{"id":173,"date":"2005-03-27T17:39:39","date_gmt":"2005-03-27T16:39:39","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=173"},"modified":"2025-05-13T19:24:41","modified_gmt":"2025-05-13T19:24:41","slug":"felis","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=173","title":{"rendered":"Felis"},"content":{"rendered":"<p><em>Der kleine Toni lebt in seiner eigenen Welt. Nicht einmal seiner Mutter gelingt es, zu ihm durchzudringen. Da taucht ein herrenloses K\u00e4tzchen auf und alles wird anders \u2026 <\/em><!--?xml:namespace prefix = \"o\" ns = \"urn:schemas-microsoft-com:office:office\" \/--><\/p>\n<p><strong>Kurzgeschichte von Gabriele Scharf<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Sie kam zu uns in einem kleinen Schuhkarton. Er stand neben den M\u00fclltonnen und ich h\u00f6rte das kl\u00e4gliche und fiepende Miauen. Als ich den verschmutzten Deckel zur Seite schob, sah ich diese gro\u00dfen gr\u00fcnen Augen mit gelben Punkten, die mich unverwandt ansahen. Es war das Einzige bei diesem kleinen verschmutzen und mit Ungeziefer behafteten Wesen, was noch Funken des Lebens in sich trug.<\/p>\n<p>Behutsam hob ich das kleine Wesen hoch. Ihr Kopf fiel schlaff auf meine Hand, w\u00e4hrend ihr K\u00f6rper zitterte und bebte.<br \/>\nWas hat man dir nur angetan?<\/p>\n<p>Ich wollte die Antwort darauf gar nicht wissen, sondern ging schnell zum Haus und die Treppe hinauf. Als ich den Schl\u00fcssel in der Wohnungst\u00fcr drehte, hielt ich f\u00fcr kurze Zeit ein. Konnte ich die Kleine mitnehmen? Was ist mit \u2026?<\/p>\n<p>Leise \u00f6ffnete ich die T\u00fcr. Im Korridor war er nicht. Durch die angelehnte T\u00fcr des Kinderzimmers sah ich ihn, wie er monoton vor sich hinschaukelte. Ohne ein Wort, ohne eine weitere Regung.<\/p>\n<p>Ein kl\u00e4gliches \u2018Miau\u2019 lie\u00df meinen Blick wieder auf das schwarze Etwas auf meinen Arm fallen.<br \/>\nIch sah noch einmal kurz zu Toni.<br \/>\nKeine Regung bei ihm.<br \/>\n\u201eToni? \u2026 Toni!\u201d<br \/>\nMein Sohn drehte nicht einmal seinen Kopf.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe gr\u00fcne Augen mit gelben Punkten sahen mich wieder an. Nur noch schwach hielt sie ihren Kopf.<br \/>\n\u201eEs wird schon gut gehen \u2026 was meinst du?\u201d<br \/>\n\u201eMiau.\u201d<br \/>\n\u201eToni wird Angst vor dir haben, wir m\u00fcssen also sehr behutsam sein.\u201d<br \/>\nSie schmiegte den Kopf an meine Hand und sah mich dann wieder an. Fast so, als w\u00fcrde sie genau wissen, wovon ich sprach.<\/p>\n<p>\u201eUnd was machen wir zuerst mit dir? Waschen oder f\u00fcttern?\u201d<br \/>\nDie kleine Pfote versuchte, an das verschmutzte Fell zu kommen.<br \/>\n\u201eIch verstehe \u2026 na dann wollen wir mal \u2026\u201d<br \/>\nMit einem halb verhungerten K\u00e4tzchen auf dem Arm suchte ich Handt\u00fccher, Decke und ein mildes Shampoo zusammen, schaltete das Rotlicht im Bad ein und lie\u00df ein wenig Wasser in die Wanne. War ich zuerst skeptisch, ob die Kleine sich das gefallen lie\u00df, h\u00f6rte ich verwundert ihrem Schnurren zu, als ich sie sanft wusch.<br \/>\n\u201eGleich gehen wir zum Tierarzt, wenn Tonis Therapeutin kommt. Dann wirst du auch gleich das ganze Ungeziefer los sein.\u201d<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich so mit ihr sprach, trocknete ich sie genauso vorsichtig ab, wie ich sie gewaschen hatte. Da ich wusste, dass Milch nicht das Richtige f\u00fcr sie war, gab ich ihr nur ein klein wenig Wasser zu trinken.