{"id":188,"date":"2005-09-17T19:49:06","date_gmt":"2005-09-17T18:49:06","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=188"},"modified":"2025-05-13T19:23:11","modified_gmt":"2025-05-13T19:23:11","slug":"die-elfenmalerin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=188","title":{"rendered":"Die Elfenmalerin"},"content":{"rendered":"<p><i>Als die Elfenmalerin erwacht, ist ihre Welt grau. Kann sie die Farbe zur\u00c3\u00bcckbringen? <\/i><\/p>\n<p><b>Fantasy-Geschichte von Gabriele Scharf<\/b><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Welt war anders.<br \/>\nNur merkte ich es nicht gleich.<br \/>\nGrau. Stellte ich fest. Ein kurzer Blick aus dem Fenster gen\u00fcgte dazu. Tief liegende Wolken vermischten sich mit dem Nebel, der \u00fcber dem Moos lag. Traurig lie\u00df die Birke vor meinem Haus ihre \u00c4ste nach unten h\u00e4ngen, als w\u00fcrde sie dieses Grau nicht mehr ertragen wollen.<br \/>\nMit schlaftrunkenem Blick tapste ich ins Badezimmer. Ein fl\u00fcchtiger Blick in den Spiegel. Grau und \u00f6de. Nichts Besonderes.<br \/>\nMechanisch begann ich mein Morgenritual. Kaltes Wasser auf fr\u00f6stelnder Haut. Eine B\u00fcrste, die widerspenstige Haare nicht b\u00e4ndigen konnte. Dabei schaute ich auch heute nicht mehr in den Spiegel. Er hatte im Laufe der Jahre Flecke bekommen. Immer noch von der M\u00fcdigkeit des vorangegangenen Tages befangen, streifte ich mir meinen Pullover \u00fcber. Er war weder modisch, noch sonst irgendetwas, aber ich konnte mich nie von etwas trennen, was ich lieb gewonnen hatte.<\/p>\n<p>Mein Morgenritual war noch nicht zu Ende. Es fehlte der Kaffee.<br \/>\nIch habe noch niemals jemanden so sinnlich Kaffee trinken gesehen, wie die Jugendstildame auf meiner Kaffeedose. Altrosa Kleid mit gr\u00fcner Umrankung.<br \/>\nDie Dose glitt aus meiner Hand und versch\u00fcttete den Inhalt auf den K\u00fcchenboden.<br \/>\nSchwarzgraues Gemisch gemahlenen Kaffees auf kaltem Steinboden.<br \/>\nDas Kleid der sinnlich Kaffee trinkenden Jugendstildame war nicht altrosa.<br \/>\nIch starrte der rollenden Dose hinterher, bis sie vom Hin- und Herrollen endlich still dalag. So als w\u00e4re nichts geschehen.<br \/>\nAber die Welt war anders.<br \/>\nSie war Grau.<\/p>\n<p>Vielleicht gibt es ja so etwas: \u00fcber Nacht eintretende Farbblindheit. Und selbst wenn dies nur auf 1 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung zutreffen sollte. Bei meinem Gl\u00fcck in der Wahrscheinlichkeitsrechnung geh\u00f6rte ich nicht zu dem ganzen Rest der 99 Prozent.<br \/>\nOder aber \u2026 ich schaute aufmerksam aus dem Fenster \u2026 das Nebelgrau hat einen Weg gefunden, meine jetzt mit einer Beule versehene Kaffeedose einzuf\u00e4rben. Ich lachte auf.<br \/>\nWieso ist leuchtet dann die Cattleya auf der Fensterbank nicht purpurrot, sondern bewegt sich hin zum Dunkelgrau? Wieso schaut mich der kleine Teddyb\u00e4r zwar mit kleinen schwarzen Augen, aber auch sonstwie grau an. In den H\u00e4nden ein kleiner Brief. \u201cF\u00fcr meinen Schatz\u201d , daneben ein kleines Herz. Ich wu\u00dfte ganz genau, dass die Schrift mal blau war.<br \/>\nPl\u00f6tzlich interessierten mich die Flecken am Spiegel nicht mehr. Aufmerksam sah ich mich an. Graue Augen. Kurze Erleichterung.<br \/>\nSie waren selten grau, \u00f6fters blau und meistens gr\u00fcn.