{"id":100,"date":"2004-05-29T14:53:12","date_gmt":"2004-05-29T13:53:12","guid":{"rendered":"http:\/\/sandozean.de\/blog\/sandozean\/?p=100"},"modified":"2014-03-24T16:41:59","modified_gmt":"2014-03-24T16:41:59","slug":"150-jahre-foderation-der-vereinten-planeten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/sandozean.de\/?p=100","title":{"rendered":"150 Jahre F\u00f6deration der Vereinten Planeten"},"content":{"rendered":"<p><em>Nat\u00fcrlich halten wir alle die Gr\u00fcndung der F\u00f6deration f\u00fcr die wohlverdiente Frucht unserer eifrigen Bem\u00fchungen um Frieden und Gerechtigkeit. Nun sind wir an geheime Informationen gelangt, die alles in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Ironischerweise hat es sich wieder einmal gezeigt, dass b\u00f6se Taten manchmal gute Folgen haben \u2026 <\/em><\/p>\n<p><strong>Leitartikel der Federations Weekly vom 8. Mai 2301<\/strong><\/p>\n<p>Autor: Ruda aus dem Hause Boras<br \/>\n(\u00dcbersetzung von Anneliese Wipperling)<\/p>\n<p>Die Macht der Entropie<\/p>\n<p>Menschen, Vulkanier und viele andere Spezies der F\u00f6deration sind stolz auf die F\u00e4higkeit, ihre Umwelt zu beherrschen und zu gestalten. Bei Vulkaniern geht es sogar so weit, dass sie glauben, ihre eigene Pers\u00f6nlichkeit nach einem h\u00f6chst abstrakten Vorbild formen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nNat\u00fcrlich halten wir alle die Gr\u00fcndung der F\u00f6deration f\u00fcr die wohlverdiente Frucht unserer eifrigen Bem\u00fchungen um Frieden und Gerechtigkeit. Auch ich war bis vor kurzem dieser \u00dcberzeugung.<br \/>\nNun sind wir an geheime Informationen gelangt, die alles in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Ironischerweise hat es sich wieder einmal gezeigt, dass b\u00f6se Taten manchmal gute Folgen haben \u2013 und umgekehrt gute Absichten schlimme. Entscheidende Ver\u00e4nderungen in der Geschichte werden oft mehr oder weniger unfreiwillig vorangetrieben. Wohlt\u00e4ter wider Willen r\u00e4umen die Stolpersteine beiseite. Private Rachefeldz\u00fcge schw\u00e4chen die Gegner einer gerechten Ordnung. Und unfreiwillige Helden stemmen sich mit letzter Kraft gegen die Feinde des Friedens \u2026<\/p>\n<p>Man hat mich, einen Vulkanier, gebeten, den hundertf\u00fcnfzigsten Jahrestag der Gr\u00fcndung der F\u00f6deration zu w\u00fcrdigen. Ich habe lange \u00fcberlegt, welche Worte angemessen w\u00e4ren \u2013 welche Gedanken meine Leser sch\u00e4tzen w\u00fcrden. Aber dann wurde mir klar, dass es wohl eher meine Aufgabe ist, Informationen und Deutungen zu liefern, die man nicht auf jeder Plattform des f\u00f6deralen Datennetzes finden kann.<br \/>\nIch habe mich entschieden, Ihnen eine wenig bekannte Geschichte zu erz\u00e4hlen. Sie ist \u00e4u\u00dferst emotional, verwirrend und ziemlichunlogisch. Nicht gerade das, was man von Vulkan erwarten w\u00fcrde \u2026 aber vorher sind noch einige allgemeine Bemerkungen n\u00f6tig.<\/p>\n<p>Menschen und Vulkanier<\/p>\n<p>Es war ein winziges privates Forschungsschiff, das in der N\u00e4he des unterentwickelten, von einem verheerenden Krieg gebeutelten Planeten Erde eine Warpsignatur entdeckte. Bisher hatten die Vulkanier die Erde nicht weiter beachtet. Sie wussten, dass ihre humanoiden Bewohner noch ziemlich r\u00fcckst\u00e4ndig, unlogisch und gewaltt\u00e4tig waren. Jetzt waren wom\u00f6glich alle bewohnten Planeten in weitem Umkreis in Gefahr. Die Vulkanier beschlossen, der Sache sofort auf den Grund zu gehen. Sie landeten in der N\u00e4he der Basis, von der aus das Warpschiff gestartet war.