<br \/>\nImmer wenn Toni fast lautlos hinter mir stand, merkte ich es sofort. Er hatte eine Art genauso lautlos zu gehen. Mein Herz klopfte pl\u00f6tzlich ein wenig schneller. Wie w\u00fcrde er reagieren? W\u00fcrde er anfangen mit Schreien, wenn er das K\u00e4tzchen sah?<br \/>\nW\u00fcrde er in sein Zimmer rennen und sich auf den Boden hocken?<br \/>\nDoch Toni tat nichts dergleichen. Er stand einfach da und sah an uns vorbei.<br \/>\nNur ich wusste ganz genau, dass dieser Blick Interesse symbolisierte. In Wirklichkeit sah er jedes Detail von mir \u2026 und von unserem Besucher.<\/p>\n<p>Als die T\u00fcrglocke schellte, drehte er sich um und ging langsam zur Wohnungst\u00fcr. Seine Therapeutin war gekommen. Den einzigen Erwachsenen au\u00dfer mir, zu dem er ging und mit dem er kommunizierte &#8211; ohne Worte.<br \/>\nTief atmete ich aus.<br \/>\n\u201eIch glaube, er hat nichts dagegen, wenn du bleibst.\u201d<br \/>\nGro\u00dfe gr\u00fcne Augen mit gelben Punkten leuchteten.<\/p>\n<p>Unser neues Familienmitglied eroberte sich in Sturm die Wohnung. Sie wusste ganz genau, wo etwas zu finden war. Ob zu spielen, zu essen und auch ihre Katzentoilette. Hinaus lassen wollte ich sie erst einmal nicht, bis sie sich vollkommen erholt hatte. Aber auch so machte sie keine Anstalten, hinaus zu wollen. Der beginnende Winter hielt sie davon wohl ab oder aber unsere Couch mit den vielen weichen Kissen, die ich eigentlich f\u00fcr Toni gekauft hatte. Nun kuschelte sie sich hinein und gab uns durch ihr Schnurren ihr Wohlbefinden zum Ausdruck. Nur bei einem Zimmer hielt sie vor der ge\u00f6ffneten T\u00fcr mit Respekt Abstand.<br \/>\nNiemals ging sie in das Kinderzimmer, auch wenn Toni nicht da war.<br \/>\nSie setzte sich auf ihre Hinterpfoten und mit gestrecktem Oberk\u00f6rper lie\u00df sie ihren Blick interessiert \u00fcber Kinderbett, Schrank und Spielzeug streifen. In diesen Momenten erinnerte sie mich an Bastet.<br \/>\nObwohl sie mir immer hinterlief, dorthin folgte sie mir nicht. Sie wartete geduldig, bis ich das Zimmer aufger\u00e4umt hatte. Und noch etwas anderes fiel mir auf.<\/p>\n<p>Wenn Toni zu mir kam, zog sie sich zur\u00fcck. Sie h\u00f6rte seine lautlosen Schritte eher als ich und sprang mitten im Schnurrsingsang von meinem Scho\u00df und hielt Abstand. Wenn Toni dann an ihr vorbeisah, ging sie sogar aus dem Zimmer.<br \/>\nErst danach kletterte mein kleiner Sohn auf meine Knie und lie\u00df seinen Kopf an meiner Schulter ruhen.<br \/>\nIch streichelte Toni sanft. Er hatte das gern, auch wenn Autisten immer etwas anderes nachgesagt wird.<\/p>\n<p>\u201eToni, es wird langsam Zeit \u2026\u201d<br \/>\nKeine Reaktion, trotzdem fuhr ich unvermittelt fort: \u201d \u2026 dass wir dem K\u00e4tzchen einen Namen geben. Meinst du nicht auch?\u201d<br \/>\nKeine Regung.<br \/>\n\u201eSoll ich dir eine Geschichte erz\u00e4hlen?\u201d<br \/>\nKurz sah mich Toni an und wendete gleich darauf seinen Blick wieder dem Muster der unz\u00e4hligen weichen Kissen zu.<br \/>\nGott sandte einmal einen Engel auf die Erde. Er musste es tun, weil die Menschen seine Hilfe brauchten. Nager vernichteten die Ernte und noch einige andere schlimme Dinge passierten. Der Engel hie\u00df Felis und half den Kindern Gottes.\u201d<\/p>\n<p>Toni \u00e4nderte seine K\u00f6rperhaltung. Er machte es sich bequem und \u00fcberlie\u00df mir seine Hand. Ich hatte also seine Aufmerksamkeit.<br \/>\nL\u00e4chelnd fuhr ich fort: \u201eFelis war ein wundersch\u00f6ner Engel, er bekam von Gott eine Gestalt, die es so noch nie auf Erden gab. Die Gestalt einer Katze. So war es das sch\u00f6nste Raubtier unter allen auf der Erde und half immer wieder den Menschen, wenn sie es gut beh\u00fcteten.