<br \/>\nHilflos warf ich die T\u00fcr hinter mir zu. Das Badezimmer samt alten Spiegel entschwand meinem Blickfeld. Daf\u00fcr Grau, Wei\u00df, Schwarz, Grauschwarz, Wei\u00dfgrau.<\/p>\n<p>Sch\u00f6ne Isabella aus Kastilien, pack deine ganzen Utensilien und komm zur\u00fcck zu mir nach Spanien. Du wei\u00dft doch, nur im sch\u00f6nen Lande der Toreros bist du dein Herzchen und noch mehr los\u2026<br \/>\nComedian Harmonists, schwarz-wei\u00df im Frack. Sie sehen gut aus, auch in Graut\u00f6nen.<br \/>\nMein liebes Kind, du wei\u00dft ja, im sch\u00f6nen Lande der Toreros\u2026<br \/>\nSie sahen auch in Farbe gut aus, nur im Film waren es nicht die echten. Der Film ist jetzt auch schwarz-wei\u00df. Der ganze Aufwand umsonst.<br \/>\nDrum komm zur\u00fcck zu mir nach Spanien\u2026<br \/>\nKlick. Die Fernbedienung landet schwungvoll auf der Couch.<br \/>\nDort la\u00df ich sie allein.<\/p>\n<p>Kleine Gemeinden h\u00fcbsch angeordnet um eine gro\u00dfe Stadt sind Perfektionisten im T\u00e4uschen. T\u00e4uschungsman\u00f6ver Nummer eins ist St. Marien. Der Kirchturm blickt erhaben zu den mit tr\u00e4umerischer Hand ihn umkreisend hingebauten H\u00e4user, die nicht einmal halb so hoch sind. Rote Ziegeld\u00e4cher dr\u00e4ngen sich dicht aneinander.<br \/>\nT\u00e4uschungsman\u00f6ver Nummer zwei sind enge Strassen und Gassen, die auf verschlungenen Wegen zu St. Marien f\u00fchren. Vorher jedoch den Marktplatz kreuzen.<br \/>\nT\u00e4uschungsman\u00f6ver Nummer drei ist der kleine Marktplatz selber. Heimelig umgibt er sich mit Kr\u00e4merl\u00e4den, Supermarkt und die Praxis des allseits beliebten Hausarztes.<br \/>\nWenn ein Fremder kommt \u2013 egal wann \u2013 tappt er in die Falle des ruhigen verschlafenen Gemeinwesens. Wenn er bemerkt, dass die Menschen hier genauso eilen wie in seiner fluchtartig verlassenen Stadt, ist es bereits zu sp\u00e4t. Dann kann er nicht mehr zur\u00fcck. Hier ist es doch irgendwie \u00fcbersichtlicher. Zumindest ist am Rande der kleinen Gemeinde noch Platz. F\u00fcr Haus mit Garten und freie Sicht auf ein mit Birken umranktes Moos. Hier beginnt dann die letzte T\u00e4uschung. F\u00fcr zehn Minuten kann man sich frei f\u00fchlen, frei von Stre\u00df, Abgasen und unwirschen Zeitgenossen.<br \/>\nWeitere f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter findet man sich auf der Hauptstrasse wieder.<\/p>\n<p>Ich bin auch geblieben.<br \/>\nMindestens zweimal zehn Minuten am Tag f\u00fchle ich mich wie auf einen Ozean, dessen R\u00e4nder mit h\u00e4ngenden Birkenzweigen einges\u00e4umt sind.<\/p>\n<p>St. Marien\u2019s Uhr schlug zehnmal. Ein wei\u00dfgrauer runder Fleck mit schwarzen Zeigern, die irgendwann gestern golden in der Sonne gl\u00e4nzten.<br \/>\nF\u00fcr ein paar Minuten \u00fcbert\u00f6nte der Glockenschlag selbst das kleine Gebimmel der sich \u00f6ffneten T\u00fcr von \u201cHildegards Truhe\u201d.<br \/>\n\u201cAh, unsere K\u00fcnstlerin!\u201d (Dabei hat sie bei mir nie ein Bild gekauft).<br \/>\nHildegards kleine F\u00fc\u00dfe bringen auch nur kleine Schritte zutage. Ich wunderte mich immer wieder, wie sie so schnell aus dem hinteren in den Verkaufsraum kommen konnte.<br \/>\n\u201cLeider heute keine Auftr\u00e4ge.\u201d, sie sah mich mit gespielter Traurigkeit an.