{"id":106,"date":"2004-06-03T15:06:27","date_gmt":"2004-06-03T14:06:27","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=106"},"modified":"2025-05-13T19:30:47","modified_gmt":"2025-05-13T19:30:47","slug":"der-eine-der-alles-sieht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=106","title":{"rendered":"Der Eine, der alles sieht"},"content":{"rendered":"<p><em>Wer an einen Gott glaubt, ist zumeist nicht bereit, ihn n\u00e4her zu definieren &#8211; und wer nur das akzeptiert, was man sehen, anfassen und messen kann, interessiert sich nicht sonderlich daf\u00fcr, wie man G\u00f6ttlichkeit definieren kann \u2026 <\/em><\/p>\n<p><strong>Autor: Andal aus dem Hause Boras<\/strong><br \/>\n(\u00dcbersetzung von Anneliese Wipperling)<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Es ist schwer, zu verstehen \u2026<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dfenweltler fragen uns oft, wie wir es mit Gott halten. \u201cImmerhin gibt es bei euch Kl\u00f6ster, M\u00f6nche und Nonnen\u201d, sagen sie eifrig. \u201cAlso glaubt ihr auch an Gott.\u201d \u201cDas mit den Kl\u00f6stern ist ein Missverst\u00e4ndnis\u201d, antworte ich jedesmal geduldig. \u201cEs gibt bei uns keine Priester und kein Z\u00f6libat. Unsere M\u00e4nner w\u00fcrden das nicht \u00fcberleben und unsere Frauen w\u00fcrden es nicht wollen. Es handelt sich bei den sogenannten Kl\u00f6stern einfach um Orte, wohin man sich f\u00fcr eine gewisse Zeit zur\u00fcckziehen kann, um seine Gedanken zu ordnen, zu meditieren oder sein Kohlinar zu vervollkommnen. Je nach Veranlagung w\u00e4hlen wir dann eine passende Gemeinschaft oder die Einsamkeit \u2026 die Unterweisung durch einen Meister oder die Hinwendung zu Ah\u2019Tha, dem Einen, der alles sieht und niemals eingreift.\u201d<br \/>\n\u201cIhr habt einen Gott, der sich nicht einmischt? Weshalb betet ihr dann zu ihm.\u201d<br \/>\n\u201cWir beten nicht, wir versuchen, in aller Demut seine Pr\u00e4senz zu sp\u00fcren.\u201d<br \/>\n\u201cUnd das gen\u00fcgt euch?\u201d<br \/>\n\u201cJa, das gen\u00fcgt uns.\u201d<br \/>\n\u201cDas verstehen wir nicht. Ein solcher Gott ist doch unn\u00fctz!\u201d<br \/>\n\u201cGott muss nicht f\u00fcr den Einzelnen n\u00fctzlich sein.\u201d<br \/>\n\u201cAber was habt ihr dann von ihm?\u201d<br \/>\n\u201cWir k\u00f6nnen das All sp\u00fcren, wie es sich ausdehnt und lebt, seine makellose Ordnung \u2026\u201d<br \/>\nDann schweigen sie meist und sehen mich verunsichert an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was ist eigentlich ein Gott?<\/strong><\/p>\n<p>Wer an einen Gott glaubt, ist zumeist nicht bereit, ihn n\u00e4her zu definieren \u2013 und wer nur das akzeptiert, was man sehen, anfassen und messen kann, interessiert sich nicht sonderlich daf\u00fcr, wie man G\u00f6ttlichkeit definieren kann.<br \/>\nMeist wird von Laien ein mehr oder weniger logisches Konglomerat von Eigenschaften zitiert. \u201cEr ist m\u00e4chtig.\u201d \u201cEr ist unsterblich.\u201d \u201cEr besch\u00fctzt jene, die an ihn glauben.\u201d \u201cEr belohnt die Guten und bestraft die S\u00fcnder.\u201d \u201cEr ist allwissend.\u201d \u201cEr ist unser aller Vater.\u201d \u201cEr hat die Welt erschaffen.\u201d \u201cUnd er wird ein letztes Gericht abhalten.\u201d \u201cJa, ein Gericht \u00fcber die Lebenden und die Toten.\u201d \u201cWer ges\u00fcndigt hat, muss f\u00fcr alle Ewigkeit in der H\u00f6lle brennen.\u201d \u201cUnd die Guten kommen ins Paradies, wo sie jubeln und Gott preisen d\u00fcrfen.