{"id":197,"date":"2007-08-01T20:09:42","date_gmt":"2007-08-01T19:09:42","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=197"},"modified":"2025-05-13T19:06:20","modified_gmt":"2025-05-13T19:06:20","slug":"die-asseln-und-die-scheibenwelt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=197","title":{"rendered":"Die Asseln und die Scheibenwelt"},"content":{"rendered":"<p><em>Samara, die Kellerassel, lebt gl\u00fccklich in einem heruntergekommenen Gartenschuppen. Doch pl\u00f6tzlich wirbeln dramatische Ereignisse ihr Leben geh\u00f6rig durcheinander. Samara und ihre Asselgef\u00e4hrten m\u00fcssen mutige Entscheidungen treffen, denn es geht um Leben und Tod \u2026<\/em><\/p>\n<p><strong>Eine moderne Fabel von Adriana Wipperling<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Mensch h\u00e4tte Samaras neues Heim wohl als echte Bruchbude bezeichnet. Auf dem nackten Steinfu\u00dfboden klebten Zeitungen, bekleckert mit brauner \u00d6lfarbe. Durch ein Loch in der Decke fiel an manchen Tagen sehr viel Wasser und an anderen Tagen durchschnitten einzelne helle Lichtstrahlen das schummerige Innere des alten Ger\u00e4teschuppens. Das Mobiliar war alt und verwittert, die Polster begannen zu schimmeln und der Lack bl\u00e4tterte ab.<br \/>\nAlles, was die Besitzer dieses selbst gebauten Schuppens nicht mehr brauchten, stopften sie hinein &#8211;&nbsp; immer dann, wenn sie sich neue M\u00f6bel kauften und die Abrufkarten f\u00fcr den Sperrm\u00fcll nicht finden konnten.<br \/>\nSogar Computerteile gab es hier: eine wei\u00dfe Maus mit einer Kugel im Bauch und einem endlos langen, d\u00fcnnen Schwanz, eine Tastatur, deren Buchstaben, vom Zahn der Zeit abgenagt, kaum noch zu erkennen waren, und auf dem Fu\u00dfboden lag eine ausrangierte Grafikkarte.<br \/>\nSamara hatte keine Ahnung, was eine Grafikkarte war &#8211;&nbsp; oder eine Tastatur. Aber ihre Kinder liebten das unendliche Labyrinth der viereckigen, wei\u00dfen Tasten: in den Ritzen lie\u00df es sich n\u00e4mlich herrlich Verstecken spielen.<br \/>\nDer modrige Geruch, die Finsternis und die Feuchtigkeit st\u00f6rten Samara nicht. Im Gegenteil: Es gab nichts Sch\u00f6neres f\u00fcr sie!<br \/>\nSamara war eine Kellerassel.<br \/>\nVor nicht allzu langer Zeit hatten zwei riesige H\u00e4nde den Trittstein angehoben, unter dem sie ihr behagliches, aber ereignisloses Leben gefristet hatte. Obdachlos und in Panik aufgel\u00f6st, war sie einfach losgerannt. Ohne Ziel &#8211;&nbsp; nur raus aus der brennenden Sonne und weg von den klobigen Stiefel dieses monstr\u00f6sen Zweibeiners, der ihren Stein geraubt hatte.<br \/>\nDer Spalt unter der Schuppent\u00fcr bot sich ihr als rettender Hafen.<br \/>\nInzwischen war sie dem Zweibeiner fast dankbar: Ohne ihn h\u00e4tte sie diesen herrlichen Schuppen mit seinen faszinierenden M\u00f6glichkeiten und interessanten Bewohnern nie kennen gelernt. Hier gab es zum Beispiel Baby-Schnecken, mit H\u00e4usern, so zart und durchsichtig, wie Glas. Und Tausendf\u00fc\u00dfler mit unz\u00e4hligen, winzigen Beinchen.