{"id":190,"date":"2005-09-17T19:55:41","date_gmt":"2005-09-17T18:55:41","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=190"},"modified":"2025-05-13T19:22:57","modified_gmt":"2025-05-13T19:22:57","slug":"trendsetter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=190","title":{"rendered":"Trendsetter"},"content":{"rendered":"<p><em>Marusha ist Bestseller-Autorin. Sie schafft Trends. Sie ist Trend. Nun muss sie einen Trend erfinden, der ihren Planeten vor dem Untergang rettet \u2026 <\/em><br \/>\n<b><br \/>\n<\/b><strong>SF-Kurzgeschichte von Gabriele Scharf<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Volk der Isogenen ist eine etwas merkw\u00fcrdige Spezies. Sie leben in T\u00fcrmen, die bis in die Stratosph\u00e4re ihres Planeten reichen. Sie haben eine zehntausend Kilometer lange Br\u00fccke zwischen ihren beiden Kontinenten gebaut. Zus\u00e4tzlich haben sie auch einen Tunnel gebaut, falls diese Br\u00fccke einmal unpassierbar sein sollte. Sie haben Apparaturen, die von angemessener Kleidung zu jeder Mondzeit bis hin zu Schokoladenchips alles produzieren k\u00f6nnen. Nur \u2013 keiner wei\u00df genau, wie das alles wirklich funktioniert.<br \/>\nWenn mich jemand fragen w\u00fcrde, warum die Br\u00fccke \u00fcberhaupt noch steht, w\u00fcsste ich es nicht. Ich k\u00e4me auch ins Nachdenken, warum wir in so hohen T\u00fcrmen leben. Als ich geboren wurde, waren sie schon da. Meine Geburt war \u00fcbrigens nicht ganz einfach. Ich wurde genau in der Mitte des Tunnels zwischen Nord- und S\u00fcdkontinent geboren. Am Anfang machte mir das nicht viel aus. Marusha hingegen schon. Ihr Geburtsort war immer ein dunkler Punkt in ihrer Vita. Es gab noch andere dunkle Punkte in ihrem Leben, doch nach dreihundert Mondunter- und aufg\u00e4ngen, strahlte ihr Licht so hell wie der neue Stern am Himmel der Isogenen. Die Spezialisten nannten ihn \u201cSupernova XCZ 035\u2033. Aber wen interessierte das? Das Aufleuchten eines neuen Himmelsk\u00f6rpers wurde mit einer gigantischen Party gefeiert, die bei der n\u00e4chsten Isogenumdrehung schon wieder vergessen war.<br \/>\nDabei sind Isogenen nicht dumm. Nur vergesslich. Sie haben so viel Wissen, dass sie f\u00fcr jedes neue Wissen Spezialisten ausbilden. Wissenschaft ist bei den Spezialisten auf den Nordkontinent angesagt. Aber sie ist auf Isogen kein Trend.<\/p>\n<p>Marusha ist Trend.<br \/>\n\u201cMarusha! Liebes. Wir haben einen Termin!\u201d Mein Agent. Schrecklich. Es ist gerade mal der zweite Mond aufgegangen. \u201cLeg dir das Pinkfarbene an und komm mit!\u201d<br \/>\nIch zog die Decke \u00fcber meinen Kopf. Er wei\u00df doch, dass mir Pink nicht steht. Will ich aussehen wie ein langweiliger Ozean? Nein. \u201cJuanita Rodriguez de Feirreira! Aufstehen!\u201d<br \/>\nVorsichtig lugte ich unter meiner Kuscheldecke hervor und sah ihn an. Der Kerl meint es ernst. So wie er dastand. Au\u00dferdem hat er mich Juanita genannt. Scheu\u00dflicher Name. Macht sich besonders schlecht \u00fcber Bestsellern. Ohne Marusha w\u00e4ren es keine geworden.<br \/>\n\u201cRaus hier! Los! Will mich anziehen\u201d, schmollte ich.<br \/>\nNach ein paar Minuten sah mich mein Agent an, als w\u00e4re ich wahnsinnig geworden.