{"id":182,"date":"2005-11-12T18:03:25","date_gmt":"2005-11-12T17:03:25","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=182"},"modified":"2025-05-13T19:22:19","modified_gmt":"2025-05-13T19:22:19","slug":"welt-ohne-nacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=182","title":{"rendered":"Welt ohne Nacht"},"content":{"rendered":"<p><em>Legende aus einer Zeit vor unserem Universum: Der Kosmos st\u00fcrzt in sich zusammen, f\u00fcr die letzten \u00dcberlebenden gibt es keinen Ausweg \u2026 oder doch?<\/em><i><br \/>\n<em>(Diese Geschichte schaffte es in die Top 10 des Storywettbewerbs \u201cNeues aus anderen Welten\u201d) <\/em><\/i><!--?xml:namespace prefix = \"o\" ns = \"urn:schemas-microsoft-com:office:office\" \/--><\/p>\n<p><strong>SciFi-Kurzgeschichte von Anneliese Wipperling<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201eBitte, Urahne!\u201c quengelten die nackten, schmutzigen Kinder mit ihren d\u00fcnnen, unfertigen Stimmen. \u201eBitte! Erz\u00e4hl uns noch einmal von der gro\u00dfen Stadt!\u201c<br \/>\nDie alte Aorai lie\u00df sich gem\u00e4chlich auf dem Betonfu\u00dfboden nieder und drapierte ihre fleckige Tunika sorgf\u00e4ltig um ihre wei\u00df gesprenkelten, schuppigen Hinterklauen. \u201eDie Stadt befindet sich direkt \u00fcber uns. Sie hat pr\u00e4chtige Kuppeln, breite Gleitbahnen, Spieltr\u00f6ge f\u00fcr die Kinder, G\u00e4rten.\u201c<br \/>\n\u201eWas sind Spieltr\u00f6ge?\u201c unterbrach sie ein kleiner Junge mit einem winzigen H\u00f6cker auf der Stirn neugierig.<br \/>\n\u201eDas sind gro\u00dfe Becken, die mit feinem, gelbem Sand gef\u00fcllt sind. Da gibt es Kletterger\u00fcste, Schaukeln, Springbrunnen, Regentrommeln, Windharfen \u2026\u201d<br \/>\n\u201eWas ist ein Springbrunnen? Eine Wasserleitung, die auf und ab h\u00fcpft?\u201d<br \/>\n\u201eVielleicht\u201c, murmelte die Alte unsicher. \u201eIch habe noch nie einen gesehen.\u201c<br \/>\n\u201eUnd wozu braucht man den Sand?\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df ich auch nicht, Kinder, angeblich zum Spielen.\u201c<br \/>\n\u201eErz\u00e4hl weiter!\u201c forderte ein zierliches M\u00e4dchen mit starren gelben Augen. \u201eErz\u00e4hl uns vom Himmel \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDa ist ein riesiges Gew\u00f6lbe \u00fcber der Stadt\u201d, zischelte die Aorai z\u00f6gernd. \u201eManchmal soll es gelb und hell sein \u2026 manchmal schwarz, mit gl\u00e4nzenden Punkten. Ich h\u00f6rte auch von einem hei\u00dfen leuchtenden Ball, flauschigen Polstern, aus denen ab und zu frisches Wasser tropft \u2026\u201d<br \/>\n\u201eUnd die Luft streichelt einen sanft\u201d, fl\u00fcsterten die Kinder im Chor. \u201eSie bringt den s\u00fc\u00dfen Duft der Farnbl\u00fcten.\u201d<br \/>\n\u201eUrahne, warum gehen wir nicht einfach rauf und spielen?\u201c fragte das kleinste Kind sehns\u00fcchtig. \u201eHier ist es so eng und so langweilig!\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df nicht. Die Oberen haben es schon vor langer Zeit verboten.\u201c<br \/>\n\u201eVielleicht ist das alles auch nur ein M\u00e4rchen\u201c, konterte ein fast erwachsenes M\u00e4dchen aufs\u00e4ssig. \u201eEs gibt nur diese H\u00f6hlen \u2026 es hat nie etwas anderes gegeben.