{"id":161,"date":"2005-02-14T17:25:08","date_gmt":"2005-02-14T16:25:08","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=161"},"modified":"2025-05-13T19:27:42","modified_gmt":"2025-05-13T19:27:42","slug":"farben-der-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=161","title":{"rendered":"Farben der Gewalt"},"content":{"rendered":"<p><em>Eine junge bajoranische Widerstandk\u00e4mperin versucht das Leben eines kranken Freundes zu retten. Dabei tritt sie eine Lawine los, die mehr als einen Unschuldigen ins Verderben rei\u00dft \u2026 <\/em><\/p>\n<p><strong>Star Trek Story von Adriana Wipperling<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Tag begann wie jeder andere beim bajoranischen Widerstand: mit Hitze, Hektik, schlechtem Essen, dreckigem Wasser und Gespr\u00e4chen \u00fcber den n\u00e4chsten Kampfeinsatz. Wir lebten im Augenblick, ohne einen Gedanken an die Vergangenheit oder Zukunft zu verschwenden. Und in diesem Augenblick geh\u00f6rte unsere gesamte Aufmerksamkeit den Waffen, die wir reinigen und durchchecken mussten. Unsere Erinnerungen und Tr\u00e4ume waren nichts weiter als ein Hintergrundrauschen, so etwas wie das Summen des allgegenw\u00e4rtigen Ungeziefers \u2026<br \/>\n\u201eWenn wir das n\u00e4chste Cardi-Schiff ausweiden, nehmen wir aber gleich ein paar Dosen Insektenspray mit!\u201c knurrte meine Freundin Yarath. Mit verbissener Miene schlug sie eine Stechfliege breit, die sich schon so voll gesogen hatte, dass das Blut in alle Richtungen spritzte.<br \/>\n\u201eInsektenspray? Bl\u00f6dsinn!\u201c konterte Branqo, ein gro\u00dfer, breiter Kerl, der auf seine derbe Weise recht charmant sein konnte. \u201eHier gibt\u2019s nur eine Sorte Blutsauger, n\u00e4mlich die mit den Schuppen! Gegen die braucht man ein Spray &#8211; nicht gegen so harmlose kleine Fliegen!\u201c<br \/>\n\u201eDich lassen sie ja auch in Ruhe\u201c, stellte ich klar.<br \/>\n\u201eNa, ist doch wahr!\u201c schimpfte Branqo unbeirrt weiter. \u201eMistviecher sind das, Ungeziefer \u2026 fressen uns alles weg, so wie die Heuschrecken von Kressari \u2026 Unsere Frauen sind schon ganz abgemagert, das ist wirklich nicht mehr sch\u00f6n \u2026\u201c<br \/>\n\u201eH\u00f6rt, h\u00f6rt, da haben wir die grausamste Folge des cardassianischen Terrors: Die Frauen sind zu mager!\u201c spottete Yarath.<br \/>\n\u201eIch hab eben gern die Arme voll\u201c, verteidigte sich Branqo.<br \/>\n\u201eNa, daf\u00fcr lohnt es sich doch zu k\u00e4mpfen!\u201c Gabor, der Anf\u00fchrer unserer Widerstandszelle, l\u00e4chelte verschmitzt.<\/p>\n<p>Ich drehte mich zu Yaraths Freund Talis um, denn er war schon den ganzen Tag ungew\u00f6hnlich still. Seine blauen Augen wirkten glasig, sein schulterlanges schwarzes Haar zottelig und verschwitzt. Er war ohnehin schon ziemlich d\u00fcrr, aber nun gleich er einem Skelett, das mit mechanischen Bewegungen sein Phasergewehr schrubbte. Unter der Sonnenbr\u00e4une war sein Gesicht fahl, sein Teint glich bebackenem K\u00e4se.<br \/>\n\u201eTalis?\u201c<br \/>\nKeine Reaktion.<br \/>\nIch stie\u00df ihn sanft an. \u201eAlles in Ordnung?\u201c<br \/>\n\u201eJa, klar\u201c, antwortete er abwesend.<br \/>\n\u201eSo siehst du aber nicht aus!\u201c gab ich zur\u00fcck und w\u00fchlte in meiner Ausr\u00fcstung nach dem medizinischen Scanner.<br \/>\n\u201eLass mal, das wird schon wieder \u2026\u201c wehrte er ab und versuchte zu l\u00e4cheln.<br \/>\nIch ignorierte sein Protestgegrummel und aktivierte den Scanner.<br \/>\nAls ich einen Blick auf die Anzeige warf, rutschte mir kurz das Herz in den Magen. \u201eAchtunddrei\u00dfig Komma f\u00fcnf\u201c, las ich mit spr\u00f6der Stimme vor.<br \/>\nYarath sog die Luft scharf ein, Gabor presste die Z\u00e4hne zusammen, Branqo fluchte leise.<br \/>\nArem, der j\u00fcngste in unserer Truppe, runzelte die Stirn. Er war erst sechzehn, zwei Jahre j\u00fcnger als ich, aber auf mich wirkte er viel erwachsener.<br \/>\n\u201eHimmel, nun regt euch mal nicht k\u00fcnstlich auf\u201c, murmelte Talis. \u201eIch hatte schon h\u00f6heres Fieber und hab sogar noch gek\u00e4mpft, als \u2026\u201c<br \/>\n\u201eAls das letzte Mal jemand Fieber hatte, gab es zwei Tage sp\u00e4ter eine Beerdigung!\u201c unterbrach ich ihn hart.<br \/>\nDie Erinnerung an Larina tat noch immer weh. Sie war eine so enge Freundin gewesen, eine Frau, die sich mit Leib und Seele der Freiheit Bajors verschrieben hatte \u2026 Und dann war sie noch nicht einmal im Kampf gefallen, sondern auf elende Weise an Nierenversagen krepiert.<br \/>\n\u201eIlana hat recht\u201c, pflichtete Gabor mir bei.<br \/>\nYarath packte den widerstrebenden Talis beim Arm und schleppte ihn entschlossen ab.<br \/>\n\u201eRichtig, du Superheld! Du kriegst jetzt sch\u00f6ne k\u00fchle Wadenwickel und Jooma-Tee und bleibst so lange im Bett, bis du dich wieder wie ein Mann anf\u00fchlst, und nicht wie ein Backofen!\u201c<br \/>\n\u201eYarath, du brauchst mich nicht zu st\u00fctzen. Ich kann laufen! Ich mache mir meine Wadenwickel selbst! Und diesen scheu\u00dfliche Tee \u2026\u201c<br \/>\n\u201eWirst du brav drinken &#8211; selbst wenn ich dich mit geladenem Phaser dazu zwingen muss!\u201c<br \/>\n\u201eDu genie\u00dft das richtig, nicht wahr? Aber vergiss nicht, dass du es mit einem waschechten Sohn der Antagiras zu tun hast!\u201c Er versuchte, all seine M\u00e4nnlichkeit und Adelsw\u00fcrde in diese zwei schlichten S\u00e4tze zu legen, aber seine Stimme klang wie eine schlecht ge\u00f6lte Motors\u00e4ge.<br \/>\nMeine Finger wurden ganz klamm. Pl\u00f6tzlich konnte ich an nichts anderes mehr denken als Larinas starren, leblosen K\u00f6rper \u2026 wie ich eines Tages neben ihr aufgewacht war und nicht begreifen wollte, dass sie nicht mehr atmen, nie wieder mit mir sprechen w\u00fcrde \u2026 \u201eNicht schon wieder!\u201c betete ich. \u201eBitte nicht schon wieder!