<br \/>\nDie Menschen empfingen die Au\u00dferirdischen erstaunlich herzlich. Es sah fast so aus, als wenn sie ihre Ankunft erwartet h\u00e4tten \u2026 als wenn ihnen jemand erkl\u00e4rt h\u00e4tte, dass die Fremden aus dem All Freunde w\u00e4ren, denen man bedingungslos vertrauen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Vulkanier war der pers\u00f6nliche Kontakt mit den Bewohnern der Erde ziemlich irritierend. Der Konstrukteur des Warpschiffs war ein Mann mittleren Alters, der sich aus ihrer Sicht wie ein Verr\u00fcckter auff\u00fchrte. Er hopste zu extrem laut h\u00e4mmernder Musik im Kreis herum, trank hochprozentigen Alkohol und verletzte die Privatsph\u00e4re der Vulkanier, indem er dauernd versuchte, sie zu umarmen.<br \/>\nBeide Seiten trennten sich mit gemischten Gef\u00fchlen. Die Menschen fanden die Aliens nicht besonders am\u00fcsant und die Vulkanier gr\u00fcbelten dar\u00fcber nach, wie eine so undisziplinierte und vergn\u00fcgungss\u00fcchtige Spezies es fertig bringen konnte, ganz ohne Hilfe von au\u00dfen so eine gewaltige Entdeckung zu machen. Respekt mischte sich auf beiden Seiten mit Unverst\u00e4ndnis und Verachtung. Jedenfalls war die Besatzung des Forschungsschiffs ganz froh, dass sie das Problem schon bald bei der planetaren Regierung Vulkans abladen und sich wieder ungest\u00f6rt ihren eigenen Interessen zuwenden konnte.<\/p>\n<p>Ein ung\u00fcnstiger Moment<\/p>\n<p>Vulkan ist auf den ersten Blick eine einheitliche, demokratische und wohlgeordnete Welt. Es ist nicht \u00fcblich, Konflikte zuzugeben oder gar offen auszutragen. Meine Spezies war dem vollst\u00e4ndigen Untergang so nahe, dass sie nie wieder einen Blick in diesen Abgrund werfen m\u00f6chte. Wir sind fasziniert vom Gedanken der Makellosigkeit. Das Volk findet nichts dabei, dass die meisten Beitr\u00e4ge im Datennetz zensiert sind und dass es f\u00fcr sensible Diskussionsplattformen Passw\u00f6rter gibt, die verhindern, dass Au\u00dfenstehende \u2013 oder gar Au\u00dfenweltler \u2013 auf unsere Probleme sto\u00dfen. Die perfekte Fassade ist uns \u00fcberaus wichtig \u2026<\/p>\n<p>Zum Zeitpunkt des Erstkontakts mit den Menschen herrschte auf Vulkan eine streng reglementierte Mangelwirtschaft. Der tausendj\u00e4hrige Frieden hatte die Vulkanier dazu verf\u00fchrt, mehr Kinder in die Welt zu setzen, als der karge Planet ern\u00e4hren konnte. Die Ethik Suraks verbot, sich den Reichtum anderer Welten einfach anzueignen, also versuchte man es mit friedlichem Handel, der allerdings nicht soviel einbrachte, dass die gro\u00dfe Masse zu nennenswertem Wohlstand gelangen konnte. Erst viel sp\u00e4ter beendeten die Erfindung des Replikators und die effektivere Nutzung der reichlich vorhandenen Sonnenenergie diese Schwierigkeiten.<br \/>\nDas Volk murrte und begann, sich entt\u00e4uscht wieder Ideen aus der Zeit vor Surak zuzuwenden. Es konnte doch nicht sein, dass die h\u00f6chstentwickelte Spezies im Quadranten derma\u00dfen kl\u00e4glich vor sich hin vegetierte! G\u00e4ste von anderen Welten erz\u00e4hlten von weiten, gr\u00fcnen Feldern, blauen Meeren voller Algen und Fische, Wetterkontrolle und allgemeinem Wohlstand. Hinzu kam, dass Agenten des Orion-Syndikats damals heimlich Drogen und unanst\u00e4ndige Datenpads einzuschleusen begannen \u2013 nat\u00fcrlich zu astronomischen Preisen, was gesch\u00e4ftst\u00fcchtige Leute veranlasste, gro\u00dfe Mengen billiger Kopien und F\u00e4lschungen herzustellen.