\u201c<br \/>\n\u201eMeine Mutter hat mehrmals behauptet, dass man da drau\u00dfen nicht mehr leben kann. Irgendetwas ist passiert \u2026 ein Ungl\u00fcck\u201c, widersprach die alte Frau.<br \/>\n\u201eDu hast recht\u201c, best\u00e4tigte ein kr\u00e4ftiger Mann mit protzig steifem Stirnf\u00fchler und pr\u00e4chtig schillernden Schuppen sachlich. \u201eDa drau\u00dfen ist es inzwischen so hei\u00df geworden, dass ihr auf der Stelle verbrennen w\u00fcrdet.\u201c<br \/>\n\u201eWieso, ehrw\u00fcrdiger Lehrmeister?\u201c<br \/>\n\u201eDie ganze Welt wird immer kleiner und blauer. Alles r\u00fcckt zusammen \u2026 auch die Sternenfeuer. In einer Milliarde Zyklen wird nur noch ein winziger, hei\u00dfer Punkt \u00fcbrig sein.\u201c<br \/>\n\u201eWoher wei\u00dft du das so genau?\u201c<br \/>\n\u201eEs arbeiten immer noch einzelne Messstellen in der Stadt.\u201c<br \/>\n\u201eAlso gibt es sie wirklich.\u201c<br \/>\n\u201eJa, mein Junge, aber sie ist f\u00fcr immer verloren.\u201c<br \/>\n\u201eSchade\u201c, wisperten die Kinder traurig.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>\u201eIch mag heute nicht, Kanor\u201c, zischte die gr\u00fcnschuppige Frau ihren dunkleren Gef\u00e4hrten gereizt an. \u201eEs ist absurd, dass du deinen Samenf\u00fchler schon wieder in meine Eikammer stecken willst. Da ist doch gar nichts mehr drin! Such dir f\u00fcr deine letzten Pollen besser ein fruchtbares, duftendes Tor.\u201c<br \/>\n\u201eDu verst\u00f6\u00dft mich einfach, Irisa?\u201c grollte der Mann gekr\u00e4nkt und die pralle Ausbuchtung auf seiner Stirn wippte aggressiv auf und ab. \u201eNach zweihundert gemeinsamen Zyklen magst du meinen F\u00fchler pl\u00f6tzlich nicht mehr? Womit habe ich das verdient?\u201c<br \/>\n\u201eMit gar nichts\u201c, konterte die Frau spitz. \u201eDas alles ist nur so sinnlos \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDu h\u00e4ttest besser auf mich h\u00f6ren und dich nicht v\u00f6llig ausr\u00e4umen lassen sollen!\u201c murrte Kanor verbittert. \u201eDann k\u00f6nnte deine H\u00f6hle immer noch singen und deine Eier \u2026\u201c<br \/>\n\u201eWas ist mit denen? Gibt es nicht schon genug von diesen armseligen Bunkerlarven? Das ist doch kein Leben: Betonw\u00e4nde, ein paar flackernde Leuchtr\u00f6hren \u2026 \u00fcberall schuffeln sich die Erwachsenen die Seele aus dem Leib. Und dann dieser eklige Nahrungsbrei, den die Maschine aus allem, was so anf\u00e4llt, fabriziert! Die Luft stinkt und das Wasser schmeckt nach dem, was bei uns unten herausl\u00e4uft. Nein, ich bin doch keine Mauerschlange, die ihre Eier einfach im Sand verscharrt und, ohne zur\u00fcckzuschauen, davonkriecht. Wenn ich schon ein Nest baue, dann m\u00f6chte ich auch, dass meine Nachkommen eine Zukunft haben! Du wei\u00dft so gut wie ich, dass das endg\u00fcltig vorbei ist.\u201d<br \/>\n\u201eEs dauert doch noch mindestens zweitausend Zyklen, bis die Hitze uns hier unten erreicht\u201d, protestierte der Mann ver\u00e4rgert. \u201eWenn du nur nicht so voreilig gewesen w\u00e4rst! Ich h\u00e4tte noch die Kinder meiner Kinder kennen lernen k\u00f6nnen!\u201d<br \/>\n\u201eUnd zusehen, wie sie hier unten elend krepieren!\u201d<br \/>\n\u201eDie Kraftfelder und Recyclinganlagen funktionieren doch tadellos. Sie werden uns bis zum Schluss besch\u00fctzen.