<br \/>\nDie \u201cSaison\u201d hatte noch nicht begonnen. Die \u201cSaison\u201d fand nur in den Wintermonaten statt. In der \u201cSaison\u201d verdiente ich. Mit Mustern f\u00fcr Bord\u00fcren, alten Familienwappen auf Vielliebchengeschenken, Rosen in Windowcolor.<br \/>\nEinen kurzen Moment dachte ich daran, wie es w\u00e4re, wenn meine Kundschaft die n\u00e4chste \u201cSaison\u201d nicht mehr erleben w\u00fcrde. Ich sah mich kurz um. Die Damen waren noch r\u00fcstig. Allerdings sah ich nur zwei, die sich vergeblich bem\u00fchten, ein altes Rezept f\u00fcr Kirschtraumtorte zusammenzubekommen. Dabei suchten sie in einem Berg von grauwei\u00df bis schwarzgrauen Wollresten mit flinken Fingern.<\/p>\n<p>\u201cDeswegen komme ich heute nicht Frau Hildegard. Ich wollte\u2026\u201d<br \/>\nMeine Aufmerksamkeit wurde von der gesch\u00e4ftst\u00fcchtigen Frau Hildegard kurz abgelenkt, als eine der alten Damen erfreut rief: \u201cJa, die hier sind dick genug. Die d\u00fcnnen F\u00e4den taugen nicht viel. Meinen Sie nicht auch, meine Liebe.\u201d<br \/>\n\u201cJa sicher, das ist noch Qualit\u00e4t.\u201d, dabei fa\u00dfte sie in ein schwarzgraues B\u00fcndel, um zu pr\u00fcfen, da\u00df die Wollf\u00e4den das hielten, was sie versprachen.<br \/>\nIch sp\u00fcrte wie mein Mund sich automatisch \u00f6ffnete und ebenso automatisch holte ich einmal tief Luft, um gleich darauf wieder zu Frau Hildegard zu sehen.<br \/>\n\u201cAlso, ich wollte\u2026\u201d<br \/>\nWas eigentlich? Suchend sah ich mich kurz um.<br \/>\n\u201cIch wollte \u2026 ich brauche einen Schal.\u201d, schlo\u00df ich bestimmt den Satz, meine Augen auf die ordentlich zusammengelegten Schals gleich im Regal hinter der Verkaufstheke gerichtet.<br \/>\n\u201cWelchen denn, mein Kind?\u201d<br \/>\nIch ha\u00dfte es. Verkaufspflichtige Freundlichkeit gemischt mit einschmeichelnden verwandtschaftstr\u00e4chtigen Charme.<br \/>\nAber Hildegard konnte nichts daf\u00fcr. Sie war so. Au\u00dfer dem ganz sympathisch.<br \/>\n\u201cDen gelben.\u201d<br \/>\nSie sah mich \u00fcberrascht an.<br \/>\n\u201cGeeeeelb?\u201d, fragte sie gedehnt. In der n\u00e4chsten Sekunde hatte sie sich wieder gefa\u00dft. Sie mu\u00dfte verkauften. Notfalls auch gelb.<br \/>\n\u201cKind, ich habe nur \u2026\u201d, sie drehte sich um und pr\u00fcfte den Stapel der akribisch zusammengelegten Schals: \u201c\u2026Kaschmir, Schurwolle, Synthetik\u2026\u201d<br \/>\nMir war pl\u00f6tzlich \u00fcbel.<br \/>\n\u201c\u2026 oder wie w\u00e4re es mit Mischgewebe?\u201d, fragend-l\u00e4chelnd sah sie mich an.<br \/>\n\u201cKeinen gelben?\u201d, fragte ich vorsichtshalber noch einmal nach.<br \/>\nSie sch\u00fcttelte unsicher den Kopf.<br \/>\n\u201cAuch keinen\u2026 roten?\u201d<br \/>\nHildegards Augen blickten immer unsicherer.<br \/>\nDer Klo\u00df in meiner Kehle wurde immer gr\u00f6\u00dfer.<br \/>\n\u201cKaschmir kann ich sehr empfehlen, es w\u00e4rmt wunderbar.\u201d, Hildegards letzter Versuch mir einen Schal zu verkaufen.<br \/>\nIch tat ihr den Gefallen, f\u00fcr die vergangene und die kommende Saison. Kaschmir, weder gelb noch rot, noch irgendwas. Weiches wei\u00dfgraues Gemisch, dass sich schmeichelnd um meinen Hals legte, als wolle es sich f\u00fcr den Mangel an Farbe entschuldigen.