<br \/>\n\u201cGr\u00fcn?\u201d<br \/>\n\u201cSicher!\u201d<br \/>\n\u201cDas liegt \u00fcberhaupt nicht im Trend!\u201d<br \/>\n\u201cStimmt!\u201d<br \/>\nEr fand sich damit ab und redete auf dem langen Weg zu einem Termin \u00fcber unser neues Buch.<br \/>\n\u201cUnser?\u201d, knurrte ich ihn an.<br \/>\n\u201cMarusha. Diesmal ist es ein wenig anders. Du hast seit zehn Monden nichts mehr geschrieben. Ist dir das aufgefallen?\u201d<br \/>\n\u201cHab\u2019s vergessen.\u201d<br \/>\n\u201cDeine Leser nicht.\u201d<br \/>\nIch l\u00e4chelte. Meinen Lesern hatte ich alles zu verdanken. Ich konnte Gr\u00fcn tragen, wenn Pink Trend war. Ich konnte unpatriotisch im Tunnel geboren worden sein und keinen interessierte es. Ob ich zu den Trendsettern auf den s\u00fcdlichen oder zu den Spezialisten auf den n\u00f6rdlichen Kontinent geh\u00f6rte. Oh, gro\u00dfer Isogen! Wir fuhren nach Norden!<br \/>\nZu den Spezialisten.<br \/>\n\u201cWas hast du vor?\u201d, fragte ich misstrauisch meinen Agenten. \u201cSoll ich einem Vortrag \u00fcber die Stammgene von Schlammw\u00fcrmern lauschen, damit mir etwas einf\u00e4llt?\u201d<br \/>\n\u201cMarusha, Marusha &#8230; wenn du w\u00fcsstest &#8230;\u201d<br \/>\nWarum sind Fahrten nach Norden immer so langweilig?<br \/>\nIch war reichlich verschnupft. Der Nordkontinent hatte eindeutig zu viele W\u00e4lder, zu viele Wiesen und so etwas Merkw\u00fcrdiges wie S\u00fcmpfe. Obwohl ich Halbblutspezialist war, machte mir das nordkontinentale Klima zu schaffen. Selbst in ihren T\u00fcrmen schwollen meine Schleimh\u00e4ute nicht ab. Im Gegenteil.<br \/>\n\u201cK\u00fcss die Hand, gn\u00e4dige Frau\u201d, begr\u00fc\u00dfte mich ein Spezialist.<br \/>\nIch sah ihn mit tr\u00e4nenden Augen an, als er tats\u00e4chlich seinen Mund auf meinen Handr\u00fccken legen wollte.<br \/>\n\u201cHatschi!\u201d Ich zog meine Hand weg und putzte mir die Nase. Er sah mich versch\u00e4mt an. \u201cIch dachte, diese Art der Begr\u00fc\u00dfung ist gerade &#8230; Trend?\u201d<br \/>\nGro\u00dfer Isogen! Das war noch vor meiner Geburt. Doch ich blieb h\u00f6flich.<br \/>\n\u201cNordkontinentale Allergie\u201d, schniefte ich.<br \/>\n\u201cAh &#8230; Moment!\u201d<br \/>\nEr klatschte f\u00fcnfmal in die H\u00e4nde. Danach roch es nach &#8230; nach &#8230; \u201cTostafarn und Hallbl\u00fctenkraut in Verbindung mit heilendem Ozon\u201d, half der Spezialist meine Erinnerung aufzufrischen.<br \/>\nIch atmete tief durch und wartete auf ein erneutes Niesen. Aber es kam keines mehr. Genial.<br \/>\n\u201cWir haben nicht so oft Besuch vom S\u00fcdkontinent\u201d, entschuldigte er sich.<br \/>\n\u201cSchon in Ordnung! Ich wei\u00df gar nicht, warum ich \u00fcberhaupt hier &#8230;\u201d<br \/>\n\u201cMarusha\u201d, unterbrach mich mein Agent. \u201cDar\u00fcber haben wir doch gesprochen: dein neues Buch!\u201d<br \/>\n\u201cAh ja &#8230; richtig. Um was geht es da?\u201d<br \/>\nDer Spezialist knetete verlegen seine H\u00e4nde. \u201cSehen Sie, Marusha &#8230; Sie haben uns schon einmal geholfen, eine drohende Isogenkatastrophe abzuwehren.