\u201c<br \/>\n\u201eDu und deine verdammte Technik! Immer willst du alles regeln oder reparieren! Aber diesmal funktioniert das nicht. Unser Universum ist gerade dabei, sich selbst zu verschlingen. Du kannst nirgendwo hin!\u201c<br \/>\n\u201eDu aber auch nicht \u2026\u201d murrte Kanor verdrossen. \u201eUnd ich sehe nicht ein, dass ich nicht noch ein bisschen herumschuffeln soll, bevor mein Samenf\u00fchler endg\u00fcltig vertrocknet und abf\u00e4llt. Es ist doch das Einzige, was mir bleibt.\u201d<br \/>\n\u201eEs gibt noch einen anderen Weg\u201c, erkl\u00e4rte Irisa still. \u201eIch bin zwar bis jetzt nicht bereit daf\u00fcr \u2026 habe noch zu gro\u00dfe Angst vor den Schmerzen.\u201c<br \/>\n\u201eDu warst wieder bei diesem alten archaischen Feueranbeter!\u201d emp\u00f6rte sich der Mann. \u201eSeine Stirn ist schon lange kahl und sein Geist v\u00f6llig verwirrt. Sag bitte nicht, dass du hinauf in die Stadt willst, und \u2026\u201d<br \/>\n\u201eDer Natur ihren Lauf lassen\u201d, vollendete die Frau w\u00fcrdevoll den Satz. \u201eIch bin eine aufrecht gehende Aorai und kein hirnloser Sandwurm! Ich will dieses erb\u00e4rmliche, geborgte Leben nicht mehr.\u201d<br \/>\n\u201eDu k\u00f6nntest Gift nehmen oder dir die Blutbahnen zerschneiden\u201d, schlug Kanor ernsthaft vor. \u201eDa w\u00fcrde ich sogar mitmachen. Wir sollten uns noch einmal aneinander reiben, bis alle Torschuppen lodern und singen, gemeinsam in Ekstase verl\u00f6schen und am Morgen danach Cebrax schlucken. Ich habe seit vielen Zyklen f\u00fcr den Ernstfall \u2026\u201d<br \/>\n\u201eNein, wenn mir das heilige Feuer des Kosmos bestimmt ist, will ich auch hinausgehen und brennen!\u201d widersprach die Frau ruhig. \u201eAlles andere w\u00e4re feige und widernat\u00fcrlich.\u201d<br \/>\n\u201ePriestergew\u00e4sch! Dieser verfluchte Kahlkopf!\u201c<br \/>\n\u201eEr verspricht Reinigung und Freiheit, Licht und Ewigkeit\u201c, murmelte Irisa vertr\u00e4umt. \u201eDie heiligen Priesterf\u00fcrsten der Vorzeit t\u00f6nen aus seinem Mund.\u201c<br \/>\n\u201eUnsinn! Was f\u00fcr eine Ewigkeit?\u201c zischte der Mann h\u00f6hnisch. \u201eDie Ewigkeit eines Schlackeklumpens! Die Ewigkeit der Ursuppe oder was?\u201c<br \/>\n\u201eDu h\u00e4ltst mich f\u00fcr besonders unvern\u00fcnftig? Dein Kinderglaube an die Allmacht deines welkenden Samenf\u00fchlers ist doch noch viel unlogischer! Du passt wahrlich zu all den Jammergestalten hier unten! Entweder glotzen sie stumpfsinnig vor sich hin, schuffeln in aller \u00d6ffentlichkeit herum oder sie toben zugedr\u00f6hnt durch die G\u00e4nge und vergeuden ihre kostbaren F\u00e4kalien in finsteren Ecken. Wir waren einmal eine zivilisierte Spezies \u2026\u201c<br \/>\n\u201eAch so, du nimmst mir auch noch das bisschen Effka \u00fcbel? Bis jetzt habe ich damit noch niemandem geschadet.\u201c<br \/>\n\u201eDas sehe ich anders. Du kennst dann n\u00e4mlich kein Ma\u00df mehr und das ist nicht gerade angenehm. Sogar meine Eikammer hat schon geblutet, so wild hast du darin herumgestochert. Ach, scher dich weg, Kanor! Ich bin schon lange mit allem fertig \u2026 auch mit dir.\u201c<br \/>\n\u201eIch kenne so eine zierliche Blauschuppige\u201d, konterte der Mann und f\u00fcgte rachs\u00fcchtig hinzu: \u201eSie wird meinen sch\u00f6nen dicken F\u00fchler schon m\u00f6gen \u2026 und dir w\u00fcnsche ich Gl\u00fcck mit deinem verdrehten impotenten Extremisten!