\u201c<\/p>\n<p>Gabor umarmte mich behutsam und da wurde mir klar, dass ich laut gesprochen hatte. \u201eEs kommt sicher alles in Ordnung\u201c, erkl\u00e4rte er zuversichtlich und dr\u00fcckte mir einen Kuss auf die Stirn. \u201eDie Propheten lieben Talis &#8211; dass kannst du glauben! Er ist sogar schon aus dem Maul einer hungrigen Riesen-Rastipure entwischt und hat dabei nur einen kleinen Zeh verloren.\u201c<br \/>\n\u201eWenn er da mal nicht heftig \u00fcbertrieben hat\u201c, murmelte ich.<br \/>\nTalis war daf\u00fcr ber\u00fcchtigt, seine Abenteuer gern mit etwas Dichtung auszuschm\u00fccken. Wer ihn gut kannte, wusste allerdings ganz genau, wann er seiner Fantasie freien Lauf lie\u00df, denn dann pflegte er, ironisch zu blinzeln. Wahrscheinlich liebte er es einfach, die Leute zu schockieren. Wenigstens ab und zu \u2026 Es war wohl nicht leicht, eine Freundin zu haben, die so abgebr\u00fcht war, wie Yarath.<br \/>\nDessen ungeachtet, f\u00fcgte ich lauter und nachdr\u00fccklicher hinzu: \u201eVielleicht hat er diesmal nicht soviel Gl\u00fcck \u2026 Was willst du also tun? Seine Pflege den Propheten \u00fcberlassen?\u201c<br \/>\nGabor l\u00f6ste sich von mir und zog die Stirn in Falten. Hatte er etwa Angst, die Propheten w\u00fcrden wegen meines sp\u00f6ttischen Tonfalls beleidigt sein? Aber dann begriff ich, dass seine wahre Sorge Talis galt. Unsere medizinischen Vorr\u00e4te waren schon seit Tagen aufgebraucht. Wir hatten bisher ein Riesengl\u00fcck gehabt, dass niemand krank geworden war.<br \/>\nIch durchschaute Gabor. Sein Optimismus war oft nur gespielt. Gut gespielt, aber nichtsdestotrotz vorget\u00e4uscht. \u201eWir m\u00fcssen irgendwas tun, verdammt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eHast du einen Vorschlag, Ilana? Raus damit!\u201c Die Worte kamen schroff und abgehackt \u00fcber seine Lippen.<br \/>\nIch musste ihn entt\u00e4uschen. Ich hatte keinen Vorschlag.<br \/>\n\u201eDann sollten wir Talis? Pflege wohl besser den Propheten \u00fcberlassen\u201c, knurrte Gabor.<br \/>\n\u201eNein, warte \u2026\u201c Urpl\u00f6tzlich kam mir eine Idee. \u201eIch kenne jemanden, der uns helfen k\u00f6nnte. Er versteht einiges von Medizin, hat eine ganze Hausapotheke in seinem Schrank und \u2026\u201c<br \/>\nGabors Augen verengten sich. \u201eEin Au\u00dfenstehender?\u201c<br \/>\n\u201eIch bin mir sicher, dass wir ihm trauen k\u00f6nnen\u201c, fuhr ich im Brustton der \u00dcberzeugung fort. \u201eEr hat ein Farmhaus, etwa zehn Kilometer von hier entfernt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eUnd weshalb traust du ihm?\u201c<br \/>\nIch seufzte ungeduldig. \u201eJaslan ist ein guter Freund meiner Mutter. Er hat mal zwei Jugendlichen geholfen, die aus einem Fl\u00fcchtlingslager abgehauen waren \u2026\u201c Der f\u00fcnfzehnj\u00e4hrige Junge und seine dreizehnj\u00e4hrige Schwester waren nur noch Haut und Knochen gewesen. Ohne Jaslans Nahrungsmittel und seine Kr\u00e4uterheilkunst w\u00e4ren die beiden vielleicht nicht mehr am Leben. Inzwischen waren sie l\u00e4ngst beim Widerstand.<br \/>\nGabor atmete heftig ein und aus. \u201eEr ist nicht zuf\u00e4llig Arzt?\u201c<br \/>\n\u201eNein, K\u00fcnstler.\u201c<br \/>\nGabors Mundwinkel zuckten abf\u00e4llig. \u201eK\u00fcnstler? Auch gut. Wenn seine Hausapotheke nichts bringt, kriegt Talis wenigstens ein h\u00fcbsches Grabmal.\u201c<br \/>\n\u201eDas finde ich nicht witzig!\u201c<br \/>\nEr ber\u00fchrte meine Schultern mit einer sanften Geste, die ein Kribbeln durch meinen ganzen K\u00f6rper jagte. \u201eTalis wird nicht sterben!\u201c<br \/>\n\u201eDann bringen wir ihn zu Jaslan! Oder hast du eine bessere Idee\u201c<br \/>\n\u201eMomentan nicht\u201c, lenkte er ein.<br \/>\n\u201eSchon gut, Liebster.\u201c Ich gab ihm einen zarten Kuss auf die Nasenspitze. \u201eJetzt m\u00fcssen wir die Gruppe zusammentrommeln und ganz schnell entscheiden, was zu tun ist! Sonst k\u00f6nnte es f\u00fcr Talis zu sp\u00e4t sein!\u201c<br \/>\n\u201eDer Ernst der Lage ist mir durchaus bewusst, Ilana!\u201c<br \/>\n\u201eDaran zweifle ich doch gar nicht!\u201c<br \/>\nEr l\u00e4chelte knapp. \u201eDann bin ich zufrieden.\u201c<\/p>\n<p>Branqo und Arem waren nach kurzem Z\u00f6gern einverstanden mit meinem Vorschlag. Talis war der Patient, folglich hatte er nichts zu melden \u2026 Blieb noch Yarath. Ich beschloss, sie vor vollendete Tatsachen zu stellen, und schl\u00fcpfte unaufgefordert ins Zelt der Beiden. Dass ich sie bei irgendetwas st\u00f6rte, war angesichts von Talis? schlechter Verfassung nicht anzunehmen.<br \/>\nYarath runzelte die Stirn. Talis, der von Kopf bis Fu\u00df in k\u00fchle, feuchte T\u00fccher gewickelt war, hob tr\u00e4ge den Kopf. Seine Augen sahen schon ganz verquollen aus.<br \/>\n\u201eIlana?\u201c fragte er irritiert. \u201eWas \u2026 ?\u201c<br \/>\nIch atmete tief durch und erkl\u00e4rte schnell, was Gabor und ich uns \u00fcberlegt hatten.<br \/>\n\u201eDas ist doch wohl nicht dein Ernst\u201c, protestierte Yarath. \u201eDas Risiko ist viel zu gro\u00df, wenn wir einen Au\u00dfenstehenden, der nicht vom Oberkommando \u00fcberpr\u00fcft wurde \u2026\u201c<br \/>\n\u201eEr ist in Ordnung, Yarath!\u201c<br \/>\n\u201eWei\u00df er, dass wir zum Untergrund geh\u00f6ren?\u201c<br \/>\n\u201eWoher denn?\u201c<br \/>\nYarath seufzte h\u00f6rbar. \u201eWie weit ist dieses Farmhaus weg?\u201c<br \/>\n\u201eZehn Kilometer.\u201c Ich l\u00e4chelte trocken. \u201ePlus\/minus zwei.\u201c<br \/>\n\u201eAch, und wie sollen wir dort hinkommen? Zu Fu\u00df etwa? Das dauert viel zu lange! Au\u00dferdem, so einen Gewaltmarsch wird Talis nicht durchstehen.\u201c<br \/>\nDieser Einwand gab mir zu denken. \u201eWir m\u00fcssen ja Talis nicht hinschleppen. Ich kann auch allein bei Jaslan vorgegehen und die Medizin holen \u2026 Ich brauche ihm ja nicht in die Ohren zu singen, dass wir vom Untergrund sind \u2026 ich sage einfach \u2026\u201c<br \/>\n\u201eEr wird sicher fragen, weshalb du nicht zu einem richtigen Arzt gehst.