<\/p>\n<p>Unter der glatten Oberfl\u00e4che fing es immer heftiger zu brodeln an. Teile der weniger gebildeten Schichten begannen, von einer Art weltlichem Erl\u00f6ser zu tr\u00e4umen. Nachkommen der alten Adelsh\u00e4user witterten die Chance, einen Teil ihrer fr\u00fcheren Macht zur\u00fcckzuerobern. So ein unterentwickelter Planet wie die Erde kam den verkappten Lematyas gerade recht. Wenn es gelang, die Handelsbedingungen geschickt zu Gunsten Vulkans zu manipulieren, w\u00fcrde das einfache Volk den ehemaligen Machthabern bestimmt wieder aus der Hand fressen \u2026<\/p>\n<p>Das Haus Sadam<\/p>\n<p>Das Haus Sadam ist kein gew\u00f6hnlicher Clan ehemaliger Adeliger. Es besa\u00df vor Surak ein riesiges Territorium, Pal\u00e4ste, eigene Forschungsinstitute, eine schwer bewaffnete Privatarmee, unz\u00e4hlige Vasallen, Anh\u00e4nger und Sklaven. Es stand au\u00dferhalb der damaligen d\u00fcrftigen Moral, jeder Moral im Universum \u2013 man tat, wozu man gerade Lust hatte, egal, wer dadurch verletzt oder get\u00f6tet wurde. Wahrscheinlich lag es mit den meisten anderen m\u00e4chtigen Familien im Streit.<\/p>\n<p>Als die Gegner Suraks Vulkan verlie\u00dfen, wollte man das Haus Sadam und einige andere besonders aggressive, machthungrige und grausame Clans nicht mitnehmen. Auch die Auswanderer tr\u00e4umten von einem angenehmeren Leben \u2013 allerdings dachten sie eher an ein wehrhaftes, einheitliches Imperium. Wild gewordene Lematyas waren daher auch auf Romulus nicht besonders gern gesehen. Deshalb blieben viele der schlimmsten Ausbeuter und Soziopathen auf Vulkan. Sie tarnten sich listig als Anh\u00e4nger der neuen Ordnung, grinsten insgeheim \u00fcber die Einfalt der neuen Machthaber und warteten auf ihre Gelegenheit.<br \/>\nEs dauerte ein paar Jahrhunderte, bis es den Nachkommen der ehemaligen Elite gelungen war, sich vorsichtig wieder einen Teil ihrer ehemaligen Macht zur\u00fcck zu erobern. Zum Zeitpunkt des Erstkontakts mit der Erde waren viele Regierungs\u00e4mter, der diplomatische Dienst und die \u00f6ffentliche Meinung fest in der Hand des alten Adels. Au\u00dfenweltler verstehen wahrscheinlich nicht, wie das passieren konnte, meinen, dass nur den besten und begabtesten Vulkaniern die F\u00fchrungspositionen zustehen m\u00fcssten \u2026<\/p>\n<p>Dazu muss man erst einmal definieren, wer der Beste ist. Vor Surak gab es auf Vulkan einen makabren Wirtschaftszweig, der sich mit Erwerb, Weiterentwicklung und Verkauf genetischer Ressourcen besch\u00e4ftigte. Wer damals reich war, konnte das Potenzial seines Clans innerhalb weniger Generationen erheblich aufstocken \u2013 und das Haus Sadam verleibte sich alles ein, was begehrt und teuer war: \u00fcberdurchschnittliche Intelligenz, perfektes Ged\u00e4chtnis, unglaubliche mentale Kraft, n\u00fctzliche Vorahnungen, die Macht \u00fcber Schmerz und Tod. Sie fingen sogar ganz gezielt einen Wahrtr\u00e4umer des Hauses Tureg und beuteten ihn bis zu seinem Tod in einem ihrer privaten Labors aus.