\u201d<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Der Versammlungsraum war eng und stickig. \u201eFeuer zu Feuer, Licht zu Licht!\u201c sang der kahle Oberpriester hingebungsvoll. \u201eWir trotzen dem Schicksal nicht, wir verneigen uns dem\u00fctig vor der heiligen Glut des Kosmos! Wir teilen das Los all der niederen Kreaturen unserer Welt! Wir verzichten auf Wasser und Brei aus den Ausscheidungen unserer N\u00e4chsten und schenken unseren Platz im Bunker den ungeborenen Kindern der Leichtfertigen. M\u00f6gen sie ihrem sinnlosen Pfad weiter folgen, w\u00e4hrend wir stolz ins Licht hinausgehen und \u2026\u201c<br \/>\nEin verzagtes Seufzen stieg von der Menge auf, ein angstvolles Wimmern, \u00c4chzen und St\u00f6hnen.<br \/>\n\u201eJa, wir werden uns lebendig verzehren lassen!\u201c kreischte der Priester in Ekstase. \u201eWir werden brennen, brennen, brennen!\u201c Ein paar verkr\u00fcmmte Gestalten verdr\u00fcckten sich unauff\u00e4llig durch den Hintereingang. \u201eUngl\u00e4ubige! Narren! Feiglinge! Dr\u00f6hnt euch doch mit Effka zu! Kopuliert weiter in aller \u00d6ffentlichkeit herum! Fresst wie bisher euren eigenen Dreck! Das heilige Feuer wird euch auch in euren L\u00f6chern finden und vertilgen!\u201c<br \/>\n\u201eEs gef\u00e4llt ihm, seine Zuh\u00f6rer zu erschrecken\u201c, dachte Irisa irritiert. \u201eEr ist eitel, grausam, machtgeil und nicht einmal besonders inspirierend \u2026 worauf habe ich mich da eingelassen? Wom\u00f6glich sollte ich schnellstens zur\u00fcck zu Kanor \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch habe von einem strahlenden Licht getr\u00e4umt\u201c, unterbrach ein wei\u00dfgeschuppter Mann mit verdorrt herabh\u00e4ngendem F\u00fchler ihre Gedanken. \u201eEs war hell und sanft, schwebte hoch \u00fcber der Stadt. Und als alles andere immer kleiner und kleiner wurde, verschlang es die ganze Welt. Es gab nur noch das Nichts und das Licht \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDas ist eine ziemlich exakte Umschreibung dessen, was gerade mit unserem Kosmos passiert\u201c, stellte Irisa trocken fest. \u201eDu hast vermutlich im Schlaf nachvollzogen, was in der n\u00e4chsten Milliarde Zyklen passieren wird.\u201c<br \/>\n\u201eNein, wir selbst waren das Licht\u201c, widersprach der alte Mann leise. \u201eGlaub nicht diesem Priester, sondern mir, denn ich bin ein Wahrtr\u00e4umer.\u201c<br \/>\n\u201eNoch ein Verr\u00fcckter\u201c, murmelte die Frau zerstreut und ging zur\u00fcck in ihre Kammer. Sie kam ihr merkw\u00fcrdig gro\u00df und leer vor. Kanor war ausgezogen und hatte seine drei l\u00f6cherigen Tuniken und alle \u00fcbrigen Habseligkeiten mitgenommen.<br \/>\n\u201eNun bleibt mir nur noch der gro\u00dfe Brand\u201c, dachte Irisa.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Die Gl\u00e4ubigen hielten sich aneinander fest, w\u00e4hrend sie m\u00fchsam die steile Wendeltreppe aufw\u00e4rts klommen, stolperten kraftlos hinaus in den Gluthauch der Stadt. Sie sah ganz anders aus, als erwartet: Die Bauten und Wege waren verwittert und verformt, gl\u00fchten unheimlich und die hohe Kuppel \u2026 ein Feuerball war nirgendwo zu sehen, aber das Himmelsgew\u00f6lbe war mit riesigen blauen Flecken \u00fcbers\u00e4t, die alles in ein bleiches, gleichm\u00e4\u00dfiges Licht tauchten \u2026 ein Licht, das von allen Seiten kam und keine Schatten zulie\u00df. Von der ber\u00fchmten Statue des unbekannten Raumfahrers rannen unaufh\u00f6rlich gro\u00dfe Tr\u00e4nen aus Kunstharz.