{"id":116,"date":"2006-08-17T15:21:59","date_gmt":"2006-08-17T14:21:59","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=116"},"modified":"2025-05-13T19:16:45","modified_gmt":"2025-05-13T19:16:45","slug":"kunst-ist-nicht-uberflussig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=116","title":{"rendered":"Kunst ist nicht \u00fcberfl\u00fcssig"},"content":{"rendered":"<p><em>Scheinbar ist die Kunst \u00fcberfl\u00fcssig, ein Luxus, auf den man in Notzeiten leicht verzichten kann, eine Aufgabe, bei der viele V\u00f6lker zuerst sparen, wenn die wirtschaftliche Lage schwierig wird. Aber die Kunst zu behindern oder gar zu verbieten, leistet der Barbarei Vorschub \u2026 Rede anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der heylanischen Kunstakademie <\/em><\/p>\n<p>Mehr Informationen zum Heyla-Universum unter:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=64\">http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=64<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.heyla.de.vu\">www.heyla.de.vu<\/a><\/p>\n<p><b><!--more--><br \/>\n<strong>Andal aus dem Hause Boras: Rede anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der heylanischen Kunstakademie<\/strong><\/b><br \/>\n(\u00dcbersetzung von Anneliese Wipperling)<\/p>\n<p>\u201cScheinbar ist die Kunst \u00fcberfl\u00fcssig, ein Luxus, auf den man in Notzeiten leicht verzichten kann, eine Aufgabe, bei der viele V\u00f6lker zuerst sparen, wenn die wirtschaftliche Lage schwierig wird. Selbst der gro\u00dfe Ennu, der \u00fcber eine sehr solide und vielseitige Bildung verf\u00fcgte, war der Meinung, dass Poesie \u00fcberfl\u00fcssig w\u00e4re. Er billigte lediglich der festlichen Musik, der Architektur und dem Design von Gebrauchsgegenst\u00e4nden eine gewisse Bedeutung zu. Ennu glaubte, dass die reine Logik ein ausreichendes Bollwerk gegen die Barbarei w\u00e4re und dass die Dichtkunst dem logischen Gebrauch der Sprache im Wege st\u00e4nde. Im Nachhinein zeigt sich, wie sehr er sich geirrt hat.<br \/>\nEs gibt eine offensichtliche Barbarei: imperialistische Aggressionen und Verbrechen gegen das eigene Volk \u2026 krasse Ungerechtigkeiten bei der Verteilung des erarbeiteten Wohlstands \u2026 hohe Kriminalit\u00e4t \u2026 Beschr\u00e4nkung der B\u00fcrgerrechte wegen der sozialen Stellung, des Geschlechts oder der Religion \u2026 \u00dcbergriffe auf Au\u00dfenweltler \u2026 Sklaverei, Ausbeutung, Folter \u2026<br \/>\nNormalerweise schl\u00e4gt ein gesundes Gewissen in solchen F\u00e4llen Alarm. Wir sp\u00fcren einen unwiderstehlichen Drang, den Schwachen, Erniedrigten und Gequ\u00e4lten zu helfen. Wie schwierig es ist, das Gewissen ganz auszuschalten, zeigen die Diktaturen verschiedener Welten. Trotz massiver Propaganda und t\u00f6dlicher Gefahr gibt es immer wieder Individuen, die alles riskieren und sich gegen die staatlich institutionalisierte Barbarei stellen. Oftmals kennen sie die verfolgten Mitb\u00fcrger oder Fremden gar nicht und dennoch riskieren sie Karriere und Leben f\u00fcr sie. Es gibt bei allen intelligenten Spezies einen ethisch wertvollen Kern, der lediglich zuweilen einen kleinen Ansto\u00df braucht, um zu funktionieren.<br \/>\nAnders ist es mit der verborgenen Barbarei: Sie gedeiht auch mitten in scheinbar makellosen demokratischen Gesellschaften. Wenn man einem unliebsamen Volk oder einer unerw\u00fcnschten Berufsgruppe das Existenzminimum zugesteht, ihr scheinbar soziale Nischen zubilligt und sie im \u00dcbrigen in Ruhe l\u00e4sst, bleibt das Gewissen der Nichtbetroffenen ruhig. Er oder sie hat ja zu essen, ein Dach oder eine Zeltplane \u00fcber dem Kopf \u2026 da haben sich Regierung und Volk doch \u00e4u\u00dferst gn\u00e4dig gezeigt! Da ist Dankbarkeit angesagt \u2026 