<br \/>\nDiverse Vasallen des Hauses Sadam fanden damals eine M\u00f6glichkeit, einzelne Eigenschaften zu separieren. Damit gab es endlich einen Weg, nicht nur n\u00fctzliche Soldaten und Diener zu z\u00fcchten, sondern auch dem Clan selbst interessantes Erbgut heimlich einzuverleiben, ohne die Familien\u00e4hnlichkeit zu beeintr\u00e4chtigen. Ich sage es ungern, aber die Nachkommen des alten Adels sind tats\u00e4chlich ungew\u00f6hnlich intelligente, tatkr\u00e4ftige und mental \u00e4u\u00dferst begabte Leute.<br \/>\nWenn es um die rein fachliche Eignung ging, waren die Nachkommen der reichen Sklavenhalter und Kinderdiebe zweifellos den Normalvulkaniern haushoch \u00fcberlegen \u2013 und bei \u201cobjektiver\u201d Auswahl bekamen sie fast immer, was sie wollten. Nat\u00fcrlich wird der Wert einer Person auch \u00fcber seine Ethik bestimmt, aber um die zu pr\u00fcfen, h\u00e4tte man einen sehr guten Gedankentechniker gebraucht. Es gab und gibt keine Handhabe, unbescholtene Vulkanier derart unangenehmen und dem\u00fctigenden Untersuchungen auszusetzen \u2026 das w\u00fcrde wohl niemand akzeptieren.<br \/>\nJedenfalls tr\u00e4umte das Haus Sadam kurz vor Gr\u00fcndung der F\u00f6deration von einer Restauration seiner Macht. Es hatte seine Finger in allen wichtigen wirtschaftlichen, politischen und diplomatischen Aktivit\u00e4ten. Botschafter Soval war nur einer von vielen, die sich der heimlichen Ausbeutung anderer Spezies widmeten. Es gelang ihm jedoch nicht, die Menschen dauerhaft von der Erforschung des Weltraums abzuhalten \u2013 dazu waren sie einfach zu neugierig. Ironischerweise war es jedoch nicht sein Versagen, sondern der private Rachefeldzug einer Frau, was Vulkan zur\u00fcck auf den Pfad der Tugend f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Die junge T\u2019Lursa<\/p>\n<p>T\u2019Lursa aus dem Hause Sadam war jung, sch\u00f6n \u2026 und sehr verliebt in einen dunkelh\u00e4utigen Diener ihrer Familie. Nat\u00fcrlich empfanden die \u00c4ltesten des Clans diese Verbindung als v\u00f6llig irrelevant und bestanden darauf, dass die junge Frau stattdessen die von ihren Eltern arrangierte Heirat vollzog. Als sie sich weigerte, war das Schicksal des jungen Mannes besiegelt. T\u2019Lursas eigener Bruder forderte ihn aus fadenscheinigen Gr\u00fcnden zum Zweikampf auf und t\u00f6tete ihn. Nach den Gesetzen Vulkans gilt der Tod bei einem Duell nur als Unfall. Der M\u00f6rder kam ungestraft davon und T\u2019Lursa musste einige Jahre in einem Haus f\u00fcr unvollkommene Kinder verbringen.<br \/>\nNiemand wei\u00df, was ihr dort passiert ist. Aber sie gestand viele Jahrzehnte sp\u00e4ter einer jungen Verwandten, dass sie damals dem gesamten Haus Sadam \u2013 ihrem eigenen Clan \u2013 Ashv\u2019cezh, Rache schlimmer als der Tod, geschworen hatte. T\u2019Lursa war eine w\u00fcrdige Tochter ihres Hauses: hochintelligent, geduldig, eiskalt, extrem hinterh\u00e4ltig und v\u00f6llig skrupellos. Wie eine giftige Schlange im Sand belauerte sie ihre Angeh\u00f6rigen, hetzte Ehepaare aufeinander, vereitelte Karrieren, verleitete Diener dazu, S\u00e4uglinge fallen zu lassen oder ihnen verdorbene Milch zu verabreichen. Sie f\u00e4lschte und manipulierte Beweise, verriet Geheimnisse ihrer Familie an die Ermittlungsbeh\u00f6rden oder an die \u00d6ffentlichkeit, erfand Aufsehen erregende Verbrechen, die noch nicht einmal geplant waren \u2026<br \/>\nIhr eigener Vater und ihr Onkel Soval waren die ersten, die im Untersuchungsgef\u00e4ngnis landeten. Sie zogen den Abgrund ohne Wiederkehr einer Gerichtsverhandlung, die unweigerlich einige dunkle Machenschaften des Hauses Sadam ans Licht gebracht h\u00e4tte, vor.