTarga ist sehr jung und war nie ein Stern der Hauptreihe.\u201c<br \/>\n\u201eHeyla ist bisher ohne Stabilisatoren ausgekommen\u201c, erkl\u00e4rt Mommes l\u00e4ssig. \u201eUnd wir haben einen Plan f\u00fcr den Notfall. Ich verstehe die ganze Aufregung nicht.\u201c<br \/>\n\u201eDie Zukunft ist bereits im Fluss. Alles ist m\u00f6glich, sogar, dass die Schranken zu irgendwelchen den Paralleluniversen fallen und sich alles vermischt. Fremde physikalische Gesetze werden wie Wellenfronten durch das Chaos branden und die letzten Enklaven des Lebens vernichten.\u201c<br \/>\n\u201eDu hast mit Prinda dem Traumwanderer gesprochen, meinem Vetter dritten Grades.\u201c In Kah\u2019Luhrs sch\u00f6nen schwarzen Augen flackert kurz Angst auf, die das Umahaij sofort wieder aufsaugt. Ihr ebenm\u00e4\u00dfiges junges Gesicht ist nur noch eine starre Maske. \u201eMit mir hat er seine Tr\u00e4ume auch geteilt. Das Schrumpfen in der K\u00e4lte kam \u00fcber Heyla &#8211;&nbsp; anderswo brannte das letzte Wasser und die Lungen von Menschen und Kass zerplatzten.\u201c<br \/>\n\u201eIch kann es in eurem Geist sehen\u201c, kr\u00e4chzt Hrendahl aus dem Hause Markab gepresst. \u201eEs gibt noch viel entsetzlichere Todesarten und \u2026\u201c<br \/>\nSelbst die beiden Adeligen schweigen ersch\u00fcttert.<br \/>\n\u201e\u00d6ffnet eure Umahs und ich lasse euch erleben, was der Nachfahre meines guten alten Freundes Piri mir gezeigt hat,\u201c bietet Madras mit undurchdringlicher Miene an.<br \/>\n\u201eNein!\u201c schreien die wei\u00dfen Umahaij-Meister auf. \u201eDiese Bilder k\u00f6nnten uns t\u00f6ten.\u201c<br \/>\n\u201eWenn ich sie ertragen kann, schafft ihr das auch\u201c, kontert der \u00e4lteste Meister schroff. \u201eSeid nicht solche Weichkn\u00f6del und schaut genau hin!\u201c<br \/>\nDer alte Kantro aus dem Hause Baldur kichert pl\u00f6tzlich nerv\u00f6s. Seine Stimme klingt merkw\u00fcrdig hell. \u201eWir k\u00f6nnen doch gar nichts \u00e4ndern. Warum nicht einfach sorglos weiterleben, bis es geschieht. Ich k\u00f6nnte mir zum Beispiel eine neue Gemahlin suchen.\u201c<br \/>\n\u201eDu wei\u00dft, dass wir es wissen\u201c, widerspricht Madras mitleidig und denkt daran, dass der Begriff Weichkn\u00f6del f\u00fcr einen Mann, der sich um der Reinheit seines Umahs willen kastrieren lie\u00df, erschreckend real ist. \u201eDu brauchst schon lange keine Frau mehr &#8211;&nbsp; aber wir ben\u00f6tigen deine Weisheit und St\u00e4rke. \u00c3\u2013ffne dich mir! Bitte!\u201c<br \/>\nDer \u00e4lteste aller Meister, der zeitlos sch\u00f6ne Madras aus dem Hause Kinsai, braucht seine Kollegen nicht zu ber\u00fchren. Die Visionen des m\u00e4chtigen Traumwanderers fallen wie giftiger Regen in die Umahs der anderen, sickern bis in die empfindsamsten Tiefen ihres Seins.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick sehen die Stra\u00dfen von Heyla\u2019Thur wie immer aus: Die grelle Mittagssonne schl\u00e4gt sie gnadenlos platt. Hell gekleidete Heylaner diskutieren in den Arkaden leise und diszipliniert an melodisch pl\u00e4tschernden Brunnen. Einige Au\u00dfenweltler schleppen sich im Schatten der niedrigen H\u00e4user und Gartenmauern dahin. Sie \u00e4chzen und taumeln, w\u00e4hrend die Hitze ihnen den Schwei\u00df von ihren gedunsenen Gesichtern leckt. Ein paar kleine Jungen jagen kreischen ihrem zahmen Whiskal hinterher. Ein M\u00e4dchen wiegt im Schatten eines Indukibaums hingebungsvoll eine gr\u00fcnlich bemalte Puppe.<br \/>\nDas Unheil kommt lautlos und unerwartet.<br \/>\nWinzige Glasv\u00f6gel fallen lautlos vom Himmel und verwandeln sich beim Aufprall in leichte silbrige Ascheh\u00e4ufchen. \u00c3\u0153berall bilden sich mehrere Djibb gro\u00dfe rauchige Kugeln, in denen alles schrumpft &#8211;&nbsp; auch die Lebewesen, deren trostlose Schreie die Umahs der zehn gro\u00dfen Meister martern. Risse ziehen sich kreuz und quer durch die Mauern der Wohnst\u00e4tten, werden immer breiter &#8211;&nbsp; bis alles donnernd zusammenbricht. Aber da sind die Heylaner und Au\u00dfenweltler l\u00e4ngst verstummt.<br \/>\nDann l\u00f6sen sich riesige Flashs aus der Atmosph\u00e4re der Sonne, die sich abrupt dunkelblau verf\u00e4rbt. Die Lebewesen au\u00dferhalb der rauchigen Kugeln verbrennen. Nichts bleibt \u00fcbrig. Die Sonne scheint immer n\u00e4her zu kommen, bis sie irgendwann ein Viertel des Himmels einnimmt. Ein dunkelroter Schmelzfluss ebnet alles ein. Heyla ist tot.<br \/>\nDie Perspektive \u00e4ndert sich: K\u00e4lte und Hitze fauchen quer durch den Kosmos. Schrumpfen und Expansion zerren wie Gezeitenkr\u00e4fte an den kleinsten Bausteinen der Materie. Der Tod hat \u00fcberall ein anderes grausames Gesicht. Menschen bl\u00e4hen sich auf und werden von innen zerfetzt. Kass verlieren innerhalb weniger Zeiteinheiten ihr gesamtes Wasser und verwandeln sich in blinde winselnde Fellb\u00fcndel. Norna rennen im Wahn durcheinander, sch\u00fctteln die Arme himmelw\u00e4rts, w\u00e4hrend ihre telepathischen Stirnh\u00f6cker rot aufquellen und sich dann in eiternde L\u00f6cher verwandeln.<br \/>\nGanze Welten verdampfen zu gestaltlosen Plasmawolken. Farbschlieren wabern durch die Dunkelheit, Schatten bem\u00e4chtigen sich der \u00fcbriggebliebenen Sonnen.<br \/>\nDann st\u00fcrzt alles in sich zusammen. Kosmen werden zu winzigen Punkten in einem grauen gestaltlosen Nirgendwo.<br \/>\nDer Eine weint mit seltsam d\u00fcnner Stimme. Dann verstummt auch er.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>\u201eWas f\u00fcr ein Zeug hatte euer Wahrtr\u00e4umer eigentlich geschluckt, bevor er sich Schlafen legte?\u201c fragt Mommes mit \u00e4tzender Stimme. \u201eSo etwas gibt es doch \u00fcberhaupt nicht!\u201c<br \/>\n\u201eDu vergisst Am\u2019Ramahs Hammer\u201c, kontert Madras ernst.<br \/>\n\u201eAch ja, die Wunderwaffe der Ah\u2019Maral!\u201c<br \/>\n\u201eMit der wir vor zweitausend Jahren das Triumphat zerschlagen und die Liga friedlicher Welten gerettet haben.\u201c<br \/>\n\u201eM\u00e4rchen!\u201c<br \/>\n\u201eIch war dabei.\u201c Die klaren gr\u00fcnen Augen des \u00e4ltesten Umahaij-Meisters verd\u00fcstern sich. \u201eMit meinen eigenen H\u00e4nden habe ich diese Waffe auf eine Garnison Kor\u2019marra gerichtet und ihr Sterben wie mein eigenes erlebt. M\u00f6chtest du wirklich, dass die V\u00f6lker des gelben, schwarzen und roten Sektors auf diese Weise zugrunde gehen? Ist das die Art Tod, die du f\u00fcr dich selbst und deinen Clan akzeptieren kannst?\u201c<br \/>\nIn der Runde wird es ganz still. Nur der Wind pfeift weiter sein eint\u00f6niges Lied.<br \/>\n\u201eWir werden wahrscheinlich rechtzeitig merken, wenn es anf\u00e4ngt\u201c, meldet sich schlie\u00dflich Hrendahl aus dem Hause Markab zu Wort. \u201eDer Abgrund ohne Wiederkehr kann uns vor all diesen Gr\u00e4ueln bewahren.\u201c<br \/>\n\u201eUnd die Kleinkinder?\u201c fragt Madras scharf. \u201eDie Insassen der H\u00e4user f\u00fcr unvollkommene Geister? Die Au\u00dfenweltler?\u201c<br \/>\n\u201eWir k\u00f6nnten so viele wie m\u00f6glich rechtzeitig t\u00f6ten.\u201c<br \/>\n\u201eWie kannst du so etwas vorschlagen! Du bist ein Nachfahre des gro\u00dfen Silmoh, der einst mein Lehrer war. Wo ist dein Mitgef\u00fchl?\u201c<br \/>\n\u201eAber wir k\u00f6nnen doch gar nichts tun!