<br \/>\nWas Samara an der neuen Welt am besten gefiel, war das l\u00e4ngliche Gebilde aus hellblauem Stoff, zusammen gehalten von einem dicken runden Holzstab und mehreren h\u00f6lzernen Streben, die am oberen Ende der Stange befestigt waren. Die Falten des Stoffes bargen kuschelige Schlafpl\u00e4tze f\u00fcr hunderte von Kellerasseln &#8211;&nbsp; besonders, seit in den letzten Tagen wieder jede Menge Wasser durch das Loch im Dach gefallen war und den Stoff mit Feuchtigkeit durchtr\u00e4nkt hatte. Hier freute sich jede Assel an der anderen und sie bekamen zahllose Kinder.<br \/>\nJa, so l\u00e4sst es sich leben, dachte Samara und legte sich schlafen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Samara wurde brutal aus ihrem Schlummer gerissen, als die Schuppent\u00fcr knarrte und die wohlige D\u00e4mmerung durch schmerzhaft grelles Mittagslicht vertrieben wurde.<br \/>\nAber es kam noch viel schlimmer. Der Stoff, in dessen Falten sich Samara mit ihren Asselgef\u00e4hrten h\u00e4uslich eingerichtet hatte, wurde pl\u00f6tzlich durchger\u00fcttelt wie von einem Sturm &#8211;&nbsp; oder der Hand eines gedankenlosen Riesen.<br \/>\nVoller Angst klammerte sich Samara an die vertrauten hellblauen Fasern, als sie mitsamt der ganzen Kellerasselgemeinde hinaus in die Mittagshitze gezerrt wurde.<br \/>\nEs war ein Horrortrip. Viele der zarten Asselbabys konnten sich nicht l\u00e4nger festhalten und st\u00fcrzten in eine namenlose Tiefe. Samara weinte still, denn sie ahnte, sie w\u00fcrde die Kleinen nie wieder sehen. Ihre besten Freundinnen Theresa und Georgina waren vor Entsetzen wie gel\u00e4hmt. Knorrige \u00c4ste schrammten \u00fcber den Stoff und zermalmten auch einige der gr\u00f6\u00dferen Asseln. Um ein Haar w\u00e4ren auch Samara, Theresa und Georgina beiseite gefegt und zerquetscht worden. Nach diesem f\u00fcrchterlichen Schreck stellten sie sich alle tot, versuchten nichts mehr zu f\u00fchlen und zu denken.<br \/>\nSamara schrak auf, als ein Sonnenstrahl wie ein gl\u00fchendes Messer ihren Panzer streifte. Theresa und Georgina verkrallten sich immer noch regungslos in den hellblauen Fasern.<br \/>\nDann geschah etwas, wogegen alle Asseln machtlos waren: Ein Beben, von Sekunde zu Sekunde heftiger, sch\u00fcttelte ihr Stoffzelt gr\u00fcndlich durch. Gro\u00dfe und kleine Asseln flogen durch die Luft. Manche ruderten hilflos mit den Beinchen, andere rollte sich \u00e4ngstlich zusammen und regneten zu Boden wie kleine schwarze Hagelk\u00f6rner. Samara sah Theresa und Georgina in die Tiefe st\u00fcrzen, sie selbst war eine der letzten, die fielen. Mit einem Mal war sie zu schwach, sich im Stoff zu verkrallen, ihre Heimat festzuhalten, Widerstand zu leisten. Es erschien ihr sinnlos. Mit diesem Gedanken schwand auch die Kraft ihrer zw\u00f6lf Beinchen, schmolz ihr Kampfgeist in der Hitze der Nachmittagssonne dahin.<br \/>\nEs war ein endloser anmutender, Schwindel erregender Sturz. Alles an ihr verkrampfte sich, rollte sich ein. Ein fl\u00fcchtiger, trauriger Gedanke galt Theresa, Georgina und ihren vielen Kindern. Dann gab sie auf, verabschiedete sich vom gem\u00fctlichen Leben unter Steinen und Blument\u00f6pfen. Und dem faszinierenden, wei\u00dfen Tastenlabyrinth. Es schien ein f\u00fcr allemal verloren.