<br \/>\nAber auch T\u2019Lursas Bruder und viele andere angesehene Mitglieder des Clans entgingen ihrem Schicksal nicht.<\/p>\n<p>Binnen weniger Jahre sank das Haus Sadam zur Bedeutungslosigkeit herab. T\u2019Lursa machte indessen Karriere, bekleidete hohe Regierungs\u00e4mter und wurde sogar in den \u00c4ltestenrat gew\u00e4hlt. Sie h\u00e4tte jetzt Ruhe geben k\u00f6nnen, aber dazu war ihr Rachedurst viel zu monstr\u00f6s.<br \/>\nDas Haus Sadam sollte vollst\u00e4ndig untergehen. Mit weniger wollte sie sich nicht zufrieden geben. Sie begann, heimlich und in gro\u00dfem Stil, den begabteren Kindern nachzustellen. Immer \u00f6fter dezimierten scheu\u00dfliche Unf\u00e4lle, Vergiftungen, unbekannte Krankheiten und \u00dcberlebenspr\u00fcfungen, die t\u00f6dlich endeten, den Clan. Alles wurde so raffiniert verschleiert, dass niemand auf den Gedanken kam, T\u2019Lursa mit dem Niedergang des Hauses Sadam in Verbindung zu bringen.<br \/>\nAm Ende wurde sie sogar die letzte \u00e4lteste Mutter ihres Clans \u2013 und starb freiwillig einen grausamen Tod in der Gluthitze der s\u00fcdlichen W\u00fcste. Ihr Katra verwehte einsam im hei\u00dfen Wind. Damit gingen auch die Katras all ihrer Vorg\u00e4ngerinnen verloren. T\u2019Lursa hatte ihr Ziel erreicht: Das Haus Sadam hatte keine \u00e4lteste Mutter mehr und wurde nach den Gesetzen Vulkans aufgel\u00f6st.<br \/>\nSie fragen sich sicher, warum ich Ihnen die traurige Geschichte dieser finsteren Rached\u00e4monin erz\u00e4hlt habe? Sie hat damals alles ver\u00e4ndert \u2026 sehen Sie selbst!<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich war der Sumpf sichtbar<\/p>\n<p>Durch T\u2019Lursas Manipulationen kamen Geheimnisse ans Licht, die das Haus Sadam seit fast tausend Jahren sorgf\u00e4ltig bewahrt hatte. Alles, was bisher verdr\u00e4ngt wurde oder zu vagen Informationen verblasst war, kr\u00fcmmte sich pl\u00f6tzlich nackt im grellen Licht der \u00d6ffentlichkeit. Im Datennetz wurde die Vergangenheit des Clans und seiner Vasallen \u00f6ffentlich diskutiert. Man sprach \u00fcber Mord, Folter, Ausbeutung, Unmoral und Machthunger in der alten Zeit \u2013 und \u00fcber Verrat und Intrigen in der Gegenwart.<br \/>\nAuf einmal war die makellose Elite \u00fcberhaupt nicht mehr ehrenwert. Bei der n\u00e4chsten Wahl erhielten die Nachkommen des alten Adels ihre Quittung. Man w\u00e4hlte lieber weniger geniale Angeh\u00f6rige einfacher, aber unbescholtener Familien und die setzten in der Politik ganz andere Priorit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Suraks UMUK-Prinzip r\u00fcckte vor\u00fcbergehend in den Mittelpunkt des Interesses. Man begegnete Menschen und anderen Au\u00dfenweltlern mit Interesse und Respekt, setzte sich mit ihnen an einen Tisch und k\u00e4mpfte geduldig um Kompromisse, die f\u00fcr alle n\u00fctzlich waren.<br \/>\nEs ist im Nachhinein schwer zu sagen, welche Spezies zuerst auf den Gedanken kam, eine F\u00f6deration der Vereinten Planeten zu gr\u00fcnden. Fest steht jedoch, dass die edelsten und besten Denkans\u00e4tze aller Gr\u00fcndungsmitglieder ber\u00fccksichtigt wurden. Sicher ist auch, dass die Qualen und Niederlagen der beteiligten Welten gr\u00fcndlich studiert wurden: die blutigen Kriege Andors, die perversen Verbrechen des alten Vulkans, der m\u00f6rderische Faschismus auf der Erde, die panischen Fremdenfeindlichkeit Tellars und die selbst verschuldeten Umweltprobleme auf Alpha Centauri.