\u201c wehrt sich der Gescholtene. \u201eWenn sich der Kosmos aufl\u00f6st, sind selbst wir machtlos. Wir k\u00f6nnen dann nur noch dem\u00fctig ein ad\u00e4quates Ende w\u00e4hlen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn wir versuchen, mit dem Einen zu sprechen? Vielleicht kennt er einen Ausweg.\u201c<br \/>\n\u201eUnd an was denkst du da?\u201c fragt Mommes geh\u00e4ssig. \u201eAn das ber\u00fchmte Gerammel eurer Liebespaare im Angesicht der Ma\u2019Rinnu? Mir hat der oberste H\u00fcter des Kosmos noch nie geantwortet. Vielleicht gibt es ihn gar nicht?\u201c<br \/>\n\u201eAber du f\u00fchlst doch seine Anwesenheit genau wie ich!\u201c<br \/>\n\u201eJa, da ist irgendwas &#8211;&nbsp; aber vielleicht ist alles auch nur Einbildung.\u201c<br \/>\nJetzt reden die Wei\u00dfen wild durcheinander: \u201eMich hat er auch nie beachtet!\u201c<br \/>\n\u201eJedenfalls bin ich ihm v\u00f6llig egal!\u201c<br \/>\n\u201eEr mag uns nicht!\u201c<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein unn\u00fctzer Gott!\u201c<br \/>\n\u201eSo unn\u00fctz nun auch wieder nicht\u201c, widerspricht Gluro aus dem Hause Massa. \u201eOhne ihn w\u00e4ren wir l\u00e4ngst zu Staub zermahlen. Er hat \u00fcber Jahrmillionen die Entropie im Universum verringert und uns besch\u00fctzt. Irgendetwas ist mit ihm passiert \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch kann ja ein bisschen meditieren\u201c, verspricht Mauro halbherzig und die \u00fcbrigen wei\u00dfen Umahaij-Meister signalisieren erleichtert Zustimmung.<br \/>\n\u201eMadras, du musst den Einen selbst fragen\u201c, sagt Kah\u2019Zitrah aus dem Hause Kuma eindringlich. \u201eGeh mit deinem talurischen Liebsten hinaus zu den Ma\u2019Rinnu und vollziehe das heilige Ritual der Jungverm\u00e4hlten. Er hat schon einmal mit dir gesprochen.\u201c<br \/>\nKah\u2019Luhr und Gluro stimmen ihr wortlos zu.<br \/>\n\u201eNa, dann ist doch alles ganz einfach!\u201c dr\u00f6hnt Mommes mit makabrer Fr\u00f6hlichkeit. \u201eDie Turuska retten wieder einmal die Welt und wir genie\u00dfen sorglos unser Leben. Daf\u00fcr seid ihr schlie\u00dflich da &#8211;&nbsp; um f\u00fcr edlere Heylaner eure schwarze Haut zu riskieren.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ihr seid sowieso unempfindlicher als wir!\u201c bemerkt Mauro vielsagend. \u201eDiese Aufgabe ist eindeutig f\u00fcr euch bestimmt.\u201c<br \/>\n\u201eManches \u00e4ndert sich nie!\u201c murren die jungen Turuska, w\u00e4hrend die Wei\u00dfen schlichterer Abkunft besch\u00e4mt wegsehen.<br \/>\n\u201eIch werde tun, was ihr von mir verlangt\u201c, verspricht Madras k\u00fchl. \u201eAber nicht, um eure bleiche Haut zu schonen. Mir tun vor allem die kleinen Kinder \u00fcberall im Kosmos leid.\u201c<br \/>\n\u201eDann sehen wir uns wieder, wenn alles erledigt ist\u201c, seufzt der Nachfahre des gro\u00dfen Silmoh erleichtert und l\u00f6st sich in einem Flirren auf.<br \/>\nMil\u2019Timas sp\u00e4ter verschwinden auch die \u00fcbrigen Wei\u00dfen.<br \/>\nNur Madras und die drei jungen Umahaij-Meister der Turuska bleiben zur\u00fcck.<br \/>\n\u201eIch habe Angst um meinen liebsten Bindungspartner\u201c, bekennt der \u00e4lteste Meister besch\u00e4mt. \u201eEr ist nicht besonders kr\u00e4ftig, und er wurde vor langer Zeit schwer verwundet. Die Ma\u2019Rinnu werden ihn wahrscheinlich aus Versehen t\u00f6ten.\u201c<br \/>\n\u201eSprich mit ihm\u201c, empfiehlt Kah\u2019Luhr schwesterlich. \u201eArrak Rinar muss das selbst entscheiden. Du entehrst ihn, wenn du ihm die M\u00f6glichkeit nimmst, sich f\u00fcr uns alle zu opfern.\u201c<br \/>\n\u201eKssss!\u201c zischelt der Wind trocken. \u201e\u00c3\u0153ber zweitausend Jahre sind mehr als genug. Kssss.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Die leichten sandfarbenen Planen des Zeltes bl\u00e4hen sich im Abendwind. Die Turuska leben immer noch wie ihre Vorfahren: beinahe schutzlos dem hei\u00dfen Atem der W\u00fcste ausgeliefert. Ihre Wohn- und Sanit\u00e4rzelte dr\u00e4ngen sich zwar um hochmoderne Nullraumkabinen und ihre Informationstechnik entspricht dem neuesten Standard der Ligaflotte &#8211;&nbsp; aber sie ern\u00e4hren sich von echten Pflanzen, die sie in ihren sorgsam bew\u00e4sserten W\u00fcsteng\u00e4rten ziehen und wie in alter Zeit mit ihren eigenen Verdauungsprodukten d\u00fcngen. Sie legen Wert auf eine schlichte Lebensart und geschlossene Kreisl\u00e4ufe &#8211;&nbsp; und darauf, dass sie ihre wenigen Habseligkeiten jederzeit zusammenpacken und weiterziehen k\u00f6nnen.<br \/>\nAuch der gro\u00dfe Umahaij-Meister und langj\u00e4hrige Premierminister Heylas besitzt nur das Allernotwendigste: ein Bett, eine uralte steinerne Lampe, einige dunkle Truhen aus Holz, ein wenig Geschirr und Kleidung. An den Zeltstangen h\u00e4ngen alte und moderne Waffen &#8211;&nbsp; Dolche, Schwerter, schwere Laser und zierliche Infraschallpistolen. Seinen wei\u00dfen Mantel eines Ah\u2019Maral, die schwarze Kniehose und den gl\u00e4nzenden Waffeng\u00fcrtel hat er achtlos auf den Boden geworfen. Seinen schwarzen nackten K\u00f6rper ziert nur noch das blaue Donnervogelamulett, das ihm vor einer Ewigkeit ein Medizinmann der Lakota geschenkt hat.<br \/>\nArrak Rinar, sein talurischer Liebster liegt mit geschlossenen Augen in seinen Armen, aber diesmal kann er die Z\u00e4rtlichkeiten seines Partners nicht unbeschwert genie\u00dfen. Auf seiner glatten schiefergrauen Haut mischen sich immer wieder dunkle Linien der Angst unter die roten Muster des Begehrens.<br \/>\n\u201eEntspann dich\u201c, fl\u00fcstert Madras begehrlich. \u201eDiese Nacht geh\u00f6rt uns allein &#8211;&nbsp; was immer der morgige Tag bringen mag. \u00c3\u2013ffne deine Pforte f\u00fcr meinen Speer! Fliege mit mir in einen Himmel aus gr\u00fcnem Gesang!\u201c<br \/>\n\u201eDas kann ich nicht, solange du mir nicht zeigst, was sich hinter dieser Mauer in deinem Geist verbirgt. Es ist das erste Mal seit dem Sieg \u00fcber das Triumphat \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDu wirst danach nicht mehr singen k\u00f6nnen und ich m\u00f6chte gern ein allerletztes Mal \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch bin nicht schwach\u201c, widerspricht der Taluri sanft. \u201eWenn du es aushalten kannst, kann ich es auch.\u201c<br \/>\n\u201eIch vermag es nicht wirklich\u201c, bekennt der gro\u00dfe Meister besch\u00e4mt. \u201eIch kann das Grauen zwar ein wenig zur\u00fcckdr\u00e4ngen, aber es lauert jede Hum\u2019Tima in meinem Unterbewusstsein. Am liebsten w\u00fcrde ich pausenlos schreien.\u201c<br \/>\n\u201eDie Ratsversammlung der Umahaij-Meister?\u201c<br \/>\n\u201eEs ist ungerecht! Sie haben ganz allein mir diese entsetzliche Last aufgeb\u00fcrdet.\u201c<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr eine Last, Liebster?\u201c<br \/>\n\u201eSieh selbst\u201c, sagt Madras und die Mauern in seinem Umah fallen lautlos in sich zusammen. Der Staub senkt sich langsam und das Schrumpfen in der K\u00e4lte beginnt.<br \/>\nArrak Rinar atmet scharf ein. Schwarze Zacken wischen die bunten Ornamente der Liebe von seiner Haut. Dann wird sein K\u00f6rper wei\u00df und starr.<br \/>\n\u201eArrak! Nicht!\u201c schreit sein Gef\u00e4hrte erschrocken auf. \u201eWie soll ich ohne dich weiterleben?