\u201c Yarath fixierte mich mit einem stechenden Blick. \u201eSolange nicht sicher ist, dass wir diesem K\u00fcnstler-Freak trauen k\u00f6nnen, akzeptiere ich nur unter Protest \u2026\u201c<br \/>\n\u201eYarath \u2026 lass gut sein \u2026\u201c kr\u00e4chzte Talis.<br \/>\nDa h\u00f6rst du es &#8211; Talis hat trotz Fieber mehr Verstand als du! dachte ich geh\u00e4ssig. Ich war kurz davor, Yarath diese unangenehme Wahrheit an den Kopf zu schleudern, als Gabor die Zeltplane beiseite schob. \u201eSeit ihr soweit?\u201c fragte er nur.<br \/>\n\u201eAch, es ist also schon beschlossene Sache?\u201c Yarath be\u00e4ugte mich scheel.<br \/>\n\u201eAu\u00dfer dir haben alle daf\u00fcr gestimmt\u201c, entgegnete Gabor sachlich.<br \/>\n\u201eJa, ja, es lebe die Demokratie\u201c, grummelte Yarath.<br \/>\nWir einigten uns spontan, dass es vern\u00fcntiger w\u00e4re, Talis mitzunehmen. Jaslan, so dachten wir, w\u00fcrde Talis besser helfen k\u00f6nnen, wenn er einen Blick auf ihn werfen, mit ihm sprechen, ihn ber\u00fchren und scannen konnte.<br \/>\nYarath beugte sich der Mehrheit und half Talis beim Anziehen. Sp\u00e4ter w\u00fcnschte ich, ich h\u00e4tte ihre Bedenken ernst genommen. Yarath mochte ab und zu verbohrt sein, doch ihre Instinkte waren in Ordnung. Jedenfalls besser als meine, wie es schien \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Der Weg war in Wahrheit viel l\u00e4nger als zehn Kilometer. Um Cardi-Patrouillen und neugierigen Passanten aus dem Weg zu gehen, schlugen wir uns querfeldein durchs Grasland, Gabor und ich nahmen Talis in die Mitte, als wir zu ersch\u00f6pft waren, l\u00f6sten uns Yarath und Arem ab. Branqo hielt die Stellung im Lager. Als wir Jaslans Gartentor erreichten, ging die Sonne bereits unter.<br \/>\nDie verrottete Holzpforte aufzusto\u00dfen, war ein Leichtes \u2013 doch wir h\u00e4tten eine Machete gebrauchen k\u00f6nnen, um uns durch das mannshohe Unkraut zu k\u00e4mpfen. Ein klingonisches Bat\u2019leth w\u00e4re noch besser gewesen.<br \/>\nYaraths Augen waren wie schwarze Grillkohlen, als sie meinen Blick erwiderte. \u201eIch bezweifle immer noch, dass es eine gute Idee war, hier her zu kommen.\u201c<br \/>\n\u201eRichtig, lass uns abhauen, Gabor\u201c maulte Arem. \u201eDas ist doch bestimmt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eVergiss es!\u201c schnitt ihm Gabor das Wort ab. \u201eIch habe Blasen an den F\u00fc\u00dfen, die bestimmt so fett sind, wie Springb\u00e4lle. Das sollte nicht umsonst gewesen sein, nur weil du die Hosen voll hast!\u201c<br \/>\nTalis atmete rasselnd und Yarath strich ihm z\u00e4rtlich \u00fcbers Haar.<br \/>\n\u201eIch hab nicht die Hosen voll\u201c, konterte Arem beleidigt. \u201eAber hier stimmt was nicht &#8211; das merkt doch ein Blinder mit Holzbein.\u201c<br \/>\nAlle sahen mich herausfordernd an &#8211; bis auf Talis, der kurz vorm Einschlafen war.<br \/>\n\u201eJaslan ist zu Hause, da bin ich mir ziemlich sicher\u201c, erkl\u00e4rte ich. \u201eEr geht nicht gern aus dem Haus, nur wenn es sich nicht vermeiden l\u00e4sst \u2026.\u201c Nun konnte ich mir ein s\u00fcffisantes L\u00e4cheln nicht verkneifen. \u201eEr ist eben der typische, exzentrische K\u00fcnstler, lebt in seiner Traumwelt \u2026 Zu meiner Mutter sagte er mal, sein Universum w\u00fcrde eine Riss bekommen, wenn er sich dem ganzen Elend da drau\u00dfen zu oft aussetzt.\u201c<br \/>\nGabor verdrehte die Augen.\u201c Klingt ja nach einem richtigen Lebensk\u00fcnstler.\u201c<br \/>\n\u201eIch gebe ja zu, dass er ziemlich schr\u00e4ge Ansichten hat &#8211; aber wenn er Talis helfen kann, soll uns das doch egal sein, oder?\u201c<br \/>\n\u201eHast recht\u201c, stimmte mir Gabor zu. \u201eHauptsache, er verquatscht sich nicht irgendwo.\u201c<br \/>\n\u201eWie denn, wenn er wie eine malkorianische Einsiedlerschnecke lebt\u201c, spottete Arem.<br \/>\n\u201eEr hat tats\u00e4chlich zwei Fl\u00fcchtlingskindern geholfen, ohne dass sein Universum einen Riss bekommen hat?\u201c fragte Yarath in provozierendem Ton.<br \/>\n\u201eNun, wenn Realit\u00e4tsflucht ein Studienfach w\u00e4re, h\u00e4tte Jaslan einen Doktortitel &#8211; aber er l\u00e4sst niemandem im Stich, der ihn um Hilfe bittet\u201c, verteidigte ich ihn.<br \/>\n\u201eEin K\u00fcnstler sollte sich nicht in seinem Haus verkriechen\u201c, meinte Yarath ver\u00e4chtlich. \u201eWenn dein Freund ein gro\u00dfes Werk schaffen will \u2026 etwas, dass mehr ist, als nette Unterhaltung oder Nippes im K\u00fcchenschrank, muss sein Pagh in jeder wachen Minute offen sein. Und zwar nicht nur f\u00fcr h\u00fcbsche bunte Blumen, sondern auch f\u00fcr die Probleme seines Volkes. Er muss den Unterdr\u00fcckten und Verzweifelten neue Hoffnung schenken, bis den Unterdr\u00fcckern die Kacke im Hintern dampft!\u201c<br \/>\nYarath hatte vollkommen Recht, deshalb nickte ich nur. Allerdings hoffte ich, sie w\u00fcrde sich mit ihren Ansichten \u00fcber Kunst so lange zur\u00fcckhalten, bis Talis versorgt war.<\/p>\n<p>Mit Gabor im Schlepptau folgte ich einem kaum erkennbaren Weg zu Jaslans Haust\u00fcr, holte tief Luft und schlug der T\u00fcrklopfer drei mal gegen das verwitterte Holz.<br \/>\nJaslan \u00f6ffnete nicht sofort. Ich sp\u00fcrte f\u00f6rmlich, wie mich ein scharfes Auge durch den T\u00fcrspion beobachtete. Dann wurde die T\u00fcr aufgerissen und Jaslan strahlte mich an. Er sah fast genauso aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte: ein Mann in den besten Jahren, gro\u00df und ein bisschen schlaksig, mit blaugrauen Augen und einem scharfgeschnittenen Gesicht. Sein dunkles Haar war noch l\u00e4nger geworden, reichte ihm fast bis zur Taille und war von grauen F\u00e4den durchsetzt.<br \/>\n\u201eIlana!\u201c Er umarmte mich. \u201eEs ist sch\u00f6n, dass du hier bist! M\u00f6chtest du einen Tee oder willst du dich gleich ausziehen und auf die Rattancouch legen? Das Licht ist gerade mal perfekt.\u201c<br \/>\n\u201eWie bitte?