<br \/>\nIhr Sturz in die Tiefe endete mit einem harten, schmerzhaften Aufprall. Sie hatte sich den Panzer geprellt, aber nichts gebrochen, wie sie nach kurzer Zeit feststellte. Es gelang ihr sogar, sich wieder auf die F\u00fc\u00dfe zu drehen.<br \/>\nVor ihr erstreckte sich eine neue Welt &#8230; eine alptraumhafte Welt aus Sicht einer Kellerassel. Eine endlose wei\u00dfe Fl\u00e4che, unnat\u00fcrlich flach, ohne jede Unebenheit, ohne Ritzen, in denen man sich verkriechen konnte \u2026 und ohne Schatten. Die spiegelglatte wei\u00dfe Ebene wurde von Sonnenlicht \u00fcberflutet und die Luft flimmerte vor Hitze.<br \/>\nSamaras erster Impuls war es, zu rennen. Doch dann erkannte sie, dass es um sie herum nur so von Kellerasseln wimmelte. Viele rannten orientierungslos in die n\u00e4chstbeste Richtung und rempelten sich dabei gegenseitig an. Andere &#8211;&nbsp; vor allem die kleinen &#8211;&nbsp; lagen auf dem R\u00fccken, die Beinchen eingezogen, und stellten sich tot. Dass war dumm, sehr dumm, wusste Samara. Die Sonne w\u00fcrde sie gnadenlos verbrennen, wenn sie sich nicht schnell in Sicherheit brachten. Mitleid erfasste sie und sie st\u00fcrzte sich ins Get\u00fcmmel &#8230; rief den eingerollten Kindern Warnungen zu &#8230; und einige h\u00f6rten sogar auf sie.<br \/>\n\u201eLauft!\u201c schrie Samara. \u201eLauft in den Schatten! Lauft bis zum Ende der Welt.\u201c<br \/>\nEine andere Assel stupste sie mit den F\u00fchlern an. Zuerst dachte sie, es w\u00e4re Theresa oder Georgina &#8211;&nbsp; aber dann erblickte sie Theodor, einen ihrer liebsten Gef\u00e4hrten.<br \/>\n\u201eIch hab gesehen, wo Schatten ist\u201c, verk\u00fcndete er.<br \/>\n\u201eIst es noch weit?\u201c<br \/>\n\u201eEs geht.\u201c<br \/>\nSamara warf einen Blick zur\u00fcck. Viele der erwachsenen Asseln hatten sich bereits auf den Weg gemacht, aber die winzigen Baby-Asseln mit ihren weichen, empfindlichen, fast durchsichtigen Panzern, schleppten sich m\u00fchsam voran oder lagen einfach leblos herum. Wom\u00f6glich lebten einige wirklich nicht mehr.<br \/>\nSamara brauchte nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Sonne ihre kleinen K\u00f6rper ausd\u00f6rrte und sie qualvoll verendeten.<br \/>\n\u201eTheodor, wir m\u00fcssen die Kinder retten!\u201c<br \/>\n\u201eGut, nehmen wir jeder drei Babys auf den R\u00fccken. Schaffen wir das?\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, ja.\u201c<br \/>\nZu ihrer gro\u00dfen Erleichterung stie\u00dfen sie im allgemeinen Gewimmel auf zwei ihrer gr\u00f6\u00dferen S\u00f6hne. \u201eFriedolin, Frederik &#8211;&nbsp; ihr m\u00fcsst uns mit den Babys helfen!\u201c befahl Samara und die beiden halbw\u00fcchsigen Asseln marschierten los.<br \/>\nEine erwachsene Assel flitzte an ihren vorbei und Samara erkannte ihre Freundin Theresa.<br \/>\nAber Theresa reagierte nicht auf ihre Rufe, sondern rannte nur in Panik vorw\u00e4rts.