\u201c<br \/>\nDann verbirgt er sein Gesicht im seidigen nachtblauen Haar des Taluri.<br \/>\nDie Welt scheint den Atem anzuhalten, w\u00e4hrend Timas vergehen und z\u00f6gernd die Nacht heraufzieht. Als die Zeltplanen im silbernen Mondlicht zu gl\u00fchen beginnen, rafft sich Madras auf, bettet seinen liebsten Bindungspartner sanft in die roten Kissen, z\u00fcndet die steinerne Lampe an. Er entnimmt einer kleinen schwarzen Truhe ein Medispray und weckt Rinar.<br \/>\n\u201eVerstehst du es nun?\u201c<br \/>\n\u201eAlles\u201c, antwortet der Taluri und f\u00e4rbt sich langsam wieder schiefergrau. \u201eMadras! Dies ist nicht unsere erste harte Pr\u00fcfung. Wir stehen das gemeinsam durch.\u201c<br \/>\n\u201eDu wirst wahrscheinlich sterben, wenn wir uns im Angesicht der Ma\u2019Rinnu vereinigen. Du wei\u00dft, dass sie Lust und Schmerz nicht auseinanderhalten k\u00f6nnen. Sie werden unsere Gef\u00fchle solange anheizen, bis aus allem die reine Qual wird.\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht auch nicht. Vielleicht wird auch diesmal Coraz\u00f3n Inserra \u2026\u201c<br \/>\n\u201eSie hat sich seit vielen Jahrzehnten nicht mehr gezeigt. Wahrscheinlich ist ihr Umah gar nicht mehr Teil des Einen, der alles sieht und sehr selten eingreift. Sie war nur ein Mensch. Vermutlich hat sich ihr Denken und F\u00fchlen aufgel\u00f6st.\u201c<br \/>\n\u201eCori war Captain der Ligaflotte und hat sich f\u00fcr eine Bruderschaft der Ah\u2019Maral aufgeopfert. Sie starb in einem Augenblick h\u00f6chster Hingabe. Nicht deutet darauf hin, dass ihr Umah schw\u00e4cher ist als das eines Aorai.\u201c<br \/>\n\u201eAber warum l\u00e4sst sie uns dann allein?\u201c<br \/>\n\u201eWir m\u00fcssen sofort in die W\u00fcste gehen und gemeinsam mit den Ma\u2019Rinnu nach ihr rufen.\u201c<br \/>\n\u201eBei dir klingt es auf einmal ganz einfach\u201c, murmelt Madras bewundernd. \u201eIch wei\u00df nicht, woher du immer wieder diese schlichte Weisheit nimmst.\u201c<br \/>\n\u201eAus der H\u00f6lle oder wie du sagen w\u00fcrdest, der puren Entropie\u201c, antwortet der Taluri leise. \u201eAus den Leiden meiner Gefangenschaft, den Qualen bei den Experimenten der Djindjii, der Erniedrigung durch die talurischen Aufseher und aus meiner unerwarteten Rettung durch dich. Ich habe gelernt, bis zur letzten Hum\u2019Tima zu hoffen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn es diesmal keine Hilfe gibt?\u201c<br \/>\n\u201eZweitausend Jahre an deiner Seite waren mehr Gl\u00fcck, als ein kranker kurzlebiger Taluri erhoffen konnte.\u201c<br \/>\n\u201eOhne die lebensspendende Macht Gattors w\u00e4ren wir beide l\u00e4ngst tot. Ohne die Liebe des Narguhl \u2026\u201c Madras verstummt abrupt. Seine gr\u00fcnen Augen leuchten im Mondlicht auf. \u201eWir sollten Gattor mitnehmen.\u201c<br \/>\n\u201eDas entspricht aber nicht den Traditionen\u201c, protestiert Rinar halbherzig.<br \/>\n\u201eWir sind auch kein traditionelles Paar\u201c, kontert Madras und konzentriert sich auf seinen Waffenbruder.<br \/>\nWenig sp\u00e4ter schiebt sich der alte G\u00e4rtner durch das leichte Kraftfeld am Zelteingang. \u201eIch bin bereit.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Sie warten im Licht von zwei Monden auf ihre Br\u00fcder im Geist: Riesige Siliziumwesen, die schon lange vor den humanoiden Heylanern in der W\u00fcste gedacht und getr\u00e4umt haben &#8211;&nbsp; und immer noch in der Tiefe des Sandozeans umherwandern. Einige von ihnen sind Freunde der dunkelh\u00e4utigen Turuska, die sich redlich bem\u00fchen, die Freuden und Sorgen von Eiwei\u00dfwesen zu begreifen und zu teilen.<br \/>\nManchmal sind sie verst\u00e4ndnisvoll, neugierig, l\u00fcstern, naiv oder unglaublich abgehoben. Vielleicht liegt es daran, dass ihre Zivilisation vollst\u00e4ndig immateriell ist und dass sie Dinge wahrnehmen k\u00f6nnen, die selbst den mental begabtesten Heylanern verborgen bleiben.<br \/>\nDer grauhaarige kompakte Gattor sitzt ein wenig abseits mit untergeschlagenen Beinen im Sand und summt &#8211;&nbsp; sich hin und her wiegend &#8211;&nbsp; ein unbekanntes Lied, das er wahrscheinlich gerade erfindet.<br \/>\nMadras und Rinar liegen nackt und eng umschlungen auf dem gr\u00f6\u00dferen wei\u00dfen Mantel des Meisters. Sie decken sich notd\u00fcrftig mit Rinars Mantel zu und zittern trotzdem vor K\u00e4lte &#8211;&nbsp; und auch ein wenig vor Angst.<br \/>\n\u201eIch verstehe das nicht\u201c, fl\u00fcstert Madras besorgt. \u201eSie sind normalerweise ganz wild auf Entr\u00fcckungen aber diesmal \u2026\u201c<br \/>\nEr kommt nicht dazu, den Satz zu beenden, weil die W\u00fcste heftig zu beben beginnt. Endlich kommen sie!<br \/>\n\u201eWas soll das werden?\u201c dr\u00f6hnt eine m\u00e4chtige mentale Stimme argw\u00f6hnisch. \u201eDrei Eiwei\u00dfwesen mit F\u00fchlern zwischen den Gehwerkzeugen und keins mit einer passenden Grube? Wollt ihr uns etwa ein ganz neues Erlebnis schenken?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, denkt Madras angespannt. \u201eWir zeigen euch diesmal das reine Feuer der Krieger, jene Zauberkraft, mit der wir die Bruderschaften der Ah\u2019Maral zusammenschwei\u00dfen.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df aber, dass die Bindungen zwischen den Kriegern nicht zu fest sein d\u00fcrfen\u201c, meldet sich eine zweite mentale Stimme. \u201eIhr k\u00f6nntet es sonst nicht ertragen, wenn eure Partner leiden, verwundet werden und sterben. Du selbst hast es mir einst erkl\u00e4rt, Madras aus dem Hause Kinsai.\u201c<br \/>\n\u201eAhrasss, mein guter alter Freund!\u201c<br \/>\nDie mentale Stimme des Ma\u2019Rinnu schwankt. \u201eWir sp\u00fcren \u00fcberall Br\u00fcche in Zeit und Raum, Wellen der Entropie, die jedes Mal n\u00e4her schwappen. Unser Volk hat gro\u00dfe Angst.\u201c<br \/>\n\u201eWir haben auch Angst\u201c, bekennt Madras laut. \u201eWir m\u00fcssen mit dem Einen reden.\u201c<br \/>\n\u201eDer Eine ist blind und stumm geworden. Er antwortet nicht mehr.\u201c<br \/>\n\u201eAhrasss! Eine gute Freundin von mir ist Teil des Einen. Sie kann vielleicht helfen.\u201c<br \/>\n\u201eIhr habt einen Plan?\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich werde mich jetzt mit dem Taluri Arrak Rinar vereinigen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wozu hast du den Narguhl Gattor mitgebracht?\u201c<br \/>\n\u201eArrak braucht vielleicht Hilfe. Er wurde vor langer Zeit grausam gequ\u00e4lt.\u201c<br \/>\n\u201eHei\u00dft das, dass er diese delikaten Empfindungen \u2026\u201c Die mentale Stimme klingt entt\u00e4uscht.<br \/>\n\u201e\u00c3\u0153bertreibt es nur nicht\u201c, unterbricht ihn Madras. \u201eIch muss mich auf meine Aufgabe konzentrieren. Das kann ich schlecht, wenn ich Angst um meinen Partner haben muss.\u201c<br \/>\n\u201eVertraut uns!\u201c dr\u00f6hnt der andere Ma\u2019Rinnu selbstbewusst.<br \/>\nIm n\u00e4chsten Augenblick sp\u00fcren die drei M\u00e4nner, wie ihnen die Herzen vor Angst fast aus dem Mund springen.<br \/>\n\u201eSie werden unsere Gef\u00fchle nie begreifen\u201c, denkt Madras ver\u00e4rgert, rammt seine Furcht mit der Macht des Umahaij in den Tresor f\u00fcr unerw\u00fcnschte Emotionen und verschwei\u00dft die T\u00fcr mit blauer Flamme.