{"id":171,"date":"2005-03-27T17:37:08","date_gmt":"2005-03-27T16:37:08","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=171"},"modified":"2025-05-13T19:25:11","modified_gmt":"2025-05-13T19:25:11","slug":"die-barriere","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=171","title":{"rendered":"Die Barriere"},"content":{"rendered":"<p><em>Deutschland in nicht allzu&nbsp;ferner Zukunft: Die Menschen leben in versmogten St\u00e4dten in st\u00e4ndiger Existenzangst. Auch die Schriftstellerin Isabelle, die sich mit Schundromanen \u00fcber Wasser h\u00e4lt. Jenseits des zynischen Literaturbetriebs findet sie ihre wahre Bestimmung \u2013 aber die Umst\u00e4nde sind mehr als nur ein bisschen verr\u00fcckt \u2026<\/em><\/p>\n<p><strong>&nbsp;SF-Story von Gabriele Scharf<\/strong>&nbsp;<!--more--><\/p>\n<p>Vielleicht werden wir einmal mit der Frage konfrontiert, aus einem brennenden Haus uns selbst oder andere zu retten \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eGro\u00dfartig, ganz einfach \u2026 also mir fehlen die Worte \u2026 die Sintflut in der W\u00fcste und Au\u00dferirdische, die \u2026 famos, ganz famos \u2026\u201d<\/p>\n<p>Die Zuh\u00f6rerin schien sich zu langweilen, aber dem im Raum hin- und hergehenden Mann schien das gar nicht aufzufallen. Er schwang sein Cognacglas und ergab sich wie die Sintflut in der W\u00fcste weiteren Schmeicheleien.<\/p>\n<p>\u201eDas wird der Hit in unserer Fortsetzungsreihe \u2018Geheimmission Erde\u2019, Olvedi, ich danke Ihnen!\u201d<\/p>\n<p>Ein paar Minuten sp\u00e4ter verlie\u00df eine Frau, welche die drei\u00dfig l\u00e4ngst \u00fcberschritten hatte, das Verlagshaus und \u00e4rgerte sich wieder einmal \u00fcber ihren eigenen Schund. Der Scheck mit einer runden Summe, welche sie die n\u00e4chsten drei Monate \u00fcberleben lie\u00df, tr\u00f6stete sie dar\u00fcber hinweg.<\/p>\n<p>Blinzelnd sah sie zur verglasten Fassade des Geb\u00e4udes hoch, kniff die Lippen zusammen und beherrschte sich, nicht laut loszuheulen oder gar zu schreien. Dieses verdammte Leben war schwer genug.<\/p>\n<p>Warum sich selbst kasteien? Immerhin ging es ihr noch besser, als all jenen, welche die globale Wirtschaftskrise in der Mitte des Jahrtausends in den Ruin getrieben hatte. Und davon gab es viel zu viele. Sie konnte sich den Luxus erlauben, in einem Appartement au\u00dferhalb einer versmogten Stadt zu wohnen und obendrein Schundromane zu schreiben.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4chelte bitter. Die Menschen mochten in ihrer fast nichtexistenziellen Lage lieber Sci-Fi lesen mit der Aussicht auf eine Zukunft, als ihrer Gegenwart eine zu geben.<\/p>\n<p>Vor zehn Jahren glaubte sie noch an so etwas wie Literatur als Kunstform. Sie schrieb Gef\u00fchle. Nicht mehr und nicht weniger. Es gab eine F\u00fclle davon in ihrem Leben. Nur hielten sie diese nicht \u00fcber Wasser oder \u00fcber dem Smog. Eines Tages setzte sie sich vor ihren Multidisplay und diktierte dem seelenlosen Rechner eine Sci-Fi-Story, angereichert mit ihrem eigenen Sarkasmus. Dort gab es einen Helden, der die Rechner abschaltete und die Menschen zwang, sich mit der \u00fcbrig gebliebenen Natur auseinander zu setzen. Selbstverst\u00e4ndlich rettete er damit die Welt, die dem Untergang geweiht war. Die Story wurde ein Bestseller in \u201eGeheimmission Erde\u201d, einem f\u00fcr sie unakzeptablem Magazin. Aber ihr Multidisplay war in Gefahr, samt Wand und dazugeh\u00f6riger Wohnung. Aus Verzweiflung nahm sie an dem Nachwuchsautorenausschreiben teil und gewann den ersten Preis und den ersten Scheck, den sie mit dem Schreiben verdiente. Ihre Bank honorierte dies, indem sie nicht das Konto schloss.<\/p>\n<p>Seitdem trieb sie ihr Unwesen als Alexander Olvedi.<\/p>\n<p>Dieses berechtigte sie seitdem nicht in der Stadt zu leben, sondern im luxuri\u00f6sen smogfreien Umland.