\u201d<br \/>\nIch hob die Hand. Der Spezialist und mein Agent sahen mich aufmerksam an. Ich sah in die Luft und erinnerte mich schneller, als ich es sonst tat: mein zweiundvierzigstes Buch. Damals stellten die Spezialisten fest, dass zu viele G\u00fcter von den Isogenen in ihren T\u00fcrmen gelagert wurden, obwohl sie diese gar nicht brauchten. Das hatte fatale Folgen. Es waren kaum noch Ressourcen f\u00fcr die Apparate da. Au\u00dferdem drohten die T\u00fcrme einzust\u00fcrzen. Marusha schuf damals einen neuen Trend: Entr\u00fcmpelung.<br \/>\n\u201cDie T\u00fcrme w\u00e4ren sicher nicht eingest\u00fcrzt\u201d, unterbrach der Spezialist meine Erinnerungen.<br \/>\n\u201cNicht?\u201d<br \/>\n\u201cNein. Aber die Idee war gut!\u201d<br \/>\n\u201cOh\u201d, entfuhr es mir. Da musste ich etwas durcheinander gebracht haben.<br \/>\n\u201cEs ist nicht leicht, mit nur pr\u00e4natalem Lernen auszukommen\u201d, fing jetzt der Spezialist an. \u201cAber wieso das denn? Wir Isogener lernen doch alles im Mutterleib, was wir sp\u00e4ter an Wissen brauchen\u201d, widersprach ich ihm.<br \/>\n\u201cZumindest die S\u00fcdkontinentaler\u201d, f\u00fcgte ich hinzu, als ich seinen Gesichtsausdruck sah.<br \/>\n\u201cMarusha, soweit ich wei\u00df, sind sie nicht nur S\u00fcdkontinentaler. Sonst h\u00e4tten Sie kaum so viele Ideen f\u00fcr Ihre Werke.\u201d<br \/>\n\u201cWenn ich mich einmischen darf. Genau darum geht es doch heute\u201d, riss mich der Agent aus einem wohligen Gef\u00fchl des angenommenen Lobes. \u201cRichtig!\u201d, sagte der Spezialist und klatschte einmal in die H\u00e4nde. Vor uns fuhr eine durchscheinende Wand hoch, die ein wirklich spektakul\u00e4res Bild zeigte: das Isogensystem.<br \/>\n\u201cSehen Sie hier. Das ist unsere Isogenensonne. Das ist unser Isogenplanet. Dort ist der Isogenmond eins, Isogenmond zwei und Isogenmond drei\u201d, fing der Spezialist an zu erkl\u00e4ren.<br \/>\nWelch uninspirierende Namensgebung. \u201cUnd?\u201d, fragte ich vorsichtig nach.<br \/>\n\u201cSehen Sie das hier\u201d, sagte der Spezialist pl\u00f6tzlich sehr ernst.<br \/>\nDas Bild ver\u00e4nderte sich. Die Isogensonne bl\u00e4hte sich auf. Der Isogenplanet bekam eine r\u00f6tliche Farbe. Sein pinkfarbener Ozean verschwand und man sah nur noch Narben ausgebrannter Zonen, welche die Oberfl\u00e4che beherrschten. Ich musste unwillk\u00fcrlich schlucken. Doch es wurde noch schlimmer. Immer weiter bl\u00e4hte sich die Isogenensonne auf und verschlang Isogen. Weg war er!<br \/>\n\u201cWas ist das?\u201d, fragte entsetzt mein Agent. Ich konnte nicht sprechen. Es war einfach zu grauenhaft!<br \/>\n\u201cK\u00f6nnen Sie sich an Supernova XCZ 035 erinnern?\u201d<br \/>\n\u201cDie tolle Party! Ja, nat\u00fcrlich. Ich habe damals &#8230; \u00e4hm &#8230; Entschuldigung.\u201d<br \/>\nDer Spezialist sah mich jetzt sehr traurig an. \u201cPr\u00e4natales Lernen\u201d, sagte er nur.<br \/>\nIch musste wieder schlucken.<br \/>\n\u201cSie dachten, ein neuer Stern w\u00e4re am Himmel. Dabei ist es ein sterbender Stern &#8230;\u201d<br \/>\nTotenstille im Raum.<br \/>\n\u201cEs ist auch das Schicksal unserer Sonne. Wenn die Wasserstoffvorr\u00e4te im Inneren des Glutofens aufgebraucht sind, wird unser System genauso wie seine Sonne sterben.\u201d<br \/>\nIch brauchte dringend ein Taschentuch.<br \/>\n\u201cAber, aber, meine Liebe! Doch nicht gleich!