<br \/>\n\u201eDu f\u00fchlst dich auf einmal so kalt an\u201c, fl\u00fcstert der Taluri erschrocken und verbirgt sein Gesicht an der breiten Brust seines Partners, um seine harte Miene und den eisigen Glanz in seinen Augen nicht sehen zu m\u00fcssen. Er wei\u00df, was geschehen wird.<br \/>\nGattor r\u00fcckt besorgt ein St\u00fcck n\u00e4her.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>\u201eIch muss Arrak Rinar stimulieren, bis unsere Umahs zu fliegen beginnen, \u00fcberlegt Madras ganz logisch und l\u00e4sst seine dunklen Fingerspitzen \u00fcber den verkrampften R\u00fccken des Taluri wandern. Es ist diesmal nicht Z\u00e4rtlichkeit, sondern die Erfahrung eines uralten Kriegers, die sie von einem Energieportal zum n\u00e4chsten wandern und ein verzehrendes Feuer im Nervensystem seines Liebsten entfachen l\u00e4sst.<br \/>\nInzwischen ist auch der dritte Mond aufgegangen und taucht den zierlichen schiefergrauen K\u00f6rper in kaltes wei\u00dfes Licht. Es gelingt dem gro\u00dfen Umahaij-Meister nicht, die schwarzen Linien aus den wandernden Mustern zu verbannen. Rot und Schwarz &#8211;&nbsp; Begehren und Angst &#8211;&nbsp; und nirgends das flirrende Silber reiner Ekstase! Als er energisch seine pure sexuelle Energie durch das Portal oberhalb der Pforte schie\u00dfen l\u00e4sst, wird Arraks gesamte Haut gl\u00fchend rot. Schwarze Blitze zucken rasend schnell dar\u00fcber hin.<br \/>\n\u201eLockere dein Umahaij!\u201c st\u00f6hnt Rinar. \u201eDu tust mir weh! Die Ma\u2019Rinnu tun mir weh!\u201c<br \/>\n\u201eWas ist das?\u201c fragt Ahrasss neugierig. \u201eDie alten Wunden?\u201c<br \/>\nAber da beginnt der andere Ma\u2019Rinnu bereits, das bizarre Gemisch aus widerstreitenden Empfindungen des Taluri zu verst\u00e4rken.<br \/>\nMadras kann den Fluss seiner mentalen Energie nicht mehr eind\u00e4mmen, was offenbar ebenfalls das Werk des Ma\u2019Rinnu ist. Er legt Abschied nehmend seine linke Hand auf die hei\u00dfe Schl\u00e4fe seines Liebsten, w\u00e4hrend die rechte so tief in dem Energieportal steckt, dass er sie nicht mehr herausziehen kann. Der Tresor f\u00fcr irrelevante Emotionen in seinem Inneren explodiert, Angst und Schmerz \u00fcberfluten ihn. Er merkt nicht, dass er schreit.<br \/>\nGattor beugt sich besorgt \u00fcber die beiden zuckenden Leiber. \u201eVereinige eure K\u00f6rper und Umahs! Schnell, sonst war alles umsonst!\u201c<br \/>\nArrak Rinar reagiert als Erster, l\u00e4sst sich auf H\u00e4nde und Knie fallen.<br \/>\nMadras gehorcht blind der kr\u00e4ftigen Hand des G\u00e4rtners. Sein Speer findet den gewohnten Pfad und seine Lippen geben endlich dem Schrei Gestalt: \u201eDein Umah zu meinem Umah! Lass mich ein!\u201c Und dann fl\u00fcstern sie dem\u00fctig. \u201eBitte, mein Liebster!\u201c<br \/>\nDer Raum der Begegnung ist diesmal nicht wei\u00df, sondern dunkelbraunrot wie das Venenblut der Taluri. Die Bindungspartner k\u00f6nnen einander im tr\u00fcben Licht nur als undeutliche Schemen erkennen. Sie sind gefangen, Ihre F\u00fc\u00dfe im gestaltlosen Boden festgewachsen. Sie k\u00f6nnen sich nicht einmal mit den Fingerspitzen ber\u00fchren.<br \/>\n\u201eCori!\u201c schreit Madras wild. \u201eHilf uns!\u00e2\u20ac\u009d<br \/>\nSein Speer dr\u00f6hnt laut und der zarte fleckige K\u00f6rper von Rinar antwortet ihm klirrend.<br \/>\nPl\u00f6tzlich wird der Ort der Begegnung so strahlend hell, wie er sein sollte.<br \/>\nDie Haut des Taluri f\u00e4rbt sich abrupt wei\u00df wie Esumimilch. Rote Locken umrahmen sein schmales Gesicht. Br\u00fcste wogen im Tanz der Vereinigung.<br \/>\n\u201eDu brauchst nicht mehr den wilden Mann zu spielen\u201c, schnurrt Coraz\u00f3n Inserra sp\u00f6ttisch. \u201eDu kannst Rinar am Leben lassen. Ich bin ja hier.\u201c<br \/>\nJetzt schmiegt sich der Heylaner fest an seinen Partner und bewegt sich nur noch unmerklich in ihm. Nichts als Frieden und W\u00e4rme sind zwischen dem Einen und den beiden Liebenden. Die Ma\u2019Rinnu k\u00f6nnen ihnen nichts mehr anhaben.<br \/>\n\u201eCori! Wo warst du die ganze Zeit?\u201c fragt Madras besorgt.<br \/>\n\u201eDas ist eine schlimme Geschichte\u201c, antwortet diese leise. \u201eIch musste \u00fcberall gleichzeitig sein. Der Raum verschlingt sich selbst. Die Zeit l\u00e4uft r\u00fcckw\u00e4rts. \u00c3\u0153berall explodieren Sterne. Es gibt Milliarden Tote.\u201c<br \/>\n\u201eErz\u00e4hl mir alles von Anfang an!\u201c<br \/>\nRinars gefesseltes Umah st\u00f6hnt \u00e4ngstlich.<br \/>\nGattor streichelt ihn beruhigend, w\u00e4hrend die Ma\u2019Rinnu in Erwartung einer schrecklichen Wahrheit erstarren. Nichts anderes ist mehr wichtig.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Coraz\u00f3n Inserra, die vor ihrem Opfertod Captain des Ligakreuzers Casablanca war, schweigt einen Moment. Dann beginnt sie mit ruhiger Stimme zu erz\u00e4hlen:<br \/>\n\u201eIch habe dir schon vor zweitausend Jahren gesagt, dass die von den Aorai geschaffenen Regulatoren f\u00fcr instabile Sterne sich \u00fcberall im Kosmos zu b\u00f6sartigen G\u00f6ttern aufgeschwungen haben. Nicht \u00fcberall fanden sich stoffliche Wesen, die es wagten, sie zu bek\u00e4mpfen &#8211;&nbsp; und noch seltener gelang ihnen der Sieg. Die Milchstra\u00dfe ist eine eher Ausnahme. Ihr wart damals wirklich gut!\u201c<br \/>\n\u201eLass den Mombapudding!\u201c fordert Madras ungeduldig. \u201eEs ist schlimm, dass ihr es nicht geschafft habt, mit dem Problem fertigzuwerden. Was genau ist passiert?\u201c<br \/>\n\u201eDen Aorai tat es weh, zu sehen, wie ihre eigenen Sch\u00f6pfungen entarteten, wie sie ma\u00dfloses Leid und Tod \u00fcber diejenigen brachten, die sie eigentlich sch\u00fctzen sollten. Immer mehr von ihnen wurden mutlos, traurig, apathisch &#8211;&nbsp; ein Psychiater von der Erde h\u00e4tte das wohl als schwer depressiv bezeichnet. Richtig schlimm wurde es, als der alte Wahrtr\u00e4umer, der immer der Mittelpunkt des Einen gewesen war, sich vollst\u00e4ndig aufl\u00f6ste.<br \/>\nWir konnten nicht mehr in Zukunft sehen und immer weniger wie eine Person handeln. Nach und nach verschwanden weitere Aorai. Manche von ihnen legten sich einfach schlafen, andere irren ohne Ziel durchs All und von neunzehn wei\u00df ich, dass ihre Denkmuster erloschen sind. Der Kosmos hat nur noch einen schwachen Gott, der diesen Namen eigentlich nicht mehr verdient. Es tut mir leid, aber ich schaffe das nicht allein.\u201c<br \/>\n\u201eWieso bist du noch so tatkr\u00e4ftig?\u201c fragt Ahrasss neugierig. \u201eAngeblich seid ihr Menschen doch schwach.\u201c<br \/>\n\u201eJa, das stimmt. Aber wir sind auch z\u00e4h und Kummer gew\u00f6hnt\u201c, antwortet der ehemalige Captain. \u201eWir haben den Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg \u00fcberstanden, die Inquisition, Adolf Hitler, Pol Pot, Hiroshima und Nagasaki, die Wiedergeburt des Turbokapitalismus, drei verheerende Weltkriege &#8211;&nbsp; nur Berufsoptimisten versuchen nach solchen Katastrophen, eine vern\u00fcnftige Gesellschaft aufzubauen. Ich glaube, dass man das Unheil abwenden kann.\u201c<br \/>\n\u201eHast du etwa einen Plan?\u201c erkundigt sich das andere Siliziumwesen.