<\/p>\n<p>Ihre eigenen Helden nahm sie samt Rechner mit in eine neue Wohnung. Sie lie\u00df sie leben \u2013 ohne sie jemals zu ver\u00f6ffentlichen. Warum auch? Die Menschen waren an schnellen L\u00f6sungen in Heldengeschichten interessiert, die nicht l\u00e4nger als zehn Minuten in Anspruch nahmen, immerhin konnte man es sich nicht leisten, Zeit zu verschwenden, Credits sowieso nicht. Oder man musste damit rechnen, in einem Lager zu existieren, welches dazu gedacht war, die \u00fcber eine Milliarde Obdachlosen aus der westlichen Hemisph\u00e4re aufzunehmen, damit sie nicht ihre Mitmenschen bel\u00e4stigen.<\/p>\n<p>Sie nahm einen gro\u00dfen Schluck des orangefarbenen Weins. Nein! Das nicht! Dann doch eher \u2026 was soll es diesmal sein: vielleicht ein genervter Gesch\u00e4ftsmann, der pl\u00f6tzlich damit konfrontiert wird, die Welt zu retten. Sie sah in ihrem Memory nach: Viele M\u00f6glichkeiten blieben ihr nicht mehr. Sie hatte alles durchgespielt. Nur an Zeitreisen hatte sie sich nie herangewagt. Es war zu kompliziert. Quantenmechanik, Springs, New Physika und nicht zu vergessen: die gute alte Relativit\u00e4tstheorie. Was f\u00fcr ein Durcheinander.<\/p>\n<p>Leserbriefe mit Kommentaren der etwas negativen Art konnte und wollte sie sich nicht leisten. Was blieb dann noch \u2026 Sci-Fi war so durchgekaut, so langweilig, so \u2026 so \u2026 sie verga\u00df einen Moment lang Smog und Lager f\u00fcr Obdachlose und dachte an ihre Heldin, eine ganz normale Frau \u2026<\/p>\n<p>Sie nahm nicht nur einen, sondern mehrere Schlucke aus ihrem Glas. Alexander Olvedi, denk daran, dass du nicht nur darauf verzichten m\u00fcsstest \u2026<\/p>\n<p>Irgendwann schlief sie vor ihrem Multidisplay ein, welches die ganze Wand in ihrem Wohnzimmer einnahm. Nach einer Stunde schaltete es sich selbstst\u00e4ndig ab mit all den guten und schlechten Nachrichten, die sie f\u00fcr den Empf\u00e4nger parat hatte. Auch mit ihrer Heldin, die mit ihrer Geschichte im Datennirwana versank.<\/p>\n<p>\u201eM\u00fcll! M\u00fcll! Ganz gro\u00dfer M\u00fcll!\u201d, w\u00fctend schleuderte sie wieder ein Papierkn\u00e4uel auf den Boden und beobachtete gen\u00fcsslich, wie ihr Robot innerhalb weniger Sekunden den nicht dahin geh\u00f6renden Fremdk\u00f6rper aufgesp\u00fcrt und entsorgt hatte. Sie atmete tief aus und ein. Wenn sie weiter so mit knappen Ressourcen umging, konnte das ihre Existenz gef\u00e4hrden. Eine Schreibblockade, wie jene, die sie seit Wochen hatte, allerdings auch. Immer wenn sie in dieses Loch fiel, h\u00f6rte sie auf, dem Multidisplay zu diktieren und nahm altmodisches Papier und Stift, um ihre Gedanken aufzuschreiben. Sie lachte kurz auf. Auch das trug zu dem exzentrischen Ruf eines Alexander Olvedi bei.<\/p>\n<p>Nur half das diesmal nicht. Sie sah zum Multidisplay und kochte innerlich vor Wut, dass sie den Philosophen aufsuchte. Sie wusste, dass der Name nur einem Avatar geh\u00f6rte, der sie gnadenlos verspottete, seltsamerweise aber ab und zu half. Und Hilfe hatte sie jetzt dringend n\u00f6tig.<\/p>\n<p>\u201eSicher, du verlierst sonst dein h\u00fcbsches H\u00e4uschen.\u201d Den Spott in seiner Stimme nahm sie nur allzu gut wahr.<\/p>\n<p>\u201eHilfst du mir nun oder nicht?\u201d<\/p>\n<p>\u201eWie viel?\u201d<\/p>\n<p>Sie \u00fcberlegte einen kurzen Moment: \u201e20 000 Credits.\u201d<\/p>\n<p>\u201eSo schlimm diesmal?\u201d<\/p>\n<p>Sie sagte nichts dazu und wartete.<\/p>\n<p>\u201eGut, ich habe hier Daten einer Ausgrabung. Ger\u00fcchten zufolge ist eine anachronistische Waffe gefunden worden und noch mehr \u2026\u201d<\/p>\n<p>Sie war pl\u00f6tzlich nicht mehr w\u00fctend. Die Neugier keimte.<\/p>\n<p>\u201eUnd?\u201d<\/p>\n<p>Der Avatar verharrte einen kurzen Moment und hob den rechten Zeigefinger. Sie wusste, dass es das vereinbarte Signal war und stellte auf Sekretmodus um. Egal, wer jetzt noch schn\u00fcffelte, diese Sicherung konnte man in den n\u00e4chsten drei\u00dfig Sekunden nicht durchbrechen und diese reichten vollkommen.<\/p>\n<p>Was sie erhielt, erfreute sie sichtlich. Mit einem Glas Wein begutachtete sie die sichergestellten Daten in ihrer Transmediabox. So dumm, sie im Multisystem zu behalten war sie nicht. Das Ger\u00fccht war seine 20 000 Credits wert.