\u201d<br \/>\nDie Priester und Schriftgelehrten aller bekannten Welten hingegen sind wahre Meister darin, spitzfindige und v\u00f6llig unverst\u00e4ndliche Definitionen zu ersinnen.<br \/>\nJedenfalls scheinen mir im Zusammenhang mit Gott folgende Fakten besonders wichtig zu sein, wobei die Reihenfolge keine Rangfolge darstellt.<\/p>\n<ul>\n<li>Jemand bezeichnet ihn als Gott<\/li>\n<li>Jemand hofft, dass er durch Gebete bestochen werden kann<\/li>\n<li>Jemand f\u00fcrchtet seinen Zorn<\/li>\n<li>Jemand sieht in ihm eine moralische Instanz<\/li>\n<li>Jemand braucht ihn als Vaterersatz<\/li>\n<li>Jemand glaubt, dass er Weisheit spenden kann<\/li>\n<li>Jemand h\u00e4lt ihn f\u00fcr \u00fcbernat\u00fcrlich und unsterblich<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wer immer in diesem Universum einen Gott ben\u00f6tigt, wird einen finden, der zu ihm passt und ihm hilft, zu leben: einen Freund und Helfer, einen unerbittlichen Richter, einen liebevollen Vater, einen m\u00e4chtigen R\u00e4cher, ein warmes Nest f\u00fcr das Katra \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ist er \u00fcberhaupt real?<\/strong><\/p>\n<p>Nun, es gibt G\u00f6tter, die wirklich existieren \u2026 die Propheten der Bajoraner zum Beispiel, die Q, die Gr\u00fcnder, oder die Goa\u2019uld. Das sind Wesen, die viel m\u00e4chtiger sind, als die Urbev\u00f6lkerung der Planeten, auf denen sie verehrt werden. Sie greifen mehr oder weniger direkt in das Leben ihrer Gl\u00e4ubigen ein. Niemand kommt so ohne weiteres an ihnen vorbei.<br \/>\nAllerdings stellt sich bei n\u00e4herer Betrachtung heraus, dass sie zwar sehr fremdartig, weit entwickelt und kraftvoll sind, aber keineswegs \u00fcbernat\u00fcrlich oder gar unsterblich. Es sind einfach nur Aliens mit mehr oder weniger guten Absichten.<br \/>\nDie Goa\u2019uld sind Parasiten, die ihre Wirte vollst\u00e4ndig \u00fcberw\u00e4ltigen. Sie sind sehr intelligent, machtbewusst und v\u00f6llig skrupellos. Da sie ganz unterschiedliche Spezies auf vielen Welten besiedelt haben, konnten sie sich allerlei fortschrittliche Technik aneignen: Sternentore, Sarkophage, Schutzschilde und h\u00f6chst eindrucksvolle Waffen. Sie haben die F\u00e4higkeit, ihre Augen hell aufgl\u00fchen zu lassen und sich in ihren Sarkophagen zu regenerieren. Es ist sogar mit diesen Ger\u00e4ten m\u00f6glich, sie nach dem Tod ins Leben zur\u00fcckzuholen, sofern ihr Fleisch noch nicht zu sehr verdorben ist. Die Goa\u2019uld kommen den G\u00f6ttern ziemlich nahe \u2013 b\u00f6sen, herrschs\u00fcchtigen und unberechenbaren G\u00f6ttern. Zum Gl\u00fcck sind sie nicht unsterblich und ihr Einfluss ist begrenzt. Die Menschen haben sie besiegt und vertrieben \u2026 und nun werden sie von den Borg dezimiert.<br \/>\nDie Borg hat merkw\u00fcrdigerweise noch niemand f\u00fcr G\u00f6tter gehalten. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie niemals jemanden \u00fcbriglassen, der sie anbeten k\u00f6nnte. Sie sind nur eine gnadenlose Nemesis, nichts weiter.<br \/>\nAuch die Q sind keine G\u00f6tter im eigentlichen Sinne. Sie sind zwar so m\u00e4chtig, dass sie mit ganzen Planeten Ball spielen k\u00f6nnten, aber sie k\u00fcmmern sich nur sporadisch um andere Spezies. Die meiste Zeit befinden sie sich in ihrem eigenen Kontinuum und besch\u00e4ftigen sich mit Dingen, die niemand richtig versteht. Nach Aussage von Captain Janeway von der U.S.S. Voyager vegetieren sie eher nutzlos vor sich hin \u2013 und manchmal f\u00fchren sie nette kleinen Kriege miteinander. Einiges deutet darauf hin, dass sie Gesetze haben, die es verhindern, dass sich einer der ihren zu sehr in die Belange anderer Kulturen einmischt. Vielleicht haben einige von ihnen vor langer Zeit Gott gespielt und dabei gro\u00dfen Schaden angerichtet, aber nun sind sie einfach zu unnahbar und zu selten pr\u00e4sent um als h\u00f6here Wesen relevant zu sein.