<br \/>\n\u201eNur eine vage Idee\u201c, meint Cori. \u201eEinige m\u00fcssten freiwillig ihr Leben geben, damit das Universum weiter existieren kann. Der Eine braucht neue frische Denkmuster. Er muss mit Kindern dieses Kosmos aufgef\u00fcllt werden und k\u00e4mpfen. Ich denke schon eine Weile an Heyla &#8211;&nbsp; aber es fiel mir bisher schwer \u2026 nein, ich kann es auch jetzt nicht befehlen.\u201c<br \/>\nMadras merkt, wie Cori sich behutsam zur\u00fcckzieht, wie der warme K\u00f6rper in seinen Armen die Farbe \u00e4ndert, wie die Br\u00fcste schrumpfen und sich stattdessen ein Speer und nachtblaue Bommeln formen.<br \/>\nDie Fiktion l\u00f6st sich vollst\u00e4ndig auf. Sie sind wieder in der Realit\u00e4t. Die beiden Heylaner und der Taluri sehen verwundert, dass sich die Ma\u2019Rinnu &#8211;&nbsp; haushoch und schwarz gl\u00e4nzend &#8211;&nbsp; im Licht von Heylas drei Monden heftig hin und her wiegen.<br \/>\n\u201eWir haben leider keine Zeit mehr f\u00fcr eure Gef\u00fchle\u201c, erkl\u00e4rt der gr\u00f6\u00dfere von beiden. \u201eWir m\u00fcssen sofort eine Ratsversammlung einberufen.\u201c<br \/>\n\u201eWir auch\u201c, entgegnet Madras knapp.<br \/>\nDer Sand bebt und dr\u00f6hnt, als die beiden riesigen Wesen versinken.<br \/>\nMadras und Rinar nehmen sich nicht einmal Zeit, sich anzuziehen. Sie raffen ihre M\u00e4ntel und Hosen zusammen, dr\u00e4ngen sich eng aneinander und lassen sich zu den Zelten des Hauses Kinsai transferieren.<br \/>\n\u201eEin Gl\u00fcck, dass wenigstens das noch funktioniert!\u201c denkt der Umahaij-Meister.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Madras aus dem Hause Kinsai putzt ein paar wei\u00dfliche Fladen weg, bevor er sich in seinem angestammten Sessel niederl\u00e4sst und den Kopf m\u00fcde in beide H\u00e4nde st\u00fctzt. Die anderen werden erst in einer Tima kommen, also kann er das Unvermeidliche noch ein wenig herausz\u00f6gern und das faszinierende Panorama genie\u00dfen.<br \/>\nDie Glasv\u00f6gel lassen sich durch den dunklen Mann nicht st\u00f6ren. Sie schweben leicht \u00fcber den Sesseln, schauen den \u00e4ltesten aller Umahaij-Meister aus blanken Augen an und streicheln ihn sanft mit ihren Fl\u00fcgeln.<br \/>\n\u201eBitte mistet mich jetzt nicht voll! Dies ist ein denkw\u00fcrdiger Augenblick und ich muss \u2026\u201c<br \/>\nAls h\u00e4tten die Tiere die leise mentale Stimme vernommen, kreisen sie jetzt \u00fcber den Sesseln von Mauro und Mommes und entledigen sich gen\u00fcsslich all dessen, was sie beschwert. Dann fliegen sie melodisch singend davon.<br \/>\nMadras betastet nachdenklich sein Gesicht, die Energieportale auf seinem Bauch &#8211;&nbsp; fasst sich in den Schritt und streichelt lange einf\u00fchlsam die W\u00f6lbung unter der schwarzen elastischen Hose, sieht sie wachsen und sp\u00fcrt ihre Hitze. Er kann sich nicht vorstellen, dass das alles in wenigen heylanischen Tagen nicht mehr existieren wird.<br \/>\nNein, eine k\u00f6rperlose Existenz hat f\u00fcr ihn nichts Verlockendes.<br \/>\nDann muss er an den Schmerz denken, den er diesmal weder mit Medikamenten unterdr\u00fccken noch mental abblocken darf &#8211;&nbsp; und an Arrak Rinar, der das Ganze wohl nicht verkraften wird.<br \/>\nEr merkt nicht gleich, dass Mommes viel zu fr\u00fch vor dem Thron gegen\u00fcber materialisiert.<br \/>\n\u201eAhhaiij, was f\u00fcr eine nette Besch\u00e4ftigung, lieber Kollege!\u201c l\u00e4stert er s\u00fcffisant. \u201eIst es das, was schwarze W\u00fcstenratten unter dem Umahaij verstehen? Ich w\u00fcnsche dennoch gute Gedanken und Frieden!\u201c<br \/>\n\u201eIch nehme nur Abschied\u201c, antwortet Madras und seine Erregung weicht abrupt steinerner Ruhe. \u201eDu wirst es bald verstehen. Ich habe euch aus gutem Grund gerufen.\u201c<br \/>\n\u201eWas ist \u2026\u201c<br \/>\n\u201eNein, alle sollen es gleichzeitig erfahren\u201c, wehrt der Turuska ab und wendet sich endg\u00fcltig dem unglaublichen Panorama aus geriffelten D\u00fcnen und makellos klarem Himmel zu.<br \/>\nMommes setzt sich verdutzt, ohne seinen Sessel wie gewohnt zu inspizieren. Madras muss innerlich grinsen, als er sich die wei\u00dfen Kleckse auf der protzigen karminroten Robe des Adeligen vorstellt.<br \/>\nNach einer Tima kommen auch die anderen und das \u00fcbliche Vorstellungsritual beginnt. Auch die Rangeleien zwischen Mauro und Mommes um das ber\u00fchmteste Haus sind seit Langem eine feste Tradition. Dann wird es still. Die drei Turuska &#8211;&nbsp; die bereits Bescheid wissen &#8211;&nbsp; bleiben gelassen, w\u00e4hrend die Wei\u00dfen sich mit ihren kalten hellen oder schwarzen Augenpaaren erwartungsvoll an dem Gesicht von Madras festsaugen.<br \/>\n\u201eJa. Ich bin dem Einen begegnet\u201c, erkl\u00e4rt dieser ruhig. \u201eEr ist m\u00fcde und sehr krank. Wenn wir ihm nicht helfen, wird die wuchernde Entropie alles zugrunde richten.\u201c<br \/>\n\u201eMindestens zweitausend Heylaner m\u00fcssen ihr Leben opfern, um den Einen zu st\u00e4rken\u201c, erg\u00e4nzt Kah\u2019Luhr vom Hause Tureg bestimmt. \u201eDas heilige wei\u00dfe Feuer muss sie verzehren.\u201c<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein wei\u00dfes Feuer?\u201c<br \/>\n\u201eWer soll sterben?\u201c<br \/>\n\u201eWas soll das bringen?\u201c<br \/>\n\u201eWenn wir nun ein paar unwichtige Diener \u2026\u201c<br \/>\n\u201eOder unvollkommene Geister \u2026\u201c<br \/>\n\u201eUnerw\u00fcnschte Kinder \u2026\u201c<br \/>\n\u201eMeinetwegen auch ein paar Turuska \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIhr wollt solche schwarzen Bastarde dem Einen opfern?\u201c Mommes und Mauro lassen jede R\u00fccksichtnahme auf die Turuska fallen. \u201eDas gibt denen nur noch mehr Macht. Dann eher ein paar entbehrliche Mitglieder unserer eigenen Clans.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht, was f\u00fcr primitive Vorstellungen ihr von dem Einen habt\u201c, unterbricht Madras k\u00fchl das Geschnatter. \u201eEs geht gar nicht darum, irgendwelche Umahs an ihn zu verf\u00fcttern, um ihn wieder aufzubauen. Die in Aufl\u00f6sung begriffenen oder bereits verschwundenen Aorai m\u00fcssen durch neues F\u00fchlen und Denken ersetzt werden. Wer immer erfolgreich durch das wei\u00dfe Licht geht, wird ein Teil des gro\u00dfen Weltgeistes.\u201c<br \/>\n\u201eEr wird Gott?\u201c fragt Mauro gierig. \u201eEin wahrer m\u00e4chtiger Gott?\u201c<br \/>\n\u201eJa, unsere \u00e4ltesten M\u00fctter haben deshalb bereits die Besten der Besten benannt.\u201c<br \/>\n\u201eAha\u201c, murmelt Mommes. \u201eDeshalb dieser \u00fcberaus z\u00e4rtliche Abschied.\u201c<br \/>\n\u201eJa, ich bin auch auserw\u00e4hlt\u201c, best\u00e4tigt der \u00e4lteste aller Umahaij-Meister. \u201eDie Tage meiner k\u00f6rperlichen Existenz sind gez\u00e4hlt.\u201c<br \/>\n\u201eIhr k\u00f6nnt das nicht allein unter euch ausmachen\u201c, protestiert Mauro. \u201eIhr unterwandert heimlich den Einen &#8211;&nbsp; und was wird aus uns?\u201c<br \/>\n\u201eHeute, wenn die Sonne violett hinter den Bergen des Hauses Kuma verschwindet, werde ich alles, was ich wei\u00df, dem freien Datenstrom \u00fcbergeben. Auch die wei\u00dfen Clans werden die M\u00f6glichkeit erhalten, sich an der Rettung des Kosmos zu beteiligen.\u201c<br \/>\n\u201eAn was f\u00fcr Feuer denkst du eigentlich?\u201c erkundigt Hrendahl aus dem Hause Markab vorsichtig.