\u201c entfuhr es Gabor.<br \/>\nJaslans Blick fiel zum ersten Mal auf meinen Begleiter, der besitzergreifend seinen Arm um mich legte und offensichtlich bem\u00fcht war, gr\u00f6\u00dfer zu wirken.<br \/>\n\u201eDas ist \u00fcbrigens mein Freund Gabor\u201c, stellte ich ihn vor und schmunzelte.<br \/>\nJaslan l\u00e4chelte zur\u00fcck. \u201eDas wurde aber auch Zeit! So ein h\u00fcbsches M\u00e4dchen wie du \u2026\u201c<br \/>\nGabor r\u00e4usperte sich laut.<br \/>\n\u201eKeine Angst, ich habe nicht vor, deine Freundin zu verf\u00fchren. Ich m\u00f6chte sie nur malen.\u201c<br \/>\n\u201eDas geht nicht\u201c, erwiderte ich schnell &#8211; und auf Jaslans entt\u00e4uschten Blick fuhr ich fort: \u201eIch wei\u00df, was wir f\u00fcr diesen Sommer ausgemacht haben, aber ich habe keine Zeit daf\u00fcr.\u201c<br \/>\n\u201eIch auch nicht\u201c, beeilte sich Gabor, zu sagen.<br \/>\nJaslan musterte erst meinen Freund, dann mich. \u201eSchade\u201c, meinte er. \u201eEs gibt kaum ein besseres Modell als dich, Ilana. Und der junge Mann w\u00e4re in rosa \u00c3\u2013lfarbe sicher auch ein faszinierender Anblick!\u201c<br \/>\nGabor verdrehte die Augen, was soviel hei\u00dfen sollte, wie: \u201eMuss es ausgerechnet rosa sein?\u201c<br \/>\n\u201eObwohl ihr beide meinem Kollegen Spiro viel zu sch\u00f6n w\u00e4rt\u201c, sinnierte Jaslan unger\u00fchrt weiter. \u201eDer malt nur Kr\u00fcppel und Brandopfer und Debile mit raush\u00e4ngender Zunge &#8211; schauderhaft! Er hat Ilanas Mutter ein paarmal portraitiert &#8211; und das einzige Bild, auf dem sie sich halbwegs wiedererkannt hat, fand er kitschig. Typisch f\u00fcr den alten Miesmacher! Sie hat es ihm abgekauft, bevor er es vermurksen konnte. Kluges M\u00e4dchen! Auf all seinen anderen Portraits sah sie n\u00e4mlich aus wie ein siebzigj\u00e4hriger Hafenarbeiter &#8211; zudem noch einer, der einen besonders schweren Drogenentzug hinter sich hat.\u201c<br \/>\nAls Jaslan meine Mutter erw\u00e4hnte, stieg pl\u00f6tzlich eine hei\u00dfe, irrationale Wut in mir auf. Nicht nur auf die Cardassianer, sondern auch auf dekadente Schwachk\u00f6pfe wie Jaslan.<br \/>\n\u201eWillst du denn gar nicht wissen, wie es ihr geht?\u201c fragte ich eisig.<br \/>\nEr sah mich verwirrt an. \u201eNat\u00fcrlich \u2026 Wie geht es ihr?\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df es nicht\u201c, antwortete ich mit unbewegter Miene. \u201eIch wei\u00df es deshalb nicht, weil sie von Cardassianern verschleppt wurde. Und zwar schon vor Monaten.\u201c<br \/>\nJaslans Augen dr\u00fcckten blankes Entsetzen aus. \u201eWieso \u2026 wann \u2026\u201c<br \/>\nWenn du dich noch f\u00fcr irgendwas anderes interessieren w\u00fcrdest, als dein Ego und deine Kitschpostkartenbilder, h\u00e4ttest du es l\u00e4ngst erfahren! ging es mir durch den Kopf. Ich verachtete mich selbst, weil ich den Mund hielt, aber ich wollte nicht riskieren, dass Jaslan uns rauswarf, bevor wir ihn um Hilfe bitten konnten.<br \/>\n\u201eSie wollen wissen, wieso?\u201c mischte sich Yarath ein. \u201eGanz einfach: Sie war jung, sie war sch\u00f6n, und irgendsoein geiler, alter L\u00f6ffelkopf wusste nicht, wohin mit seiner Blutwurst.\u201c<br \/>\nIhre Worte bereiteten mir Bauchschmerzen, besonders, da Yarath von meiner Mutter in der Vergangenheit sprach. Ich klammerte mich so sehr an die Hoffnung, Mom eines Tages wiederzusehen &#8211; aber f\u00fcr Yarath machte es keinen Unterschied, ob sie lebte oder tot war. Sie war eine Sexsklavin der Cardassianer, lebendig begraben.<\/p>\n<p>Jaslan fuhr erschrocken herum. Yarath, die sich mit Talis und Arem im T\u00fcrrahmen dr\u00e4ngte, reckte trotzig das Kinn vor. Als Jaslan bemerkte, wie bleich und schwei\u00dfgebadet Talis aussah, schluckte er heftig und bat meine Freunde ohne Umschweife herein. Er versorgte unseren kranken Kameraden mit der Routine eines Feldsanit\u00e4ters, wobei Yarath ihn keine Sekunde aus den Augen lie\u00df und Arem sich den Bauch mit Keksen vollschlug.<br \/>\n\u201eEs \u2026 es tut mir schrecklich Leid\u201c, murmelte er verst\u00f6rt, w\u00e4hrend er die Medizin f\u00fcr Talis mixte. \u201eDie Sache mit Kiral, Ilanas Mutter, meine ich. Es ist so \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, das Wort, dass Sie suchen, ist sinnlos\u201c, unterbrach ihn Yarath scharf. \u201eVielleicht auch grausam oder abscheulich. Aber so sind die Cardis nun mal.\u201c<br \/>\n\u201eDass Sie die Cardassianer hassen, verstehe ich gut. Was sie auf unserer Welt anrichten, ist wirklich abscheulich.\u201c Jaslan hob den Kopf. \u201eAber meine Freundin Jenaria sagte einmal, von keinem Volk w\u00fcrde die Exportausgabe etwas taugen.\u201c<br \/>\n\u201eExportausgabe!\u201c Yarath lachte bitter auf. \u201eT\u00e4glich verhungern bajoranische Kinder, werden Frauen von Cardassianern vergewaltigt &#8211; ganz zu schweigen von den Arbeitslagern, den Folterungen und den Hinrichtungskommandos! Wie w\u00fcrden Sie das wohl nennen? Einfuhrzoll?\u201c<br \/>\nJaslans Reaktion war erstaunlich gelassen. \u201eWie ich schon sagte: Ich verstehe Sie sehr gut. Aber nicht alle Cardis sind Monster. Auch wenn es Ihnen schwerf\u00e4llt, das zu glauben.\u201c<br \/>\n\u201eDas f\u00e4llt mir in der Tat schwer\u201c, konterte Yarath hitzig. \u201eZeigen Sie mir einen einzigen unschuldigen Cardi &#8211; und ich fresse Ihren Glasperlenvorhang!\u201c<br \/>\n\u201eDas l\u00e4sst sich arrangieren\u201c, entgegente Jaslan k\u00fchl. \u201eAm besten, Sie holen gleich Messer und Gabel. Selbstverst\u00e4ndlich k\u00f6nnen Sie auch die Finger nehmen, falls Ihnen die Benutzung von Besteck mittlerweile zu dekadent vorkommt.\u201c<br \/>\n\u201eWas l\u00e4sst sich arragieren?\u201c fragte sie lauernd und verschr\u00e4nkte die Arme vor der Brust. \u201eSagen Sie blo\u00df, Sie kennen irgendeinen Cardassianer, der keine Verbrechen an unserem Volk begangen hat? Falls dieses erlesene Exemplar hier auf Bajor rumkriecht, geh\u00f6rt es doch ebenfalls zur Exportausgabe &#8211; oder etwa nicht?