<br \/>\nEs war wohl dieser Augenblick schonungsloser Ehrlichkeit, der die Gr\u00fcndung der F\u00f6deration \u00fcberhaupt m\u00f6glich machte \u2026 und der die Inspiration zu einem der besten und gerechtesten Grundgesetze im bekannten Universum lieferte.<\/p>\n<p>W\u00e4re es auch ohne Vulkan gegangen?<\/p>\n<p>Ich bin nicht gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig. M\u00f6glicherweise h\u00e4tten sich die anderen Welten auch ohne die Vulkanier zu einer funktionsf\u00e4higen Gemeinschaft zusammengeschlossen. Allerdings habe ich meine Zweifel, ob ein entfesseltes, imperialistisches Vulkan eine solche Entwicklung \u00fcberhaupt zugelassen h\u00e4tte. Wenn die machthungrige, grausame und gierige Bestie in uns wieder zu ihren alten Gewohnheiten zur\u00fcckgekehr w\u00e4re, h\u00e4tte es in weitem Umkreis keinerlei Chance auf ein w\u00fcrdiges Leben mehr gegeben. Weder f\u00fcr die Urbev\u00f6lkerungen anderer Planeten, noch f\u00fcr die einfachen Vulkanier oder gar mein eigenes Volk, die Turuska.<br \/>\nMit dem technischen Entwicklungsstand von heute und der Skrupellosigkeit der Vergangenheit w\u00e4ren die Rudel rei\u00dfender Lematyas \u00fcber die schw\u00e4cher entwickelten Welten hergefallen. Man h\u00e4tte die ungl\u00fccklichen Au\u00dfenweltler unbarmherzig \u00fcberfallen, versklavt, ausgeweidet und zum eigenen Vergn\u00fcgen get\u00f6tet. Mein Volk war lange genug Opfer solcher Bestialit\u00e4ten. Wir w\u00fcnschen niemandem in diesem Quadranten, dass er so entsetzlich leiden muss, wie die Turuska in der Zeit vor Surak.<br \/>\nT\u2019Lursa erwies sich als ausgesprochen n\u00fctzliches Ungeheuer, als sie ihren eigenen verbrecherischen Clan zerst\u00f6rte. Es war ihr sicher sehr zuwider, Gutes zu tun, aber ihr ist wahrscheinlich nie bewusst geworden, welche Folgen ihr Rachefeldzug auf die Gesellschaft Vulkans hatte.<br \/>\nVulkan ist zum Gl\u00fcck f\u00fcr alle Beteiligten friedlich und freundlich geblieben. Deshalb sollten wir in aller Demut die Wege des Schicksals bewundern.<br \/>\nDer Alphaquadrant hat keinen gef\u00e4hrlichen neuen Aggressor erhalten, der hinterh\u00e4ltiger als die Romulaner und grausamer und gewaltt\u00e4tiger als die Klingonen gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Feiern wir uns also selbst!<\/p>\n<p>Der Tag, an dem die interstellare Konferenz von Babel stattfand und sich die Bewohner von Andor, Alpha Centauri, Erde, Tellar und Vulkan entschlossen, ihre materiellen und intellektuellen Ressourcen zu vereinigen, geh\u00f6rt f\u00fcr mich zu den bewegendsten Momenten intelligenten Lebens in diesem Quadranten.<br \/>\nWenn man bedenkt, wie gro\u00df vor hundertf\u00fcnfzig Jahren die Unterschiede zwischen unseren Kulturen waren, welche Missverst\u00e4ndnisse es gab \u2013 sogar heftige Feindseligkeiten \u2013 dann kann man nur mit Demut, Verwunderung und Freude auf diese gewaltige Leistung reagieren.<br \/>\nJede Spezies musste schmerzhafte Kompromisse eingehen, eigene Interessen und Empfindlichkeiten rigoros beiseite schieben, sonst h\u00e4tte dieses zun\u00e4chst sehr fragile Gebilde nicht \u00fcberlebt. Und es h\u00e4tte vor allem niemals solch eine \u00fcberw\u00e4ltigende Anziehungskraft entwickelt.