<\/p>\n<p>Ich kaufte noch im Kr\u00e4merladen gleich neben \u201cHildegard\u2019s Truhe\u201d s\u00fc\u00dfe gro\u00dfe graue Herbst\u00e4pfel, da es rot-gelbe nicht gab. Einen Strauss wei\u00dfgrauer Herbstastern, denen das Violett fehlte, packte ich auch dazu. Zwischen \u00c4pfeln und Herbstastern lag in meinem Korb eine neue schlicht-wei\u00dfe Kaffeedose ohne sinnlich trinkende Jugendstildame im altrosa Kleid mit gr\u00fcner Umrankung.<br \/>\nDas es bei dem 99prozentigen Rest der Weltbev\u00f6lkerung \u00fcber Nacht eintretende Farbblindheit gab, schlo\u00df ich dabei aus.<br \/>\nSt. Marien k\u00fcndete mit zw\u00f6lf Schl\u00e4gen die Mittagszeit an.<\/p>\n<p>Die \u00c4pfel schmeckten. Im Mund sahen sie nicht mehr grau aus, sie waren nur noch s\u00fc\u00df. W\u00e4hrend ich mein Mittagessen kaute, blickte ich versonnen vor mich hin.<br \/>\nIns Nirgendwo.<br \/>\nDer Blick brachte Gefahren mit sich.<br \/>\nSie ist unaufmerksam. Sie ist naiv, mit Hang zur Romantik. Sie ist nicht gerade intelligent. Sie ist Malerin. Sind die nicht irgendwie alle so? Seit dieser Frage, die keine Antwort erwartete, blickte ich nur noch so, wenn ich allein war.<br \/>\nIm Nirgendwo tauchten Bilder auf.<br \/>\nZwischen ersten und zweiten grauen Mittagsapfel.<br \/>\nSommer. Der Marktplatz. Jeden zweiten Donnerstag im Monat Markttag mit lustig oder altmodischen St\u00e4nden. Gro\u00dfe rote \u00c4pfel neben Wiesenhonig. Schinken neben Schafsk\u00e4se. Kleinkram neben Tonwaren. Alles in Farbe.<br \/>\nIch konnte mich noch an ihre Augen erinnern. Alt und voller Weisheit. Sie sahen tief in meine. \u201cNehmen sie doch die Farben. Sie leuchten auch noch nach Jahren, wenn sie mit Gabenhand aufgetragen werden.\u201d Sie l\u00e4chelt auch noch, als ich ihr sagte, dass ich kein Geld mehr h\u00e4tte nach Wiesenhonig und roten \u00c4pfeln.<br \/>\n\u201cDann schenke ich sie ihnen.\u201d<br \/>\nSie hat mein Verlangen gesehen und l\u00e4chelte immer noch im verschw\u00f6rerischen Blick. Sie wu\u00dfte um mein Z\u00f6gern, einfach so Geschenke anzunehmen.<br \/>\n\u201cIrgendwann werden sie damit malen. Etwas besonders. Das soll es sein.\u201d<br \/>\nMit diesem Versprechen war es leicht, den dunkelgr\u00fcnen Metallkasten mit eingravierten verschlungenen F\u00e4den anzunehmen. Ich sagte ihr Danke. Nicht laut, sondern tonlos.<br \/>\nSie hat es verstanden. Aus dem L\u00e4cheln wurde ein Lachen. Und im Weggehen winkte sie mir noch einmal zu.<br \/>\nIch a\u00df den zweiten grauen Mittagsapfel nur zur H\u00e4lfte auf.<\/p>\n<p>Das f\u00fcnfte Fach in einer Stunde.<br \/>\nNoch hatte ich nicht gefunden, was ich suchte.<br \/>\nN\u00e4hgarn aufgesteckt auf einer langen Stopfnadel im Nadelkissen. Abgebrochene Bleistifte, von denen ich mich nicht trennen konnte. Sie zeichneten nicht mehr, aber daf\u00fcr mochte ich sie. Sie hatten mir unz\u00e4hlige Bilder geschenkt.<br \/>\nWei\u00dfgrau bis schwarzgraue Wollreste im verschlungenen B\u00fcndel. Daneben ein kleiner Anh\u00e4nger mit chinesischen Schriftzeichen, welches angeblich Liebe bedeuten soll. Eine kleine Bleistiftskizze.<br \/>\nWann war das denn? Wie schlecht.<br \/>\nEine zusammengekn\u00fcllte Papierkugel landete mit Schwung neben dem Papierkorb. Rudolf, das Rentier in Pl\u00fcschtierform. Seine M\u00fctze mit dem Schriftzug Coca Cola sah in dunkelgrau nicht gerade werbungsgem\u00e4\u00df aus.