\u201c Yarath l\u00e4chelte voller Begeisterung \u00fcber ihre eigene Schlagfertigkeit. \u201eSelbst wenn es noch niemanden umgebracht hat, frisst es uns wertvolle Nahrungmittel weg. Ganz zu schweigen von dem vielen M\u00fcll, den es auf unserem armen, gebeutelten Planeten hinterl\u00e4sst.\u201c<br \/>\nIch staunte nicht schlecht, dass Yarath offenbar unter die \u00c3\u2013kologen gegangen war. Ein bisschen peinlich war mir ihr Verhalten schon &#8211; schlie\u00dflich bem\u00fchte sich der Mann sehr gewissenhaft um Talis. Aber im Stillen gab ich ihr recht. Der liebe Jaslan konnte nur dann auf den Boden der Realit\u00e4t zur\u00fcckkehren, wenn ihn jemand ab und zu ein paar unangenehme Wahrheiten servierte. Ich selbst hatte daf\u00fcr zu viele Skrupel &#8211; jedenfalls in dieser Situation.<\/p>\n<p>Yarath sagte nur noch einen Satz \u2026 einen einzigen Satz, der mich zusammenzucken lie\u00df, als h\u00e4tte mir jemand ein scharfes Messer in die Eingeweide gejagt: \u201eDenken Sie an Ilanas Mutter.\u201c<br \/>\nDann k\u00fcsste sie Talis auf die Stirn und verlie\u00df den Raum, ohne den Maler eines Blickes zu w\u00fcrdigen. Sie glitt nahezu lautlos durch den dichten Perlenvorhang &#8211; und ich fragte mich einen Moment voller Bewunderung, wie sie das wohl anstellte.<br \/>\nAber dann wurde ich von Gabor abgelenkt. \u201eIlana hat geschworen, Kiral zu finden und zu befreien.\u201c Er l\u00e4chelte mir zu.<br \/>\n\u201eWie denn?\u201c fragte Jaslan skeptisch. Dann begriff er: \u201eIhr seid vom Untergrund, nicht wahr?\u201c<br \/>\n\u201eSie verraten uns doch nicht, oder?\u201c fragte Talis alarmiert. Er richtete sich auf und wirkte schon wieder erstaunlich vital.<br \/>\n\u201eHey, es geht dir besser!\u201c rief ich erfreut.<br \/>\nTalis l\u00e4chelte. \u201eWas immer Sie mir da eingefl\u00f6\u00dft haben, Jaslan &#8211; es war offenbar genau das Richtige! Diese ekelhaften Halsschmerzen sind fast weg.\u201c Seine Stimme klang immer noch ziemlich kratzig &#8211; aber wesentlich besser als vor einer Stunde.<br \/>\n\u201eSieht mir verd\u00e4chtig nach der orellianischen Grippe aus \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDie kann man doch heilen, oder?\u201c fragte ich beklommen.<br \/>\n\u201eAber nat\u00fcrlich\u201c, versicherte mir Jaslan leutselig. \u201eIch selbst hatte sie schon vier oder f\u00fcnf Mal und lebe immer noch.\u201c<br \/>\n\u201eWoher wissen Sie eigentlich so viel \u00fcber Medizin?\u201c fragte Gabor neugierig.<br \/>\n\u201eMein Vater war Heilpraktiker\u201c, erkl\u00e4rte Jaslan.<br \/>\n\u201eUnd er wollte nat\u00fcrlich, dass Sie in seine Fu\u00dfstapfen treten und sein Dejara fortf\u00fchren\u201c, vermutete Gabor. In traditionellen bajoranischen Familien war es n\u00e4mlich \u00fcblich, dass die S\u00f6hne den Namen und die Kastenzugeh\u00f6rigkeit &#8211; das Dejara \u2013 des Vaters erbten, w\u00e4hrend M\u00e4dchen automatisch zur Kaste der Mutter geh\u00f6rten.<br \/>\n\u201eEr hat mir vieles beigebracht\u201c, erwiderte Jaslan. \u201eNat\u00fcrlich war er nicht sehr gl\u00fccklich, als ich einen anderen Weg w\u00e4hlte &#8211; aber zu diesem Zeitpunkt waren die Cardis schon hier, hatten das Kastensytem abgeschafft \u2026 also konnte ich tun, wozu ich Lust hatte.\u201c<br \/>\nIrgendwas st\u00f6rte mich an diesem Satz. Gabor offenbar auch, denn er fragte mit finsterer Miene: \u201eDas klingt ja fast so, als w\u00e4ren Sie froh, dass die Cardis hier sind \u2026\u201c<br \/>\n\u201eNat\u00fcrlich nicht! Aber \u2026\u201c Nun musterte er Gabor von Kopf bis Fu\u00df. \u201eWas ist Ihr Dejara, mein Junge?\u201c<br \/>\n\u201eMeine Gro\u00dfeltern waren Viehz\u00fcchter. Sie hatten eine Yaktanb\u00fcffel-Farm.\u201c<br \/>\n\u201eUnd? Sie w\u00fcrden doch nicht Ihr ganzes Leben lang Yaktan-B\u00fcffel h\u00fcten wollen, oder?\u201c<br \/>\nGabor zog eine Grimasse. \u201eEher nicht. Wenn ich mir vorstelle, dass so ein armes Tier vertrauensvoll aus meiner Hand frisst, um dann zum Dankbarkeitsfestival im Kochtopf zu landen \u2026 Das ist abartig! Ich w\u00fcrde es nicht mal schlachten k\u00f6nnen, das w\u00e4re Verrat.\u201c<br \/>\nJaslan runzelte die Stirn. \u201eWie viele Cardassianer haben Sie eigentlich ins Jenseits bef\u00f6rdert, Sie Sensibelchen?\u201c<br \/>\n\u201eAchtunddrei\u00dfig.\u201c<br \/>\n\u201eSie haben Sie gez\u00e4hlt?\u201c<br \/>\n\u201eKlar!\u201c Gabor hob den rechten Mundwinkel. \u201eIch kann mir schon denken, was jetzt kommt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eWie ein Vegetarier sehen Sie mir auch nicht aus \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch jage &#8211; das ist etwas anderes!\u201c<br \/>\n\u201eUnd wenn es irgendwann mal genug zu essen geben sollte, kaufen Sie wahrscheinlich beim Fleischer.\u201c Jaslan l\u00e4chelte voller Ironie. \u201eWie praktisch!\u201c<br \/>\n\u201eHey, bitte keine Tierschutzdebatte vorm Abendbrot!\u201c fuhr ich entnervt dazwischen.<br \/>\n\u201eAbendbrot &#8211; das ist ein gutes Stichwort. Ich mach uns was zu essen.\u201c<br \/>\n\u201eBrillante Idee\u201c, meinte Gabor.<br \/>\nJaslans Blick wurde h\u00e4rter. \u201eAber dann erwarte ich, dass ihr auf Nimmerwiedersehen verschwindet! Ihr bringt mich ganz sch\u00f6n in die Bredouille!\u201c<br \/>\n\u201eWie Sie wollen\u201c, erwiderte Gabor und folgte Herrn des Hauses durch den Glasperlenvorhang.<\/p>\n<p>\u201eWas ist mit dir?\u201c fragte ich Talis. \u201eHast du keinen Hunger oder geht es dir noch zu schlecht?\u201c<br \/>\n\u201eDoch, ich habe Hunger.\u201c Er l\u00e4chelte hintergr\u00fcndig. \u201eAber ich lasse mich lieber bedienen.\u201c<br \/>\n\u201eAdelige!\u201c flachste ich.<br \/>\n\u201eIch bin krank &#8211; vergiss das nicht!\u201c<br \/>\n\u201eDu siehst aber schon wieder ganz gut aus.