<\/p>\n<p>\u00c3\u2013stlich von Munic III sollte sich ein riesiger Ausgrabungsort befinden und dort hatte man tats\u00e4chlich eine anachronistische Waffe gefunden. Sie \u00fcberlegte nur kurz, sie hatte von Atomwaffen geh\u00f6rt irgendwann, als sie sich noch im Lernmodus befand. Das beste an der Story war jedoch, dass man gleichzeitig Daten gefunden hatte und sie sogar nach ein paar Tagen entschl\u00fcsselt hatte. Irgendwelche kryptischen Zeichen und wohlbekannte Zahlen leuchteten in der Transmediabox auf. Na, wenn das keine Story ist!<\/p>\n<p>Sie kopierte entschlossen die Fakten, umschloss sie mit ihren eigenen Worten und kreierte einen Helden namens Frank, wie sie fand ein sch\u00f6ner nostalgischer Name. L\u00e4chelnd loggte sie sich eine halbe Stunde sp\u00e4ter in das System des Verlages ein und \u00fcberspielte die Story. Manchmal musste sie nur ein bis zwei Wochen warten, manchmal nur ein paar Tage und konnte wieder einen Scheck entgegennehmen. Sie schloss beruhigt Wetten mit sich selbst ab, wie lange es diesmal dauern w\u00fcrde, denn sie hatte noch f\u00fcr zwei Monate Credits.<\/p>\n<p>Immer noch zufrieden l\u00e4chelte sie und nahm dabei einen gro\u00dfen Schluck des k\u00f6stlichen Weins \u2013 purer Luxus &#8211; und deshalb genoss sie ihn auch und wusste, dass sie auch noch weiter genie\u00dfen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie verlor ihre Wette. Der gro\u00dfe Alexander Olvedi hatte nach ein paar Tagen keinen Scheck in den H\u00e4nden. Sie dachte unwillk\u00fcrlich an einen neuen Nachwuchsautor und die Angst nahm sie f\u00fcr einen Moment gefangen. Das tat sie immer in dieser Situation und wie immer ging sie hinaus und fuhr in einem Traum von Chrom-Blau die verlassene Stra\u00dfe Richtung Alpen entlang. Ihren neuen Designerwagen musste sie nicht lange fahren. Sie wollte schlie\u00dflich nicht ins Katastrophengebiet fahren, sondern nur auf einen kleinen unscheinbaren Sandfleck inmitten eines braun-gr\u00fcnen Etwas, das irgendwann mal ein Wald gewesen sein musste. M\u00fchsam k\u00e4mpfte sie sich durch das verdorrte Dickicht und gelangte dann auf einen schmalen Pfad. Es war ihr eigener. Nur sie hatte ihn geschaffen, so oft war sie einer Angst der Nichtexistenz schon ausgeliefert gewesen. Wenn sie etwas behalten hatte, dann die Ehrlichkeit vor sich selbst.<\/p>\n<p>Schwer atmend von der ungewohnten Bewegung ihres K\u00f6rpers nahm sie auf einen verdorrten Grasfleck Platz und sah in die k\u00fcnstlich angelegte endlos erscheinende Schlucht, der ein gro\u00dfes Tal folgte. Sie sah dort Menschen wie Ameisen zwischen h\u00e4sslichen Geb\u00e4uden wimmeln: Namenlose.<\/p>\n<p>Sie senkte die Augen. Sie hatte es nicht nur einmal erlebt als sie noch im Smog von Munic III lebte. Die Stadt wurde regelm\u00e4\u00dfig ges\u00e4ubert. Nicht vom Smog. Sondern von denen, die sp\u00e4tabends oder in der Nacht noch keine Bleibe hatten. Die vergeblich an den T\u00fcren der ge\u00f6ffneten Vergn\u00fcgungslokalit\u00e4ten scheiterten. Keine Credits, keine Wohnung, kein Mensch, der sie kennen wollte. Irgendwann verschwanden sie hier. Namenlos. Die Regierung hatte schon vor Jahren darauf verzichtet, kostbare Datenressourcen mit Namen und dazugeh\u00f6rigen Daten dieser Obdachlosen zu f\u00fcllen. Sie kamen hierher und wurden \u00fcber Nacht namenlos \u2026<\/p>\n<p>\u2026 aber immerhin, sie hatten zu essen und irgendwie ein Dach \u00fcber den Kopf. Sie wusste, dass sie lieber freiwillig hierher gehen w\u00fcrde, als dass sie sich von der Stra\u00dfe schleifen lie\u00df, wenn die Schecks ausbleiben sollten. Die schmale L\u00fccke eines Tores im Hochsicherheitszaun war f\u00fcr jeden offen \u2026 der hineinwollte \u2026 und dann \u2026 keine R\u00fcckkehr \u2026<\/p>\n<p>Hinter ihr h\u00f6rte sie pl\u00f6tzlich einen d\u00fcrren Ast brechen. Nur wenige Schrecksekunden lang war ihr K\u00f6rper gel\u00e4hmt. Langsam drehte sie sich um.<\/p>\n<p>\u201eIsabell?\u201d<\/p>\n<p>Vor ihr stand eine Frau, nicht viel \u00e4lter als sie selbst. Woher kannte sie \u2026?<\/p>\n<p>Sie konnte ihren Gedankengang nicht zu Ende f\u00fchren, nur ihre Augenbrauen zogen sich tief zusammen, als die Fremde erneut sprach.