<br \/>\nRudolf kam zu mir in einer Popcornt\u00fcte. Lustig sa\u00df er obenauf, um mir den kommenden Film schmackhaft zu machen. Actiongeladene moderne Verfilmung von \u201cWeihnachtsmann auf Abwegen\u201d. Das Popcorn tr\u00f6stete mich. Es war unglaublich gut. Ich sah Rudolf in die schwarzen Kugelaugen.<br \/>\nJetzt wu\u00dfte ich es wieder.<br \/>\nW\u00e4hrend ich hastig aufstand, landete Rudolf wieder im f\u00fcnften Fach.<br \/>\nSchnell ging ich zum Regal. Aufgereihte Abenteuer, Monumentalereignisse, Liebesgeschichten, philosophisch, romantisch, spannend, kitschig. Irgendwas hatten diese Videofilme, zum Beispiel die Eigenschaft, sie zu sammeln.<br \/>\nSchnell untersuchte ich das Regal. Zwischen \u201cVom Winde verweht\u201d und \u201cAlice im Wunderland\u201d zog ich einen Metallkasten heraus, der exakt die selbe Gr\u00f6\u00dfe wie die Videoh\u00fcllen besa\u00df. Deshalb hatte ich ihn dort eingeordnet.<br \/>\nZufrieden l\u00e4chelte ich. Wieder ein Beweis, das es geordnete Chaos gibt.<br \/>\nZumindest ich fand alles wieder.<br \/>\nIrgendwann.<\/p>\n<p>Verschlungene F\u00e4den auf schwarzgrau. Sie tanzten vor meinen Augen. Setzten sich zusammen, flossen wieder auseinander. So wie Gedankenfetzen in meinem Kopf, die sich zusammensetzten und wieder auseinanderglitten.<br \/>\nEine Welt in Graut\u00f6nen.<br \/>\nIrgendwie gew\u00f6hnt man sich an alles.<br \/>\nVielleicht hatte die Sonne eine andere Dimension erreicht. Oder es war in diesem Kraftwerk letzte Nacht der falsche Knopf gedr\u00fcckt worden. Nicht der mit dem Prisma, sondern der graue gleich nebenan.<br \/>\nDie Welt funktionierte immer noch. Nur die Farbe fehlte.<br \/>\nVielleicht war meine Welt nur durcheinandergekommen. Umgespult auf grau. Farbe als Einbildung, die ich nicht mehr wahrnahm. So ist es dann verschwunden: Gelb, Blau, Rot.<br \/>\nIch hatte es nicht mehr beobachtet und nun existierte es nicht mehr.<br \/>\nMit kleinsten Teilchen funktionierte das auch so. Sagt man.<br \/>\nMan sind Physiker. Einige behaupten etwas anderes.<br \/>\nPhilosophen kommen nicht ganz nach. So wie ich.<br \/>\nIn Gedanken sehe ich den mildt\u00e4tigen Blick meines Physiklehrervaters auf mich ruhen.<br \/>\nWarum ausgerechnet Malerin? Wieso nicht Diplom-Physiker.<br \/>\nWieso nicht Softwareentwickler mit abgebrochenen Physikstudium.<br \/>\nWieso nicht einmal eine stolze eins in Mathematik. Aber dann ausgerechnet Malerin.<br \/>\nWo ihr doch alle T\u00fcren offenstanden. Ein Seufzen.<br \/>\nJetzt waren diese T\u00fcren zu und ich gl\u00fccklich.<br \/>\nBis heute. Jetzt waren die Farben verschwunden und ich beneidete Softwareentwickler mit oder ohne abgeschlossenem Physikstudium.<br \/>\nIch \u00f6ffnete den Metallkasten mit einem tiefen Atemzug. So als w\u00fcrden in meinem Atem noch Pigmente der gestrigen bunten Welt sein.<\/p>\n<p>Die Farben, eingelassen in kleine Schalen, hatten Risse bekommen. Sie waren zu lange zu trocken. Zu lange ohne feuchten Pinsel, der sie ber\u00fchrte.<br \/>\nFarben. Gelb, Blau, Rot.<br \/>\nFarben.<br \/>\nUnd jetzt?<br \/>\nSollte ich die Welt anmalen damit?<br \/>\nWas sollte ich damit?<br \/>\nIch war genauso schlau wie heute morgen, als die Welt \u00fcber Nacht anders wurde. Da h\u00f6rte ich es zum ersten Mal.<br \/>\nGenau in diesem Moment, als mir Farben in einer grauen Welt entgegenleuchteten h\u00f6rte ich es. Ein glucksendes Kichern. Irgendwo.