<br \/>\n\u201eAn solche, die gro\u00df und hei\u00df genug sind, einen erwachsenen Heylaner in Mil\u2019Timas zu verdampfen\u201c, antwortete Madras knapp.<br \/>\n\u201eUnd es bleibt nur das nackte Umah \u00fcbrig?\u201c vergewisserte sich der Nachkomme des ber\u00fchmten Silmoh beunruhigt.<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eUnd das soll ein Gott sein?\u201c emp\u00f6rt sich Mommes. \u201eEine absurde Mischung irgendwelcher wahllos zusammengew\u00fcrfelter Umahs? Der ist doch v\u00f6llig nutzlos!\u201c<br \/>\n\u201eDer Eine eilt der Zeit voraus und verringert die Entropie im Universum\u201c, belehrt ihn Kah\u2019Zitrah aus dem Hause Kuma. \u201eGibt es etwas Wichtigeres?\u201c<br \/>\n\u201eIhr seht doch selbst, was passiert, wenn seine Macht nachl\u00e4sst!\u201c meldet sich Gluro aus dem Hause Massa zu Wort.<br \/>\n\u201eEr vermag sich Helfer aus reiner Energie zu erschaffen\u201c, sagt Kah`Luhr vom Hause Tureg and\u00e4chtig.<br \/>\n\u201eUnd er wirkt durch die, deren Umahs er ber\u00fchrt\u201c, f\u00fcgt Madras ernst hinzu. \u201eWir Turuska durften das schon erleben. Ich selbst habe mehr als einmal mit ihm gesprochen.\u201c<br \/>\n\u201eBeim Rammeln in der W\u00fcste?\u201c erkundigt sich Mommes anz\u00fcglich.<br \/>\n\u201eNicht nur, lieber Kollege\u201c, antwortet Madras glatt. \u201eUnd bevor ihr mich fragt &#8211;&nbsp; es ist eure Sache, was ihr mit diesen Informationen anfangt. Ich jedenfalls kehre jetzt zu den Zelten des Hauses Kinsai zur\u00fcck und widme mich meinen Abschieden.\u201c<br \/>\n\u201eDem kleinen Taluri?\u201c fragt Mommes ganz direkt.<br \/>\n\u201eJa, auch meinem liebsten Bindungspartner Arrak Rinar.\u201c<br \/>\nMadras und die drei jungen Turuska l\u00f6sen sich in einem Flirren auf.<br \/>\n\u201eMan wird uns alle auffordern, Teil des Einen zu werden\u201c, \u00fcberlegt Hrendahl vom Hause Markab panisch. \u201eWir sind leider die besten Umahaij-Meister Heylas.\u201c<br \/>\n\u201eNa ich wei\u00df nicht \u2026\u201c knurrt der adelige Mauro wegwerfend. \u201eF\u00fcr so etwas gab es doch immer ein paar unterprivilegierte Leute.\u201c<br \/>\n\u201eWenn wir nicht bereit sind, zu gehen, wird es auch niemand anderes sein. Dann geht die ganze Welt unter und wir sterben einen noch schrecklicheren Tod.\u201c<br \/>\n\u201eWas seid ihr nur f\u00fcr elende K\u00e4fer!\u201c grollt Lailo aus dem Hause Woran ver\u00e4chtlich. \u201eIch jedenfalls werde meine Stimme erheben und lautstark fordern, dass sich die gro\u00dfen Zehn geschlossen opfern &#8211;&nbsp; ebenso die planetare Regierung Heylas und die wichtigsten Provinzbeamten. Das ist doch angeblich unsere Elite. Es kann nicht sein, dass immer nur das einfache Volk bluten muss.\u201c<br \/>\n\u201eDu willst dich nur an uns r\u00e4chen, weil deine Kanalarbeitereltern \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch bin der zweitbeste lebende Umahaij-Meister. Meine mentale Macht ist fast so gro\u00df wie die von Hrendahl\u201c, kontert der Proletariersohn grimmig. \u201eDieser Thron auf dem Gipfel steht mir rechtm\u00e4\u00dfig zu, eine einflussreiche Stimme im Datenstrom steht mir zu &#8211;&nbsp; und auch meine g\u00f6ttliche Erh\u00f6hung. Aber weil ich ein netter Kerl bin, nehme ich euch mit in die Unsterblichkeit. Das bisschen Schmerz macht euch sicher nichts aus.\u201c<br \/>\nDann l\u00f6st er sich gru\u00dflos auf.<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein Dreckhaufen!\u201c murren Mauro und Mommes inbr\u00fcnstig.<br \/>\n\u201eSeine Vorfahren waren &#8211;&nbsp; glaube ich &#8211;&nbsp; Vergewaltiger und M\u00f6rder\u201c, sinniert der Nachfahre des gro\u00dfen Silmoh. \u201eJedenfalls geh\u00f6rte irgendeine Bestie zu seinem Clan. Madras wei\u00df sicher mehr dar\u00fcber.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist unm\u00f6glich!\u201c protestieren die anderen. \u201eEr ist einer von uns!\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht irre ich mich auch.\u201c Hrendahl wendet sich teilnahmslos ab. Das Einzige, was ihn jetzt noch besch\u00e4ftigt, ist das wei\u00dfe Feuer &#8211;&nbsp; dass ihn vermutlich der eigene Clan zwingen wird, den Helden zu spielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Das wei\u00dfe Feuer Heylas wird in einer mondlosen Nacht feierlich in die s\u00fcdliche W\u00fcste transferiert &#8211;&nbsp; eine hinter sieben starken rauchfarbig get\u00f6nten Kraftfeldern sicher verborgene atomare H\u00f6lle. Gr\u00fcne Lampen markieren den einzigen Weg ins Innere. Einen schmalen Pfad, der sich von einem geschw\u00e4chten Feldbereich zum n\u00e4chsten schl\u00e4ngelt. In jedem der konzentrischen Kreise ist es hei\u00dfer als im vorigen &#8211;&nbsp; bis die Luft in den Lungen brennt und der Verstand sich vor Qual eintr\u00fcbt. Wem es gelingt, die letzte Barriere zu durchbrechen, der st\u00fcrzt direkt in einen Glutofen, der ihn restlos aufzehrt.<br \/>\nTausende haben sich in der welligen Ebene versammelt: Heylaner, Taluri, Menschen, Kass &#8211;&nbsp; die Angeh\u00f6rigen der Opfer, schamlose Gaffer und Reporter aller bekannten Welten. Vor dem Eingang stehen die zehn gr\u00f6\u00dften Umahaj-Meister Heylas bereit und warten darauf, dass die Trommler ihre Finger auf straff gespanntem Raspayatileder tanzen lassen.<br \/>\nDie Kameraleute \u00fcberpr\u00fcfen ein letztes Mal ihre schwebenden Aufnahmeger\u00e4te, Kleinkinder tollen kreischend zwischen den Erwachsenen herum, junge und alte Frauen weinen.<br \/>\nRhahtamm! Rhatamm! Rhatamm!<br \/>\n\u201eDer erste Freiwillige m\u00f6ge sein Fleisch zum Wohl der Vielen entz\u00fcnden und sein nacktes Umah dem Einen darbringen!\u201c dr\u00f6hnt eine kalte anonyme Lautsprecherstimme.<br \/>\nIn den Reihen der Umahaij-Meister gibt es ein kurzes Gerangel. Scheinbar will jeder dem anderen den Vortritt lassen.<br \/>\nPl\u00f6tzlich l\u00f6st sich ein kraftvoller, zeitlos sch\u00f6ner schwarzer Mann aus der Gruppe und durchbricht als Erster energisch die \u00e4u\u00dferste Barriere. Tausende Augenpaare h\u00e4ngen an der rauchigen Wand und die Aufnahmeger\u00e4te vieler Informationsplattformen folgen seinem Weg durch die konzentrischen Kreise.<br \/>\nDen Ersten muss er halb umrunden. Er geht langsam und hoch erhobenen Hauptes. Seine hinter einer dunklen Schutzbrille verborgenen Augen suchen in der Menge nach einem zierlichen Taluri, aber er kann da drau\u00dfen nur noch eine amorphe Masse wahrnehmen. \u201eWahrscheinlich ist der arme Junge jetzt wei\u00df vor Angst\u201c, denkt Madras aufgew\u00fchlt und schiebt sich durch das zweite Kraftfeld. \u201eEs ist Zeit, den Geist zu reinigen und nur noch an das Schicksal der Kinder \u00fcberall im Universum zu denken.\u201c<br \/>\nEr bleibt eine Weile mit ausgebreiteten Armen stehen &#8211;&nbsp; wie die Statue eines glorreichen K\u00f6nigs vor der entscheidenden Schlacht.<br \/>\nIm dritten Korridor ist es bereits sehr hei\u00df und glei\u00dfend hell. Madras bekommt kaum noch Luft und muss Mund und Nase mit dem wei\u00dfen Mantel verh\u00fcllen. Die trockene Hitze versengt seinen nackten Oberk\u00f6rper. Der dunkelblaue Vogel aus Stein brennt sich in seine Haut. Er rei\u00dft die Kette ab und wirft sie achtlos beiseite. Jetzt hetzt er hechelnd von Durchgang zu Durchgang &#8211;&nbsp; bis er vor dem allerletzten steht. Die Zuschauer sehen auf der riesigen Projektionsfl\u00e4che, wie sich Brandblasen auf seiner samtigen dunklen Haut bilden. Wie sie aufplatzen und zu n\u00e4ssenden gr\u00fcnlichen Wunden werden.