<br \/>\nDie Gr\u00fcnder waren urspr\u00fcnglich humanoide Lebewesen, die sich aus eigener Kraft zu Formwandlern weiterentwickelt haben. Ihre besonderen F\u00e4higkeiten verunsicherten und \u00e4ngstigten jene intelligente Spezies, die immer noch in einer festen Form gefangen waren. Man verfolgte die Wechselb\u00e4lger gnadenlos \u2013 und sie reagierten mit der Schaffung des Dominion. Das Domi-nion ist f\u00fcr die Gr\u00fcnder Versuchslabor, Spielwiese und Tempel zugleich. Sie pflegen ihren Rassismus und ihre Paranoia, gestalten Welten und Spezies nach ihren Vorstellungen und unterdr\u00fccken mit unglaublicher Brutalit\u00e4t jeden Widerstand. Die Gr\u00fcnder sind langlebig und m\u00e4chtig. Dennoch sind sie in Wirklichkeit keine G\u00f6tter.<br \/>\nDie Propheten der Bajoraner fl\u00f6\u00dfen mir noch den gr\u00f6\u00dften Respekt ein. Sie sind nicht linear, leben in ihrem Wurmloch immer und \u00fcberall gleichzeitig \u2013 und sie folgen einer gewissen Ethik, wenn sie sich in die Belange anderer intelligenter Lebewesen einmischen. Es ist mir, als ich eine zeitlang auf Bajor lehrte, einige Male gelungen, Kontakt zu den Propheten aufzunehmen. Doch, ich bin bereit, die Propheten f\u00fcr G\u00f6tter zu halten \u2026 zumindest f\u00fcr lokale Gottheiten \u2026 und die Pah-Geister f\u00fcr lokale Teufel.<br \/>\nAllerdings erf\u00fcllen die Propheten nur teilweise die Anspr\u00fcche, die normale Sterbliche an ihre G\u00f6tter stellen. Dadurch, dass sie so fremdartig sind, verstehen sie die Belange linearer Lebewesen oft nicht richtig. Ihre Prophezeiungen sind unverst\u00e4ndlich, ihre Weisheiten nicht von die-ser Welt und ihre moralischen Anspr\u00fcche \u00e4u\u00dferst vage. Es deutet einiges darauf hin, dass die Propheten am Wohlergehen Bajors interessiert sind, dass sie sich irgendwie f\u00fcr die Bajoraner verantwortlich f\u00fchlen \u2013 aber das bedeutet nicht, dass sie sich um jeden einzelnen von ihnen st\u00e4ndig k\u00fcmmern. Sie sind keine f\u00fcrsorglichen Ersatzv\u00e4ter und man kann sie mit Sicherheit nicht durch Gebete, Ges\u00e4nge oder fromme Taten bestechen.<br \/>\nAuf Ah\u2019Tha, den Einen, der alles sieht und niemals eingreift, werde ich weiter hinten ausf\u00fchrlicher eingehen. Er ist ebenfalls real und erf\u00fcllt noch schlechter als die Propheten der Bajoraner die W\u00fcnsche humanoider Lebewesen. Dennoch ist er in meinen Augen das verehrungsw\u00fcrdigste und g\u00f6ttlichste Wesen, das ich kenne.<br \/>\nAm heftigsten werden von den humanoiden Spezies G\u00f6tter angebetet, die eigentlich gar nicht existieren. G\u00f6tter, die vage Erinnerungen an Begegnungen mit Q oder Goa\u2019uld sind \u2013 oder reine Erfindungen von selbsternannten Heiligen und Priestern.<br \/>\nMerkw\u00fcrdigerweise erf\u00fcllen die reinen Projektionen des Geistes ihre Aufgaben als G\u00f6tter am besten von allen.