<br \/>\nZu leise und zu schnell vorbei, als dass ich es richtig wahrnehmen konnte. Sp\u00e4ter w\u00fcrde ich mich erinnern, dass es genau dieser Moment war, als ich sie zum ersten Mal leise schelmisch lachen h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Die Welt war kalt.<br \/>\nZehn Uhr abends.<br \/>\nDabei sah sie vollkommen normal aus. Zumindest auf der kleinen Terrasse, die der Mond silberschwach beleuchtete. Ich sah meinem Atem hinterher, der sich in der kalten dunklen Nachtluft aufl\u00f6ste.<br \/>\nKeine Sonne, keine Farben.<br \/>\nMorgen war die Sonne wieder da. Mein Gef\u00fchl sagte mir, dass es auch mit Sonne keine Farben geben w\u00fcrde.<br \/>\nNur ein paar Gramm in einem vormals dunkelgr\u00fcnen Metallkasten.<br \/>\nIch zog die Schultern fr\u00f6stelnd hoch.<\/p>\n<p>Die W\u00e4rme des grau in grauen Zimmers schlug mir angenehm entgegen, als ich die Terrassent\u00fcr wieder schlo\u00df. Mein Blick fiel auf die alte Kommode, die schon meiner Urgro\u00dfmutter zur Aufbewahrung von z\u00e4rtlichen Briefe in duftender W\u00e4sche diente. Vor sechs Stunden hatte sie eine neue Verzierung bekommen. Zwei verschlungene Lilien. Sie pa\u00dften gut zwischen die beiden Kupfergriffe, die genauso grau aussahen, wie die Lilien selber.<br \/>\nDer erste vergebliche Versuch.<br \/>\nDie Cattleya auf der Fensterbank hatte auf ihren dunkelgrauen Bl\u00fctenbl\u00e4ttern hellgraue Striche.<br \/>\nDer zweite vergebliche Versuch.<br \/>\nTraurig lie\u00df sie ihre Bl\u00e4tter h\u00e4ngen. Eine Bl\u00fcte war abgebrochen.<br \/>\nAuf meinem Schreibtisch leuchtete ein wei\u00dfen Blatt Papier mit einem roten Farbklecks.<br \/>\nDer dritte vergebliche Versuch.<br \/>\nDiesmal war es die Form und nicht die Farbe.<br \/>\nIch legte die Cattleyabl\u00fcte auf einen kleinen Teller. Ein wenig Wasser als Entschuldigung dazu.<\/p>\n<p>Den Kopf in die eine Hand gest\u00fctzt und den Pinsel in der anderen wollte ich den Farben auf die Spur kommen. Ich tauchte den Pinsel in die gelbe und machte einen kleinen Punkt neben den gro\u00dfen roten Farbklecks.<br \/>\nGelb. Eindeutig.<br \/>\nIch wusch den Pinsel aus und tauchte ihn dann in die blaue Farbe.<br \/>\nEin k\u00fchner blauer Strich, der sich mit dem gelb vermischte und gr\u00fcn, sp\u00e4ter auf roten Farbklecks violett leuchtete.<br \/>\nMhm\u2026<br \/>\nIch hielt den Pinsel vor meinen Augen.<br \/>\nGrau.<br \/>\nMhm\u2026 seltsam, sehr sel\u2026.<br \/>\nIn die Stille und angestrengten Nachdenken \u00fcber Gott und die Welt, respektive Farben, platzte mit einemal ein Prusten.<br \/>\nIch drehte den Kopf herum.<br \/>\nNiemand da!<br \/>\nDem noch verhaltenen Prusten folgte ein Kichern.<br \/>\nIch schaute mich im Raum um.<br \/>\nTief durchatmen.<\/p>\n<p>Gut. Es k\u00f6nnte ja sein, das ich nicht farbenblind, sondern ein wenig\u2026 nun sagen wir mal \u00fcberzogen bin. Weil verr\u00fcckt w\u00e4re das falsche Wort.<br \/>\nSchau auf\u2019s Papier, nicht im Raum umher.<br \/>\n\u201cJa, das w\u00e4re eine Alternative.\u201d<br \/>\nMoment mal\u2026 ich redete mit eingebildeten Stimmen?<br \/>\nLangsam kam mir die Erkenntnis, das eine eins in Mathematik mich vor aufkeimenden Wahnsinn vielleicht errettet h\u00e4tte. Oder das ich zumindest als Softwareentwickler mit abgebrochenen Physikstudium gl\u00fccklicher dran w\u00e4re, auch wenn ich nur noch meinen Rechner lieben w\u00fcrde.