\u201d<br \/>\n\u201cNicht?\u201d, schluchzte ich.<br \/>\n\u201cEs wird kein pl\u00f6tzliches Ende sein!\u201d Er reichte mir ein Taschentuch.<br \/>\n\u201cAber wieso, erz\u00e4hlen Sie mir dann das alles?\u201d, fragte ich ihn, nachdem ich mir die Nase geputzt hatte.<br \/>\n\u201cUnsere Sonne hat uns Milliarden Isogenumdrehungen treu und zuverl\u00e4ssig mit Energie versorgt. Jetzt haben wir festgestellt, dass sie nicht mehr lange leben wird.\u201d<br \/>\nIch schluchzte erneut auf. Von meinem Agenten h\u00f6rte ich gar nichts mehr.<br \/>\n\u201cLange in unseren Ma\u00dfst\u00e4ben!\u201d<br \/>\n\u201cSpezialisten?\u201d, fragte ich tapfer nach.<br \/>\n\u201cJa. Wir haben noch Zeit. Ein paar hunderttausend Isogenumdrehungen. Aber im Verlauf der kosmischen Zeit ist das nicht viel. Kaum ein Isogener beobachtet den isogenischen Himmel. Selbst viele Spezialisten schlie\u00dfen sich in ihren Laboratorien ein. Kurz gesagt: Es interessiert fast niemanden. Wir haben einfach Angst, dass es &#8230;\u201d<br \/>\n\u201c&#8230; vergessen wird!\u201d, schloss ich seine Ausf\u00fchrungen.<br \/>\nEr nickte traurig.<br \/>\nIch atmete tief durch. Ich hatte zwar keinen Patriotismus, weil ich nicht wusste, ob ich nun zum S\u00fcd- oder Nordkontinent geh\u00f6rte. Aber ich w\u00fcrde Isogen retten! Nat\u00fcrlich nicht den Planeten.<br \/>\nDie Isogener!<br \/>\nIch stand auf und verk\u00fcndete feierlich: \u201cAuch wenn wir eine merkw\u00fcrdige Spezies sind &#8230;\u201d<br \/>\nDer Spezialist und mein Agent sahen mich erwartungsvoll an.<br \/>\nIch \u00fcberlegte eine Weile. Dann wusste ich es: \u201c&#8230; haben wir es verdient, l\u00e4nger zu leben, als unsere Sonne!\u201d<br \/>\nJetzt hatte selbst der Spezialist Tr\u00e4nen in den Augen.<br \/>\n\u201cIch werde alles tun, was mir m\u00f6glich ist. Falsch! Ich werde die Isogener retten! Mit einem noch nie da gewesenen Trend!\u201d<br \/>\nWelcher das sein sollte, wusste ich allerdings auch nicht. Mir fehlte der entscheidende Einstieg in das Isogenuntergangsdrama. Deshalb stieg ich auf. Ich fuhr mit dem Turbolift meinen Turm hinauf bis zur letzten Etage. Wenn man etwas beschreiben will, muss man es erleben. Und von hier oben d\u00fcrfte der Blick auf den Himmel wohl kein Problem sein.<br \/>\n\u201cHalt! Wo wollen Sie hin?\u201d<br \/>\nIch sah in die Richtung dieser seltsamen Frage. \u201cNach oben &#8230;\u201d, sagte ich einem \u00e4ltlichen Isogener, der neben den Ausgang des Turbolifts sa\u00df. Er machte eine abwehrende Geste und hatte Schwierigkeiten sich zu erheben.<br \/>\n\u201cNicht so! So k\u00f6nnen Sie nicht weitergehen.\u201d<br \/>\nIch sah an mir herunter. Nachtt\u00fcrkis. Angepasst an meine Recherchen, den isogenischen Himmel betreffend. Kam man hier nur mit Pink durch? Und wieso weitergehen? Das war definitiv das letzte Stockwerk, das der Turbolift ansteuern konnte.<br \/>\n\u201cSehen Sie. Sehen Sie\u201d, dabei deutete er auf die noch offene T\u00fcr des Turbolifts. Ich sah hinein und dann fragend auf den \u00e4ltlichen Isogener.<br \/>\n\u201cDie Schubf\u00e4cher. Gleich da links\u201d, erkl\u00e4rte er ungeduldig.<br \/>\nAls ich ihn immer noch fragend ansah, sch\u00fcttelte er den Kopf.