<br \/>\n\u201eVon der k\u00f6nnen wir wohl keine Hilfe erwarten\u201c, meinte Theodor trocken.<br \/>\n\u201eAber wenigstens lebt sie\u201c, entgegnete Samara. \u201eHast du Georgina irgendwo gesehen?\u201c<br \/>\n\u201eAls letztes sah ich sie in hohem Bogen durch die Luft fliegen.\u201c<br \/>\nSamara seufzte resigniert.<br \/>\nUnter dem Gewicht dreier Babyasseln brach sie fast zusammen und die Feuchtigkeit wich aus allen Segmenten ihres Panzers. Theodor schien es nicht besser zu gehen. \u00c4chzend vor Anstrengung, halb ausgetrocknet und keines klaren Gedankens mehr f\u00e4hig, erreichten sie den rettenden Schatten.<br \/>\nDie meisten Asseln schienen wie Theresa nur daran interessiert, ihren eigenen Panzer zu retten. Aber einige folgten Samaras und Theodors Beispiel und nahmen ihre Kinder auf den R\u00fccken. Und manche der Kleinen waren so gewitzt, dass sie den erwachsenen Asseln schnell auf den R\u00fccken krabbelten &#8211;&nbsp; ob diese das wollten, oder nicht.<br \/>\nAber hier im Schatten sammelten sich auch die Faulpelze &#8211;&nbsp; diejenigen, die tr\u00e4ge auf dem Bauch lagen und schlichtweg froh waren, der Sonne entkommen zu sein.<br \/>\n\u201eHier k\u00f6nnt ihr aber nicht bleiben\u201c, wandte Samara ein.<br \/>\n\u201eWarum nicht?\u201c erwiderte eine der tr\u00e4gen Asseln. \u201eHier ist es schattig und k\u00fchl, vielleicht finden wir irgendwo feuchte Erde oder einen Stein, um darunter zu kriechen.\u201c<br \/>\n\u201eSeid nicht naiv! Habt ihr denn irgendwo Erde oder Steine gesehen? Ich nicht!\u201c<br \/>\n\u201eWart\u2019s doch erst mal ab.\u201c<br \/>\n\u201eWenn ihr abwartet, kommt die Sonne\u201c, gab Theodor zu bedenken. \u201eSchatten bleibt nie an ein und demselben Ort.\u201c<br \/>\nDie tr\u00e4gen Asseln wackelten abwehrend mit ihren F\u00fchlern, um zu zeigen, dass sie keine unangenehmen Wahrheiten h\u00f6ren wollten.<br \/>\n\u201eDann bleibt doch hier und lasst euch braten!\u201c gaben Samara und Theodor genervt zur\u00fcck.<br \/>\nSie schleppten sich mit ihren Kindern weiter in jene Richtung, wo ein satter gr\u00fcner Streifen \u00fcber dem Horizont aufgetaucht war. Gr\u00fcn war immer gut! Ein Ende dieser unbehaglichen glatten wei\u00dfen Scheibenwelt schien in Sicht.<br \/>\nUnd sie endete schneller, als Samara erwartet hatte.<br \/>\nVon einem Moment zum anderen blickte sie in einen tiefen Abgrund. Aber der Boden der Schlucht war gr\u00fcn. Das beruhigte Samara irgendwie.<br \/>\n\u201eVerdammt, die Welt ist eine Scheibe!\u201c platzte Theodor heraus.<br \/>\nDa fiel ihnen eine dritte Assel auf, die \u00e4ngstlich in den Abgrund hinunter starrte.<br \/>\nSamara krabbelte ihr zaghaft entgegen. \u201eTheresa &#8230; bist du das?\u201c<br \/>\n\u201eSamara! Theodor!\u201c<br \/>\n\u201eNa, wenigstens erkennst du uns\u201c, entgegnete Theodor unwirsch. \u201eDen Eindruck hatte ich vorhin nicht.\u201c<br \/>\n\u201eIch &#8230; es tut mir Leid!\u201c wimmerte Theresa.