<\/p>\n<p>\u201eOder sollte ich lieber sagen: Alexander Olvedi?\u201d<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Sie hat warme Augen. Nichts anderes fiel Isabell ein.<\/p>\n<p>So warme Augen.<\/p>\n<p>Als die Fremde z\u00f6gerlich einen Schritt auf sie zuging, ging ein Ruck durch Isabell. Mit einem Mal wurde sie ihrer Lage bewusst. Sie war an ihrem Ort. Einem, den keiner kennen konnte. Einem, der ihr immer wieder vor Augen f\u00fchrte, wie verg\u00e4nglich ihr kl\u00e4gliches luxuri\u00f6ses Leben war.<\/p>\n<p>Langsam stand Isabell auf und immer noch gebannt sah sie in die Augen der Fremden.<\/p>\n<p>\u201eWer sind sie?\u201d, wie ein Hauch kam es \u00fcber ihre Lippen.<\/p>\n<p>Die Fremde l\u00e4chelte sie offen an. Nichts Verstecktes war in ihrem Gesicht zu lesen.<\/p>\n<p>\u201eDas spielt keine Rolle. Ich habe sie gefunden, nur das allein z\u00e4hlt!\u201d<\/p>\n<p>Isabell schossen bruchst\u00fcckhafte Gedanken durch ihr Hirn. War sie vielleicht ein \u00fcbergeschnappter Fan, der sie beobachtete, der ihr gefolgt war?<\/p>\n<p>\u201eIch bin keiner ihrer Fans \u2026 jedenfalls nicht dieser Art.\u201d, so sprach die Fremde, als ob sie Gedanken erraten k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Isabell \u00f6ffnete den Mund, konnte aber nichts sagen.<\/p>\n<p>\u201eSie fragen sich sicher, was ich von ihnen m\u00f6chte?\u201d<\/p>\n<p>Die Fremde ging ein paar Schritte und stand nun genau vor ihr. Sie war kleiner als Isabell und musste zu ihr hinaufschauen. Isabell fiel auf, dass ihr K\u00f6rper sehr zart und zerbrechlich schien.<\/p>\n<p>Die Fremde streckte ihre Hand aus, Isabell musste, ob sie wollte oder nicht, darauf sehen. Eine Minidisk leuchte in den Farben des Spektrums in der Hand der Fremden.<\/p>\n<p>\u201eIch m\u00f6chte, dass sie das lesen.\u201d<\/p>\n<p>Noch immer hielt die Fremde ihr die Minidisk hin, doch Isabell r\u00fchrte sich nicht.<\/p>\n<p>\u201eBitte!\u201d<\/p>\n<p>Diese Bitte brachte wieder Leben in Isabell. Diese Begegnung war f\u00fcr sie so \u00fcberraschend und nicht fassbar, dass sie nur noch eines konnte: wegrennen. W\u00e4hrend trockene \u00c4ste sie aufhalten wollten, als sie den verborgenen Pfad entlang rannte, h\u00f6rte sie hinter sich die Fremde, die ihr folgte.<\/p>\n<p>Erst an ihrem Wagen holte Isabell tief Luft. Sie hatte nicht einmal die T\u00fcr ge\u00f6ffnet, als die Fremde hinter ihr stand und sie eindringlich beschwor: \u201eBitte, Isabell, sie m\u00fcssen das lesen. Ich kann ihnen jetzt noch nicht erkl\u00e4ren warum, aber wenn sie m\u00f6chten, dann treffen wir uns morgen Abend im Blue Moon in Munic III. Bitte!\u201d<\/p>\n<p>Isabell sah wieder zu ihr. Sie sah zwei warme Augen und eine Hand, die ihr den kleinen unscheinbaren Gegenstand hinhielt.<\/p>\n<p>Erst z\u00f6gerte ihre Hand, dann nahm sie jedoch mit einer entschlossenen Geste die Minidisk, stieg in ihren Wagen und lie\u00df die Fremde am Stra\u00dfenrand allein.<\/p>\n<p>Zu Hause gr\u00fcbelte sie dar\u00fcber, warum sie sich fast schon panisch verhalten hatte. Vielleicht weil ihr unterbewusst klar wurde, dass diese Begegnung alles andere als normal und gegeben war. Vielleicht ahnte ihr Inneres Ich, dass sie Angst haben musste, vor dem was sie lesen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auf ihren Couchtisch lag die Minidisk, schimmerte und lockte.<\/p>\n<p>\u201eNun gut, ich werde nie erfahren, wenn ich es nicht lese, was mich da in Angst versetzt hat. Vielleicht \u2026 ist es nur ein dummer Scherz \u2026\u201d<\/p>\n<p>Entschlossen nahm Isabell den unscheinbaren Gegenstand und aktivierte ihr Multidisplay. Buchstaben wurden zu Worten, Worte zu S\u00e4tzen, die Isabell las. Ihr wurde begreiflich, warum die Fremde ihren Ort kannte, denn auch er stand in Worten vor ihr, trotzdem konnte sie nicht glauben, was sie las:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der grelle Blitz an der Anschlussstelle East Munic III lie\u00df sie f\u00fcr einen kurzen Moment die Augen schlie\u00dfen. Als sie die Lider wieder hob, sah sie den riesigen Rauchpilz, der sich faszinierend sch\u00f6n in die Atmosph\u00e4re erhob. Ihr Atem ging sto\u00dfweise \u2026 da war die Stadt \u2026 mit Smog und doch \u2026 Millionen \u2026 nicht mehr existent.