<br \/>\n\u201cImmer vergessen sie alles!\u201d<br \/>\n\u201cWas denn?\u201d<br \/>\n\u201cDie Luft ist da oben zu d\u00fcnn\u201d, fauchte er mich jetzt an. \u201cBauen T\u00fcrme so hoch und vergessen die Luft zum Atmen!\u201d Dabei packte er mich am Arm und zog mich vom Turbolift weg. Die rettende T\u00fcr vor Alterswahnsinn schloss sich. Ich sah ihr sehnsuchtsvoll hinterher, doch der Alte kannte keine Gnade. Er zog mich zur gegen\u00fcberliegenden Wand, an der ein Schrank stand. Mit einer Hand hielt er mich fest, mit der anderen \u00f6ffnete er die Schrankt\u00fcr und zog eine Luftmaske hervor. \u201cDa! Anlegen!\u201d, befahl er barsch. Pl\u00f6tzlich erinnerte ich mich. Es war in der zwanzigsten Woche meiner pr\u00e4natalen Existenz, als ich lernte, dass man nicht \u00fcberall atmen konnte. \u201cH\u00e4lt der Turbolift deshalb hier?\u201d, fragte ich ihn.<br \/>\n\u201cSie erinnert sich!\u201d, entfuhr es ihm fassungslos. Er lie\u00df meinen Arm los, trat ein paar Schritte zur\u00fcck und betrachtete mich verz\u00fcckt. \u201cJa!\u201d, sagte er begeistert. \u201cUnd da geht es weiter\u201d, f\u00fcgte er noch an und zeigte auf die offene T\u00fcr neben der Wand mit dem Schrank. Z\u00f6gernd ging ich zur T\u00fcr, sah um die Ecke und entdeckte Treppen, die nach oben f\u00fchrten.<br \/>\n\u201cLuftmaske nicht vergessen!\u201d, schrie er mir nach. Ich atmete noch einmal tief durch und legte dann die Maske an. Die Luft roch pl\u00f6tzlich ein wenig nach alten Schuhen und Deodorant. Trotzdem atmete ich tapfer weiter. So stieg ich die Treppen meines Turms hoch. Stieg und stieg und verfluchte das nachtt\u00fcrkisfarbene Gewand, das ich trug. Es war eindeutig nicht dazu geschaffen, meine Recherchen vor dem n\u00e4chsten Mond zu beenden. Immer wieder verfingen sich meine F\u00fc\u00dfe in dem weit schwingenden Stoff. Kurz dachte ich daran, was passieren w\u00fcrde, wenn die Luftmaske versagen w\u00fcrde. Die zwanzigste Woche meiner pr\u00e4natalen Existenz war so \u00fcberdeutlich vor mir, dass ich merklich schneller atmete. Ob der Alte mich retten w\u00fcrde? Mehr als zweifelhaft.<br \/>\nSo erreichte ich den fast h\u00f6chsten Punkt meines Turmes. Als ich die letzte Stufe erklomm, sah ich \u00fcber mir den isogenischen Himmel in all seiner Pracht. Zwei von drei Monden erhellten ihn. So hell, dass ich die Augen zusammenkneifen musste, um Sterne erkennen zu k\u00f6nnen. Mhm.<br \/>\nIch sah hinauf in die gl\u00e4serne Konstruktion der Turmspitze, die von meinem Standpunkt aus mit dem isogenischen Himmel zu verschmelzen schien.<br \/>\nNun ja &#8230;<br \/>\nIch stieg wieder etliche Treppen hinunter, verfing mich im Stoff meines Gewandes und fiel die letzten Stufen hinunter. Ich war so in Schwung, dass ich durch die T\u00fcr bis vor die F\u00fc\u00dfe des \u00e4ltlichen Isogeners schlitterte, der jetzt wieder neben dem Turbolift sa\u00df.<br \/>\n\u201cWie war\u2019s?\u201d, fragte er mich.<br \/>\nIch zog die Luftmaske herunter und sah nach oben.<br \/>\n\u201cIch wei\u00df nicht so recht &#8230;\u201d<br \/>\n\u201cNicht beeindruckend?\u201d, fragte er weiter.<br \/>\nIch stand auf und zupfte so lange an meinem Gewand, bis der Stoff wieder elegant nach unten fiel.