<br \/>\nDass ihn die Aufnahmeger\u00e4te umschwirren, nimmt er l\u00e4ngst nicht mehr wahr. Stresshormone schie\u00dfen in seine Adern. Sie sorgen daf\u00fcr, dass er die Schmerzen kaum noch sp\u00fcrt und sein durchtrainierter K\u00f6rper die letzten Reserven freisetzen kann.<br \/>\n\u201eAm\u2019Ramah!\u201c schreit er gurgelnd auf. \u201eIch komme!\u201c Dann ein letzter wilder Sprung! Ein grelles Auflodern! Es gibt nur noch dieses barbarische wei\u00dfe Leuchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Heyla und die Liga friedlicher Welten sehen ehrf\u00fcrchtig und atemlos zu, wie die drei jungen Umahaij-Meister der Turuska gelassen und aufrecht den Weg ihres Mentors beschreiten. Sie bezwingen die Hitze in den konzentrischen Ringen, durchdringen rasch und mutig alle Kraftfelder und st\u00fcrzen sich, ohne zu z\u00f6gern, ins Feuer.<br \/>\nHrendahl aus dem Hause Markab bricht mehrmals zusammen und bleibt schlie\u00dflich im vierten Kreis in F\u00f6tushaltung liegen. Sein K\u00f6rper ist hinter den d\u00e4mpfenden Kraftfeldern nur undeutlich zu sehen. Eine Aufnahmedrohne kriecht unter seine H\u00e4nde und zeigt aus n\u00e4chster N\u00e4he seine zuckenden Augenlider.<br \/>\nMauro aus dem Hause Bollah und Mommes aus dem Hause Lil\u2019Ana \u00fcberwinden den gef\u00e4hrlichen Weg Hand in Hand. Spiegelnde Umh\u00e4nge und Atemschutzmasken verhindern, dass die Hitze ihnen vor der Zeit etwas antun kann. An der letzten Barriere z\u00f6gern sie, denn jetzt wird es ernst. Sie k\u00f6nnen den nahen Tod sehen, riechen, sp\u00fcren.<br \/>\nIrgendwann sagt Mommes sp\u00f6ttisch: \u201eKomm Mauro! Der Eine braucht uns, damit ein wenig adeliger Glanz in diese Welt kommt!\u201c<br \/>\nDann zerrt er seinen Gef\u00e4hrten vorw\u00e4rts und beide vergl\u00fchen.<br \/>\nDie beiden Greise schaffen es taumelnd und \u00e4chzend bis in den dritten Kreis und bleiben vor dem n\u00e4chsten Durchgang wie Lumpenpuppen liegen. Diesmal zeigen die Aufnahmeger\u00e4te die offenen M\u00fcnder und starren Augen von Toten.<br \/>\nLailo aus dem Hause Woran gelingt es, bis zum letzten Durchgang vorzudringen. Er st\u00f6\u00dft seine in den G\u00e4ngen zwischen den Kraftfeldern zusammengebrochenen Kollegen mit dem Fu\u00df an, pr\u00fcft oberfl\u00e4chlich ihre Lebenszeichen. Die Menge registriert emp\u00f6rt, dass er Hrendahl mit aller Kraft in den Hintern tritt und dann einfach weiter hastet.<br \/>\n\u201eNieder mit allen Privilegien! Gleiches Recht f\u00fcr alle!\u201c br\u00fcllt er ekstatisch, w\u00e4hrend er kopf\u00fcber ins Feuer stolpert.<br \/>\nDer n\u00e4chste Auserw\u00e4hlte ist der Traumwanderer Prinda aus dem Hause Tureg &#8211;&nbsp; ein athletischer junger Mann mit krummer Nase und scharfen schwarzen Augen. Der wei\u00dfe Mantel eines Kriegers flattert lose um seine breiten Schultern. Er geht auf unspektakul\u00e4re Weise in den Tod &#8211;&nbsp; als h\u00e4tte er schon lange vorher alles \u00fcber diesen Tag gewusst. Ein befriedigter Seufzer steigt von der Menge auf. Jetzt ist der Eine nicht mehr zukunftsblind.<br \/>\nDie \u00fcbrigen auserw\u00e4hlten Heylaner warten geduldig wie die Esumis auf ihren Opfertod: Regierende, h\u00f6here Beamte, Lehrer, Richter, Offiziere der Ligaflotte. Der Menge beginnt zu schwatzen und die Kameraleute rufen ihre Drohnen zur\u00fcck. Niemand st\u00f6rt es, dass die Projektionsfl\u00e4che dunkel bleibt.<br \/>\nNur als der blutjunge Poet Farsil aus dem Hause Boras sich dem mit gr\u00fcnen Lampen markierten Weg in die reine Entropie n\u00e4hert, beginnen einige Frauen aufgeregt zu tuscheln.<br \/>\n\u201eWie schade!\u201c<br \/>\n\u201eDer arme Junge!\u201c<br \/>\n\u201eEr hatte noch nicht einmal eine Bindungspartnerin!\u201c<br \/>\n\u201eSeine Lieder werden mir fehlen!\u201c<br \/>\n\u201eDiese verfluchten \u00c4ltesten!\u201c<br \/>\n\u201eDen h\u00e4tten sie uns doch lassen k\u00f6nnen!\u201c<br \/>\n\u201eEr ist viel zu sch\u00f6n zum Sterben!\u201c<br \/>\n\u201eUnd was ist mit Madras?\u201c fragt Arrak Rinar zornig. \u201eWar der weniger sch\u00f6n und vollkommen? War es etwa richtig, einen Mann wie ihn zu verheizen?\u201c<br \/>\nJetzt erkennen die Frauen den Geliebten des \u00e4ltesten aller Umahaij-Meister und verstummen besch\u00e4mt.<br \/>\nKein Sender kommt auf den Gedanken, dem Dichter der Turuska ein Aufnahmeger\u00e4t mitzugeben. Nur ein Flackern des wei\u00dfen Feuers verr\u00e4t, dass er sein Ziel gefunden hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>\u201eDie Auserw\u00e4hlten haben ihre heilige Pflicht getan!\u201c verk\u00fcndet die anonyme Lautsprecherstimme mit vibrierend. \u201eJetzt werden die konzentrischen Ringe gereinigt und bel\u00fcftet. Danach kann jeder, der es w\u00fcnscht, hinein.\u201c<br \/>\n\u201eIch verstehe das nicht\u201c, sagt Arrak Rinar zu dem neben ihm stehenden Gattor. \u201eDa drin liegen noch drei ber\u00fchmte Umahaij-Meister. Sind die jetzt nur noch Schmutz, weil sie es nicht bis ins Feuer geschafft haben?\u201c<br \/>\n\u201eHrendahl simuliert wahrscheinlich\u201c, entgegnet der G\u00e4rtner dumpf. \u201eUnd die anderen beiden Schlappspeere haben sich im Abgrund ohne Wiederkehr verkrochen.\u201c Gattors schwarze Augen sind jetzt undurchsichtig und stumpf wie Ger\u00f6ll. \u201eNein, die tun mir alle drei nicht besonders leid. Aber Madras! Er war immer f\u00fcr die Vielen da! Es ist nicht gerecht \u2026\u201c<br \/>\nM\u00e4nner in Schutzanz\u00fcgen tragen die drei K\u00f6rper ins Freie.<br \/>\nPl\u00f6tzlich baut sich ein Helfer im Schutzanzug vor den beiden Kriegern auf. \u201eIhr wart doch Freunde von Madras aus dem Hause Kinsai. Ich habe das hier im dritten Ring gefunden.\u201c Von der behandschuhten Hand baumelt ein blaues Donnervogelamulett an einer angesengten Lederschnur.<br \/>\nRinar ist unf\u00e4hig, sich zu r\u00fchren oder etwas zu sagen. Sein Gesicht ist fleckig und tr\u00e4nennass.<br \/>\n\u201eGib mir den Talisman des gro\u00dfen Meisters.\u201c Gattor vermeidet jeden Blickkontakt, seine schwieligen Finger schlie\u00dfen sich fest um den steinernen Vogel.<br \/>\nNur seine zuckenden Schultern verraten, dass er weint.<br \/>\n\u201eIch kann ohne Madras nicht weiterleben\u201c, verk\u00fcndet Arrak Rinar pl\u00f6tzlich entschlossen. \u201eIch gehe auch da hinein.\u201c<br \/>\n\u201eDann trennen sich jetzt unsere Wege.\u201c Gattor dr\u00fcckt ihn fest an sich. \u201eIch muss bleiben. Meine liebste Bindungspartnerin w\u00fcrde ohne mich altern und sterben.\u201c<br \/>\n\u201eUnd deine hei\u00dfgeliebte Katze Kah\u2019Kira.\u201c Jetzt, wo alles entschieden ist, kann Rinar wieder scherzen. \u201eIch w\u00fcnsche euch allen gute Gedanken und ein langes gl\u00fcckliches Leben! Denkt ab und zu an mich!\u201c Sein Gesicht ist entspannt und die Haut k\u00f6niglich glatt und schiefergrau, als er sich den Weg nach vorn durch die Menge bahnt. Wenig sp\u00e4ter steht er am Beginn des gr\u00fcn erleuchteten Pfades.<br \/>\n\u201eIch bin Arrak Rinar von Talur und folge meinem Liebsten Madras aus dem Hause Kinsai zu dem Einen\u201c, sagt er laut und die heylanischen Techniker treten wortlos beiseite.