<\/p>\n<ul>\n<li>Da sie keinen eigenen Willen haben passen sie sich makellos dem Zeitgeist an<\/li>\n<li>Sie stellen genau jene Forderungen, die den Gl\u00e4ubigen n\u00fctzen<\/li>\n<li>Bei Staatsreligionen n\u00fctzen sie vor allem den Herschenden<\/li>\n<li>Sie verhei\u00dfen den Ungl\u00fccklichen und Beladenen Entsch\u00e4digung f\u00fcr ihre Leiden<\/li>\n<li>Sie d\u00e4mmen durch eine rigorose Moral die Kriminalit\u00e4t ein<\/li>\n<li>Bei Staatsreligionen f\u00f6rdern sie Demut und Untertanengeist<\/li>\n<li>Sie drohen mit abschreckenden Strafen, wenn jemand nicht richtig gehorcht<\/li>\n<\/ul>\n<p>Viele dieser von irgendwelchen Religionssch\u00f6pfern erdachten Lehren sind mit einem un\u00fcbersichtlichen Wust von Tabus, Gesetzen, Auslegungen \u2026 und Varianten davon \u2026 \u00fcberfrachtet. Jeder einigerma\u00dfen ehrgeizige Geistliche steuert seinen Anteil bei, jede Hochschule bietet Studieng\u00e4nge \u00fcber Religion an und jede Doktorarbeit enth\u00e4lt weitere Spekulationen \u00fcber ein Wesen, das beharrlich schweigt, weil es gar nicht existiert.<br \/>\nEs gibt sogar Religionen, die so verb\u00fcrokratisiert sind, dass jeder Lebende seinen eigenen W\u00e4chter und Buchhalter hat, der all seine Gedanken und Taten aufzeichnet, die Akten sp\u00e4ter einem hohen Richter \u00fcbergibt, der dar\u00fcber entscheidet, ob er nach dem Tod eine Art ewiges Freudenfest feiern darf oder ob er der totalen Entropie \u00fcberantwortet wird.<br \/>\nViele Spezies verteufeln die Sexualit\u00e4t, weil sie so schwer zu kontrollieren ist \u2013 oder sie sehen wenigstens die Wahnvorstellungen, die bei sehr potenten Individuen durch sexuelle Enthaltsamkeit hervorgerufen werden, als Prophezeiungen oder g\u00f6ttliche Weisheiten an.<br \/>\nReale und nicht reale G\u00f6tter k\u00f6nnen gleicherma\u00dfen grausam und unertr\u00e4glich sein. Die Klingonen haben ihre G\u00f6tter vollst\u00e4ndig ausgerottet, so behauptet es zumindest eine alte \u00dcberlieferung. Wenn diese Legende keine der \u00fcblichen, blutweingetr\u00e4nkten Phantasien ist, waren es wahrscheinlich Goa\u2019uld. Die Klingonen sind zu wild und zu freiheitsliebend, um sich auf Dauer von machthungrigen Parasiten unterjochen zu lassen.<br \/>\nDie Romulaner haben die spirituellen Gaben ihrer Vorfahren verloren. Sie glauben nur an ihr eigenes Imperium.<br \/>\nDie Cardassianer haben vor zweihundert Jahren vergessen, dass Gott \u00fcberall ist.<br \/>\nF\u00fcr die meisten Menschen ist Gott nur noch schm\u00fcckendes Beiwerk f\u00fcr bestimmte Feiertage. Sie gehen Weihnachten und Ostern in die Kirche, lassen ihre Ehen und ihre Kinder von einem Priester segnen. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass sie die Regelwerke ihrer Hauptreligionen im t\u00e4glichen Leben allzu wichtig nehmen.<br \/>\nUnd die Vulkanier? Bei uns ist wieder einmal alles ganz anders \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Der allererste Kontakt<\/strong><\/p>\n<p>Es ist allgemein bekannt, dass wir Vulkanier \u00fcber ein ungew\u00f6hnlich gutes Ged\u00e4chtnis verf\u00fcgen, aber nur wenige gute Freunde unserer Spezies wissen, dass wir uns auch ungew\u00f6hnlich weit zur\u00fcck erinnern k\u00f6nnen. Viele von uns entsinnen sich ihrer ersten Lebenswochen \u2013 und manche sogar der Zeit im Mutterleib. Nat\u00fcrlich sind diese fr\u00fchen Erinnerungen nicht perfekt. Da Embryos und S\u00e4uglinge praktisch \u00fcber keine Erfahrungen verf\u00fcgen, werden nur unmittelbare Eindr\u00fccke gespeichert: Die W\u00e4rme der Mutter, ein Wiegenlied, der Geschmack der Milch, Ber\u00fchrungen mit H\u00e4nden und Geist.