\u201c<br \/>\n\u201eJa, dein Freund hat sich alle M\u00fche gegeben, mich wieder aufzup\u00e4ppeln. Und als Dank bekommt er Totschlag-Argumente \u00c3\u00a1 la Yarath um die Ohren gehauen.\u201c<br \/>\n\u201eNaja, ihre Totschlag-Argumente entbehren nicht einer gewissen Logik \u2026\u201c<br \/>\nTalis seufzte. \u201eMag sein. Aber ich f\u00fcrchte, Yarath ohne Feindbild ist wie Winter ohne K\u00e4lte. Kein Wunder bei ihrer Kindheit \u2026 Vollwaise, fing mit elf an, zu t\u00f6ten \u2026\u201c<br \/>\n\u201eDas klingt fast so, als w\u00fcrde sie dir Leid tun\u201c, staunte ich. \u201eDeine Kindheit war doch sicher auch kein Zuckerschlecken \u2026\u201c Ich sah ihn forschend an. Dabei fiel mir ein, dass ich so gut wie nichts \u00fcber seine Familie oder seine Vergangenheit wusste.<br \/>\n\u201eMeine Kindheit war ganz okay\u201c, antwortete er. \u201eBis mein Vater beschuldigt wurde, Spengstoff an Terroristen geliefert zu haben. Oder waren es Waffen? Ich wei\u00df es nicht mehr so genau \u2026\u201c Er atmete heftig und ballte die H\u00e4nde zu F\u00e4usten. \u201eNat\u00fcrlich war er unschuldig &#8211; aber das hat die Cardis nicht interessiert.\u201c<br \/>\n\u201eDas tut mit Leid\u201c, versicherte ich ihm ehrlich und ber\u00fchrte seine Schulter.<br \/>\n\u201eIch nehme alles zur\u00fcck &#8211; Yarath hat recht\u201c, stie\u00df er hervor.<br \/>\n\u201eTrotzdem h\u00e4tte sie Jaslan gegen\u00fcber etwas \u2026 nun ja \u2026 h\u00f6flicher sein k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nTalis lachte rauh. \u201eYarath und h\u00f6flich? Da kennst du sie aber schlecht!\u201c<br \/>\n\u201eDu siehst sie ziemlich kritisch, nicht wahr?\u201c<br \/>\n\u201eIch liebe sie\u201c, erkl\u00e4rte er fest.<br \/>\n\u201eDann kann sie sich ja revanchieren und dir dein Essen ans Bett bringen\u201c, scherzte ich.<br \/>\nEr l\u00e4chelte. \u201eSag ihr das!\u201c<\/p>\n<p>Jaslan kochte ziemlich gut &#8211; aber die Gespr\u00e4che bei Tisch waren so krampfig, die Pausen des Schweigens so lang, dass ich es bald nicht mehr aushielt und mir w\u00fcnschte, Yarath w\u00fcrde eine ihrer Propagandareden halten. Statt dessen warfen sie und Arem mir immer wieder absch\u00e4tzende Blicke zu. Als w\u00fcrden sie mich daf\u00fcr verantwortlich machen, dass mein Bekannter so ein weltfremder Spinner war \u2026<br \/>\nUnter dem Vorwand, ich m\u00fcsste aufs Klo, verzog ich mich bald. Ich beschloss, mich in Jaslans Atelier umzusehen, denn an seine Arbeiten hatte ich nur vage Erinnerungen.<br \/>\nEs roch penetrant nach \u00c3\u2013lfarbe, als ich den weiten, schmucklosen Raum unterm Dach betrat. Ich betrachtete ein paar Gem\u00e4lde, die in den fr\u00f6hlichen Farben des Sommers leuchteten. Wundersch\u00f6ne Bilder &#8211; doch sie konnten leicht den Eindruck erwecken, unsere Welt w\u00e4re ein bl\u00fchender Vergn\u00fcgungspark f\u00fcr nackte, gutaussehende Bajoraner.<br \/>\nNein \u2026 nicht nur Bajoraner \u2026 Mein Blick blieb an einem Frauenakt in Sepia h\u00e4ngen und ich stolperte ein paar Schritte r\u00fcckw\u00e4rts. Augenw\u00fclste, Nackenk\u00e4mme, Schuppen \u2026 Schuppen an Stellen, wo ich eigentlich Haare vermutet h\u00e4tte \u2026 Es gab noch mehr Aktbilder von cardassianischen Frauen &#8211; und sie alle strahlten eine Sinnlichkeit aus, die mich zutiefst irritierte.<br \/>\nDa legte jemand seine Arme um meine Taille und k\u00fcsste meinen Nacken.<br \/>\n\u201eGabor!\u201c rief ich verbl\u00fcfft. \u201eIch hab gar nicht geh\u00f6rt, wie du \u2026\u201c<br \/>\n\u201eNa sieh mal einer an, wo die \u00fcberall schuppig sind \u2026\u201c murmelte er. \u201eYarath sollte das besser nicht sehen &#8211; sonst setzt sie uns den Phaser auf die Brust. Und deinem Freund Jaslan sowieso.\u201c Dann kniff er die Augen zusammen und betrachtete die Gem\u00e4lde genauer.<br \/>\n\u201eWas mich ganz besonders wundert \u2026 Warum immer die selbe Frau?\u201c<br \/>\nIch blickte ihn skeptisch an. \u201eWoher willst du wissen, dass es immer die selbe ist?\u201c Die Gesichtsz\u00fcge waren zum Teil stark abstrahiert.<br \/>\nGabor grinste fl\u00fcchtig. \u201eDu willst mir doch nicht weismachen, alle cardassianischen Frauen h\u00e4tten die gleiche K\u00f6rbchengr\u00f6\u00dfe.\u201c<br \/>\nIch verdrehte die Augen. Typisch Mann! \u201eWir sollten wieder runtergehen\u201c, schlug ich vor. \u201eIch will nicht, dass uns die anderen suchen &#8211; und Jaslan w\u00e4re es vielleicht auch nicht recht, dass wir in seinem Atelier rumsch\u00fcffeln.\u201c<br \/>\nGabor nickte. Hand in Hand verlie\u00dfen wir die Dachkammer, aus den Augenwinkeln bemerkte ich etwas Seltsames, etwas, das nicht hier her geh\u00f6rte \u2026 ein Artefakt \u2026 nein, vielmehr eine Skulptur \u2026 Sie war eindeutig nicht bajoranisch. Der Schriftzug am Sockel war halb verborgen hinter einer Leinwand, aber ich erkannte verschn\u00f6rkelte, cardassianische Buchstaben. Ihre Bedeutung versickerte irgendwo in meinem Unterbewusstsein. Es ging mich nichts an.<\/p>\n<p>Ich eilte die halsbrecherische Wendeltreppe hinunter, getrieben von einem diffusen Fluchtimpuls. Gabor hatte M\u00fche, mir zu folgen. Ich achtete nur auf meine F\u00fc\u00dfe und die steilen Stufen \u2026 da prallte ich gegen etwas \u2026 gegen jemanden \u2026 Ich hob den Kopf und mir blieb f\u00fcr einen Moment die Luft weg. Vor mir stand eine leibhaftige Cardassianerin.<br \/>\nIch sah mich hektisch nach einem Fluchtweg um und dachte an die Waffe in meinem Stiefelschaft. Die schuppige Nemesis versperrte den engen Gang, wir sa\u00dfen in der Falle \u2026 Dabei war sie nur eine unbewaffnete Frau &#8211; Gabor und ich h\u00e4tten ohne weiteres mit ihr fertig werden k\u00f6nnen. Aber ich blieb wie angewurzelt stehen, Gabor tastete nach seinem Phaser.<br \/>\nDa tat die Cardassianerin etwa v\u00f6llig Unerwartetes: Sie l\u00e4chelte mich an.