<br \/>\nBl\u00f6dsinn. Du bist Malerin, also male\u2026<br \/>\n\u201cWer spricht da eigentlich mit mir?\u201d<br \/>\nNa ich.<br \/>\n\u201cWer ich?\u201d<br \/>\nFinde es heraus.<\/p>\n<p>Ich beruhigte gegen 23 Uhr meine angeschlagenen Nerven mit nach K\u00fchlschrank schmeckenden K\u00e4se und einer ganz gro\u00dfen Tasse Kaffee. Ich trank ihn mit kleinen Schlucken. Aber irgendwann war die Tasse leer.<br \/>\nIch sah auf ihren Boden und zum ersten Mal verfluchte ich Filtert\u00fcten.<br \/>\nOhne sie h\u00e4tte ich wenigstens im Kaffeesatz nachlesen k\u00f6nnen, ob mich eine Zukunft in der psychiatrisch geschlossenen Anstalt oder als gefeierte K\u00fcnstlerin erwarten w\u00fcrde.<br \/>\nRechtzeitig fiel mir aber ein, dass ich nicht im Kaffeesatz lesen kann.<br \/>\nNun gut!<br \/>\nEntschlossen stellte ich die Tasse auf die Sp\u00fcle und begab mich wieder in das Zimmer zu einem mit bunten Klecksen verziertes Papier, welches auf meinem Zeichentisch auf mich wartete.<\/p>\n<p>Nachdem ich eine halbe Stunde das Papier angestarrt hatte, tanzten bl\u00e4ulich-rote Flecken vor meinen Augen. Eigentlich wollte ich ja Farbe auf das Papier bringen und nicht als eingebildetes Etwas vor meinen Augen.<br \/>\nIch sollte etwas malen.<br \/>\nAber was?<br \/>\nMein Blick ging zu dem Metallkasten, auf dem die verschlungenen F\u00e4den zu tanzen schienen. Ich nahm ihn in die H\u00e4nde und sah genauer darauf.<br \/>\nEs schien nicht nur so.<br \/>\nSie tanzten wirklich!<br \/>\nWieder atmete ich tief durch.<br \/>\nGut.<br \/>\nDie Welt ist anders und ein wenig verr\u00fcckt. So etwas soll es geben.<br \/>\nIch mu\u00dfte also zu Ma\u00dfnahmen greifen, die genauso waren. Mir war es zwar ein wenig peinlich, aber schlie\u00dflich sah keiner dabei zu. Und h\u00f6ren? Ein pr\u00fcfender Blick zur Wand. Das Haus war noch mit guten alten Ziegeln gebaut.<br \/>\nIch sch\u00fcttelte den Kopf, strich eine Haarstr\u00e4hne zur\u00fcck und sah auf den Metallkasten vor mir.<br \/>\n\u201cKannst du mir sagen\u2026\u201d,<br \/>\nich pre\u00dfte die Lippen aufeinander. Irgendwie kindisch.<br \/>\nIrgendwann werden sie damit malen. Etwas besonders\u2026<br \/>\nDie alte Frau auf dem Marktplatz. Sie war auch was besonderes. Ich hatte noch nie etwas umsonst bekommen.<br \/>\n\u201c\u2026was ich malen soll?\u201d, der Rest des Satzes fl\u00fcsterte ich fast.<\/p>\n<p>Die F\u00e4den fingen erneut an zu tanzen, glitten auseinander, schoben sich woanders wieder zusammen und ergaben pl\u00f6tzlich ein Bild.<br \/>\nIch lie\u00df den Kasten unsanft auf den Tisch fallen.<br \/>\n\u201cDas kann ich nicht!\u201d<\/p>\n<p>Ich konnte es doch. Zumindest war ich mir nach ihren Augen fast sicher, dass ich es k\u00f6nnte. Gedanken, dass das Ganze doch verr\u00fcckt ist \u2013 nicht sei \u2013 sondern wirklich ist, schob ich dabei beiseite.<br \/>\nIhre Augen blitzten mich dabei schelmisch an.<br \/>\nNach zwei Stunden Arbeit fing meine Hand an zu schmerzen. Als ich den Pinsel beiseite legen wollte, h\u00f6rte ich wieder ihr Lachen.<br \/>\nBitte mach weiter.<br \/>\n\u201cUnd warum? Ich kann doch morgen noch\u2026\u201d<br \/>\nMorgen ist es zu sp\u00e4t.<br \/>\n\u201cWoher willst du das wissen?