<br \/>\nIch war noch in der warmen, gr\u00fcnen H\u00f6hle sicher geborgen, als ich zum ersten Mal das deutliche Gef\u00fchl hatte, dass irgendwo da drau\u00dfen etwas sehr gro\u00dfes war \u2013 jemand, dessen mentale Schwingungen wie ein unverst\u00e4ndlicher Gesang waren, wie eine nachl\u00e4ssige Ber\u00fchrung, wie ein in der Ferne loderndes Feuer.<br \/>\nMit der Zeit wurden diese Eindr\u00fccke immer deutlicher. Manchmal glaubte ich, Melodien zu erkennen, Satzfetzen, Gedanken und Gef\u00fchle. Es erf\u00fcllt mich mit tiefer Ehrfurcht, diese m\u00e4chtige Pr\u00e4senz zu empfinden. Mitten in irgendeiner allt\u00e4glichen Verrichtung sp\u00fcre ich, dass ein nachdenklicher, zerstreuter Blick auf mir ruht. Der Eine nimmt mich als Teil des Ganzen war, als winzigen Partikel des Kosmos.<br \/>\nIch habe oft versucht, meine Gedanken so zu fokussieren, dass sie ihn erreichen. Jeder Vulkanier versucht das irgendwann \u2013 und manche Kohlinar-Meister sind von einem direkten Dialog mit Ah\u2019Tha regelrecht besessen. Aber mit dem Einen kann man nicht einfach plaudern. Unsere unwichtigen Gesch\u00e4fte interessieren ihn nicht und unser kleines Denken verblasst im Hintergrundrauschen des Alls.<br \/>\nNein, Ah\u2019Tha kann man nicht um Hilfe anflehen, ein einzelner Vulkanier ist nur ein winziger Teil eines unwichtigen Ornaments im Hintergrund eines gigantischen Bildes. Wir haben einen Gott, der zwar alles sieht, aber kaum etwas davon wichtig nimmt, einen Weltgeist, der sich Dingen widmet, die wir nie ganz verstehen werden. Er ist keine Hilfe, kein Born der Weisheit und keine moralische Instanz. Er ist einfach da.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zweimal hat er mich dennoch bemerkt<\/strong><\/p>\n<p>Bei meinem Volk ist es \u00fcblich, dass Liebende nach dem Ritual der Ann\u00e4herung hinaus in die W\u00fcste gehen, wo der Sandozean tief ist. Sie rufen in der Einsamkeit die A\u2019Kweth, unsere \u00e4lteren Br\u00fcder im Geist und vollziehen in ihrer Gegenwart das Bindungsritual.<br \/>\nDie A\u2019Kweth sind uns wohlgesonnen und sehr neugierig. Sie haben uns nie gesagt, wie sie sich vermehren, fest steht jedoch, dass sie von der humanoiden Sexualit\u00e4t fasziniert sind. Sie verabs\u00e4umen es nie, zu erscheinen und sich mit ihren mentalen Kr\u00e4ften an der Entr\u00fcckung zu beteiligen. Sie nehmen die Empfindungen der Liebenden auf, verst\u00e4rken sie und verk\u00fcnden jedem Lebewesen in weitem Umkreis, was geschieht. Jeder Vulkanier, jeder Au\u00dfenweltler und jedes Tier erlebt den Augenblick der Vereinigung mit.<br \/>\nLeider k\u00f6nnen unsere neugierigen Freunde Lust und Schmerz nicht auseinanderhalten und da sie so gro\u00df und m\u00e4chtig sind, ger\u00e4t alles irgendwann au\u00dfer Kontrolle. Mein Volk glaubt, dass die gemeinsam erlittene Qual die Bindung festigt, deshalb haben wir den A\u2019Kweth nie gesagt, wie unangenehm ihre Aktivit\u00e4ten sein k\u00f6nnen.<br \/>\nIch habe zweimal die Bindung im Angesicht der A\u2019Kweth vollzogen \u2013 mit meiner verstorbenen Gemahlin T\u2019Mira und mit T\u2019Pala, meiner jetzigen Frau. Beide Male sp\u00fcrte ich, kurz bevor ich vor Schmerz ohnm\u00e4chtig wurde, wie der Eine seine Aufmerksamkeit auf mich fokussierte. Der winzige Teil eines unwichtigen Ornaments hatte vor seinen Augen zu gl\u00fchen begonnen und das interessierte ihn.