<br \/>\nIrisa f\u00fchlte deutlich, wie die Strahlung ihre Schuppen perforierte und ihr Fleisch in eine phosphoreszierende, amorphe Masse verwandelte. Der Schmerz war grell und hei\u00df \u2026 \u00f6ffnete sie vom Mund bis zur Ausscheidungs\u00f6ffnung wie der gl\u00fchende Zeremoniendolch eines Priesterf\u00fcrsten der Vorzeit sein zappelndes Regenopfer. Pl\u00f6tzlich erf\u00fcllte der Klang imagin\u00e4rer lederner Trommeln die Luft. Schatten l\u00e4ngst verblichener Aorai schrien und zuckten, versengten im Rausch mit lodernden Fackeln ihre nackten, grell bemalten B\u00e4uche. Der bei\u00dfende Atem der Steinzeit wehte siegreich \u00fcber den gl\u00fchenden Platz. Die Frau sah sich mit letzter Kraft um, w\u00e4hrend sie sich an den Greifern ihrer Nachbarn festklammerte. Da krochen nach und nach hunderte von M\u00e4nnern, Frauen und Kindern aus den Luftschleusen. Ihre Gesichter verzerrten und sch\u00e4lten sich sofort, Tuniken und Schuppen flammten auf, Herzen dr\u00f6hnten wie Geistertrommeln und sie schrien wild: \u201eNimm uns, du uralter Feuergott! Friss unsere Leiber! Ah! Ah! Ah!\u201d<br \/>\nIrisa starb zu F\u00fc\u00dfen des im hellen, blauen Licht weinenden Denkmals aus gl\u00fccklicheren Tagen. Alle starben. Der Oberpriester blieb mit weit offenem Mund liegen. Es sah aus, als w\u00fcrde er immer noch rufen: \u201eBrennt! Brennt! Vereinigt euch mit dem Kosmos und brennt!\u201d<br \/>\nAls die r\u00f6tliche Sonne aufging, lagen \u00fcberall verkr\u00fcmmte, versengte Leichen herum. Der unerm\u00fcdlich fauchende Wind bedeckte sie beinahe z\u00e4rtlich mit Asche und Staub.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Irisa wusste nicht, wie lange sie geschlafen hatte \u2026 wahrscheinlich sehr, sehr lange, denn die Stadt war inzwischen vollst\u00e4ndig in Aors feuriger Kruste versunken. Die Schmelze hatte vermutlich die Bunkeranlagen in der Tiefe l\u00e4ngst \u00fcberschwemmt und verzehrt.<br \/>\n\u201eHoffentlich hat Kanor nicht leiden m\u00fcssen\u201c, dachte sie fl\u00fcchtig. \u201eUnd auch all die anderen, vor allem die kleinen Kinder \u2026 selbst das M\u00e4dchen mit den blauen Schuppen. Eigentlich tun sie mir alle Leid.\u201c<br \/>\nDie Frau sp\u00fcrte neben sich eine ungew\u00f6hnlich kraftvolle Zusammenballung mentaler Energie. \u201eIch bin der Wahrtr\u00e4umer\u201c, fl\u00fcsterte es in ihr. \u201eWir haben zwar keine K\u00f6rper mehr, aber wir sind immer noch da. Wir sind die einzigen F\u00fchlenden des sterbenden Kosmos.\u201c<br \/>\n\u201eWir? Wir beide? Wir sind die Einzigen? Das klingt schauerlich!\u201c<br \/>\n\u201eNein, Irisa, die meisten Seelen jener stolzen Aorai, die freiwillig die Bunker verlassen haben, existieren immer noch. Der alte Feuerpriester hat es allerdings nicht geschafft. Dieser perverse Narr hat sich an seiner Macht und den \u00c4ngsten seiner Gl\u00e4ubigen geweidet, statt sie v\u00e4terlich zu leiten. Seine Seele war viel zu kaputt und schwach. Sie hat sich im Sternenfeuer aufgel\u00f6st.