und nicht dreiste Forderungen nach Chancengleichheit und Selbstverwirklichung! Die schwarzen Wilden aus der W\u00fcste wollen auch studieren? Was f\u00fcr eine Zumutung! Und der Dichter, der verzweifelt ein Podium f\u00fcr seine Verse sucht, geh\u00f6rt verbannt. Niemand braucht so ein unlogisches Zeug! Soll er doch was Vern\u00fcnftiges arbeiten und den Mund halten \u2026 und wenn die Datentr\u00e4ger voller Gedichte, Geschichten und Romane nicht mehr in seine Truhen passen, muss er den M\u00fcll eben entsorgen. Wenn sein Umah deswegen zerbricht und er sich wie ein verletztes Tier zum Abgrund ohne Wiederkehr schleppt, war er halt zu empfindlich und zu schwach. Dass er tot ist, kann weder den Beh\u00f6rden noch den Nachbarn angelastet werden.<br \/>\nIhr findet, dass sich das krass anh\u00f6rt? Nun, bis uns das Triumphat \u00fcberfallen hat, war genau das auf Heyla traurige Realit\u00e4t: Eine verdeckte Barbarei wucherte unter der glatten Maske der Logik. Wer nicht ins Raster passte, dem wurde stillschweigend die Lebensgrundlage entzogen. Er bekam keine ordentliche Ausbildung, wurde nie in ein \u00f6ffentliches Amt gew\u00e4hlt \u2026 Beitr\u00e4ge unliebsamer Personen im Datennetz verschwanden spurlos. Eine Beh\u00f6rde besch\u00e4ftigte sich ausschlie\u00dflich damit, Decenna f\u00fcr Decenna die Schl\u00fcsselw\u00f6rter festzulegen, nach denen das Netz mehrmals t\u00e4glich abgesucht wurde. Nein, die Idealisten, die Gedichte und Romane unters Volk schmuggeln wollten, wurden nicht etwa verhaftet oder gar gefoltert &#8211; ihre Daten wurden automatisch vernichtet. Wenn es jemandem gelang, trotzdem Aufmerksamkeit zu erlangen, wurde er unauff\u00e4llig in eine Ambulanz f\u00fcr Kontrollverlust verfrachtet. Dort warteten schon regierungstreue Umahaij-Meister und Gedankentechniker, um den Ungl\u00fccklichen umzuprogrammieren oder zu brechen.<br \/>\nAls wir uns nach dem Krieg daranmachten, das Erbe der Philosophieb\u00fcrokraten zu sichten und neue Strukturen mit gr\u00f6\u00dferen Freir\u00e4umen f\u00fcr den Einzelnen aufzubauen, sind wir auf beunruhigende Forschungsarbeiten gesto\u00dfen. Man hat bei neununddrei\u00dfig so genannten Abweichlern versucht, die f\u00fcr Kreativit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t zust\u00e4ndigen Hirnareale zu zerst\u00f6ren. Acht Versuchspersonen mussten danach in Anstalten f\u00fcr unvollkommene Umahs untergebracht werden, drei starben unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden, vier setzten ihrem Leben selbst ein Ende, f\u00fcnfzehn waren immer noch f\u00fcr einfache Hilfsarbeiten geeignet und neun von ihnen t\u00e4uschten auf geschickte Weise ihre Heilung vor und begingen wenig sp\u00e4ter so ausgesucht scheu\u00dfliche Verbrechen, dass das makabre Forschungsprojekt aufgegeben werden musste. Was lehrt uns diese Erfahrung?<br \/>\nErstens: Heyla war bis vor kurzem ein Ort stiller Barbarei. Niemand h\u00e4tte das angesichts unserer \u00e4u\u00dferen Makellosigkeit vermutet \u2026 auch die meisten Heylaner nicht. Es gibt keine Gesellschaft, die immun gegen solche Degenerationserscheinungen ist. Wir m\u00fcssen immer wachsam bleiben, Entscheidungen der Regierung und eigene Vorurteile hinterfragen. Wird jemand ausgegrenzt? Wer ist betroffen? Wem n\u00fctzt und wem schadet das? K\u00f6nnen wir das wirklich verantworten?