<br \/>\nEs gibt einige wenige Vulkanier, die viel kr\u00e4ftiger sind als ich und besser mit den Schmerzen fertig werden. Sie berichten alle das selbe: Ah\u2019Tha, der Eine, der sonst niemals eingreift, bem\u00e4chtigt sich der Liebenden und nimmt an ihrer Entr\u00fcckung teil. Frauen erleben ihn als leidenschaftlichen Mann und m\u00e4nnliche Vulkanier begegnen einer verf\u00fchrerischen, hingebungsvollen Frau. Unser Gott ist m\u00e4nnlich und weiblich zugleich \u2026 und das einzige, was ihn noch an organischen Wesen interessiert, sind ihre Entr\u00fcckungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ibor und Michelle vom Hause Boras<\/strong><\/p>\n<p>Die beiden sind eins jener anr\u00fchrenden Paare, die f\u00fcr die Erf\u00fcllung ihrer Liebe alles auf sich nahmen. Sie \u00fcberwanden die Grenzen ihrer Kulturen, ihre eigene Scham, ihre Bedenken, die Einw\u00e4nde der \u00e4ltesten Mutter unseres Hauses, die Intrigen eines Wahrtr\u00e4umers, k\u00f6rperliche Schw\u00e4che und nackte Verzweiflung um eins zu werden.<br \/>\nMadras, einer der zehn gr\u00f6\u00dften Kohlinar-Meister Vulkans bereitete sie darauf vor, die Bindungszeremonie im Angesicht der A\u2019Kweth l\u00e4nger als andere in wachem Zustand zu erleben. Er half ihnen, K\u00f6rper und Geist zu st\u00e4rken, schulte ihre Disziplin, ihre Schmerzkontrolle und die F\u00e4higkeit, den Geist mit einem Schutzschild zu umgeben.<br \/>\nIbor und Michelle gelang es mit dem Einen zu sprechen. Sie erhielten von ihm die Naturgesetze eines anderen, vergangenen Universums. Der Astrophysiker Ibor und die Philosophin Michelle Maras profitierten auf unterschiedliche Weise von dieser unglaublichen Begegnung. Michelle gelang es, der Lehre Suraks neue, wichtige Facetten hinzuzuf\u00fcgen, was ihr einen Lehrstuhl an der Akademie der Wissenschaften Vulkans einbrachte und Ibor entwickelte eine allgemeine Weltformel, die nicht nur f\u00fcr unser Universum gilt, sondern alle \u00fcberhaupt m\u00f6glichen Universen einschlie\u00dft.<br \/>\nDer Eine beachtete ausnahmsweise zwei niedere Gesch\u00f6pfe in einem Augenblick unermesslicher Qual und schenkte ihnen gro\u00dfz\u00fcgig sein Wissen. Seitdem ist uns seine geheimnisvolle Natur etwas verst\u00e4ndlicher. Ah\u2019Tha hat den Kollaps des vorigen Universums und den Urknall, bei dem unser eigenes Universum entstand, irgendwie \u00fcberlebt. Er ist der Geist der Vergangenheit und der Gegenwart. \u00dcber die Zukunft wissen wir nichts.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Mollys wilder Zorn<\/strong><\/p>\n<p>Molly Orvin war eine tief gl\u00e4ubige Menschenfrau. Sie verehrte einen jener eifers\u00fcchtigen, moralinsauren G\u00f6tter, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt \u2013 eine Ausgeburt des kranken Gehirns eines machthungrigen Sektenpriesters. Normalerweise w\u00e4re Mollys Glaube ihre Privatangelegenheit gewesen, aber sie kam in ihrem \u00dcbereifer den Ah\u2019Maral zu nahe, den verborgenen Kriegern unseres Volkes. Deshalb war es n\u00f6tig, sie zu stoppen und ihr zu helfen, ihren unlogischen Gott zu versto\u00dfen. Es war ihr eigener Wille, dem Einen zu begegnen.<br \/>\nDer gro\u00dfe Kohlinar-Meister Madras wollte ihr urspr\u00fcnlich mit seiner mentalen Kraft nur helfen, das zu erleben, was jeder Vulkanier sp\u00fcren kann: die Pr\u00e4senz von Ah\u2019Tha. Er ging mit ihr hinaus zu den A\u2019Kweth und bat sie um Hilfe und Schutz, w\u00e4hrend er seinen Geist weit \u00f6ffnen und Molly eine Offenbarung schenken wollte. Als seine Sch\u00fclerin erkannte, wie unwichtig wir alle f\u00fcr den Einen sind und dass sie wegen eines Schwindels ihr Leben verdorben hatte, wucherten Wut und Entt\u00e4uschung in ihr \u2013 Gef\u00fchle, die die A\u2019Kweth noch nicht kannten und die sie neugierig vervielfachten.