\u201c<br \/>\n\u201eUnd Kanor?\u201c<br \/>\n\u201eEr ging verloren \u2026 so wie alle, die da unten zur\u00fcckgeblieben sind.\u201c<br \/>\n\u201eWas machen wir jetzt? Abwarten und zusehen, wie alles zusammenst\u00fcrzt?\u201c<br \/>\n\u201eWarum nicht?\u201c antwortete der Wahrtr\u00e4umer sachlich. \u201eWir sind tot, wir k\u00f6nnen also nicht mehr sterben. Andererseits ist es eine gro\u00dfe Gnade, dabei sein zu d\u00fcrfen, wenn ein ganzes Universum zur Singularit\u00e4t wird. Als ich jung war, habe ich mich viel mit Kosmologie besch\u00e4ftigt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eWas sagst du? Du findest es interessant, dass \u2026\u201c<br \/>\n\u201eVersteh doch! Ich habe alle Zeit der Welt, ungef\u00e4hr eine Milliarde Zyklen, um die faszinierenden Theorien der alten Lehrer zu \u00fcberpr\u00fcfen. Was f\u00fcr eine einmalige Gelegenheit!\u201d<br \/>\n\u201eF\u00fcr mich und die meisten anderen Aorai wird es eher einsam und langweilig werden\u201c, entgegnete die Frau traurig. \u201eWir sind leider nicht alle so intellektuell \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch teile gern mein Wissen mit euch\u201c, unterbrach sie der Wahrtr\u00e4umer eifrig. \u201eIhr k\u00f6nnt mit mir zusammen denken, wachsen, weit in die Zukunft schauen und das Unm\u00f6gliche hoffen. Wenn wir zu einem einzigen Geist verschmelzen, werden wir unglaublich stark und reich sein \u2026 vielleicht k\u00f6nnen wir sogar etwas bewirken.\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c, fl\u00fcsterte Irisa wie in Trance. \u201eUnsere Existenz w\u00e4re sinnvoll \u2026 zum allerersten Mal w\u00e4re es wichtig, dass es uns gibt!\u201c<br \/>\n\u201eDann werde ich jetzt die anderen rufen.\u201c<br \/>\nDer k\u00f6rperlose Geist des alten Tr\u00e4umers \u00f6ffnete sich ganz und gar und nahm seine Gef\u00e4hrten f\u00fcrsorglich auf. Der sterbende Kosmos hatte nun eine Seele.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Das All ist in sich zusammengest\u00fcrzt. Es gibt nur noch eine winzige Knospe, kleiner als ein Atom \u2026 eine Keimzelle, aus der praktisch alles werden k\u00f6nnte.<br \/>\nAber diesmal ist es anders als sonst, denn der Geist der Aorai ruht in ihr verborgen \u2026 denkt, f\u00fchlt und tr\u00e4umt.<br \/>\nDie Knospe \u00f6ffnet sich zur rechten Zeit. Auf wundersame Weise entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Materie und Antimaterie. Der neue Kosmos kann wieder Galaxien bilden, Sterne, Planeten, Leben \u2026<br \/>\n\u201eWir verwandeln noch etwas Materie in Licht, dann wird dieses Universum niemals schrumpfen\u201c, denkt der Eine, der eigentlich viele ist, g\u00fctig. \u201eUnsere Tr\u00e4ume zeigen uns aufrecht gehende Gestalten \u2026 intelligente Lebewesen mit empfindlicher Haut und zerbrechlicher Seele \u2026 Menschen. Ihre St\u00e4dte sind sch\u00f6n, so sch\u00f6n, wie es unsere einst waren. Wir m\u00f6chten, dass es ihnen besser als uns ergeht.\u201c<\/p>\n<p>\u00a9 2004 by Anneliese Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Legende aus einer Zeit vor unserem Universum: Der Kosmos st\u00fcrzt in sich zusammen, f\u00fcr die letzten \u00dcberlebenden gibt es keinen Ausweg \u2026 oder doch? 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