<br \/>\nZweitens: Die Philosophieb\u00fcrokraten strebten eine abstrakte Makellosigkeit an, einen Heylaner, den es so in Wirklichkeit gar nicht gibt. Diesem obskuren Ziel wurden der Lebensinhalt und die Gesundheit Tausender Mitb\u00fcrger geopfert. Die Schriften Ennus rechtfertigen keinen Feldzug gegen Poeten und Schriftsteller. Ennu hat die Bedeutung dieser Berufsgruppe zwar untersch\u00e4tzt, sie jedoch niemals kriminalisiert. Ich vermute, die Regierenden hatten Angst vor der unbez\u00e4hmbaren Neugier und dem radikalen Individualismus dieser Heylaner. Beides ist eine Voraussetzung f\u00fcr das Erschaffen wahrer Kunstwerke \u2026 und beides ist \u00e4u\u00dferst unbequem f\u00fcr einen stupiden Beamtenapparat. Gerade Beamte vergessen nur zu gern, dass sie in Wirklichkeit nur Diener des Volkes sind. Auch hier ist \u00e4u\u00dferste Wachsamkeit geboten!<br \/>\nDrittens: K\u00fcnstler verf\u00fcgen \u00fcber besondere Sensoren f\u00fcr heikle ethische Probleme. Ihre Werke bilden normalerweise ein zuverl\u00e4ssiges Fr\u00fchwarnsystem, das lautstark zur Umkehr mahnt, wenn in der Gesellschaft etwas erstarrt, verrottet oder degeneriert. Indem die Regierenden die Dichter zum Schweigen brachten, nahmen sie der heylanischen Gesellschaft ihre urspr\u00fcngliche Widerstandskraft, ihr Entwicklungspotenzial und ihre Flexibilit\u00e4t. Als der Feind uns \u00fcberrollte, zerbrachen die vorhandenen Machtstrukturen. Ohne die Turuska w\u00e4re das Triumphat jetzt Alleinherrscher im roten, gelben und schwarzen Sektor. Unsere V\u00f6lker w\u00e4ren vollst\u00e4ndig ausgerottet worden \u2026<br \/>\nWir sind dem Untergang gerade noch mit knapper Not entkommen. Es ist uns gelungen, die Feuerh\u00e4nder zu t\u00f6ten, unsere Gesellschaft zu reformieren, Frieden mit Talur zu schlie\u00dfen und gemeinsam mit talurischen Arbeitern dieses erhabene Sinnbild der Erneuerung zu schaffen. Nein, K\u00fcnstler m\u00fcssen nicht mehr bef\u00fcrchten, dass man sie verh\u00f6hnt, ausgrenzt, vertreibt oder verst\u00fcmmelt. Nach fast tausendzweihundert Jahren Unterdr\u00fcckung gibt es wieder eine Heimstatt f\u00fcr die Kunst \u2026 einen Ort, wo zuk\u00fcnftige Dichter, Schriftsteller, Sprachwissenschaftler und Kritiker studieren k\u00f6nnen. Die Poeten sind nach Heyla zur\u00fcckgekehrt und haben die stille Barbarei vertrieben. Feiern wir gemeinsam ihren und unseren Sieg \u00fcber die K\u00e4lte und den destruktiven Gebrauch der Logik!<\/p>\n<p>Begr\u00fc\u00dft Harim aus dem Hause Javo, den einf\u00fchlsamen Herausgeber des ersten Bandes moderner heylanischer Dichtung! Hei\u00dft seinen liebsten Bindungspartner, den gro\u00dfen talurischen Dichter Ingal Kaal willkommen! Ehrt Gattor aus dem Hause Elmar, den bescheidensten und liebevollsten aller Dichter Heylas. Freut euch mit mir, dass meine T\u00f6chter Kah\u2019Liza und Kah\u2019Mara endlich heimgekommen sind! Trinkt Mombasaft, Wein von der Erde und Wasser aus den Quellen des Hauses Raban! Freut euch am Leben und eurer neuen Freiheit!\u201c<\/p>\n<p>(Auszug aus: Anneliese Wipperling: \u201cR\u00fcckkehr der Poeten\u201c , 2006)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scheinbar ist die Kunst \u00fcberfl\u00fcssig, ein Luxus, auf den man in Notzeiten leicht verzichten kann, eine Aufgabe, bei der viele V\u00f6lker zuerst sparen, wenn die wirtschaftliche Lage schwierig wird. Aber die Kunst zu behindern oder gar zu verbieten, leistet der Barbarei Vorschub \u2026 Rede anl\u00e4sslich der Er\u00f6ffnung der heylanischen Kunstakademie Mehr Informationen zum Heyla-Universum unter: http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=64 und www.heyla.de.vu<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ca_portfolio_gallery_project_year":"","ca_portfolio_gallery_client":"","ca_portfolio_gallery_skills":"","ca_portfolio_gallery_url":"","ngg_post_thumbnail":0},"categories":[77],"tags":[102,129],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116"}],"collection":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1488,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions\/1488"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}