<\/p>\n<p>Dann setzten ihre Gedanken f\u00fcr Sekunden aus. Ihr Wagen war automatisch stehen geblieben. Ihre Uhr auch, sie zeigte eine Minute nach zehn. Sie dachte an Frank \u2026 nein \u201eSchatten\u201d war doch nur \u2026 nein war es nicht, kein Schund und nicht nur eine Geschichte \u2026<\/p>\n<p>Ein eiskalter Hauch lie\u00df sie an die Codes denken, jene kryptischen Zeichen, die sie eins zu eins \u00fcbernommen hatte. Sie wusste auch, dass die Druckwelle bald kommen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Hand umklammerte fest die Steuerung. Genauso wie die Druckwelle ihren Wagen. Sie sah noch, wie der vor ihr Stehende hoch in die Luft geschleudert wurde und sie selbst aus ihren Wagen. Ein Traum aus Blau und Chrom wurde kurz danach von gewaltigen Kr\u00e4ften zwischen Himmel und Erde zusammengepresst und letztendlich hinabgeschleudert und blieb als Metallklumpen zwischen Braun-Gr\u00fcn liegen \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eHalt!\u201d<\/p>\n<p>Das Multidisplay nahm sekundenschnell ihren Befehl entgegen.<\/p>\n<p>\u201eLetzte Seite und Statistik!\u201d<\/p>\n<p>Der Befehl wurde prompt ausgef\u00fchrt. Buchstaben tanzten vor ihren Augen, bildeten S\u00e4tze, die nur ihr geheimes Ich kennen konnte. Doch den Schluss wollte sie gar nicht lesen und so konzentrierte sie sich auf die Stimme, die ihr Rechner generierte.<\/p>\n<p>\u201eSeiten 601, Status: Ver\u00f6ffentlicht 4010, Autor: Isabell de Faulian, geboren 2466 in Munic III , gestor \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201eHalt!\u201d<\/p>\n<p>Die Stimme verstummte.<\/p>\n<p>Isabell fuhr sich \u00fcber Augen und Stirn. Ihre Hand blieb auf ihren Mund liegen, als sie das Multidisplay anstarrte, ohne wirklich etwas erkennen zu wollen. Kalter Schwei\u00df brach aus und veranlasste ihren K\u00f6rper zu zittern.<\/p>\n<p>Wenn das ein Scherz war, dann einer, der unter allem Niveau war \u2013 vor allen Dingen, weil er sie traf und wenn es keiner war \u2026 ihr Atem ging nur noch sto\u00dfweise. Sie versuchte, sich zu konzentrieren: Nehmen wir an, es ist ein Scherz. Wer au\u00dfer ihr und dem Leser eines Buches wusste, dass sie oft zu dem Platz ging, von dem sie das Lager beobachten konnte? Dabei au\u00dfer acht lassend, dass das Buch noch gar nicht ver\u00f6ffentlicht sein konnte, weil sie es nicht zu Ende geschrieben hatte bzw. dieses Kapitel \u00fcberhaupt nicht.<\/p>\n<p>Nehmen wir weiter an, sie hat das Buch nicht geschrieben? Warum waren dann Gedanken darin beschrieben und \u201egef\u00fchlt\u201d, die niemand au\u00dfer ihr wusste? Und wer kannte ihr Todesdatum? Sie kannte es nicht und wollte es auch gar nicht wissen.<\/p>\n<p>Doch vielleicht war das Todesdatum ebenfalls zugeh\u00f6rig zu einem schlechten Scherz \u2026<\/p>\n<p>Ihre Gedanken fingen an, sich im Kreis zu drehen.<\/p>\n<p>Isabell wusste sich dennoch wieder zu konzentrieren: Wissen konnten andere von ihrem Geburtsdatum, ihrem richtigen Namen, unter dem sie noch nie etwas ver\u00f6ffentlicht hatte und \u2026 die Story von der Ausgrabung \u2026 Sie \u00fcberlegte kurz und rief das Multidisplay auf. Sie musste nur Minuten warten, um den Avatar des Philosophen zu sprechen.<\/p>\n<p>\u201eGlaubst du an Zeitreisen?\u201d<\/p>\n<p>\u201eWenn sie noch mehr Macht und Reichtum versprechen und die richtige Lobby haben \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201eJa oder nein!\u201d, sie wurde ungeduldig.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube eher an die s\u00fcdliche Allianz, das Chaos und die Millionen \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201eAfrika ist eine W\u00fcste!\u201d Langsam wurde sie w\u00fctend. Sie wusste nur nicht genau, ob auf sich oder den Philosophavatar.<\/p>\n<p>\u201eSo, ist sie das?\u201d<\/p>\n<p>\u201eNat\u00fcrlich was sonst.\u201d<\/p>\n<p>\u201eHast du mal versucht, dorthin zu reisen?