<br \/>\nF\u00fcr uns waren alle Cardassianer h\u00e4sslich und grausam &#8211; sonst h\u00e4tte ich die Sch\u00f6nheit ihrer ebenm\u00e4\u00dfigen Gesichtsz\u00fcge bewundert \u2026 erkannt, dass sich darunter nichts B\u00f6ses oder Hinterh\u00e4ltiges verbarg, und ihre feminine Selbstsicherheit h\u00e4tte mir gefallen.<br \/>\nAber aus meiner Sicht war ihr L\u00e4cheln ein h\u00e4misches Grinsen, ihr Selbstbewusstsein Arroganz und das erwartungsvolle Leuchten in ihren Augen \u2026 es jagte mir Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Sie war die Frau auf den Bildern &#8211; das kapierte ich mit einem Schlag. Und sie war garantiert nicht allein gekommen \u2026 Das war eine Falle!<br \/>\nArem hatte Recht, Yarath hatte Recht \u2026 verdammte Schei\u00dfe!<br \/>\nEin Fauchen zerschnitt die staubige Luft, ein grelles Licht blendete mich f\u00fcr Sekunden.<br \/>\nPl\u00f6tzlich verzerrte sich das Gesicht der Cardassianerin in Agonie. Sie starrte mich fassungslos an, w\u00e4hrend sie wie in Zeitlupe zusammenbrach. Aus ihren Mundwinkeln sickerte dunkelrotes Blut. Sie wimmerte leise, klammerte sich verzweifelt an mir fest, zerquetschte mir beinahe die Handgelenke im Todeskampf \u2026 Meine Kehle war wie zugeschn\u00fcrt.<br \/>\nDa kam Jaslan um die Ecke und seine Augen weiteten sich vor Entsetzen. \u201eJenaria!\u201c hauchte er und beugte sich \u00fcber die sterbende Cardassianerin. Er streichelte ihr Gesicht, sprach mit ihr, aber seine Worte gingen immer wieder in einem herzzerrei\u00dfenden Schluchzen unter.<\/p>\n<p>Gabor und ich sahen ungl\u00e4ubig zu. Jaslan konnte doch nicht mit einer von denen \u2026 das war nicht normal! Ich war peinlich ber\u00fchrt \u2026 vielleicht, weil mir selbst zum Heulen zumute war und ich nicht verstehen konnte, wieso.<br \/>\n\u201eWarum?\u201c schrie mir Jaslan ins Gesicht. \u201eSie hat euch nichts getan, verdammt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eIch \u2026 ich schw\u00f6re, ich \u2026 wir haben nicht \u2026\u201c stammelte ich.<br \/>\nDann fiel mein Blick auf Arem. Sein Gesicht war wie schockgefroren und er hielt immer noch den Phaser in der Hand. Jenaria r\u00f6chelte qualvoll und ich w\u00fcnschte, Jaslan h\u00e4tte den Mut, sie endlich von ihrem Elend zu erl\u00f6sen.<br \/>\n\u201eIdioten!\u201c br\u00fcllte er und eine einzelne Tr\u00e4ne lief \u00fcber seine Wange. \u201eFeiglinge! M\u00f6rder!\u201c<br \/>\n\u201eEs tut mir schrecklich leid \u2026\u201c begann ich unsicher und meine Worte waren mir selber fremd. \u201eArem konnte nicht wissen \u2026 Er ist ein Neuling, wahrscheinlich hat er Panik gekriegt \u2026\u201c<br \/>\n\u201eSei doch endlich still, du dummes Ding!\u201c<br \/>\n\u201eWarum hast du deine Freundin nicht gewarnt, dass du das Haus voller Rebellen hast?\u201c konterte ich hitzig. \u201eAlso geht ihr Tod genauso auf dein Konto, wie auf unseres!\u201c<br \/>\nEr sah mich an, als wollte er mir am liebsten das Genick brechen. Aber in diesem Augenblick verstummte das R\u00f6cheln der Cardassianerin. Jaslan vergrub sein Gesicht in ihrem Dekollet\u00c3\u00a9 und heulte wie ein kleines Kind. Auf einmal d\u00e4mmerte mir, was auf dem Sockel der fremdartigen Skulptur gestanden hatte: \u201eIn Liebe, Jenaria\u201c .<br \/>\n\u201eSie war doch nicht etwa deine Geliebte?\u201c fragte Yarath angewidert.<br \/>\nEr dauerte lange, bis Jaslan den Kopf hob, aber sein wilder Blick brannte sich tief in mein Ged\u00e4chtnis. \u201eSie war viel mehr als das \u2026 sie war meine Seelengef\u00e4hrtin. Sie war brillant. Ihre Skulpturen waren das Sch\u00f6nste, was ich je gesehen habe &#8211; abgesehen von ihr.\u201c Seine Stimme zitterte, aber er fuhr tapfer fort: \u201eSie hat sich nie um Politik gek\u00fcmmert \u2026 oder Cardassias Glorie \u2026 der ganze Schwachsinn, der ihrem Mann so wichtig war \u2026 Gul Mestral, der gro\u00dfe Kriegsheld, der Schrecken von Kendra, heldenhafter Bezwinger von zweihundert streikenden bajoranischen Minenarbeitern \u2026 lebendig begraben hat er sie! Jenaria hat ihn verlassen, weil sie sich vor seiner sogenannten Arbeit ekelte!\u201c<br \/>\n\u201eWie mutig!\u201c entgegnete Yarath spitz. \u201eWarum hat sie den Kerl \u00fcberhaupt geheiratet?\u201c<br \/>\n\u201eLass mich doch in Ruhe mit dem altklugen Schei\u00df\u201c, fuhr er sie an. \u201eHast du schon mal dar\u00fcber nachgedacht, was es hei\u00dft, auf Cardassia zu leben? Wie schwer es dort f\u00fcr ein Kind ist, gegen die Entscheidungen der Familienoberh\u00e4upter aufzubegehren? Wegen welcher Lappalien manche dort schon verhaftet und gefoltert worden sind? Nein, wieso auch &#8211; denn es interessiert dich nicht. Es passt nicht in deinen schwarz-wei\u00df karierten Betonsch\u00e4del. Ich sag dir was: Jenaria hat nicht weniger riskiert, als du! Ihr sogenannter Gatte h\u00e4tte ohne Skrupel den Obsidianischen Orden auf sie gehetzt, wenn er erfahren h\u00e4tte \u2026\u201c<br \/>\n\u201eSie hatte auf Bajor nichts zu suchen\u201c, fiel Yarath ihm ins Wort.<br \/>\nIhr H\u00e4tschelkind Arem hatte eine unschuldige Zivilistin get\u00f6tet. Sie war in der Defensive &#8211; und das konnte sie nicht ertragen. Ihr war nicht klar, zu welch unaussprechlichen Dummheiten sie diesen gebrochenen Mann provozierte \u2026<\/p>\n<p>\u201eDaf\u00fcr m\u00fcsst ihr b\u00fc\u00dfen\u201c, murmelte er. Und dann noch etwas, das so klang, wie: \u201eEgal, was mit mir passiert \u2026\u201c Bevor ihn jemand zur\u00fcckhalten konnte, griff er nach dem Kommunikator, den Jenaria ums Handgelenk trug, dr\u00fcckte irgendeinen Knopf \u2026 seine ganze Haltung dr\u00fcckte eine kalte Entschlossenheit aus, die viel unheimlicher wirkte als jeder Amoklauf. Danach verfiel er in eine Art katatonische Starre.<br \/>\nGabor streichelte unauff\u00e4llig meine Hand.<br \/>\nArem umklammerte immer noch seinen Phaser.<br \/>\nYarath legte beide H\u00e4nde auf seine Schultern und fl\u00fcsterte ihm irgendwas zu.<br \/>\nDie Chance, abzuhauen, verpassten wir.