<br \/>\nDer Eine wurde aufmerksam auf etwas, was er vor sehr langer Zeit vergessen hatte. Molly wurde die Ehre zuteil, dass pl\u00f6tzlich die Stimme eines einzelnen Mannes zu ihr sprach \u2013 und nun verstand sie alles. Am Abend danach schenkte ihr Ah\u2019Tha eine Vision.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Urspr\u00fcnglich waren es viele<\/strong><\/p>\n<p>Das vorige Universum war ziemlich massereich. Nachdem es sich Milliarden Jahre ausgedehnt hatte und einige Jahre zitternd am Umkehrpunkt verharrt war, begann es wieder zu schrumpfen. F\u00fcr lange Zeit bedeutete das sogar, dass die Bedingungen f\u00fcr intelligentes Leben wieder besser wurden, aber dann \u2026<br \/>\nDie Sterne r\u00fcckten so eng zusammen, dass es keine Nacht und keine K\u00e4lte mehr gab. Die Strahlung erreichte ein Niveau das nur noch mit einem alles vernichtenden Atomschlag vergleichbar war. Die letzten Zivilisationen verkrochen sich tief unter der Oberfl\u00e4che ihrer Planeten und stemmten sich mit der Macht ihrer Technik gegen den Untergang. Als alle Vorr\u00e4te an Wasser und Nahrung verbraucht waren, gab es nur noch Hunger, Durst, Agonie und Tod.<br \/>\nDie Aorai waren die letzte \u00fcberlebende Spezies des vorigen Universums. Als es ihnen klar wurde, dass Rettung unm\u00f6glich war, beschlossen sie, gemeinsam zur\u00fcck zur Oberfl\u00e4che zu gehen und den Tod zu sterben, den die Natur f\u00fcr sie bereit hielt. Sie hielten sich verzweifelt aneinander fest, w\u00e4hrend die Strahlung ihre K\u00f6rper fra\u00df. Sie wollten auf keinen Fall voneinander lassen, ihre Freunde, Liebsten und Kinder vergessen. Als sie starben, dr\u00e4ngten sich ihre Katras immer enger aneinander und verschmolzen zu einem reinen Geist.<br \/>\nDieses eine Katra, das eigentlich aus vielen bestand, erwies sich gegen alle Vernunft als unzerst\u00f6rbar. Es wurde Teil jener winzigen Knospe, aus der beim n\u00e4chsten Urknall ein neues Universum entstehen w\u00fcrde. Es \u00fcberstand sogar die reine Entropie des Beginns \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Captain Coraz\u00f3n Inserra<\/strong><\/p>\n<p>Seitdem Captain Inserra von der U.S.S. Casablanca ihr eigenes Leben opferte, um eine Bruderschaft der Ah\u2019Maral vor dem Strahlentod zu retten, sind \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre vergangen. Etwas hat sich seitdem ver\u00e4ndert: Der Eine wendet sich schneller als sonst den Liebenden beim Bindungsritual im Angesicht der A\u2019Kweth zu \u2013 viel \u00f6fter als fr\u00fcher k\u00f6nnen sie Ah\u2019Tha begegnen, dem Einen, der alles sieht und niemals eingreift.<br \/>\nImmer h\u00e4ufiger begegnet den M\u00e4nnern der Turuska im Augenblick h\u00f6chster Ekstase und Qual eine sch\u00f6ne, rothaarige Menschenfrau mit gr\u00fcnen, funkelnden Augen. Sie m\u00f6chte ihren Anteil an der Entr\u00fcckung haben und wieder ein wenig leben \u2013 und sie ist auch viel gespr\u00e4chiger als die Aorai. Es ist Coraz\u00f3n Inserra, die nicht vergessen kann und sich nach ihrem vulkanischen Ehemann Linar vom Hause Boras sehnt.<br \/>\nWir verstehen jetzt endlich, womit sich dieses geheimnisvolle Wesen besch\u00e4ftigt: mit der Verringerung der Entropie im Universum. Wir haben noch nicht verstanden, ob Ah\u2019Tha eine Ordnung zu errichten versucht, die f\u00fcr alle Ewigkeit intelligentes Leben gestattet, oder ob er lediglich den Tod in der K\u00e4lte f\u00fcr barmherziger h\u00e4lt als das qualvolle Ende der Aorai. Vielleicht ist er sich selbst noch nicht sicher, was richtig ist.