\u201d<\/p>\n<p>\u201eWieso sollte ich? Dort kann man nicht leben!\u201d<\/p>\n<p>\u201eWieso solltest du in der Zeit reisen?\u201d<\/p>\n<p>Sie holte tief Luft. Sie hatte eindeutig den falschen Gespr\u00e4chspartner.<\/p>\n<p>\u201eNa, wei\u00df der gro\u00dfe Alexander keine Antwort mehr \u2026\u201d<\/p>\n<p>\u201eIch hei\u00dfe Isabell du \u2026\u201d Sie unterdr\u00fcckte den Rest in ihrem Fauchen und beendete die Verbindung.<\/p>\n<p>Entschlossen holte sie ihren Mantel, zog sich an und fuhr so schnell sie konnte nach Munic III.<\/p>\n<p>So schnell sie konnte hie\u00df an diesem Abend, dass sie wie tausend andere im gigantischen Stau steckte. Erst Stunden sp\u00e4ter kam sie in einem der Vorstadtviertel an. Hier waren Vergn\u00fcgungslokalit\u00e4ten, hier war auch der Ort, den ihr die Fremde nannte, um sich mit ihr zu treffen. Allerdings war hier auch nicht gleich wann. Isabell wusste, dass der Treffzeitpunkt schon zwei Tage verstrichen war. Sie hoffte, die Fremde trotzdem wiederzusehen.<\/p>\n<p>Resolut hielt Isabell drei Stunden sp\u00e4ter einem Uniformierten ihre Privatcard vor die Augen. Selbst in dunkelster Nacht musste er mit einem Blick den Platinstreifen erkennen, der Isabell zu den obersten Zehntausend einordnete.<\/p>\n<p>\u201eSo, ein Missverst\u00e4ndnis?\u201d<\/p>\n<p>Die Frage des Uniformierten war Isabell eine Spur zu arrogant.<\/p>\n<p>\u201eJa! Ein Missverst\u00e4ndnis. Sie geh\u00f6rt zu mir und ich rate ihnen, sie sofort loszulassen. Oder sie sind in ein paar Sekunden ihren Job los!\u201d<\/p>\n<p>Zufrieden sah Isabell wie das Gesicht des Mannes f\u00fcr einen kurzen Moment blass wurde. Er \u00fcberlegte nicht lang und \u00f6ffnete die Handschellen, die er Minuten zuvor einer Frau angelegt hatte.<\/p>\n<p>Isabell war froh, dass sie suchend durch das Viertel gegangen war, als sie die Fremde im \u201eBlue Moon\u201d nicht antraf. Sie malte sich lieber nicht aus, wie diese die letzten zwei Tage ohne Ausweis hier \u00fcberlebt hatte.<\/p>\n<p>Isabell nahm ihren Arm und zog sie mit sich fort. Sie wollte so schnell ohne jedoch sehr aufzufallen weg von diesem Ort und den Uniformierten. Sie dankte dabei Gott, dass ihre Zeitgenossen mehr als gleichg\u00fcltig gegen\u00fcber S\u00e4uberungen waren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eDanke!\u201d<\/p>\n<p>Isabell sah auf die kleine schm\u00e4chtige Frau, der sie ein Glas ihres besten Weines zu trinken gegeben hatte. Gegen die Wand gelehnt und mit verschr\u00e4nkten Armen beobachtete sie, wie die Fremde davon kleine Schlucke nahm und dann ersch\u00f6pft und mit zittriger Hand das Glas auf den Couchtisch abstellte.<\/p>\n<p>\u201eSie haben sicher Fragen, Isabell \u2026\u201d Schwach war ihre Stimme, zu schwach, um nur nach dem nachklingenden Schock ihrer Verhaftung zu klingen. Doch Isabell konnte jetzt darauf keine R\u00fccksicht nehmen. Ihre Gedankenfetzen lie\u00dfen sie nichts Vern\u00fcnftiges artikulieren. Sie holte tief Luft, lie\u00df die Arme sinken und trat n\u00e4her zur Couch.<\/p>\n<p>\u201eWieso komme ich auf die Idee, einen atomaren Gau zu beschreiben?\u201d<\/p>\n<p>\u201eWeil sie ihn erlebt haben.\u201d<\/p>\n<p>Isabell wunderte sich pl\u00f6tzlich \u00fcberhaupt nicht mehr. Sie fragte weiter.<\/p>\n<p>\u201eUnd dann \u2026?\u201d<\/p>\n<p>\u201eHaben sie das Buch nicht weitergelesen?\u201d<\/p>\n<p>\u201eNein.\u201d<\/p>\n<p>Die Fremde sah sie erstaunt an. Sie \u00fcberlegte kurz, wie viel Isabell wohl wissen wollte.<\/p>\n<p>\u201eSie \u00fcberlebten und mit anderen zogen sie sich in die Alpen zur\u00fcck. Dort schrieben sie ihr Buch zu Ende.\u201d<\/p>\n<p>Isabells Augenbrauen zogen sich zusammen. Irgendetwas erschien ihr nicht logisch.<\/p>\n<p>\u201eWieso bekam Munic III keine Hilfe von der westlichen Welt?\u201d<\/p>\n<p>\u201eWir vermuten, dass es eine Kettenreaktion gab, absichtlich ausgel\u00f6st von der s\u00fcdlichen Allianz. Wie sich herausstellte, war das jedoch ein Fehler. Der Hunger verschlimmerte sich nur noch mehr. Die s\u00fcdliche Allianz \u00fcberlebte zwar, st\u00fcrzte jedoch ins Chaos.