<br \/>\nAcht flirrende S\u00e4ulen erschienen pl\u00f6tzlich im Wohnzimmer. Innerhalb einer Sekunde verdichteten sie sich zu cardassianischen Soldaten.<br \/>\nGabors Reflexe funktionierten ausgezeichnet \u2013 meine seltsamer Weise auch. Wir zogen gleichzeitig unsere Phaser.<br \/>\n\u201eNeununddrei\u00dfig\u201c, z\u00e4hlte er verbissen.<br \/>\nDer Cardassianer, den ich erschoss, zuckte nur kurz, bevor er starb \u2026 aber irgendjemand schrie.<br \/>\nDa erkannte ich, dass die Schreie aus dem Nebenzimmer kamen. Zwei cardassianische Soldaten traten durch den Vorhang und zerrten Talis mit sich.<br \/>\nMeine Kehle war auf einmal ganz trocken.<br \/>\n\u201eLasst mich los, ihr Drecks\u00e4cke, l\u00e4sst mich sofort los!\u201c schimpfte er immer wieder.<br \/>\nDie Cardis taten ihm diesen Gefallen nat\u00fcrlich nicht. Sie verdrehten ihm mit roher Gewalt den Arm auf dem R\u00fccken, ein Dritter schlug mit dem Gewehrkolben gegen seine Schienbeine und Talis br\u00fcllte wie ein verwundetes Tier. Seine Stimme klang wieder so rauh und heiser wie im Augenblick seines Grippeanfalls. Er versuchte sich verzweifelt zu wehren aber &#8211; geschw\u00e4cht durch seine Krankheit &#8211; hatte er keine Chance.<br \/>\nArem schoss daneben, weil seine Hand so stark zitterte. Ich verstand, er hatte Angst, Talis zu erschie\u00dfen \u2026 aber ich bin sicher, Talis hatte sich sp\u00e4ter gew\u00fcnscht, es w\u00e4re so gekommen.<br \/>\nGabor und ich hatten unsere liebe Not, dem Waffenfeuer dreier besonders schie\u00dfw\u00fctiger Cardis auszuweichen. Ihre Phaserblitze spengten immer wieder L\u00f6cher in die Wand, Kalk spritzte uns in die Augen.<br \/>\nArem keuchte vor Entsetzen laut auf \u2013 und als ich endlich wieder klar sehen konnte, erkannte ich den Grund: Zwei Cardassianer verschwanden in einem Flirren \u2013 und Talis mit ihnen. Arems Phaserstrahl durchbohrte wirkungslos die halb transparente Gestalt eines Soldaten.<br \/>\nJaslan, der bis eben weinend neben Jenarias Leichnam gekauert hatte, schreckte hoch.<br \/>\nIch werde den Ausdruck seiner Augen nie vergessen: dieses ungl\u00e4ubige Entsetzen, als die Cardis unseren wehrlosen Freund abschleppten \u2026 wie ihm endlich ins Gehirn sickerte, was er getan hatte: etwas unvorstellbar Bescheuertes, Verwerfliches \u2026 Selbstm\u00f6rderisches.<br \/>\nEin Phaserblitz, der f\u00fcr Gabor oder mich bestimmt war, traf auf seinen Nacken und kam zu seiner Kehle wieder raus. Er starb auf der Stelle.<br \/>\nUnd Yarath? Ich hatte sie noch nie so erlebt: Sie kniete auf dem Boden und starrte mit leerem Blick auf den Fleck, wo ihr Freund eben noch gestanden hatte. Sie war genauso gel\u00e4hmt, wie Jaslan: Ihre eigene Qual schnitt sie von der Au\u00dfenwelt ab.<br \/>\nEiner der Cardassianer packte sie bei den Haaren und zerrte sie grinsend auf die F\u00fc\u00dfe.<br \/>\nBei den Propheten \u2013 sie wehrte sich nicht einmal! Es schien sie nicht l\u00e4nger zu k\u00fcmmern, was mit ihr passierte. \u201eArem, lauf!\u201c befahl sie matt.<br \/>\nArem h\u00f6rte nicht auf sie und versuchte, den Cardssianer von ihr wegzurei\u00dfen. Doch der h\u00fcnenhafte Kerl sch\u00fcttelte den schm\u00e4chtigen Jungen wie eine l\u00e4stige Fliege ab.<br \/>\nIch versuchte, zu feuern, aber es kam nur ein kl\u00e4gliches Zischen aus meiner Waffe. Mist, nun war auch noch meine Energiezelle leer! Ich h\u00f6rte Stoff zerrei\u00dfen, sah, wie das Schwein seinen gesammelten Speichel ins Gesicht meiner Freundin fallen lie\u00df, schnappte mir eine staubige Keremikskulptur und zertr\u00fcmmerte seinen Sch\u00e4del. Alle Viere von sich gestreckt, brach der Cardassianer \u00fcber Yarath zusammen. Arem rollte den bewusslosen Mann beiseite und gab ihm einen hasserf\u00fcllten Tritt.<br \/>\n\u201eAlles in Ordnung, Yarath?\u201c fragte Gabor besorgt.<br \/>\nEin unverst\u00e4ndliches Murmeln war die Antwort. Yarath erhob sich mit steifen Gliedern und wischte sich angeekelt mit dem Handr\u00fccken \u00fcber die Wange.<br \/>\nIn diesem Augenblick st\u00fcrmten drei weitere Cardassianer das Haus. Arem nahm Yarath endlich beim Wort und sprang mit einem Satz durch das geschlossene Panoramafenster des Wohnzimmers. Glasscherben klirrten und Phaser fauchten. Yarath, mit zerzausten Haaren, zerfetzter Bluse und wildem Blick, setzte ihm nach. Das zertr\u00fcmmerte Fenster, wie ein Maul mit schiefen, spitzen Z\u00e4hnen, spuckte sie in die Dunkelheit aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * *<\/p>\n<p>Durch unversch\u00e4mtes Gl\u00fcck entkamen wir den Cardassianern.<br \/>\nAber ich f\u00fchlte mich alles andere als lebendig und frei. Die Propheten hatten es gut mit mir gemeint und das konnte ich nicht verstehen. Ich verdiente ihre Gro\u00dfz\u00fcgigkeit nicht.<br \/>\nDas Schicksal von Talis lag wie ein dunkler Schatten auf der ganzen Gruppe. Gabor und Branqo versicherte mir zwar immer wieder, dass es nicht meine Schuld war \u2026 Aber Yarath warf mir nur einen geringsch\u00e4tzigen Blick zu.<br \/>\n\u201eIch w\u00fcrde jetzt nicht in deiner Haut stecken wollen, Ilana,\u201c sagte sie.<br \/>\nDas wollte ich auch nicht. Die Cardassianer folterten unseren Freund, Jaslan w\u00e4re ohne meine fixe Idee noch am Leben. Und Jenaria \u2026 sie war eine unschuldige Frau gewesen. Mehr noch: Eine m\u00f6gliche Verb\u00fcndete.<br \/>\nDa wurde mir klar, dass ich mich lieber mies f\u00fchlen wollte, als so zu werden, wie Yarath: selbstgerecht, verbohrt, vom Hass zerfressen.<br \/>\nIch konnte Jaslans Verrat lange nicht verzeihen. Aber am Tag der Toten z\u00fcndete ich nicht nur ein Licht f\u00fcr Talis an, sondern auch f\u00fcr Jenaria. M\u00f6ge ihre Seele eine neue Heimat finden &#8211; m\u00f6glichst weit weg von Cardassia.<\/p>\n<p>\u00a9 2004 by Adriana Wipperling<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine junge bajoranische Widerstandk\u00e4mperin versucht das Leben eines kranken Freundes zu retten. 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