<br \/>\n\u201cEs war erhebend. Erleuchtend &#8230;\u201d, versuchte ich mich in lyrischen Worten. \u201cAber &#8230;\u201d<br \/>\nDie T\u00fcren des Turbolifts \u00f6ffneten sich und ich ging hinein. \u201cWas aber?\u201d<br \/>\nIch drehte mich um.<br \/>\n\u201cStellen Sie sich mal vor, das wird zum Trend\u201d, orakelte ich.<br \/>\n\u201cSo viele Luftmasken habe ich nicht!\u201d<br \/>\n\u201cEben.\u201d<br \/>\nDann schloss sich die Turboliftt\u00fcr und ich fuhr wieder nach unten. Der entscheidende Einstieg in mein Isogenuntergangsdrama musste etwas anderes sein. Den n\u00e4chsten Mond gr\u00fcbelte ich dar\u00fcber, wie man die Isogener auf den S\u00fcdkontinent dazu bringen k\u00f6nnte, sich f\u00fcr ihren Himmel zu begeistern. Noch schwieriger war es mit den Spezialisten auf den Nordkontinent. Im S\u00fcden war es gerade Trend, auf zwei Brettern unter den F\u00fc\u00dfen \u00fcber das Wasser der angrenzenden K\u00fcsten zu schlittern. Merkw\u00fcrdig.<br \/>\nNoch merkw\u00fcrdiger die Isogener auf dem Nordkontinent. Unser Stern w\u00fcrde uns bald um die Ohren fliegen und die meisten Spezialisten besch\u00e4ftigten sich immer noch mit Schlammw\u00fcrmern oder Libellenlarven. Der Nordkontinent hatte eindeutig mehr W\u00e4lder. Fatal. Marusha musste einen Trend setzen, der so gewaltig war, dass selbst Spezialisten ihre Insekten vergessen w\u00fcrden. Die Isogener mussten freiwillig ihre T\u00fcrme und Laboratorien verlassen, um den Himmel zu beobachten &#8230;<br \/>\nMoment.<br \/>\nIch hab\u2019s!<br \/>\nAu\u00dfergew\u00f6hnliche Situationen verlangen drastische Ma\u00dfnahmen. Ausreden lasse ich nicht gelten. Von wegen \u201cich habe die vierzigste Woche meiner pr\u00e4natalen Existenz vergessen\u201d.<br \/>\nIch kaufte ein Teleskop.<br \/>\n\u201cDanke, dass Sie sich f\u00fcr T798 entschieden haben. Das wichtigste Teil von T798 ist das ZF12. Es ist ein GA124 und sammelt das Licht in einem Brennpunkt. Dort entsteht am Ende von PX333 ein kleines, auf dem Kopf stehendes und seitenverkehrtes Bild &#8230;\u201d<br \/>\n\u201eOh gro\u00dfer Isogen!\u2019, dachte ich mir, als ich die Gebrauchsanleitung las. \u201eWer soll das denn verstehen?\u2019<br \/>\nUm mich herum hatte ich die Einzelteile eines Teleskops gelegt, die ich vorher vorsichtig aus einer minimalistischen Kiste herausgeholt hatte. Schon da sank mein Mut. Die Einzelteile hatten Aufschriften wie FTH 209 und ZF12. Trotzdem machte ich mich ans Werk. Wie soll ich meinen Lesern die Begeisterung f\u00fcr Himmelsbeobachtung beibringen, wenn ich nicht mal ein Teleskop zusammenbauen kann?<br \/>\nIch konnte es auch nicht.<br \/>\nErst als ich einen kleinen Zettel fand, auf dem stand: \u201cZF12 = Objektiv, FTH 209 = Fokussiertubushalter, GA124 = Sammellinse &#8230;\u201d<br \/>\nSo sah die Sache doch schon ganz anders aus. Ich kratze die sinnlosen Aufschriften, die nur Spezialisten angebracht haben konnten von den Einzelteilen ab und schrieb die leicht verst\u00e4ndlichen Worte wie zum Beispiel \u201cTeleskoptubus\u201d und \u201cTaukappe\u201d darauf.