\u201d<\/p>\n<p>Jetzt musste sich Isabell setzen. Sie dachte an das Gespr\u00e4ch mit dem Avatar des Philosphen. War das, was sie von Afrika und Asien gelernt hatte, eine L\u00fcge?<\/p>\n<p>\u201eWieso ich, warum kamen sie zu mir?\u201d<\/p>\n<p>Die Fremde z\u00f6gerte auch diesmal nicht mit ihrer Antwort.<\/p>\n<p>\u201eEs gibt eine Barriere im Zeit-Raum-Kontinuum. Wir vermuten, dass sie mit dem atomaren Gau zusammenh\u00e4ngt. Wir haben, als wir wieder zur Erde zur\u00fcckkehrten, nur Fragmente gefunden in der westlichen Hemisph\u00e4re.\u201d<\/p>\n<p>\u201eMein Buch?\u201d<\/p>\n<p>\u201eJa!\u201d<\/p>\n<p>\u201eAuf die Erde zur\u00fcckgekehrt?\u201d<\/p>\n<p>Jetzt l\u00e4chelte die Fremde: \u201eMein genetischer Vorfahr lebte auf der Mondbasis.\u201d<\/p>\n<p>Isabell sah fassungslos zu ihr. Sicher kannte sie die Mondbasis. Ressourcen wurden dringend gebraucht und so entstand dort vor Jahrzehnten eine ganze Stadt. Was sie jedoch fassungslos machte, war der Umstand, dass die Fremde nicht von ihren Eltern sprach.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Drei Wochen nach dem Auftauchen der Fremden musste Isabell eine Grube in ihrem Garten ausgraben. Sie wollte die Beerdigung so feierlich wie m\u00f6glich veranstalten aus Respekt vor jener Frau. Aber es gelang ihr nicht. Wie auch? Bei Nacht und so leise wie m\u00f6glich legte sie den Leichnam in die Erde und versuchte dann wiederum noch leiser, die Grube wieder mit Erde zu f\u00fcllen. Als sie die Grasnarben, die sie vorher ausgestochen hatte, wieder aneinander legte, bem\u00fcht keine Spuren sichtbar zu machen, war sie schwei\u00dfnass und am Ende ihrer Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>In ihrem Wohnraum \u00f6ffnete sie die letzte Flasche Wein, die sie hatte, und nahm einen gro\u00dfen Schluck direkt aus der Flasche. Sie kam sich vor wie in einem Theaterst\u00fcck, was von einem durchgeknallten Regisseur postmodern in Szene gesetzt wurde. Aber Isabell wusste, dass alles viel zu real war.<\/p>\n<p>Real war der genetische Fingerabdruck der Fremden. Als sie ihn bestimmte, sah sie auf dem Multidisplay ein kleines M\u00e4dchen, das der Fremden bis ins Letzte \u00e4hnelte, vom Alter abgesehen. Sie lebte auf der Mondbasis und war irgendwann im hohen Alter geklont wurden, um die Menschheit nicht aussterben zu lassen. Eine Zelle, die einer anderen Frau eingesetzt wurde und als dieser Klon wiederum \u2026 generationenlang.<\/p>\n<p>Das machte sie anf\u00e4llig. Mehr schon als sie waren durch ihre sterile Umwelt. Die Fremde \u00fcberlebte einen simplen Infekt nicht. Das Fieber kam \u00fcber Nacht, Isabell konnte nur ihre Hand halten und dabei zusehen, wie sie starb. Kurz darauf war Isabell nicht mehr fassungslos.<\/p>\n<p>Selbst dann nicht, als sie vergeblich versuchte, nach Afrika zu reisen. Sie kam nicht einmal bis an den Rand der westlichen Hemisph\u00e4re. Kein Hypergleiter war zu buchen, nicht einmal mit Platin.<\/p>\n<p>In ihr war alles zerbrochen. Ihr Leben war eine einzige L\u00fcge. Schlimmer noch: Sie wusste nicht, was sie tun sollte bis zu jenem Tag, als sie eine Nachricht ihres Verlegers bekam.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eOlvedi, sie sind ein Genie! Das ist einfach \u2026\u201d<\/p>\n<p>Sicher doch, es ist gro\u00dfartig \u2026 ganz famos \u2026 sie konnte es nicht mehr h\u00f6ren \u2026<\/p>\n<p>\u201eDie Geschichte von Frank, der als einsamer Held nach oben blickt, als der Atompilz in die Luft steigt \u2026 das ist ganz \u2026\u201d<\/p>\n<p>Ja, gro\u00dfartig. Isabell f\u00fchlte pl\u00f6tzlich eine schwei\u00dfnasse fiebrige Hand auf ihrer.<\/p>\n<p>\u201eEine anachronistische Waffe zu verwenden und diese kryptischen Zeichen \u2026 famos \u2026 ganz \u2026\u201d<\/p>\n<p>Isabell wurde schlecht. Sie atmete sto\u00dfweise. Ihre Kehle war staubtrocken und das \u201eNein!