\u201d<br \/>\nIch weiss es einfach.<br \/>\n\u201cDu gibst Antworten, die ich mir manchmal selber so gebe\u2026\u201d, grummelte ich vor mich hin. Als Antwort kam nur ein Lachen.<br \/>\n\u201cNa gut\u2026 ich habe ja sonst nichts zu tun. Ich meine, wer setzt sich nachts nach Mitternacht hin und malt ein Bild. Noch dazu mit den einzigen Farben, die es weit und breit zu geben scheint. Noch dazu, wenn es eigentlich \u2013 nur mal angenommen \u2013 total irre ist\u2026\u201d<\/p>\n<p>Als ich nach einer Stunde meinen Monolog beendet hatte, sah sie mich in ihrer zarten Sch\u00f6nheit an. Von einem wei\u00dfen Blatt Papier. Hauchzarte Fl\u00fcgel umh\u00fcllten ihren kleinen K\u00f6rper und ihre Augen blickten immer noch schelmisch.<br \/>\nMeine waren dagegen m\u00fcde.<br \/>\nIch wusch den Pinsel aus, sah noch einmal auf die kleine Elfe, das einzige, was farbig war in einer sonst trostlosen grauen Welt, drehte mich um, um ins Bett zu gehen.<br \/>\nMeine m\u00fcde Hand klappte den Lichtschalter um. Beim Hinausgehen an der T\u00fcr h\u00f6rte ich ein leises Ger\u00e4usch.<br \/>\nIch drehte mich nicht um.<\/p>\n<p>Die Welt war anders.<br \/>\nMein Morgenritual auch.<br \/>\nUnd sie war nicht mehr da. Nur noch bunte Farbkleckse auf einem sonst wei\u00dfen Blatt Papier. Woher habe ich das nur gewu\u00dft\u2026<\/p>\n<p>L\u00e4chelnd sah ich mich im Raum um. Mein Blick verfinsterte sich pl\u00f6tzlich. Oh nein\u2026 Urgro\u00dfmutter d\u00fcrfte das nicht sehen! Ich holte einen feuchten Lappen und versuchte die violetten Lilien von der Kommode zu wischen.<br \/>\nNachdem ich dieses Mi\u00dfgeschick beseitigt hatte, fiel mein Blick auf die purpurrote Cattleya auf der Fensterbank. \u00c3\u0153ber Nacht hatte sie neue Knospen angesetzt.<br \/>\nIch wollte ihr und mir einen Morgentrunk g\u00f6nnen. Doch zum Kaffeeaufsetzen kam ich nicht, da ich dringend etwas erledigen mu\u00dfte.<\/p>\n<p>St. Marien\u2019s Uhr schlug zehnmal.<br \/>\nF\u00fcr ein paar Minuten \u00fcbert\u00f6nte der Glockenschlag selbst das kleine Gebimmel der sich \u00f6ffneten T\u00fcr von \u201cHildegards Truhe\u201d.<br \/>\n\u201cAh, unsere K\u00fcnstlerin!\u201d<br \/>\n\u201cGuten Morgen, Hildegard\u2026 \u00e4hem, es ist mir zwar ein wenig peinlich, aber\u2026\u201d<br \/>\n\u201cOh je, mein Kind, das geht nat\u00fcrlich nicht!\u201d<br \/>\nIch konnte ihr nur beipflichten. Ein pinkfarbener Schal, der sogar das Leuchten der goldenen Zeiger von St. Marien in den Schatten stellte, war wirklich nichts f\u00fcr meine Garderobe.<\/p>\n<p>\u00a9 2000 by Gabi Scharf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die Elfenmalerin erwacht, ist ihre Welt grau. Kann sie die Farbe zur\u00c3\u00bcckbringen? Fantasy-Geschichte von Gabriele Scharf<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ca_portfolio_gallery_project_year":"","ca_portfolio_gallery_client":"","ca_portfolio_gallery_skills":"","ca_portfolio_gallery_url":"","ngg_post_thumbnail":0},"categories":[33],"tags":[74,83,209],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188"}],"collection":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=188"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1766,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions\/1766"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}