\u201d Ich merkte die Ver\u00e4nderung nicht gleich, doch pl\u00f6tzlich wurde mir bewusst, dass Toni weder auf meine Hand noch auf das Muster der Kissen blickte. Er sah geradeaus. Ich hielt den Atem an. Vor uns sa\u00df die kleine Katze mit leicht geneigtem Kopf und ihre Augen zwinkerten Toni zu.<br \/>\nEs war immer wieder wie ein Wunder, wenn es Toni tat. Er tat es nicht oft und immer wieder war ich unendlich dankbar, wenn seine Lippen einen anderen Ausdruck annahmen, sich \u00f6ffneten und f\u00fcr ihn ungew\u00f6hnliche Laute hervorbrachten.<br \/>\nToni lachte.<\/p>\n<p>Es sollten noch Wochen vergehen, bis die beiden sich nicht mehr aus dem Wege gingen. Zwar machte unser Findelkind immer noch Platz, wenn Toni zu mir kam, ging aber nicht mehr aus dem Zimmer. Aufmerksam blickten sie sich an. Toni sah nicht mehr vorbei. Ich glaubte hier schon an ein Wunder, doch das Eigentliche kam erst Wochen sp\u00e4ter.<\/p>\n<p>Sorgsam wusch ich die Futterschalen aus und f\u00fcllt sie neu. Mein Blick suchte das K\u00e4tzchen, welches sich in diesen Wochen zu einer wundersch\u00f6nen Katze gemausert hatte. Ihr schwarzes Fell gl\u00e4nzte und noch mehr ihre Augen, die ich f\u00fcr sehr geheimnisvoll hielt.<br \/>\nDoch sie war nicht da.<\/p>\n<p>Irritiert sah ich mich um. Normalerweise lie\u00df sie diese Zeit nie aus. Fast p\u00fcnktlich kam sie zu ihrem Futter. Pl\u00f6tzlich hielt ich ein mit meinem suchenden Blick. Ohne jede Regung stand ich da, als ich Laute h\u00f6rte, die ich so noch nie geh\u00f6rt hatte.<br \/>\nLeise ging ich ihnen nach.<br \/>\nIm Korridor wurden sie deutlicher.<\/p>\n<p>\u201eKa \u2026 Kat \u2026\u201d<br \/>\nIn dem Moment, als ich am Kinderzimmer ankam, stand ich wie gel\u00e4hmt davor und sah auf eine Katze, die bei meinem Sohn sa\u00df und ihn herausfordernd anblickte.<br \/>\nToni wandte nicht den Blick ab und ich wagte nicht, laut zu atmen.<br \/>\n\u201eKat \u2026 Kat \u2026 Kat \u2026 Se\u201d<br \/>\nErst langsam und deutlich, pl\u00f6tzlich wurden die Laute triumphierend: \u201eKat-se!\u201d<br \/>\nDie kleine Pfote unseres Hausgenossen zeigte mutig auf Toni. Noch einen Schritt ging sie n\u00e4her zu ihm. Dann tat Toni etwas, was er sonst nie tat.<br \/>\nEr mochte nicht die Ber\u00fchrungen von Frotteehandt\u00fcchern, er konnte nicht einmal einen Pfirsich in der Hand halten. Jedes Mal sch\u00fcttelte er sich.<br \/>\nDoch jetzt streichelte er diese Katze vorsichtig.<br \/>\nDann sah er auf und entdeckte mich.<br \/>\nL\u00e4chelnd und dann wieder ernst vor sich hinblickend kamen neue Laute: \u201eM \u2026 M \u2026\u201d<br \/>\nIch merkte, wie in meinen Augen Tr\u00e4nen hochstiegen.<br \/>\n\u201eM \u2026 Ma \u2026 Ma \u2026\u201d<br \/>\nTonis Gesichtsausdruck nahm einen konzentrierten Ausdruck an. Wie sehr musste er sich anstrengen. Ich sah es daran, dass seine H\u00e4nde leicht zitterten.<br \/>\nEr hob eine Hand, streckte seinen Arm nach unserem Findelkind aus: \u201eMa \u2026 Ma \u2026 Kat-se \u2026\u201d<br \/>\nToni war vier Jahre alt.<\/p>\n<p>Er hatte bis zu diesem Tag noch nie gesprochen.<br \/>\nDann kam ein Engel zu uns in einem schmutzigen Schuhkarton, den irgendwer in den M\u00fcll geworfen hatte.<\/p>\n<p>\u00a9 Copyright by Gabi Scharf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der kleine Toni lebt in seiner eigenen Welt. Nicht einmal seiner Mutter gelingt es, zu ihm durchzudringen. 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