\u2019 konnte sie gerade noch unterdr\u00fccken. Ihr Verleger schwang ahnungslos das Cognacglas. Seine Lobeshymnen wollten kein Ende nehmen. Im Stillen rechnete er schon mit den Credits, den ihnen die schillernden Disks von \u201eGeheimmission Erde\u201d einbringen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Isabells Augen wurden zu schmalen Schlitzen, dennoch l\u00e4chelte sie unverbindlich. Pl\u00f6tzlich war sie ganz ruhig. Ihr Verstand arbeitete konzentriert. Zu viel hatte sie der kleine Cognac schwenkende Mann in seine Verlagsdateien eingeweiht, in der Hoffnung auf spontane Einf\u00e4lle f\u00fcr Zehnminutenschund eines Alexanders Olvedi. Sie wusste um die Codes und sie sa\u00df mittendrin an der Quelle des vormals Unvermeidbaren.<\/p>\n<p>Ihr L\u00e4cheln gefror, genauso wie das ihres Verlegers, als er den Schlag in seinem Genick sp\u00fcrte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gelbschmutzige Finger suchten in ebenso vor Dreck starrenden Taschen. \u201eMoment S\u00fc\u00dfe, gleich hab ich es\u201d. Das zahnlose L\u00e4cheln wurde wegen seines Fundes noch breiter, als er der Frau, einen schmalen langen Gegenstand reichte. Seine Nasenfl\u00fcgel bebten, als er den Duft des selten Verbotenen roch. Er trennte sich gern davon f\u00fcr die Frau, die ihn als Einzige mit ihren Geschichten unterhielt, wenn abends die Sonne hinter dem Hochsicherheitszaun unterging. Im Lager der Heimatlosen eine Seltenheit. Er wusste sie zu sch\u00e4tzen. Die Frau ging in die Knie und sah mit vorgestreckter Hand in seine Augen, die von Tabak und Alkohol verw\u00e4ssert und ger\u00f6tet waren. Die W\u00e4rme ihrer Hand, als er ihr den St\u00e4ngel gab, lie\u00df ihn f\u00fcr eine Sekunde an das Leben au\u00dferhalb des Lagers denken. Ein Leben, welches ebenso kurz war.<\/p>\n<p>\u201eDanke Harry.\u201d<\/p>\n<p>Sie stand auf und ging langsam zum Hochsicherheitszaun.<\/p>\n<p>\u201eHe, S\u00fc\u00dfe, was siehst du dir eigentlich immer an so kurz nach dem Aufstehen?\u201d<\/p>\n<p>Die Frau drehte sich kurz nach ihm um, sekundenlanges L\u00e4cheln und ein Schulterzucken, dann ging sie weiter. Der Alte sch\u00fcttelte den Kopf. Sie w\u00fcrde hier nie rauskommen. Nie \u2026<\/p>\n<p>Harry irrte sich. Isabell wollte gar nicht weg. Das Lager war ihre Rettung gewesen, als sie nicht nur eine Datei, sondern Gigabyte f\u00fcr Gigabyte des Schundes l\u00f6schte und danach Festplatten wieder jungfr\u00e4ulich machte. Stunden sp\u00e4ter konnte man ihr Konterfei in jedem Medium finden: gesucht wegen Raubes, schwerer K\u00f6rperverletzung und Datenmissbrauch. Der Schaden ging in die Millionen. Sie konnte dar\u00fcber nur lachen. Millionen waren nichts weiter als imagin\u00e4re Zahlen und die Beule am Kopf ihres Verlegers w\u00fcrde der Inhalt eines Cognacglases wieder vergessen machen.<\/p>\n<p>Isabell roch an dem schmalen St\u00e4ngel, dann z\u00fcndete sie ihn an und inhalierte langsam Zug um Zug den Tabak in ihre Lunge. \u00dcber dieser schlug ihr Herz schneller, das tat es immer, wenn sie rauchte. Ihre Hand glitt in ihre Tasche, die andere hielt die Zigarette, die langsam immer kleiner wurde und deren Asche auf den schmutzigen Boden fiel. Sie f\u00fchlte in ihrer Tasche die kleine Disk und ihre Transmediabox, das Einzige, was sie mitgenommen hatte. Ihr Roman voller Gef\u00fchl musste nur auf die Zukunft warten und ihre Heldin war gar keine, sondern einfach nur Isabell. Sie wollte nicht daran denken, dass es f\u00fcr ihr Buch vielleicht gar keine Zukunft gab, dennoch hoffte sie darauf, obwohl sie selbst daf\u00fcr gesorgt hatte.<\/p>\n<p>Isabell dr\u00fcckte die aufgerauchte Zigarette mit dem Fu\u00df aus und sah auf ihre Uhr. Der Zeiger r\u00fcckte auf zehn. Sie sah in den blauen Himmel, auf dem nur einige Sch\u00f6nwetterwolken zu sehen waren.<\/p>\n<p>\u2026 und werden feststellen, dass unsere Natur sich nicht verleugnen l\u00e4sst \u2013 auf die ein oder andere Weise.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u00a9 Copyright by Gabi Scharf<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutschland in nicht allzu&nbsp;ferner Zukunft: Die Menschen leben in versmogten St\u00e4dten in st\u00e4ndiger Existenzangst. Auch die Schriftstellerin Isabelle, die sich mit Schundromanen \u00fcber Wasser h\u00e4lt. 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