<br \/>\nJedenfalls wissen wir jetzt, dass lebende Wesen dem Einen keinesfalls gleichg\u00fcltig sind. Er ist ein g\u00fctiger Gott \u2013 aber kein Richter oder Henker, Anf\u00fchrer oder Moralist, sondern einfach jemand, der sich um das Leben an sich sorgt, ein Wesen, dem die Schnecke am Hang ebenso wichtig ist wie ein spielendes Kind irgendeiner Spezies.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vulkans g\u00fctiger Gott<\/strong><\/p>\n<p>Ich halte Ah\u2019Tha, den Einen, der alles sieht und sich um Kleinigkeiten nicht k\u00fcmmert, f\u00fcr den einzigen, allumfassenden Gott, der diesen Namen wirklich verdient. Er sorgt sich gro\u00dfm\u00fctig um den Lauf der Welt. Ihm verdanken wom\u00f6glich alle Spezies ihr Leben, denn wer wei\u00df, was passiert w\u00e4re, wenn er unser Universum nicht von Anfang an beh\u00fctet und gestaltet h\u00e4tte? Vielleicht ist intelligentes Leben eher die Ausnahme und die meisten Universen bringen nur Feuer und Stein hervor?<br \/>\nAh\u2019Tha ist keine moralische Instanz. Wir sind frei, selbst zu entscheiden, welche Art Ethik wir entwickeln wollen. Wir werden nicht gelobt oder getadelt, nicht belohnt oder bestraft. Wir k\u00f6nnen erwachsen werden \u2013 als Einzelwesen oder als Spezies.<br \/>\nAh\u2019Tha ist unsterblich, aber er ist dennoch nicht \u00fcbernat\u00fcrlich. Er kam aus der reinen Entropie und wurde ein Teil unserer Welt. Er ist das wahre Katra des Kosmos.<br \/>\nWahrscheinlich hat er auch einige Erleuchtete anderer Welten ber\u00fchrt: Christus und Budda von der Erde, Laora von Betazed. Kimbal von Andor \u2026 und ganz gewiss die Propheten der Bojoraner. Sie und Captain Inserra sind seine j\u00fcngeren Br\u00fcder im Geist.<br \/>\nDer Gedanke an Ah\u2019Tha macht mich gl\u00fccklich, er schenkt der Welt ein strahlend helles, makellos reines Nehau. Ich bedauere alle, die seine Anwesenheit nicht sp\u00fcren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(Auszug aus: Anneliese Wipperling, \u201cFl\u00fcgel aus Glas\u201d, eine Anthologie moderner vulkanischer Autoren)<\/p>\n<p>\u00a9 Copyright by Anneliese Wipperling, 2003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer an einen Gott glaubt, ist zumeist nicht bereit, ihn n\u00e4her zu definieren &#8211; und wer nur das akzeptiert, was man sehen, anfassen und messen kann, interessiert sich nicht sonderlich daf\u00fcr, wie man G\u00f6ttlichkeit definieren kann \u2026 Autor: Andal aus dem Hause Boras (\u00dcbersetzung von Anneliese Wipperling)<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ca_portfolio_gallery_project_year":"","ca_portfolio_gallery_client":"","ca_portfolio_gallery_skills":"","ca_portfolio_gallery_url":"","ngg_post_thumbnail":0},"categories":[77],"tags":[40,97,125,191],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106"}],"collection":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=106"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1498,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106\/revisions\/1498"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=106"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=106"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/sandozean.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=106"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}