<br \/>\nInzwischen haben sich fast tausend weitere Welten vertrauensvoll angeschlossen, wohl wissend, dass man sie in der Not unterst\u00fctzen und ihre Eigenheiten respektieren wird. In hundertf\u00fcnfzig Jahren gab es keinen einzigen Versuch, die geballte Macht der F\u00f6deration f\u00fcr unethische Zwecke zu missbrauchen. Die Entropie im Alphaquadranten konnte erheblich verringert werden.<br \/>\nEhren wir das Cthia! Bedanken wir uns bei unseren Vorfahren, der unerbittlichen Entropie und T\u2019Lursa aus dem Hause Sadam f\u00fcr diese einmalige Chance zu einem w\u00fcrdigen und ungest\u00f6rten Dasein! Das Leben ist f\u00fcr alle bunter, sch\u00f6ner, gerechter und reicher geworden.<br \/>\nGenie\u00dfen wir gemeinsam diesen makellosen Augenblick des Friedens!<br \/>\nErheben wir unsere Gl\u00e4ser mit Wein, Mombasaft oder festlichen Getr\u00e4nken anderer Welten und begl\u00fcckw\u00fcnschen wir uns gegenseitig! Es ist vollbracht: Endlich gibt es eine gerechte Ordnung, die l\u00e4nger als ein paar Augenblicke \u00fcberlebt hat!<\/p>\n<p>In diesem Sinne w\u00fcnsche ich allen B\u00fcrgern der F\u00f6deration Frieden und ein langes Leben!<\/p>\n<p>(Auszug aus: Anneliese Wipperling, \u201cFl\u00fcgel aus Glas\u201d, eine Anthologie moderner vulkanischer Autoren)<\/p>\n<p>\u00a9 Copyright by Anneliese Wipperling, 2002<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich halten wir alle die Gr\u00fcndung der F\u00f6deration f\u00fcr die wohlverdiente Frucht unserer eifrigen Bem\u00fchungen um Frieden und Gerechtigkeit. Nun sind wir an geheime Informationen gelangt, die alles in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Ironischerweise hat es sich wieder einmal gezeigt, dass b\u00f6se Taten manchmal gute Folgen haben \u2026 Leitartikel der Federations Weekly vom 8. Mai 2301 Autor: Ruda aus dem Hause Boras (\u00dcbersetzung von Anneliese Wipperling) Die Macht der Entropie Menschen, Vulkanier und viele andere Spezies der F\u00f6deration sind stolz auf die F\u00e4higkeit, ihre Umwelt zu beherrschen und zu gestalten. Bei Vulkaniern geht es sogar so weit, dass sie glauben, ihre eigene Pers\u00f6nlichkeit nach einem h\u00f6chst abstrakten Vorbild formen zu k\u00f6nnen. Nat\u00fcrlich halten wir alle die Gr\u00fcndung der F\u00f6deration f\u00fcr die wohlverdiente Frucht unserer eifrigen Bem\u00fchungen um Frieden und Gerechtigkeit. Auch ich war bis vor kurzem dieser \u00dcberzeugung. Nun sind wir an geheime Informationen gelangt, die alles in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen. Ironischerweise hat es sich wieder einmal gezeigt, dass b\u00f6se Taten manchmal gute Folgen haben \u2013 und umgekehrt gute Absichten schlimme. Entscheidende Ver\u00e4nderungen in der Geschichte werden oft mehr oder weniger unfreiwillig vorangetrieben. Wohlt\u00e4ter wider Willen r\u00e4umen die Stolpersteine beiseite. Private Rachefeldz\u00fcge schw\u00e4chen die Gegner einer gerechten Ordnung. Und unfreiwillige Helden stemmen sich mit letzter Kraft gegen die Feinde des Friedens \u2026 Man hat mich, einen Vulkanier, gebeten, den hundertf\u00fcnfzigsten Jahrestag der Gr\u00fcndung der F\u00f6deration zu w\u00fcrdigen. Ich habe lange \u00fcberlegt, welche Worte angemessen w\u00e4ren \u2013 welche Gedanken meine Leser sch\u00e4tzen w\u00fcrden. 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