<br \/>\n\u201eSchon gut\u201c, gab Samara widerstrebend zur\u00fcck. \u201eWir m\u00fcssen zusehen, dass wir hier wegkommen.\u201c<br \/>\n\u201eSpringen?\u201c schlug Theodor vor.<br \/>\n\u201eSpringen?\u201c wiederholte Theresa schrill. \u201eDu bist doch wahnsinnig!\u201c<br \/>\nAuch Samara schauderte bei dem Gedanken. Ihr R\u00fccken schmerzte immer noch vom letzten Sturz. Andererseits schien es hier nicht so tief herunter zu gehen. Sie erkannte den Boden. Eine Wiese? Vereinzelte, winzige gelbe Punkte &#8230; Bl\u00fcten vielleicht?<br \/>\nDie Welt dort unten sah irgendwie vertraut aus &#8211;&nbsp; wenn auch verfremdet durch die gro\u00dfe H\u00f6he, aus der Samara sie betrachtete.<br \/>\n\u201eDu hast recht, Theodor &#8211;&nbsp; was bleibt uns weiter \u00fcbrig.\u201c<br \/>\n\u201eOhne mich!\u201c winselte Theresa. \u201eAlso, ich bleibe hier. Vielleicht finde ich irgendwo &#8230;\u201c<br \/>\nSie kam nicht dazu, den Satz zu vollenden. Eine schimmelfarbene Wand mit schwarzem Mustern tauchte pl\u00f6tzlich aus dem Nichts auf und schrammte mit atemberaubender Geschwindigkeit \u00fcber die wei\u00dfe Fl\u00e4che &#8230; fegte gnadenlos alles beiseite, was ihr in die Quere kam &#8230; begrub Theresa unter sich. Und nicht nur Theresa &#8211;&nbsp; auch die unz\u00e4hligen tr\u00e4gen, ersch\u00f6pften Asseln, die sich vor einer halben Sekunde noch im Schatten ausgeruht und auf wundersame Rettung gehofft hatten.<br \/>\nSamara und Theodor flitzten in die entgegengesetzte Richtung und wurden knapp verfehlt. Sie versuchten nicht an Theresa zu denken, als sie sich &#8211;&nbsp; auf ein stummes Zeichen von Theodors F\u00fchlern, gemeinsam vom Rand der Welt st\u00fcrzten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Frederik und Friedolin verfielen in Gleichg\u00fcltigkeit. Ihre Beinchen trugen sie immer weiter vorw\u00e4rts, als w\u00e4ren sie Automaten &#8211;&nbsp; doch sie wussten nicht, wohin. Diese trostlose Scheibe sah \u00fcberall gleich aus. Keine Spur von Ritzen &#8230; von einer solchen Luxusunterkunft wie Trittsteinen ganz zu schweigen! Jeder von ihnen trug zwei Baby-Asseln auf den R\u00fccken und Frederik sp\u00fcrte, wie der Lebenswille die Kleinen verlie\u00df.<br \/>\n\u201eFred, da kommt was auf uns zu &#8211;&nbsp; was Gro\u00dfes, Braunes mit Zacken!\u201c kreischte Friedolin pl\u00f6tzlich auf.<br \/>\nFrederik wandte sich widerwillig um. Tats\u00e4chlich &#8211;&nbsp; ein zackiges braunes Ding verfolgte sie! Er k\u00e4mpfte gegen den Impuls, sich einzurollen und tot zu stellen, zwang sich, noch schneller zu rennen, obwohl er mit seinen Kr\u00e4ften fast am Ende war.<br \/>\nAber das braune, unf\u00f6rmige Ding mit dem zackigen Rand lie\u00df sich nicht absch\u00fctteln, egal, was er und sein Bruder f\u00fcr Haken schlugen.<br \/>\nEs war so nah, dass Frederik seinen Geruch aufnahm. Es roch durchaus vertraut, beinahe wie ein Blatt. Nat\u00fcrlich! Es war ein altes, vertrocknetes Blatt von einem Baum.<br \/>\nAber das machte die Sache nicht weniger unheimlich. Bl\u00e4tter lagen normalerweise auf dem Boden und lie\u00dfen sich abnagen. Manchmal tanzten sie auch im Wind. Aber sie verfolgten niemanden mit so furchteinfl\u00f6\u00dfender Zielstrebigkeit!