<br \/>\nDie zarte Gestalt im wei\u00dfen Mantel wird hinter den get\u00f6nten Kraftfeldern immer undeutlicher w\u00e4hrend sie die Barrieren durchbricht und zielstrebig dem Tod entgegen eilt.<br \/>\nGattor kann das alles nicht mehr aushalten und l\u00e4sst sich heim zu den Zelten des Hauses Elmar transferieren.<br \/>\nErst als die rot getigerte Katze von der Erde schnurrend um seine Beine streicht, beruhigt sich sein unregelm\u00e4\u00dfig pochendes Herz. Seine rechte Hand \u00f6ffnet sich und das Amulett des gro\u00dfen Meisters f\u00e4llt zu Boden.<br \/>\n\u201eAch! Kah\u2019Kira!\u201c schluchzt der G\u00e4rtner und l\u00e4sst seiner Trauer freien Lauf.<br \/>\nDie Katze legt ihre rote pelzige Pfote besitzergreifend auf den blauen Vogel und sieht ihren heylanischen Freund aus gr\u00fcnen Augen frech an.<br \/>\nJetzt muss Gattor unter Tr\u00e4nen l\u00e4cheln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Die Menge auf dem Platz mit dem wei\u00dfen Feuer wogt unruhig hin und her. Jeder schaut den Nachbarn forschend an: \u201eIst er gl\u00fccklicher als ich? H\u00e4ngt er sehr am Leben? W\u00fcrde ihm der Tod vielleicht ein bisschen leichter fallen als mir?\u201c<br \/>\n\u201eWir brauchen noch f\u00fcnfhundert Freiwillige\u201c, dr\u00f6hnt der Lautsprecher fordernd. \u201eF\u00fcnfhundert Heylaner, denen das Wohl der Vielen wichtiger ist, als das eigene Leben!\u201c<br \/>\nNiemand tritt vor.<br \/>\nPl\u00f6tzlich bewegt sich etwas in der k\u00fcnstlichen Sonne hinter den rauchigen Kraftfeldern. Ein riesiges schwarzes Wesen mit unruhig peitschenden Tentakeln steigt aus der Tiefe auf. Es ist anorganisch und kann nicht brennen. Seine Todeskampf schreit in den K\u00f6pfen der Anwesenden. Sie sehen, wie das Silikat zu gl\u00fchen beginnt &#8211;&nbsp; wie es sich in einen feurigen See verwandelt, bevor es zu gl\u00fchendem Plasma wird. Der Ma\u2019Rinnu ist tot.<br \/>\nNun gibt es kein Halten mehr. Vor dem Eingang zum ersten Kreis bildet sich eine lange Schlange Mutiger. Ihre klaren Stimmen hallen laut in der kalten W\u00fcstennacht.<br \/>\n\u201eAngela Davis von der Erde.\u201c<br \/>\n\u201eKendro von Ayala vom Planeten Talur.\u201c<br \/>\n\u201eBrjiiwan von den Wikissa.\u201c<br \/>\n\u201eMrrijauh von den Kass.\u201c<br \/>\n\u201ePsiipah vom Planeten Belor.\u201c<br \/>\n\u201eThallos aus dem Hause Duveh von Imperia.\u201c<br \/>\n\u201eAkathah Lajos von Nakkar.\u201c<br \/>\nDie Reaktion auf den letzten Namen ist ein undefinierbares Get\u00f6se.<br \/>\nDer silberh\u00e4utige Nakkaraner wendet sein junges Gesicht dem n\u00e4chsten Aufnahmeger\u00e4t zu. \u201eTja, Freunde! Ich war gerade auf der Erde, als meine Welt einfach so unterging. Es ist nicht richtig, dass all meine Verwandten tot sind und ich laufe immer noch hier herum. So sterbe ich wenigstens nicht umsonst.\u201c<br \/>\n\u201eIch gehe jetzt auch zu dem Einen.\u201c Auf einmal klingt die Lautsprecherstimme gar nicht mehr kalt und unpers\u00f6nlich. \u201eTut, was ihr wollt aber ich gehe zu dem Einen.\u201c<br \/>\nSelbst Heylaner, die eben noch am liebsten schreiend geflohen w\u00e4ren, ziehen es nun in Erw\u00e4gung, die sieben konzentrischen Ringe zu durchschreiten und etwas gegen den Untergang der Welt zu tun.<br \/>\nIm Morgengrauen kommen die Physiker auf den vereinsamten Platz und transferieren das wei\u00dfe Feuer zur\u00fcck an seinen angestammten Platz: ein experimentelles Kraftwerk nicht weit von der Hauptstadt Heyla\u2019Thur.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Wie eine unsichtbar funkelnde Schale w\u00f6lben sich die Umahs von Coraz\u00f3n Inserra und f\u00fcnfundzwanzig ersch\u00f6pften Aorai ihren neuen Gef\u00e4hrten entgegen. Als Madras, Rinar, Kah\u2019Luhr, Kah\u2019Zitrah und Gluro die glatte Wand herabrollen, jubelt Cori leise.<br \/>\nDer Wahrtr\u00e4umer und Traumwanderer Prinda und der junge Poet Farsil werden mit Ehrfurcht begr\u00fc\u00dft und liebevoll in die Mitte des Einen geleitet. In ihren sensiblen prophetischen Gedanken ruht ab jetzt die Zukunft des Universums.<br \/>\nDer Ma\u2019Rinnu Ahrasss schenkt den Vielen, die zu dem Einem verschmelzen, unfassbare Kraft, hemmungslose Neugier und den pathetischen Gesang der Sterne.<br \/>\nUnd die Gesandten all der verschiedenen Spezies! Die Umahs von mehr als der H\u00e4lfte von ihnen waren rein und selbstlos genug, um das Feuer zu \u00fcberstehen. Zum ersten Mal begreifen die Aorai wirklich, wen sie besch\u00fctzt haben. Sie rufen nach ihren schlafenden Br\u00fcdern, denn es lohnt sich immer noch, zu wachen und zu k\u00e4mpfen.<br \/>\n\u201eNieder mit allen Privilegien! Dieses Universum braucht mehr Gerechtigkeit!\u201c Lailos Umah n\u00e4hert sich laut schreiend dem Einen.<br \/>\n\u201eWas ist denn das?\u201c fragt Coraz\u00f3n Inserra ihren Freund Madras. \u201eDer br\u00fcllt ja wie ein ganzes Rudel Raspayatis. Ein Wunder, dass er es bis hierher geschafft hat.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist ein Sohn des Hauses Woran\u201c, antwortet Madras. \u201eEr beunruhigt mich.\u201c<br \/>\n\u201eIch kann nichts daf\u00fcr, dass ich einem Verwandten, den du nicht leiden konntest, so \u00e4hnlich sehe!\u201c protestiert der proletarische Umahaij-Meister hitzig. \u201eDas ist Sippenhaft!\u201c<br \/>\n\u201eWas meinst du eigentlich mit Privilegien?\u201c erkundigt sich einer der Aorai ernst.<br \/>\n\u201eNa so was wie Adel!\u201c knurrt Lailo w\u00fctend. \u201eDass jemand allein wegen seiner Abstammung mehr wert sein soll als die andern. Dass man als Arbeitersohn wie ein Verr\u00fcckter rackert, was leistet &#8211;&nbsp; und trotzdem immer auf den letzten Platz gestellt wird! Dass sie mir den einzigen M\u00f6rder in unserem Clan pausenlos ins Umah schmieren, w\u00e4hrend diese verrotteten Aristokraten immer noch hochm\u00fctig umherstolzieren obwohl ihre Vorratsr\u00e4ume bis oben hin mit Leichen vollgestopft sind. Das ist ungerecht!\u201c<br \/>\n\u201eDu f\u00fchlst dich schlecht behandelt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eNein, es geht nicht um mich, sondern ums Prinzip.\u201c<br \/>\n\u201eDu sehnst dich nicht danach, dass man dich verehrt, vielleicht sogar anbetet?\u201c<br \/>\n\u201eSchei\u00dfe! Nein! Da w\u00fcrde ich ja ganz schnell zu genauso einem hirnlos Popanz mutieren! Ich w\u00e4re kein bisschen besser als dieses ganze privilegierte Pack! Wie Mauro und Mommes, die das Weltall mit ihrer schmierigen Dekadenz begl\u00fccken wollten. Zum Gl\u00fcck haben sie es nicht geschafft. Nein, ich will nur, dass endlich alle das Gleiche wert sind!\u201c<br \/>\n\u201eIch verstehe dich\u201c, sagt Madras leise. \u201eVerzeih mir bitte!\u201c<br \/>\nDas wild wabernde Umah h\u00e4lt ungl\u00e4ubig inne. \u201eGeh\u00f6re ich wirklich dazu?\u201c<br \/>\n\u201eDein Zorn ist eine Macht, die uns bisher gefehlt hat\u201c, antworten die Aorai sanft.<br \/>\nDer Eine, der in Wahrheit Viele ist, l\u00e4chelt.<\/p>\n<p>\u00a9 2007 by Anneliese Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ferner Zukunft droht das gesamte Universum im Chaos zu versinken: Naturgesetze verlieren ihre G\u00fcltigkeit, Lebewesen sterben. 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