<br \/>\nDanach gelang es mir, das Teleskop zusammenzubauen. Ich brauchte dazu etwas mehr Zeit, als ich annahm. Als ich mein Werk vollendet sah, hatte ich doch tats\u00e4chlich Tr\u00e4nen in den Augen. Ich nahm ein Taschentuch, putzte mir die Nase und schrieb dem Verk\u00e4ufer des Produktes T798. Seine Antwort kam prompt: Ich sei die erste Kundin, die anfragt, warum Teleskope nicht in einen St\u00fcck geliefert werden k\u00f6nnten. Er baue schon seit vierhundert Monden Teleskope. Da sie so gut wie niemand kaufen w\u00fcrde, hatte er sie alle auseinander genommen und in kleine Kisten verpackt, weil in seinem Turm kein Platz mehr war. Ich nickte ergriffen, als ich seine Antwort las. Traurig so etwas. Da haben wir schon so hohe T\u00fcrme. \u00dcbrigens st\u00f6rten sie meine Himmelsbeobachtungen. Egal, wo ich das Teleskop aufstellen wollte, ich fand kein nach der Beschreibung zufolge \u201centferntes, markantes Ziel\u201d, wonach ich es ausrichten konnte. Ich lief den ganzen Tag durch unsere Turmbauten und entschloss mich dann, zur K\u00fcste zu fahren. Ich lie\u00df den Gleiter vor der Br\u00fccke, die zum Nordkontinent f\u00fchrte, abbiegen und eine Weile fahren. Danach stieg ich aus und hatte ein entferntes, markantes Ziel. Wenn etwas markant war auf Isogen, dann diese Br\u00fccke. Immerhin meinten die Spezialisten, man k\u00f6nne sie vom All aus sehen, wenn man auf Isogen heruntersehen w\u00fcrde. Nur sahen Isogener nicht hinauf.<br \/>\nDas w\u00fcrde sich jetzt \u00e4ndern!<br \/>\nNachts beobachtete ich unsere Monde und dachte mir Namen f\u00fcr sie aus. Einen nannte ich Mond. Den anderen Luna. Ich fand das gro\u00dfartig. F\u00fcr den Dritten fiel mir vorerst nichts ein. Ich konnte sogar die Sterne beobachten. Weil ich gerade so sch\u00f6n in Schwung war, nahm ich die Sternenkarte des Spezialisten und schrieb sie um. Aus XC 035 wurde zum Beispiel \u201cSterbender Stern\u201d. Am Tag beobachtete ich unsere Sonne. Dabei fielen mir Schreckensszenarien ein, welche die meines zweiundvierzigsten Romans bei weitem \u00fcbertrafen. Sollte ich meine Leser wirklich so schockieren? Ach was. Sie w\u00fcrden es \u00fcberleben. Unsere Sonne starb. Das war dramatisch. Nicht der eventuell in die falsche Kehle geratene Schokoladenchip eines Lesers.<br \/>\nSo brachte ich Tag und Nacht an einem verlassenen K\u00fcstenabschnitt des S\u00fcdkontinents zu und begann mich wie mein einsamer Held zu f\u00fchlen, der den isogenischen Himmel beobachtete. Dabei lie\u00df ich mich direkt am Strand mit allem versorgen, was ich brauchte. Ich schickte meinen Gleiter zu den T\u00fcrmen und er kam immer voll gepackt zur\u00fcck. Den Apparaten sei dank.<br \/>\nNach zwei Monden kehrte ich ersch\u00f6pft zu meinem Turm zur\u00fcck und dr\u00fcckte meinen Agenten eine Datendisk in die H\u00e4nde.<br \/>\n\u201cMarusha!\u201d, sagte er ergriffen. \u201cNach f\u00fcnfzehn Monden &#8230;\u201d Dann gingen ihm die Worte aus und ich ins Bett.<br \/>\n\u201cAh, Se\u00c3\u00b1ora Juanita!\u201d<br \/>\nIst er nicht freundlich. Der noch einzige Verk\u00e4ufer im Randturm links hinten. Sicher k\u00f6nnte ich mir alles von meiner behaglichen Ruhestatt aus kaufen. Aber wieso sollte ich? In einem altmodischen Laden herumzust\u00f6bern machte mehr Spa\u00df. Au\u00dferdem gab es hier keine abrufbaren Datendisks, sondern echte B\u00fccher.