<br \/>\nAndererseits versuchte das Blatt auch nicht, sie platt zu walzen oder ihnen weh zu tun. Ab und zu stupste es gegen Frederiks Beine, doch jedes Mal \u00e4u\u00dferst behutsam. Dazu dr\u00f6hnte eine Stimme vom Himmel herab, doch es war nicht Frederiks Sprache &#8211;&nbsp; nicht die Sprache der Kellerasseln.<br \/>\nH\u00e4tten er und sein Bruder die Worte verstanden, w\u00e4ren sie nicht l\u00e4nger davon gelaufen. Und die Stimme von oben h\u00e4tte nicht st\u00e4ndig wiederholen m\u00fcssen: \u201eNa komm, du dumme Assel, nun krabbel schon rauf, du dumme Assel &#8230;\u201c<br \/>\nDoch ein unbestimmtes Gef\u00fchl von Vertrauen beschlich Frederik &#8230; ein Gef\u00fchl, das ihn genau das tun lie\u00df, was die Stimme befahl: Er kletterte auf das Blatt. Sein Bruder Friedolin kr\u00e4uselte erst skeptisch die F\u00fchler, dann kam er hinterher.<br \/>\nAuf dem fliegenden Blatt segelten sie zusammen \u00fcber den Rand der Scheibenwelt und landeten weich auf dem duftigen, noch ungem\u00e4hten Rasen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Es brauchte viel Zeit, aber Samara, Theodor, Frederik, Friedolin und selbst Georgina fanden sich unter dem Bl\u00e4tterdickicht eines Efeubeetes wieder. Nach und nach stie\u00dfen verlorene Gef\u00e4hrten und Kinder, Br\u00fcder, Schwestern und Freunde zu ihnen. Von Theresa fehlte weiterhin jede Spur.<br \/>\n\u201eMama, woher wusstest du, dass es richtig war, \u00fcber den Rand der Welt zu springen?\u201c fragte Frederik neugierig.<br \/>\n\u201eNun, ganz sicher war ich mir nicht, aber ich was sollte ich sonst machen?\u201c gab Samara ehrlich zu. \u201eAu\u00dferdem sind wir leicht. Wir sterben nicht so schnell, wenn wir irgendwo runterfallen.\u201c<br \/>\n\u201eTrotzdem finde ich es unheimlich mutig\u201c, erwiderte Frederik voller Bewunderung.<br \/>\n\u201eWenn ich es nicht getan h\u00e4tte, w\u00fcrde ich vielleicht nicht mehr leben.\u201c Samara schwieg einen Moment. \u201eWei\u00dft du, mein Kind &#8230; manchmal muss man einfach wissen, wann man todesmutig sein muss. Dein Gef\u00fchl sagt es dir, dein Verstand sagt es dir und du wei\u00dft, es gibt keinen anderen Weg, als dein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich sah jede Menge Asseln, die sich im Schatten auf den Bauch gepackt haben und dachten, es wird schon alles gut. Am Ende erging es ihnen ziemlich \u00fcbel. Diejenigen, die losgelaufen sind und sich \u00fcber den Rand gest\u00fcrzt haben, die hatten das meiste Gl\u00fcck.\u201c<br \/>\n\u201eAlso soll man sich nicht helfen lassen?\u201c fragte Frederik irritiert.<br \/>\n\u201eDoch, nat\u00fcrlich. Bei denen, die du kennst und denen du vertraust, kannst du gern Hilfe suchen und irgendwann kommt der Augenblick, wo du dich revanchieren kannst. Aber verlass dich nicht auf h\u00f6here M\u00e4chte, denn die sind unberechenbar.\u201c<br \/>\n\u201eAber jemand hat mir geholfen!