<br \/>\nIch wei\u00df, ich wei\u00df. Es ist definitiv nostalgisch. Rohstoffvergeudung. Gef\u00e4hrlich f\u00fcr unser Isogenklima. Da wir seit Jahrtausenden so dachten, gab es aber auch gen\u00fcgend Mondw\u00e4lder. So richtig sch\u00f6n in Pink. Dieses machte sich wiederum als Buchform noch reizender, als wenn wir \u00fcber eine endlose Br\u00fccke fuhren und einen langweiligen Ozean dabei betrachten mussten.<br \/>\n\u201cIch hoffe, Sie wollen kein Teleskop?\u201d, riss mich der noch letzte wahrhafte Verk\u00e4ufer von nostalgischen Dingen aus meinen Gedanken.<br \/>\n\u201cWie bitte?\u201d<br \/>\nDer Verk\u00e4ufer hatte ein so breites Grinsen, dass ich genau wusste, er hatte nicht nur Umsatz gemacht. Er hatte sogar sehr viel Umsatz gemacht. Sofort war ich wieder hell wach. Ich hatte einige Tage \u2013 gut es waren zehn \u2013 unter meiner Kuscheldecke zugebracht und mich immer noch wie mein einsam himmelsbeobachtender Protagonist gef\u00fchlt. Jetzt f\u00fchlte ich mich wieder wie Marusha. Oder eher wie &#8211;<br \/>\n\u201d Se\u00c3\u00b1ora Juanita, dank Marusha habe ich unverk\u00e4ufliche Ware an die Isogener gebracht.\u201d Dabei rollte er das \u201cR\u201d so sehr, dass ich bef\u00fcrchtete, er w\u00fcrde sich beim n\u00e4chsten Wort daran verschlucken.<br \/>\n\u201cAch!\u201d<br \/>\n\u201cJa, ja, ja! Sehen Sie dort hinten. Ich hoffe, das neue Buch von Marusha wird nicht zum Ladenh\u00fcter. Ha, ha, ha!\u201d<br \/>\nWas gibt es da denn zum Lachen?<br \/>\nIch sah auf den noch recht umfangreichen Stapel meines neuen Romans. Sonst war da kein Stapel. Ich hatte immer vorbestellen m\u00fcssen. Und jetzt das!<br \/>\nUnversch\u00e4mtheit.<br \/>\nDabei hatte ich mir so viel M\u00fche gegeben und jetzt waren Teleskope im Trend. Das muss man sich mal vorstellen.<br \/>\nMit Teleskopen musste man sich abm\u00fchen. Verstehen, wie es geht. Bei all unserer Vergesslichkeit. Bei all unserer Spezialisierung auf Schlammw\u00fcrmer und deren Stammgene. Nordkontinentaler wie S\u00fcdkontinentaler lie\u00dfen sich von einer unscheinbaren Datendisk vorlesen. Kauften sie nicht als Buchform, sondern lieber Teleskope, um den Himmel \u00fcber Isogen zu beobachten. Wer wei\u00df, wo das noch enden w\u00fcrde.<br \/>\nMarusha aber grinste. Sie hatte es mal wieder geschafft. Sie hatte es wahr gemacht, die Isogener zu retten. Und dabei vergessen, dass man ihre B\u00fccher auch vergessen konnte bei dem ganzen Isogenuntergangsdrama. Es kam aber noch schlimmer. Nach ein paar Monden fingen die Isogener an, Raumschiffe zu bauen. Alles aus ihren T\u00fcrmen in diese Schiffe zu packen und ihren Planeten zu verlassen.<br \/>\nIch fand, dass meine Leser nun wirklich \u00fcbertrieben. Wir hatten doch noch Zeit! Unsere Sonne w\u00fcrde erst in ein paar hunderttausend Isogenumdrehungen sterben. Nicht jetzt!<br \/>\nJetzt, wo es so ziemlich langweilig auf Isogen wurde. Wo Marusha nach einiger Zeit feststellen musste, dass sie gerade das in ihrem letzten Roman vergessen hatte, zu schreiben.<br \/>\nDaf\u00fcr hasste ich sie.<\/p>\n<p>\u00a9 2005 by Gabi Scharf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marusha ist Bestseller-Autorin. Sie schafft Trends. Sie ist Trend. 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