\u201c widersprach Frederik leidenschaftlich. \u201eMir und Friedolin, mit dem Blatt &#8230; Es war bestimmt ein h\u00f6heres Wesen.\u201c<br \/>\n\u201eDas selbe h\u00f6here Wesen, das mit der Papierwalze unz\u00e4hlige hilflose Babys auf dem Tisch breit geschmiert hat? Das wahrscheinlich Theresa auf dem Gewissen hat?\u201c entgegnete Samara bitter. \u201eGlaub mir &#8211;&nbsp; du kannst denen, die von oben kommen, nicht trauen. Einmal helfen sie dir, das andere Mal treten sie dich breit. Einfach so. Vielleicht, weil wir ihnen im Weg sind. Weil sie uns eklig und l\u00e4stig finden. Wahrscheinlich verachten sie uns, weil wir niedere Kreaturen sind in ihren Augen.\u201c<br \/>\n\u201eAber was haben wir ihnen denn getan?\u201c rief Frederik, die junge Assel, verst\u00e4ndnislos.<br \/>\n\u201eNichts, gar nichts &#8230; aber das spielt keine Rolle.\u201c Samara dachte eine Weile nach, bevor sie fortfuhr: \u201eNat\u00fcrlich solltest du deinem Retter dankbar sein, mein Schatz. Aber du musst auch bedenken, dass du mit diesem Wesen gro\u00dfes Gl\u00fcck hattest. Von den Gro\u00dfen, die sich einbilden, sie w\u00e4ren mehr wert als du, solltest du keine Hilfe erwarten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Die beiden \u201eh\u00f6heren\u201c Wesen waren froh, als sie endlich die letzte Kellerassel von ihrem Gartentisch bef\u00f6rdert hatten, den Sonnenschirm aufspannen und die Kekse hinstellen konnten.<br \/>\n\u201eVorsicht, Papa. Pass auf, wo du hintrittst \u2013 da sind bestimmt noch Asseln!\u201c warnte das kleinere der beiden.<br \/>\n\u201eHimmelherrgott!\u201c brummte der gr\u00f6\u00dfere Zweibeiner. \u201eIch hab das Theater um die ollen Asseln lange genug mitgemacht &#8211;&nbsp; jetzt reicht\u2019s mir. Tierliebe ist ja sch\u00f6n und gut &#8211;&nbsp; aber bei allem, was mehr als vier Beine hat und krabbelt, h\u00f6rt die Liebe auf.\u201c<br \/>\n\u201eTrotzdem ist es unsere Schuld, dass die Asseln im Sonnenschirm gewohnt haben! Es w\u00e4re nicht richtig, wenn wir sie daf\u00fcr totmachen.\u201c<br \/>\n\u201eHast ja Recht, meine Kleine. N\u00e4chstes Mal sind wir nicht so bequem und schaffen den Schirm gleich in den Keller. Du wei\u00dft doch, dass es in den Schuppen reinregnet, weil das Dach kaputt ist. Und unter der T\u00fcr ist ein Spalt, wo Kellerasseln und alles m\u00f6gliche andere Ungeziefer reinkommen &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eDu solltest endlich das Dach reparieren, Papa.\u201c<br \/>\n\u201eJa ja &#8230; Der Sommer war so verregnet &#8230; h\u00e4tte nicht gedacht, dass wir den Sonnenschirm noch mal brauchen.\u201c<br \/>\nDer kleine Zweibeiner biss in einen Keks und ein Kr\u00fcmel fiel zu Boden, wo er von der letzten umgesiedelten Kellerassel neugierig beschnuppert wurde.<\/p>\n<p>\u00a9 2007 by Adriana Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Samara, die Kellerassel, lebt gl\u00fccklich in einem heruntergekommenen Gartenschuppen. Doch pl\u00f6tzlich wirbeln dramatische Ereignisse ihr Leben geh\u00f6rig durcheinander. 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